„Kadimah“ Wien als waffenstudentische Verbindung und „Mutterschiff des politischen Zionismus“
Der zu Beginn der 1880er Jahre in Wien gegründete akademische Verein „Kadimah“ stand zu Beginn der 1890er Jahre an einer Weggabelung über die weitere organisatorische Zukunft, der mit grosser Härte geführt wurde. Die Gründergeneration favorisierte den status quo als locker gefügter Studentenverein, jüngere Mitglieder, zumeist aus assimilierten Familien, wollten die Vereinigung im Erscheinungsbild an nationale, farbentragende Verbindungen angleichen. Dieser Schritt sollte dazu führen, wahlweise eine „akademische Vollbürgerschaft“ im Geiste des späten 19. Jahrhunderts zu erwerben, oder – im Verständnis des Mimikry-Begriffs der aktuellen postkolonialen Theorie – eine neue studentische Identität zu generieren.

Wappen der mit Unterstützung von Kadimahnern gegründeten, schlagenden Verbindung „Hasmonäa“ in Czernowitz.
Da sich 1891 an der jüngsten Universität Cisleithaniens, in Czernowitz (heute Tscherniwzi, Ukraine) mit der von Kadimahnern patronierten „Hasmonäa“ eine erste jüdisch-nationale, waffenstudentische Verbindung etabliert hatte und auch in der Hauptstadt mit „Unitas“ erste derartige Gründungen erfolgten, vollzog „Kadimah“ diese Entwicklung schrittweise nach. In einer stürmischen Mitgliederversammlung war jedem Mitglied auferlegt worden, auf Beleidigungen und Ehrenangelegenheiten mit dem Säbel als Commentwaffe Genugtuung zu geben und damit dem deutschnationalen Antisemitismus adäquat entgegenzutreten. Das erste Mal kreuzte der aus Iglau (heute Jihlava, Tschechien) stammende spätere Privatsekretär Herzls Siegmund Werner für „Kadimah“ die Klingen. Wortführer dieser Entwicklung war der galizische Medizinstudent Isidor Schalit, der noch bei seiner Festrede zum Stiftungsfest 1908 eine historisch-pathostriefende Begründung für die Annahme des Waffenprinzips in den Saal donnerte:
„Bleibet jung! Schlaget lustig weiter! Der Säbel ist keine deutsche Waffe! Die Deutschen sind noch im Kote ihrer Pfahlbauten gesteckt, als die Juden schon das Eisen kannten.“

Bandstreifen Rot-violett-gold mit Verbindungsmonogramm der „Kadimah“. Foto aus dem Musterbuch der Firma Edmund Seegebrecht, eines Herstellers von Verbindungsbedarf wie Bändern und Kappen. Foto des Verfassers.
Umwandlung des Vereins „Kadimah“ in eine schlagende Verbindung
Wenige Jahre später deklarierte sich der bisherige Akademische Verein als Akademische Verbindung mit den in Bändern getragenen Farben Rot-Violett-Gold und dem markigen Wahlspruch „Mit Wort und Wehr‘ für Juda‘s Ehr‘!“ Dynamisiert wurde die Transformation zudem durch die „Waidhofener Beschlüsse“ vom 11. März 1896, mit denen deutsch-völkische Hochschulvereine ihre jüdischen Kommilitonen von Geburt an als ehrlos bezeichneten und festlegten, ihnen zukünftig den Zweikampf mit der Waffe zu verweigern wollten. Der Studentenhistoriker Harald Seewann bezeichnete diese in ihrer Tragweite oft unterschätzte Entscheidung als „erste und krasseste Manifestation des neuzeitlichen, auf dem Konzept der Rasse fussenden Antisemitismus“.
Nur fünf Tage nach der Beschlussfassung kam es im Restaurant Khuner am Wiener Schottenring zu einer Protestversammlung der jüdischen Studentenschaft. Nach hitzigen Debatten wurde die allgemeine Empörung in einen Resolutionstext kanalisiert, der den Vorwurf der Ehrlosigkeit in scharfer Tonalität zurückwies. Vielmehr erklärte die Versammlung, dass die „Ehrenhaftigkeit nicht von der Zugehörigkeit zur arischen Rasse abhängig sei“ und dass die jüdischen Studierenden ihre Stellung als vollberechtigte Universitätsangehörige unter allen Umständen verteidigen würden. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Verweigerung der Genugtuung mit einer Ohrfeige beantwortet, die ihrerseits als ehrenrührig betrachtet wurde. Solche Vorgänge innerhalb der Korporationen leiteten einen Paradigmenwechsel für die Organisationsform jüdischer Hochschüler ein, der auch innerhalb des Judentums nicht unwidersprochen blieb. Das Auftreten der beschmissten Studenten mit Band und Mütze wurde als „jüdisches Teutonentum“ bespöttelt und der Wiener Oberrabbiner Adolf Jellinek warf „Kadimah“ sogar vor, sie führe „heidnische Sitten ins Judentum ein“.

