
Hermann David Karplus: Der Leopoldstädter Tempel. Eine Dokumentation.
Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2025.
661 Seiten, Euro 49,00.-
ISBN 978-3-7001-8634-2
https://buchhandel.de/buch/Der-Leopoldstaedter-Tempel-9783700193449
Hermann David Karplus (1945 – 2015) stammt aus einer bedeutenden österreichischen jüdischen Familie. Er erfuhr erst im Alter von 17 Jahren von seiner jüdischen Herkunft. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete er als Ministerialrat im Wirtschaftsministerium. Nach seinem ersten schweren Herzinfarkt begann er mit der Arbeit an einer Studie über den Leopoldstädter Tempel, für die er in den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem und in Wiener Archiven recherchierte. Karplus Witwe Dalia Karplus-Feuchtwanger beschreibt das Buch im Nachwort daher auch als „Ergebnis eines Heilungsprozesses“.
Die Drucklegung erfolgte mithilfe des von Friedrich Schönbichler mitbegründeten „Vereins zur Erinnerung an Dr. Hermann Karplus durch Veröffentlichung seines Buches über den Leopoldstädter Tempel in der Tempelgasse in Wien“. Das Buch ist eine Chronik und Quellenedition über die erste freistehende Wiener Synagoge in der Tempelgasse im Zweiten Bezirk. Sie wurde von 1854 bis 1858 von dem Architekten Ludwig von Förster errichtet und enthielt 3.740 Sitz- und Stehplätze. Der Kauf des Grundstücks von Raphael Foges wurde von seiten der Kultusgemeinde von Leopold von Wertheimstein und Heinrich Sichrowsky abgewickelt.
Karplus publizierte auch das Manuskript des Archivars der Kultusgemeinde Sigmund Husserl, das er für eine Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des Tempels, die vom Kultusvorstand abgelehnt wurde, geschrieben hatte. Die Diskussionen im Kultusvorstand, die Stellungnahmen der Funktionäre und die Berichte in den jüdischen Zeitungen vermitteln ein lebendiges Bild von den damaligen religiösen und liturgischen Bedürfnissen und Belangen. Der Ritus war der Wiener Minhag des Stadttempels, aber mehrmals, zuletzt 1919, wurde auch über die Einführung der Orgel debattiert.
Diese Diskussionen können auch als Quellen für die Geschichte der Orthodoxie gelesen werden. So publizierte Karplus aus den Protokollen des Kultusvorstands der Zwischenkriegszeit eine lange Rede von Wolf Pappenheim, der prägenden Persönlichkeit der Wiener Aguda. Einen eigenen Abschnitt widmete er auch dem Projekt eines Tempelbaus am Rudolfsplatz. 1898 wurde der Tempel von Wilhelm Stiassny renoviert; die Zahl der Betplätze wurde reduziert. 1917 brannte der Innenraum des Tempels nach einem Soldateng'ttesdienst aus. Ob die Ursache eine weggeworfene Zigarette oder ein Kurzschluss war, konnte nicht geklärt werden. Bis zur Wiederherstellung 1921 betete die Gemeinde im Türkischen Tempel in der Zirkusgasse. Die Mängel der Akustik konnten erst 1933 mit dem Einbau einer Lautsprecheranlage beseitigt werden.
Der letzte Teil des Buches widmet sich den Biografien der Rabbiner, Kantoren und Chordirigenten. Leider konnte Karplus diesen Teil nicht mehr vollenden, viele Details dieses Abschnitts bleiben weiteren Forschungen vorbehalten. Der Schlusstein des Tempels, den Ludwig August Frankl, der Sekretär der Kultusgemeinde, aus Jerusalem mitbrachte, wurde nach der Demolierung der Ruine, die nach der Brandlegung im Novemberpogrom bis 1951 bestehenblieb, geborgen. Er kam in ein Büro der Kultusgemeinde, wurde aber laut Karplus nicht mehr wiedergefunden.
Mit Ausnahme des Stadttempels ist das Buch die erste Monografie über eine Wiener Synagoge. Es ist ein wichtiges historisches Werk, aber ob es seine Leser unter den Mitgliedern der heutigen Kultusgemeinde finden wird, ist zu bezweifeln.
Evelyn Adunka