Ausgabe

Zypern ahoi! Ein Projekt zur Rettung von jüdischen Wiener Familien 1938

Michael Bittner

Der Schock des „Anschlusses“ sass noch tief, viele Wiener Juden wollten nur noch weg, aber wohin? In den ersten Wochen versuchten viele, illegal über die Grenzen zu kommen, seit Mai 1938 gab es dann die Möglichkeit, sich um legale Ausreise zu bewerben und Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde anzufordern, etwa 45.000 Fragebögen zur Ausreise wurden abgegeben, und dann hiess es warten.

Inhalt

Viele initiative Menschen wollten sich nicht einfach dem Schicksal ausliefern, man ersann Projekte, wie man auswandern und sich in der Emigration ein neues Leben aufbauen könnte. Viele dieser Projekte haben mit Landwirtschaft zu tun, dies dürfte dem Einfluss des Zionismus geschuldet sein. Doch statt die Alija nach Palästina zu machen, wählte man Ziele, die bessere Bedingungen versprachen als das britische Mandatsgebiet, wo man mit Engländern und Arabern gleich zwei feindlich gesonnenen Gruppen zu widerstehen hatte. Noch dazu war die Emigration nach Palästina nur für junge Menschen günstig, für ein „Kapitalistenzertifikat“ mussten Ältere 1.000 Pfund pro Person hinlegen, ein kleines Vermögen von offiziell 12.180 Reichsmark 1, jedoch ohne Spesen.

 

Unter den Projekten befinden sich einige sehr phantasievolle Konzepte, etwa eine jüdische landwirtschaftliche Siedlung in Kanada, 2 die Gründung einer Wellpappeerzeugung mit angeschlossener Schachtelfabrik in Palästina3 oder die Ansiedlung von 200 jüdischen Familien auf den Philippinen, eingereicht am 30.10.1938 von einem Dr. Lehmann. 4 Das am besten ausformulierte und begründete Projekt war jedoch das einer Fischkonservenfabrik auf Zypern. 5

 

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Symbolfoto aus späterer Zeit: Fotothek_df_roe-neg_0006711_020_Dosenfischprodukte_aus_der_Bundesrepublik_Deutschland,_von_einer_Frau_präsentiert(2)

 

Dr. Karl Norbert Weinig, Wallgasse 39, er firmierte im Lehmann als Privatier,6 schickte am 29. Juni 1938 ein Exposé für die Gründung der Cyprus Fish Tinning Company an die Wiener Kultusgemeinde. 7 Darin beschrieb er das Projekt, welches die Ansiedlung von 50 Familien, insgesamt etwa 140 Personen, auf Zypern ermöglichen sollte. Den Anstoss dazu gab der ehemalige technische Direktor der Nordsee Dampffischerei, Dipl. Ing. Leopold Katzner, der die Konservenfabrik des Konzerns am Nordwestbahnhof leitete. 8 Er war zu jener Zeit bereits in Hamburg und Lübeck, um den Maschinenpark für das Projekt zusammenzustellen. Das Kapital wurde durch Zeichnung von Kleinanteilen aufgebracht. Die Anteilskäufer kamen durchwegs aus Wien, nur ein Linzer Likörfabrikant und einige Niederösterreicher waren dabei.

 

Die meisten Ausreisewilligen hatten damals schon Anträge an die Kultusgemeinde gestellt, was ab Mitte Mai 1938 möglich war. Paul Ratzersdorfer, Wäscheerzeuger und umtriebiger Geschäftsmann mit Büro in der Neutorgasse war einer der Kaufleute des Proponentenkomittees. Seine acht Jahre ältere Gattin Adele, die in der Fünfhauser Diefenbachgasse eine Rosshaarspinnerei betrieb, hatte noch am 12. Juni 1938 geschrieben, dass er mit ihr auswandern „muss“, und zwar nach Palästina, Amerika oder Australien. 9

 

Die Antragsteller waren überwiegend Männer, die mitreisenden Familienmitglieder sind nur mit Ziffern angemerkt. Nur wenige Frauen stellten für sich oder ihre Angehörigen Anträge, so Ella Gerber, Kauffrau aus Gänserndorf, die mit einer zweiten Person auswandern wollte, die alleinstehende Buchhalterin Elsa Pretsch aus der Karl Schweighofer-Gasse am Neubau sowie die Hausfrau Rosa Wantoch aus der Czapkagasse im Dritten Bezirk.

