Ausgabe

Eine neue Gedenktafel für Penzing

Michael Bittner

Am 19. Jänner 2026 um neun Uhr früh stand eine kleine, frierende Gruppe vor dem Gemeindebau in der Onno-Klopp-Gasse. Eine Gedenktafel für die Opfer der Shoah aus dem Grätzel sollte enthüllt werden. Aufgrund der Witterung hatte sich die Tafel bereits selbst enthüllt, es mussten nur noch Papierreste entfernt werden.

Inhalt

Es ist schön, dass sich die Bezirksvertretung intensiv um die Aufarbeitung der Geschichte dieses Stadtteils bemüht und Gedenkmomente wie Stolpersteine und Umbenennungen durchgeführt hat. Die Gedenktafel wurde von den Volkshochschulen Hietzing und Penzing initiiert und vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands wissenschaftlich begleitet.

 

Auf der Tafel finden sich die Namen von siebzehn Opfern:

Hermine Holzer, Emil und Helene Kolm, Berthold Fuchs, Marie Dittel, Leopold und Elsa Bäck, Chaskel und Chaje Palker, Leopold Spielmann, Armin, Frieda, Suse und Else Feldsberg, Eveline Vogel, Leo Preisz und Judith Mäusel.

 

Kein einziges dieser Opfer hatte in diesem Gemeindebau gewohnt – wäre da nicht ein anderer Standort besser gewesen? Neben den Namen sind die einzigen zwei Fotos, die es von diesen Menschen noch gibt, sowie ein Dokument über die Statuten des Tempelvereins in der Penzinger Strasse 132 abgedruckt. Die Tafel dürfte aus Aluminium bestehen und ist offenbar bedruckt statt graviert worden. Wie lange eine solche Tafel das bekannt raue Klima des „Vierzehnten“ aushalten wird, ist ungewiss, wie wäre es mit Granit oder Bronze gewesen?

 

Aufgrund der eisigen Witterung waren die Reden sehr kurz und prägnant, die Vertreterin des Bezirks referierte über die Aktivitäten der Lokalpolitik, der Direktor der Volkshochschule sprach davon, dass solche Gedenktafeln meist den Abschluss eines Projekts markierten, diese aber der Anfang neuer Forschungen sein könnte. Da hat er zweifellos recht, er nannte als Quellen der Daten das DÖW und die Gedenkblätter von Yad Vashem und räumte ein, dass es im Staatsarchiv kaum Dokumente dazu gäbe. Eventuell hat er aber auch vom Nachbarbezirk Rudolfsheim-Fünfhaus gehört, wo ein Forschungsauftrag die Zahl der bekannten Shoah-Opfer fast verdreifacht hat.

 

Dokumente über die Shoah im Staatsarchiv zu suchen, das ist, als würde man die Stecknadel im Heuhaufen statt im Nadelkissen suchen. Das DÖW verwaltet die Opfer und gibt als deren Anschrift die letzte Adresse an, was für Lokalhistoriker eine Katastrophe ist. Das Dokumentationsarchiv ist die Hüterin der österreichischen Shoah-Opfer, ohne seine Datenbank gäbe es keine einschlägige Forschung und diese Datenbank hat ihre eigenen Gesetzmässigkeiten. Auch die Gedenkstätte Yad Vashem benützt sie und überprüft die Angaben nicht.

 

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Gedenktafelenthüllung am Gemeindebau in Penzing.

 

Die letzte Adresse sagt nichts darüber aus, wo die Menschen lebten: viele jüdische Familien verloren ihre Wohnungen bereits 1938 durch die Arisierungen, ab 1941 wurden alle Juden in den ersten oder zweiten Bezirk umgesiedelt, dort einige Tage oder Wochen untergebracht und dann in die Ghettos, Konzentrations- oder Vernichtungslager wie Maly Trostinec deportiert. Dass es kaum Juden gab, die aus ihren Wohnungen im 14. Bezirk abtransportiert wurden, liegt auf der Hand: die Deportationen begannen (mit Ausnahmen) erst 1941, als die meisten schon weg waren, daher die wenigen Namen auf der Gedenktafel.

 

Hätte man das Archiv des Wiesenthal Instituts für Holocaustforschung zu Rate gezogen, hätte man die Wohnadressen der Opfer herausbekommen. Dazu noch die richtige Schreibweise der Namen und die exakten Geburtsdaten, da die späteren Opfer ihre Fragebögen selbst ausfüllten. Die Daten des DÖW enthalten viele Fehler, da sie aus den Deportationslisten und ähnlichen Quellen gezogen wurden, die von den Menschen nicht selbst, sondern von Polizisten, SS-Leuten und anderen Schergen geschrieben wurden, dabei wurden natürlich Fehler gemacht, die angesichts der Vernichtung niemanden störten. Man kann sich auch vorstellen, dass französische Polizisten, welche die Transporte mit österreichischen Flüchtlingen von Drancy nach Auschwitz zusammenstellten, sich bei der Niederschrift deutscher Namen etwas schwertaten. Die Gedenkblätter von Yad Vashem sind ein weiteres Kapitel, das für Verwirrung sorgen kann. Selbst akribisch genaue Zeitzeugen machten dreissig Jahre nach den Ereignissen manchmal Angaben, die einfach nicht stimmten, weil sie keine Originaldokumente mehr zu Handen hatten: alle diese Daten müssten mit dem erhaltenen Archivmaterial abgeglichen werden.

 

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Die neue Gedenktafel in Penzing.

 

Adressen von jüdischen Familien im 14. Bezirk zu finden ist auch schwierig, weil die heutigen Bezirksgrenzen 1938 von den Nationalsozialisten neu gezogen wurden, Penzing war vorher ein Teil des 13. und Rudolfsheim war ein eigener, der 14. Bezirk, was selbst die Israelitische Kultusgemeinde noch 1939 verwirrte, sodass sie in ihrer Mitgliederliste einige Strassen des 14. Bezirks in den 15. verlegte – also schon damals gab es Probleme mit der richtigen Zuordnung.

 

Wissenschaft erzeugt niemals endgültige Resultate, sondern Forschungsergebnisse führen immer wieder zu neuen Forschungsfragen – das ergibt eine Spirale der Wissensvermehrung, in der wir über 80 Jahre nach den traurigen Ereignissen erst am Anfang drinnen sind. Es möge viele neue Tafeln geben, welche die Vorübergehenden zum Denken anregen!

 

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Gedenktafelenthüllung in Penzing.

 

Alle Fotos: I. Bittner, mit freundlicher Genehmigung.