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Dr. Ludwig Biró – Erinnern an das Jahr 1938 in Graz

Alexander VERDNIK

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Die Autobiographie des jüdischen Rechtsanwaltes Ludwig Birós beinhaltet eine detaillierte Aufzeichnung der NS-Verbrechen des Jahres 1938 in der sogenannten „Stadt der Volkserhebung". Sein erschütterndes Resümee: „... kaum einer unserer Freunde und Bekannten schien verschont geblieben zu sein". 

1938 wurde auch für Ludwig Biró, seine Frau Ilse, seine kleine Tochter Lore und besonders seinen Onkel Adolf Fürst zum Schicksalsjahr. Am 13. März wurde er davon in Kenntnis gesetzt, dass er das Land binnen 24 Stunden verlassen müsse, ansonsten würde man ihn „holen und erschlagen". Dem Rechtsanwalt wurde kurzfristig von Freunden zwei Tage eine Zufluchtsmöglichkeit geboten. Als er daraufhin wieder in seine Wohnung zurückkehrte, wurde er vor Ort von einem Kommando bestehend aus einem Gestapo-Beamten und zwei SS-Männern ins Kreuzverhör genommen. Nach einigen Schikanen während der Suche nach Birós Pass zogen die Männer wieder ab. Die unheilvollen Märztage in Graz 1938 beschreibt er wie folgt:

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Ilse und Ludwig Biró

„In den allernächsten Tagen setzten Verhaftungen ein. Prominente Politiker, Sozialisten, Leute von der Regierungspartei, Beamte, Geistliche, Funktionäre der Vaterländischen Front und Juden, alte Männer und halbe Kinder, Heimwehrleute und Gymnasiasten, bald auch Frauen wurden ins Polizeigefängnis eingeliefert. [...] Eine Art Erstarrung hatte sich der Bevölkerung bemächtigt, bis weit in die Kreise des Nazibürgertums hinein; die Jugend allerdings und die radikalen Schichten, darunter vor allem Frauen, überschwemmten die Stadt mit einem Delirismus, der sie in einen tobenden Hexenkessel verwandelte. Tag und Nacht durchdröhnte das nahe und ferne Getrampel marschierender Kolonnen die Strassen; abgehackte, gewalttätige Lieder stiegen drohend zu den Häuserfronten auf, die hinter den blutroten Fahnenwänden kaum zu sehen waren."1

Der jüdische Teil der Bevölkerung sah sich sofort einsetzenden Gewalttätigkeiten und Schmähungen ausgesetzt. „Um die Juden legte sich, wie um Aussätzige im Mittelalter, eine undurchdringliche Sphäre der Abstossung, in allen Variationen, vom unbeherrschten, tödlichen Hass bis zum ohnmächtigen angstverzerrten Mitleid."2 Leute, die die Familie tags zuvor noch freundlich gegrüsst hatten, kannten sie ab diesem verhängnisvollen Tag nicht mehr. Die „arische" Klientel entsagte sich dem Rechtsanwalt. Biró berichtet von den völlig assimilierten Jüdinnen und Juden, die alle Schmähungen in Kauf nahmen, wenn nur ihre wirtschaftliche Existenz nicht vernichtet würde. Durch die einsetzenden „Arisierungen", Beschlagnahmungen und Liquidierungen wurden diese Hoffnungen schnell zu nichte gemacht. Als Rechtsanwalt war Biró tagtäglich mit dem durch neue antijüdische Gesetze evozierten Leid seiner MitbürgerInnen konfrontiert. Vor Gericht musste er sich gefallen lassen, dass die gegnerische Partei „mit einem Juden nicht verhandle". Unter den berühmten Persönlichkeiten, die unmittelbar nach der Machtergreifung arretiert wurden, befanden sich Funktionäre aller jüdischen Vereine, der Chewra Kaddischa und der zionistischen Organisationen. Neben dem Gründer der B'nai B'rith Graz und Grossunternehmer Simon Rendi und dem Nobelpreisträger Otto Loewi wurde auch Ludwig Birós Onkel Adolf Fürst festgenommen und im Gefängnis am Paulustor in „Schutzhaft" genommen. Für Biró selbst begann eine Zeit der Angst in diesem antisemitischen Klima:

„Als Anwalt hatte ich Feinde, besiegte Gegner, Nazikollegen, mit denen es einmal eine Ausein-andersetzung gegeben hatte; ich wunderte mich täglich noch in meiner Wohnung zu sitzen. Morgens um vier, fünf Uhr wachten wir mit rasendem Herzklopfen auf, jeden Wagen, der vorüberfuhr, verfolgten wir, bis er das Haustor passiert hatte, jedes Geräusch an der Türe liess uns erbleichen."3

Am 25. März wurde der Rechtsanwalt in seiner Kanzlei von der Gestapo aufgesucht. Es folgten eine peinliche Durchsuchung seiner Wohnung und die kafkaeske Verhaftung auf Grund des „Besitzes von illegalen Zeitschriften". Später stellte sich heraus, dass Ludwig Biró wegen seiner Funktionärstätigkeit bei der B'nai B'rith, der man freimaurerische Aktivitäten unterstellte, und kommunistischer Betätigung verhaftet worden ist.