Erwartungsgemäss handelte es sich bei den Anteilszeichnern meist um gehobenes Bürgertum: etliche Kaufleute, Techniker und Bauingenieure, Fabrikanten, einen Arzt und einen Apotheker, einen Volkswirt und zwei Anwälte. Dazu kamen viele Vertreter, einige Handelsangestellte, eine Buchhalterin, ein Tapezierer, ein Elektriker, ein Mechaniker, ein Installateur, ein Schlosser sowie zwei Beamte und einige Angestellte. Auffallend ist der hohe Akademikeranteil, sieben Doktoren, ein Magister sowie einige Diplomingenieure meldeten sich für das Projekt. Doch auch mittellose Menschen waren dabei, ihnen sollten die wohlhabenden die Überfahrt bezahlen.

 

Das Projekt dürfte grossen Anklang beim Publikum gefunden haben, denn kurze Zeit später 10 wurde bereits eine zweite Liste geschickt, wo weitere Anteilszeichner und „Professionisten“ genannt werden, insgesamt 66 Familien. Doch einige zogen es vor, dem Projekt den Rücken zu kehren, wie der Journalist Dr. Hans Wantoch oder Dr. Ernst Siegel, Angestellter, wohnhaft in der Otto Bauer-Gasse 7.

 

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Werbeseite von Leopold Katzner aus dem Antrag, Archiv Wiesenthal Institut 2492, 9,6.

 

Der Plan sah vor, dass Kapital in unbegrenzter Höhe durch Anteilszeichnung aufgebracht werden sollte, pro 5.000 Pfund (über 60.000 Reichsmark) erhielt man einen Sitz im „Board“ der Aktiengesellschaft, pro Familie wurde ein Mitglied angestellt, dazu sollten 150 „eingeborene Cyprioten“ eine Anstellung erhalten. Geplant war die Produktion von 1.500 Tonnen Konserven jährlich. Aus welchem Grund auch immer wurde die Fabrikation von koscheren Fischkonserven überhaupt nicht erwogen, man bevorzugte Sardinen statt gefilte Fisch.

 

Ähnlich wie bei heutigen Anlageprojekten wurde blumig für die geplante Konservenindustrie geworben, auch die heute übliche Milchmädchenrechnung fehlte nicht, die grosse Gewinne versprach. Gepriesen wurden die Vorteile der Lage Zyperns mit reichen Fischgründen, billigen Rohstoffpreisen, billigen Arbeitskräften, Steuerfreiheit und einem grossen Absatzgebiet in den umgebenden Ländern. Dabei hatte man vor allem Palästina im Visier, wo damals 400.000 Juden lebten, denen man „Fischessen nicht erst beibringen“ müsste. Kompetenz und Seriosität der Proponenten wurden durch umfangreiche Referenzen dokumentiert, ebenso die Sinnhaftigkeit der Ausreisebemühungen, da die 50 Familien das „Heer der Hilfsbedürftigen“ in Wien vermehren würden.

 

Woran oder an wem das Projekt scheiterte, ist unklar. Auf das zweite Schreiben notierte jemand von der IKG „Abwarten!“, es ist keine Antwort von Amtsdirektor Dr. Löwenherz auf die Briefe der Projektbetreiber erhalten. Scheiterte es, wie so oft, an der finanziellen Unterstützung der mittellosen Familien? Oder an den britischen Einreisebeschränkungen? An der Ausfuhr des Maschinenparks? An der chronischen Devisenknappheit des Nazireiches? Am Palästinaamt der IKG?