Mitglieder der „Kadimah“ mit Isidor Schalit (sitzend, 2. v. r.), Foto 1895. Der Zahnarzt Schalit wird 1897 den Ersten Zionistenkongress in Basel eröffnen und als letzter Veteran der zionistischen Frühzeit die Umbettung der sterblichen Überreste Theodor Herzls von Wien nach Jerusalem 1948 begleiten.
„Kadimah“ stellt sich Herzl und seiner Vision zur Verfügung
Nur wenige Monate vor den „Waidhofener Beschlüssen“ war Theodor Herzl, der bei seiner Wiener Burschenschaft „Albia“ 1883 das Band niedergelegt hatte, als Verfasser seine berühmte Schrift Der Judenstaat an die Öffentlichkeit getreten. Darin hatte er ältere jüdische Gedanken der Wiederbesiedelung Zions zu einer nationalen und staatsrechtlichen Forderung verdichtet. Eine Woche nach dem Erscheinen des Buches lud „Kadimah“ den Autor zu einem studentischen „Kommers“ und Herzl hielt dort seine erste Rede vor einer jüdischen Öffentlichkeit. Für die Verbindung und ihre Mitglieder war die Übernahme von Herzls Gedankengängen das Ende der Gründungs- und Orientierungsphase sowie zugleich der Ausgangspunkt ihrer eigentlichen Mission: „Sie alle waren auf der Suche nach einer Leitfigur und einem konkreten Programm, mit dem sie am politischen Kampf ihrer Zeit teilnehmen konnten. Beides fanden sie in der faszinierende Persönlichkeit Theodor Herzl“, schrieb Lord George Weidenfeld, Angehöriger der von ausgetretenen Kadimahnern ins Leben gerufenen „Unitas“.
Theodor Herzl war ein begeisternder Redner und visionärer Romancier, doch war die Umsetzung der Ideen in eine politische Kampagne zunächst nicht auf der Agenda. „Nun war es die Wiener Studentenverbindung ‚Kadimah‘, die im Verfasser des Judenstaats den fehlenden Führer sah und ihn auf den Schild hob“, wie es Herzls erster Biograph Adolf Friedemann ausdrückte. „Kadimah“ verstand sich in der Folge als eine „Leibgarde“ Herzls und wirkte wesentlich daran mit, ihren Ehrenburschen, der sich nach der Veröffentlich des Judenstaats eigentlich zurückziehen wollte, an die Spitze der zionistischen Weltbewegung zu setzen. Der Kontakt zu „Kadimah“ war vielmehr ein zufälliger gewesen, wie Schalit später erzählte, und wurde durch den Verleger Max Breitenstein in der Währinger Strasse 5–7 vermittelt, der Schalit einige Passagen aus dem Andruck des Judenstaats zum Lesen überliess:
„Ich stürmte mir den Bürstenabzügen in der Hand zu Herzl. ‚Herr Doktor, was Sie da geschrieben haben, ist unser Traum, der Traum vieler junger Menschen. Was wir durch alle Jahre hindurch gesucht, aber nicht gefunden haben, ist das Wort, dass Sie jetzt aussprechen, der Judenstaat. Kommen Sie mit uns und führen Sie uns, und wir wollen schaffen, was Menschen nur schaffen können.‘ Herzl ging sogleich mit mir auf die ‚Kadimah‘-Bude.“
Trotz zahlreicher Anfeindungen, etwa seitens Karl Kraus‘, der wiederholt spöttelte, Herzl wolle mit „[…] der ‚Kadimah‘ in der Linken das Jahrhundert in die Schranken fordern“ war es dem als „zweitem Moses“ Verunglimpften möglich, gemeinsam mit Max Nordau und einem Organisationsteam an Verbindungsstudenten, vor allem aus „Kadimah“ und „Unitas“, für das Jahr 1897 den Ersten Zionistischen Weltkongress nach Basel einzuberufen.

Theodor Herzl, Ehrenbursch der „Kadimah“. Porträtfoto mit eigenhändiger Widmung an die Verbindung, 1896.
Die Entstehung der zionistischen Bewegung
Der von Schalit mit drei Hammerschlägen eröffnete Basler Kongress war die erste massgebliche, zu einem politischen Zweck herbeigeführte Versammlung von Vertretern des jüdischen Volkes seit Beginn der Diaspora. Im Konzertsaal Stadtcasino trafen 208 Delegierte aus sechzehn Ländern aufeinander. Der Journalist Herzl wusste um die Bedeutung der Medienarbeit: mehr als zwanzig akkreditierte Korrespondenten der wichtigsten europäischen Blätter berichteten von der mehrtägigen Veranstaltung. Unter seinem Vorsitz konnte das „Basler Programm“ verabschiedet werden, dessen Kernaussage in der Schaffung einer „öffentlich-rechtlichen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ bestand. Damit war der Schauplatz der biblischen Überlieferung endgültig als erklärtes geographisches Ziel der zionistischen Bewegung festgeschrieben.
Auf dem Zionistenkongress in Basel wurde Herzl in seiner Führungsrolle der Zionisten bestätigt und als Breitenplattform entstand die Zionistische Weltorganisation (World Zionist Organisation, WZO). Mit einem sicheren Gespür für Inszenierung und Dramaturgie liess Herzl sich eine Exilregierung mitsamt Exekutivkomitée, verschiedenen weiteren Gremien und anderen quasi-staatlichen Einrichtungen absegnen, die fortan den Anspruch auf die alleinige Vertretung des jüdischen Volkes erhoben.
Wenn nicht anders angegeben: Aufnahmen aus der Sammlung Archiv Historia Judaica, Sammlung Seewann, im Besitz des Verfassers, mit freundlicher Genehmigung G. Gatscher-Riedl.

Aufnahme vom Ersten oder Zweiten Zionistenkongress 1897 oder 1898 in Basel mit Theodor Herzl am Rednerpult.