„Von da an war ich offiziell nicht mehr ,Dr. Ludwig Biró' sondern ,Biró auf Zelle 26'. Ich wurde genau untersucht und abgetastet, der Inhalt meiner Taschen wurde abgenommen, zum Schluss auch meine Brille; das gab mir den Rest. In wenigen Minuten schloss sich hinter mir die eiserne Türe der Zelle 26 im ersten Stock. Vor Schwäche - ich hatte praktisch seit etwa achtzehn Stunden nichts gegessen -, vor Verzweiflung und ohnmächtiger Wut über die demütigende Behandlung, die mir damals noch neu war, warf ich mich halb ohnmächtig über das Brett, das als Tisch dienen sollte."4

Im Gestapo-Gefängnis gehörte er dem „Judenzug", dem „Abschaum der Menschheit", an. Dort wurden die Insassen mit menschenunwürdigem „Sport" gequält. Konnte man nicht mithalten, setzte es Peitschenhiebe, Fusstritte und jede Art von sadistischer Misshandlung. Insgesamt wurde der Rechtsanwalt dreimal festgenommen und eingesperrt. Nach seiner Entlassung, für die er eine Kaution von 10.000 Mark stellen musste, fühlte er sich wie nach einer schweren Krankheit, schwach und bei der geringsten Anstrengung ermüdet. In seinem Bericht erwähnt Ludwig Biró den Präsidenten der IKG Graz, Elias Grünschlag, der sich aufopfernd Hunderten das Leben rettete.

Wie für viele andere begann nun auch für Biró die „Jagd auf ein Visum". Er schrieb täglich unzählige Briefe nach Amerika, England, Frankreich, Mexiko und Jugoslawien, wohin ihm später zusammen mit der Hilfe von zwei Grazern die Flucht gelang. Zur gleichen Zeit fand die Liquidierung der Anwaltskanzlei statt. Ludwig Biró sah sich gezwungen, auf Grund des wachsenden äusseren Drucks die Anwaltschaft niederzulegen. Im September 1938 erhielt der Rechtsanwalt den kurz befristeten Ausweisungsbescheid. Daraufhin gelang der Familie, gerade noch rechtzeitig, die Flucht nach Maribor. Seine Mutter, seinen Onkel, seine Schwiegereltern und sehr viele Bekannte musste er zurücklassen, die allesamt zu Opfern der NS-Vernichtungsmaschinerie wurden. Von dem Pogrom vom 9. auf den 10. November erfuhr die Familie aus dem Briefverkehr und Telefonaten mit in Österreich verbliebenen Bekannten. Alle männlichen Juden wurden festgenommen und nach Dachau deportiert.

Die Nachricht vom „Appell von Tausenden von Juden auf freiem Felde in Kälte und Regen, ohne einen Schluck Wasser, geschweige denn ein Stück Brot durch siebzehn Stunden hindurch, das Prügeldefilee, die Misshandlungen und Erschiessungen, die Szenen des Grauens und der Verzweiflung" schockierte die Geflüchteten zutiefst. Die Frauen und Kinder der Deportierten waren verzweifelt in Graz zurückgeblieben. Bei den Ausschreitungen, die von äusserster Brutalität gekennzeichnet waren, hatte ein wütender Mob die Synagoge und die Zeremonienhalle am Friedhof in Brand gesteckt. Biró berichtet, was er aus dem jugoslawischen Exil in Erfahrung bringen konnte:

„Mitten in der Nacht drangen bewaffnete SS- und SA-Horden in die Wohnungen und holten die Juden an Hand von sorgfältig zusammengestellten Listen aus den Betten. In vielen Fällen wurden die Männer geschlagen und gelegentlich so schwer verletzt, dass sie ins Spital geschafft werden mussten. Das hatte aber seine Schwierigkeiten, denn die öffentlichen Spitäler weigerten sich, Juden aufzunehmen. Der Möbelhändler Pichler beispielsweise - der führende Mann in seiner Branche und ein Dorn im Auge seiner Konkurrenz - wurde derart geschlagen, dass er blutüberströmt zusammenfiel; das eine Auge hing heraus, sein Gesicht war eine einzige blutige Masse. Schliesslich nahm ihn das Spital der Elisabethinerinnen auf. [...] Der Landesrabbiner Professor Herzog gehörte zu den Misshandelten und noch eine ganze Reihe von bekannten jüdischen Persönlichkeiten. [...] Selbst Kinder wurden misshandelt. In einem Falle konnte das arische Kindermädchen gerade noch dazwischen springen, um einen kleinen Jungen zu retten, auf den die Burschen einen schweren Kasten stürzten."5

Von Maribor flüchtete die Familie weiter nach Zagreb und schliesslich nach Tel Aviv. Ludwig Biró hatte im kroatischen Exil die radikal-antisemitischen Tendenzen der Ustascha noch rechtzeitig erkannt und seine Familie abermals in Sicherheit gebracht. 1946 kehrte er nach Graz zurück, wo er seine Tätigkeit als Rechtsanwalt wieder aufnahm. Schon bald wurde er dort mit dem Widerwillen zur Rückgabe von beschlagnahmtem jüdischem Eigentum konfrontiert, was eine neuerliche Diskriminierung bedeutete.6 Im Jahre 1972 starb Dr. Ludwig Biró.

Birós Aufzeichnungen sind ein Dokument tiefempfundener Menschlichkeit von historisch bedeutender Relevanz. Sie gestatten einen tiefen Einblick in die nationalsozialistischen Verbrechen des Jahres 1938, welche einen ersten Schritt in der Vernichtung des europäischen Judentums darstellten.

Im Gedenken an alle Opfer der Shoah.

1  Ludwig Biró, Die erste Hälfte meines Lebens. Erinnerungen eines Grazer jüdischen Rechtsanwaltes 1900-1940, hrsg. von Christian Fleck, Graz-Wien 1998, 131.

2  Ebd. 140.

3  Ebd. 167.

4  Ebd. 175.

5  Ebd. 293-294.

6 Vgl. Gerald Lamprecht, Die Israelitische Kultusgemeinde Graz. Wiedereinsetzung in den früheren Stand, in: F. Bouvier und N. Reisinger (Hrsg.), Historisches Jahrbuch der Stadt Graz 34/35, Graz 2005, 275.