 

Ob tatsächlich, wie geplant, eine „Pioniergruppe“ von zehn bis zwölf Familien nach Zypern abreiste, ist ungewiss. Leopold Katzner, der Fischkonserven-Fachmann, war jedenfalls nicht dabei, er emigrierte in die U.S.A. 11 Aus dem Rechenschaftsbericht der IKG für das Jahr 1938 geht hervor, dass 177 österreichische Juden nach Zypern ausreisten, davon 86 mit Unterstützung. Die 800 Pfund entsprechen den Einreisekosten für 40 Personen, die restliche Unterstützung wurde in Dollar, vermutlich für Schiffskarten ausgezahlt. 12

 

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Produktion bei Delamaris 1941, https://www.delamaris.at/lebensstil/wir-sind-stolz-auf-die-reiche-geschichte-unserer-fischkonserven/

 

Von den auf den zwei Listen genannten Personen hat der allergrösste Teil die Zeit des Nationalsozialismus überlebt. Bei manchen ist das Schicksal ungewiss, weil auf den Listen die Geburtsdaten fehlen und so eine Identifizierung unmöglich ist. Unter den Opfern befand sich der Fleischhauer Albert Eisinger, VI., Schmalzhofgasse 1, geboren 1871, er wurde am 28.11.1941 nach Minsk deportiert. Die Familie Feldsberg, Alfred, Mathilde und Jakob, aus Herrnbaumgarten starb im Ghetto Lodz, in das sie am 15.10.1941 deportiert wurde, die Antragstellerin Emilie Feldsberg, Private, scheint in keiner Liste auf. Der Kaufmann Erwin Braun, IV., Paulanergasse 9 wurde am 19.02.1941 nach Kielce deportiert, Oskar Kühne, Fabrikant, Venedigerau 4, mit seiner Ehefrau Ernestine nach Wlodawa. Der einzige Akademiker unter den Opfern war Dr. Heinrich Brockhausen, (*25.01.1881) aus Wiener Neustadt, er wurde am 6. Februar 1942 nach Riga deportiert, bei weiteren neun Anteilszeichnern ist das Schicksal ungewiss. In jedem Fall hat ein hoher Prozentsatz der ausreisewilligen Familien überlebt, wenn nicht auf Zypern, dann anderswo.

 

Ob die Cyprus Fish Tinning Company ein grosser finanzieller Erfolg geworden wäre, ist nicht abzuschätzen. Jedenfalls versuchte die britische Mandatsherrschaft auf der wirtschaftlich rückständigen Insel eine Agrarindustrie zu etablieren. 13 Aber es hätte übermächtige Konkurrenz gegeben: Schon fast 60 Jahre früher war ein Franzose auf dieselbe Idee gekommen. Die heute noch bestehende Konservenfabrik Delamaris befüllt bereits seit 1881 auf Zypern Dosen mit Fisch. 14

 

Anmerkungen

1 https://www.preussischer-kulturbesitz.de/fileadmin/user_upload_SPK/documents/mediathek/schwerpunkte/provenienz_eigentum/rp/151005_SV-Web_AnlageII_Waehrungstabellen.pdf abgerufen 26.02.2026.

2 Archiv WIHF (Wiesenthal Institut für Holocaustforschung ) 2492,4.

3 Archiv WIHF 2492,6.

4 Archiv WIHF 2492,7.

5 Archiv WIHF 2492,9.

6 https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/pageview/269317 abgerufen 13.01.2026.

7 Archiv WIHFA/W 2492,9.

8 https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/pageview/268472 abgerufen 13.01.2026.

9 Fragebogen zur Auswanderung 28891 WIHF Archiv.

10 Die Listen sind nicht datiert, die zweite befindet sich im Akt weiter hinten.

11 https://gedenkbuch.univie.ac.at/page/67/person/irene-katzner-butterfass Tochter Irene Katzner, abgerufen 15.01.2026.

12 Archiv IKG A/VIE/IKG/IIAD/3/3.

13 Constantinou, Stalo: Rural Cyprus, 1920-1940: Two factories, Two stories to tell. Cyprus Review

https://cyprusreview.org › article › download.pdf (2020)

14 https://www.delamaris.eu/history/#:~:text=Ampelea%20modernized%20its%20factory%20with,it%20into%20the%20Third%20Reich abgerufen 13.01.2026.

 

Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung M. Bittner.