Wenn man als Unterhaltungsmusiker ein gewisses Alter erreicht, wird man auf der anderen Seite des Atlantiks automatisch zur Legende. Bei uns muss man da schon tot sein (wie Falco) oder zumindest ein besonders guter, sehr geschäftstüchtiger Fussballer gewesen sein (Johann K.), dafür haben wir zwar die Euro-Inflation, aber keine an Legenden.
Da ich regelmässig die New York Times lese, bin ich ständig mit amerikanischen Legenden konfrontiert, Marc Jordan ist eine besondere, eine kanadische. Er ist gebürtig aus Brooklyn, doch Karriere machte er in Kanada, als Singer-Songwriter, Plattenproduzent, Schauspieler, jetzt, mit 77 Jahren, hat er Legendenstatus erreicht. Sein grösster Erfolg war Rhythm of my Heart, das er schon in den Achtziger Jahren gemeinsam mit John Capek geschrieben hatte, 1991 machte Rod Stewart die Kriegs- oder Antikriegsballade populär.1
Das gewisse Etwas von Marc Jordan zeigt sich im Vergleich seiner Version des Rhythm mit dem schottischen Schlagersänger, der versucht, durch Schluchzen in der rauhen Stimme und Verdrehungen von Körperteilen die Aussage des Songs zu transportieren, während Jordan, mit gelber (!) Brille, ruhig am Steinway sitzend seine Musik schnörkellos darbietet, so ist er eine Minute früher fertig als Stewart.2
Jordan kann aber auch anders, wie er bei Both Sides Now, dem Klassiker von Joni Mitchell beweist. Wenn es Dekonstruktivismus3 in der Popmusik gibt, dann ist er hier verwirklicht, Jordan zerstört die wunderbare Ballade vom Erwachsenwerden einer jungen Frau zu einem zerfahrenen Cluster von fast sechs Minuten, bei dem keine einzige Note dort bleibt, wo sie hingehören würde. Dieser Song hat auch schon andere alte Männer gereizt, etwa Pete Seeger, der gar für Joni eine Strophe dazu gedichtet hatte, doch er zeigte Respekt gegenüber dem Werk.4 Auffällig ist bei der Version von Jordan auch, dass er mit einer Gitarre auf den Knien sitzt, ihr aber keinen einzigen Ton entlockt. Bei manchen Aufnahmen spielt er so eigenwillig auf diesem Instrument, dass man sich denkt, wie kann das nur dazu passen? Eingeseifte Saiten? Dafür klingt sein Klavierspiel bei Live-Auftritten richtig gut, das ist sein Instrument. Auf seinem neuen Album Waiting for the Sun to Rise (2023) sind neue Studioaufnahmen versammelt, die meisten Songs hat Jordan gemeinsam mit anderen Autoren verfasst, interessanterweise kommen die Streicherklänge von einem Prager Orchester.5

Rhythm of My Heart, Cover.
Was eine Legende sonst noch braucht, ist eine Biografie. Giorgio Vasari, der erste Künstlerbiograf, hat sich ja der mittelalterlichen Heiligenlegenden als Vorlage bedient, und dabei ist es seit 500 Jahren geblieben, Heilige wie Künstler sind Genies und tun Wunder. Nil nisi bene. Don Breithaupt hat die Lebensbeschreibung für Marc Jordan verfasst, er ist selbst Komponist und hat auch Songs für Jordan geschrieben, er ist sehr erfolgreich, gewann sogar schon einen Emmy. Er machte Interviews mit Jordan und mit Menschen, die diesem nahestehen und baute daraus ein unterhaltsames Buch, das Einblick in die Welt des Show Business gibt. Es kann alles stimmen, was in einer solchen Biografie steht, oder aber auch nicht. Legenden sind immer schlecht in der Schule, siehe Einstein, schuld war die Legasthenie, wie Jordan behauptet, nicht, dass er schon um neun Uhr früh betrunken war.6 Das Thema Legasthenie beschäftigt ihn offenbar noch immer sehr, denn es taucht immer wieder in seiner Biografie auf, für Nicht-Amerikaner völlig unverständlich muss er sich erst nach der Diagnose seiner Tochter Zoe, der er diesen Defekt vererbt hat, in der Öffentlichkeit „outen“. Ich schreibe auch nicht in meine Biografie, dass ich kurzsichtig bin oder Senkfüsse habe, weil es für den Menschen und die Kunst unerheblich ist. Ausser, man möchte sein Versagen dadurch begründen: „Ich kann ja nichts dafür, in bin ja ein…“.
Dass Bill Clinton versucht hat, bei Jordans schöner Ehefrau Amy Sky zu landen, glauben wir sofort, nicht erst seit der Lewinsky-Affäre, Marc selbst konnte den Arm des Präsidenten gerade noch abwenden. Übrigens geschah der Übergriff bei einer jüdischen Wohltätigkeitsveranstaltung, das ist die einzige Gelegenheit, wo das Wort „Jewish“ im Buch vorkommt. Zwar stammt Jordan aus einer jüdischen Familie, sein Vater war Kantor, doch legt er offenbar überhaupt keinen Wert auf sein Jüdischsein, im Gegensatz zu Bob Dylan (den er sehr bewundert) oder seinem Landsmann Leonard Cohen, der uns das Hallelujah schenkte. Auch bei weiteren berühmten jüdischen Singer-Songwritern wie Billy Joel und Randy Newman, um nur diese zu nennen, kommen jüdische Themen immer wieder durch, doch nie bei ihm, Jordan aber hat einen J-Faktor von echt Null.
Dylan und Cohen sind auf der Berühmtheitswelle gesurft und weltbekannt geworden, Jordan ist irgendwie unter der Welle durchgeschwommen und es hat für den Legendenstatus gereicht. Im Jahr 1974 erschienen seine ersten Singles, die nicht erfolgreich waren, aber den Produzenten Gary Katz beeindruckten, 1977 folgte ein Plattenvertrag mit Warner Brothers. Ende der Achtzigerjahre wurden seine Filmmusiken für Boulevard of Broken Dreams und Shadow Dancing ausgezeichnet. Sein Schauspieldebut feierte erst 2010 an der Seite von Olivia Newton-John. Insgesamt brachte er 14 Alben und einige Singles auf den Markt und schrieb eine Unmenge Songs, die von Pop-Grössen wie Diana Ross, David Hasselhoff oder Joe Zawinuls Truppe The Manhattan Transfer interpretiert wurden.
Das Buch zeigt auch eindrucksvoll die Entwicklung von Marc Jordan: Auf dem Cover prangt ein Foto aus vergangenen Zeiten, wo er im Lou-Reed-Stil mit einer dunklen Sonnenbrille posiert. Dann wird er immer älter, die Haare werden dünner und die Brille ist durchsichtig und gelb, das hat nicht jeder, aber so markant wie die schwarze von Le Corbusier ist sie auch nicht.

