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Baustelle Friedhof

Brigitte Kenscha-MAUTNER

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Nach dem  letzten Begräbnis 1938 hat der israelitische Friedhof Mistelbach ein verstecktes Dasein hinter einer Mauer gefristet. Durch die Ausstellung Verdrängt und Vergessen im Jahr 2002 wurden die jüdische Gemeinde und ihr Friedhof wieder in Erinnerung gerufen. Mehrere Projekte sollen nun das Fortbestehen des Friedhofes sichern und das Gelände als Erinnerungsort zugänglich machen.

Das Haus hätte sein tragisches Schicksal fast nicht überstanden. Es wurde zwar einige Jahre als Wohnhaus für sozial schwache Familien verwendet, stand aber dann lange Zeit leer. Aus welchen Gründen auch immer wurde es komplett „ausgeräumt", Zwischenwände wurden entfernt, der Fussboden herausgerissen. Die Witterungsbedingungen zusammen mit eindringender Feuchtigkeit taten das ihre. Erste Bauarbeiten lassen Hoffnung keimen. Die Gemeinde arbeitet derzeit daran, das Haus innen wieder herzustellen. Die übrig gebliebenen Aussenwände wurden getrocknet, Dachbalken ausgetauscht und eine Decke montiert. Wo vor Kurzem noch ein riesiges Erdloch war, ist mittlerweile ein Estrich vorhanden. Anschlüsse werden neu montiert. Nach Auskunft des zuständigen Beamten im Mistelbacher Rathaus soll ein grosser, vielfältig verwendbarer Raum entstehen. Das seit 2002 versprochene jüdische Museum könnte also theoretisch doch noch Wirklichkeit werden. Gerüchte ranken sich auch um eine Verwendung als „Info-Point".

Die endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen. Die Fertigstellung dieser Bauarbeiten ist in den Sommer-Monaten geplant. Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

Weitere Bauarbeiten geplant

Seitens der Israelitischen Kultusgemeinde Wien laufen die Vorarbeiten zur Instandsetzung des Friedhofs bereits auf Hochtouren. Geplant sind die Renovierung der Gebäudehülle sowie eine neue Zufahrtsmöglichkeit auf das Friedhofsgelände (sowohl für die Instandsetzungsarbeiten, als auch für die künftige Pflege des Areals). Zur Zeit führt hinter dem Haus die originale Treppe hinauf zu den Gräbern. Dass sie bereits über 100 Jahre alt sind, sieht man den zerbrochenen, schiefen, wackeligen Stufen deutlich an. Die Renovierung der Treppe gehört zu einer Reihe von Sicherheitsvorkehrungen, die zeitgleich erfolgen sollen. Grabanlagen sollen stabilisiert, die Einfriedung verbessert werden. Der Baumbestand wird überprüft und erforderliche Arbeiten werden durchgeführt. Dadurch können sich künftig sowohl Arbeiter als auch Besucher gefahrlos auf dem Gelände bewegen.

Forschungsprojekte laufen

Die Recherchen zur jüdischen Gemeinde Mistelbach laufen immer noch weiter. Kontakte zu den Überlebenden der Mistelbacher Familien werden weiterhin gepflegt. Manchmal tauchen doch noch Relikte unserer jüdischen Gemeinde auf - wie z.B. ein Koffer, der mit einer jüdischen Familie aus Mistelbach geflohen, um die halbe Welt gereist und wieder hierher zurückgekehrt ist. Christa Jakob sammelt und hütet all diese Schätze genauso wie die Geschichten der Familien. Drei bis vier Mal im Jahr haben Interessierte die Möglichkeit, den Friedhof im Rahmen einer Führung zu besuchen. Dabei entdecken viele eine bisher unbekannte Welt. Das Bewusstsein, dass die Familien von den Grabsteinen einmal Mitglieder der Gemeinde waren, und deren Nachkommen immer noch Nachbarn und Freunde sein könnten, macht den Besuch zu einer spannenden Zeitreise. Es könnten noch weitere Relikte der Vergangenheit sichtbar werden. Hinweisen zufolge soll die Mistelbacher Thora auf dem Friedhofsgelände begraben sein. Ebenso weiss man von einem Kriegsgrab, das überhaupt nicht erkennbar ist. Eine geophysikalische Untersuchung des Bodens könnte die exakten Standorte aufzeigen. Laut Bundesgesetz über die Fürsorge für Kriegsgräber müssen diese erhalten werden. Die Kennzeichnung des Kriegsgrabes würde somit den Fortbestand des Friedhofes zusätzlich absichern. Sollte die Thora tatsächlich gefunden werden, hat sich Oberrabbiner Prof. Chaim Eisenberg bereit erklärt, sie wieder ans Licht zu bringen. Die Genehmigung zur Suche ist bereits vorhanden, ein kompetenter Techniker samt Ausrüstung gefunden. Doch wie so oft mangelt es an der Finanzierung.

Beitrag der TU Wien

An der technischen Universität wird an der virtuellen Rekonstruktion zerstörter Synagogen gearbeitet. Im Zuge dessen soll auch die Mistelbacher Synagoge virtuell wieder hergestellt werden. Das äussere Aussehen ist ausreichend dokumentiert, doch die Gestaltung des Innenraumes ist noch ein grosses Rätsel. Nach weiteren Fotos, Erinnerungen, Beschreibungen und ähnlichem wird gesucht.

Der Friedhof als Erinnerungsort

Aufgrund der zunehmenden Fülle an Informationen werden Friedhofsführungen künftig unterschiedliche Schwerpunkte haben. Dabei werden beispielsweise jüdische Symbole und ihre Bedeutung im Mittelpunkt stehen. Feste und Feiern im jüdischen Kalender, die einmal Teil des Mistelbacher Stadtgeschehens waren, werden wieder vorgestellt. Die jährliche Gedenkführung zur Reichspogromnacht bleibt weiterhin bestehen, ebenso ist eine allgemeine Überblicksführung zur Geschichte unserer jüdischen Gemeinde möglich. Für Gruppen werden in Absprache auch eigene Termine angeboten.

Friedhofs-Führungen 2014:

  

1. Juni: Feste und Feiern im jüdischen Kalender

31. August: Geheimnisvolle Zeichen - jüdische Symbole und ihre Bedeutung

9. November: Weg der Erinnerung - die Reichspogromnacht

  

Treffpunkt jeweils 15:00 Uhr, Waldstrasse 122 (alte Nr. 104), 2130 Mistelbach

Für Rückfragen und Hinweise: brigitte.kenscha@mautner-show.biz oder christa.jakob@chello.at