Ausgabe

Luigi Toscano – Kanakenkind

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Inhalt

Toscano, Luigi: Kanakenkind. Mit der Kamera durch Licht, Dunkelheit und Hoffnung: Vom Einwandererkind zum Fotografen der Holocaustüberlebenden.

Freiburg im Breisgau, Herder-Verlag 2026.

368 Seiten, Ln., Euro 30,00.-

ISBN 978-3-451-39907-7

 

Luigi Toscano: Der Name klingt vertraut, doch darf man ihn nicht mit seinem verstorbenen Kollegen Oliviero Toscani (1942–2025) verwechseln. Dieser war Mastermind hinter der Marke Benetton und hätte niemals ein Buch mit einem solchen Titel geschrieben. Toscano ist dennoch der Öffentlichkeit bekannt, durch seine Fotoporträts der letzten Überlebenden des Holocaust, die immer wieder heftige antisemitische Reaktionen auslösen.

 

Toscano war eines von sieben Kindern einer sizilianischen Einwandererfamilie, die in Deutschland arbeitete, aber nicht heimisch geworden ist. „Kanakenkind“ nannten die deutschen Jugendlichen den fremdartigen Luigi angeblich. Das soll die Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft zeigen, doch wieso mit einem Schimpfwort, das für Türken gebraucht  wird? Das Buch gibt sich als Autobiografie, die es jedoch nicht ist. Silke Kettelhake hat es geschrieben, im Epilog Toscanos ist sie namenlos als „Geistwriterin“ vermerkt. Sie schrieb das Buch in einer Sprache, die zwischen Alltagsrede und einer Sprechweise der untersten Bildungsschicht pendelt, ein Sammelsurium an Platitüden und Argot-Wortfetzen, welche die Schilderung vielleicht „aufpeppen“, an die Herkunft des Fotografen aus äusserst einfachen Verhältnissen erinnern soll. Eingestreut sind italienische Sätze, die eigenartigerweise in korrekter Hochsprache wiedergegeben sind, nicht wie die Sizilianer untereinander reden, ammonninne.

 

Dass in dieser Nichtsprache auch noch Fehler vorkommen, zum Beispiel Roter Lutscher mit grünem Stil (S.23) oder  Der schwarze Fotografen Gordon Parks (S. 97) verwundert nicht, der Lektor dürfte da schon w.o. gegeben haben. Schade um das schöne Buch (Leineneinband, Seidenfaden!), um den Künstler als ungebildetes Exemplar aus der Unterschicht zu charakterisieren, hätte ein entsprechender Vermerk gereicht. Aber die Hauptsache sind die „:innen“ mit ihren Pünktchen, die zeigen, dass es gar nicht um den Inhalt geht, sondern um linke Politik, Sebastian Kurz ist böse, ebenso die FPÖ, die Ukraine ist gut, und so weiter.

 

An manchen Stellen sind „Autor“ und Ghostwriterin sehr ehrlich, etwa, dass Toscano von Fotografie keine Ahnung hat und einfach draufdrückt, ohne zu denken (S. 97f), er mag es, ein Aussenseiter zu sein, wird da geschrieben. Er hat einen Hausfrauen-Fotokurs besucht, sich eine gebrauchte Kamera gekauft und war dann in Auschwitz, wo sich sein grosses Thema entfaltete. So wird ein Mythos entwickelt – eine der Wahrheit sich annähernde Künstlerbiografie ist schon seit Vasari seltener als die Blaue Mauritius.

 

Ausser Streit stehen Toscanos beeindruckenden Fotos der letzten Überlebenden der Shoah, sie wurden in vielen Städten weltweit gezeigt, mit grosser Resonanz. Gegen das Vergessen nennt sich sein 2014 begonnenes Projekt. Im Mai 2019 machte es Station am Wiener Burgring, wo die Exponate drei Mal beschädigt wurden. Die Polizei wollte sich nicht einmischen, sodass es private Mahnwachen gab – ein positives Zeichen: wenn die Staatsmacht versagt, springt doch noch die Zivilgesellschaft ein. Dass auch damals schon Antisemitismus in Wien so stark spürbar war, überrascht in der Rückschau. Was würde wohl heute mit Toscanos Fotoporträts passieren?

Toscano hat angeblich keine Ahnung von dem, was Fotokünstler machen, dennoch steht er stilistisch in einer Reihe mit berühmten Fotografen der letzten Jahrzehnte, etwa Thomas Ruff, dem deutschen Porträtfotografen, dessen Werke Spitzenpreise erzielen, oder dem Street Artist JR. Der französische Künstler bildet Bewohner von Slums ab und klebt die Gesichter in Riesenformaten auf die Hütten, in denen die Menschen hausen. Auch das Blow-up der Fotorealisten der Siebziger Jahre, wo Maler wie Chuck Close Gesichter auf zwei Meter Höhe aufgeblasen haben, sieht wie ein Vorbild für Toscano aus. Seine grossformatigen, eng angeschnittenen Porträts der alten Menschen, in deren Haut sich die Jahre des Grauens eingeprägt haben, bannen den Blick. Die Augen – immer mit zwei Ringblitz-Reflexen versehen – blicken den Betrachter unverwandt an. Psychisch labile Menschen haben sicher Probleme mit ihnen, ein überdimensionales Gesicht ist schwer zu ertragen, vor allem, wenn man an Ophtalmophobie leidet. Vielleicht kann das eine Erklärung für die Angriffe auf die Bilder sein, neben einer ohnehin vorhandenen antisemitischen Grundeinstellung. Nicht nur in Wien, auch in Deutschland wurden die Fotos von Vandalen beschädigt.

 

Toscano hat etwa 400 Überlebende porträtiert, viele Stunden mit ihnen gesprochen, um sie zur Fotositzung zu überreden, eine hundertjährige Ukrainerin, Anna Strishkowa aus Kiew, sprach zum allerersten Mal über ihr Schicksal, sie wird im Buch ausführlich gewürdigt.

 

Abschliessend: ein Buch, das sehr interessant ist, wenn man den Text abstrahiert. Für die nächste Ausgabe diesen entfernen und viel mehr Porträtfotos von Überlebenden abdrucken: sie sind es wert, dass man sich an sie erinnert.

 

Michael Bittner