Marc Jordan. Foto: Marc Lostracco. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Die gut geschriebene Biografie wird den Legenden-Status verlängern, doch die Musik? Irgendwie ist es weder Fisch noch Fleisch, was Jordan über die Jahrzehnte geschrieben oder interpretiert hat. Es ist Unterhaltungsmusik, aber seine geheime Liebe gilt dem Jazz, der immer wieder eingängige Melodik verhindert, dazu kommt, dass Text und Musik kaum zusammenpassen. Es ist auch nicht klar, was Jordan selbst geschrieben hat, die Musik, oder den Text, oder von allem ein bisschen? Dem wirklich legendären Saxophonisten John Coltrane (1926–1967) widmete Jordan einen Song, über fünf Minuten wartet man auf ein Saxophonsolo, vergebens. Oder Rhythm of my Heart, seine Kennmelodie, die auf den Studioaufnahmen noch einigermassen mit den 60 bis 80 Schlägen pro Minute daherkommt, bei den Liveauftritten aber schwere Herzrhythmusstörungen aufweist. Dafür gibt es nur hier Akkordeonklänge, weil Rod Stewart in seiner Version solche hineingeschnitten hatte, sonst gibt es für ein solches Instrument keine Veranlassung, oder gibt es eine Militärkapelle mit Ziehharmonika?
Manche Songs klingen anfangs nach Jazzklassikern, gleiten dann in den Pop ab, um wieder zur Improvisation zurückzukehren, aber es spielt keine Jazzcombo, sondern es ist ein gemischter Satz – was beim Wiener Wein sehr gut sein kann, wirkt hier beliebig. Besonders störend ist seine Art des Gesangs auf den neuen Aufnahmen, man fordert ja keine stimmlichen Höchstleistungen, doch so beiläufig, fast beamtenmässig darf man die Stimme nicht einsetzen, sie zieht vorbei, ohne den Text zu verdeutlichen und vor allem, ohne die Seele zu streifen. Das Herz bleibt unergetzt, würde der Klassiker sagen. Was gab es nicht für unglaubliche jüdische Sängerinnen und Sänger, von Joseph Schmidt bis Amy Winehouse! Marc Jordan gehört nicht in diese Kategorie.

Marc Jordan. Foto: Marc Lostracco. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Nachlese
Breithaupt, Don: Rhythm of My Heart. The Authorized Biography of Marc Jordan. Amazon 2025.
Paperback, 178 Seiten, Euro 19,49.-
ISBN 978-1-0698306-0-9
Anmerkungen
1 Der Text lässt es offen, ob der Soldat überlebt oder nicht. Im Musikvideo von Stewart kehrt der Held heim. https://www.youtube.com/watch?v=MmljreTAgYI abgerufen 23.01.2026.
2 https://www.youtube.com/watch?v=MmljreTAgYI; https://www.google.com/search?sca_esv=53adf50e10334de7&q=marc+jordan+rhythm+of+my+heart&stick=H4sIAAAAAAAAAONgFuLUz9U3MI03K8xT4tFP1zcsNjAtzLAos9AS9C0tzkx2LCrJLC4JyQ_Oz0tfxCqXm1iUrJCVX5SSmKdQlFFZkpGrkJ-mkFupkJGaWFQCAMrokhdPAAAA&sa=X&ved=2ahUKEwidn5382ZWSAxUa0gIHHbKdGygQri56BAgvEAo&biw=1707&bih=801&dpr=0.8&aic=0#fpstate=ive&vld=cid:c402ca48,vid:K8GE1B72qhM,st:0 abgerufen am 18.01.2026.
3 Schon richtig, Jimi Hendrix hat in Woodstock die US-Hymne dekonstruiert, aber das klang gut!
4 https://www.youtube.com/watch?v=NDycwkh1Ehc abgerufen 26.01.2026.
5 https://www.youtube.com/watch?v=WCJsUxuupIU abgerufen 18.01.2026.
6 Biografie S. VIII.
Alle Abbildungen: M. Bittner, mit freundlicher Genehmigung.