Ausgabe

Armin Berg s.A. zum 70. Todestag

Michael Bittner

Sie kennen die Situation: sie gehen mit ihrem besten Mantel der Marke B., sagen wir ins Café oder zu einem Zahnarzt, hängen ihn auf den Kleiderständer, verbringen die öde Wartezeit mit Lesen und plötzlich: ein Fremder nimmt ihren Mantel und will damit flüchten. Sofort schiesst mir die Zeile ein: „Geh ich weg von dem Fleck ist der Überzieher weg.“

Inhalt

Armin Berg ist schon 70 Jahre tot, sein Witz hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst, er bleibt ein zeitloser Fixstern des Humors Wienerischer Prägung. Vielleicht führen die neuen Forschungen zu einer Renaissance des Meisters, immerhin gibt es in Wien seit 2003 eine Armin-Berg-Gesellschaft. 2 Hermann Weinberger, alias Armin Berg, war ein echter Wiener aus Hussowitz bei Brünn, geboren am 9. Mai 1883. In Wien wohnte er zunächst in der Stadtgutgasse 11, im Juli 1910 zog er in die Rotensterngasse 14, da war schon Susanne, seine lebenslange Begleiterin, dabei. Sie war konfessionslos, daher verweigerte ein Rabbiner 1907 die Trauung in der Synagoge. Dann wohnte Berg fünfzehn Jahre in der Ausstellungsstrasse 1, doch 1929 verliess er die Mazzesinsel und logierte bis zum 3. Mai 1938 in der Inneren Stadt, Wipplingerstrasse 32.

 

Bergs künstlerische Laufbahn hatte bescheiden begonnen, in einem Praterlokal, doch entdeckte ihn 1908 der führende Komiker der Budapester Orpheumsgesellschaft, Heinrich Eisenbach, dies bedeutete einen ersten Karriereschritt. Während Karl Kraus die Bühne hymnisch lobte und künstlerisch über das Burgtheater stellte, kritisierten andere vor allem den jüdischen Jargon der Schauspieler, den sie in einer Zeit des Antisemitismus (Lueger amtierte damals) für gefährlich hielten. 3 Kennzeichnend für den jüdischen Humor waren die Selbstpersiflage und Selbstkritik der jüdischen Komiker, da gehörte das Jiddeln dazu.

Bergs Witze sind häufig sexuell konnotiert, Sigmund Freud nannte solches „Zoten“, viele wurden von der Zensur „übersehen“ und vom Publikum freudig angenommen. In der heutigen moralinsauren Zeit würde Berg von Feministinnen und anderen humorlosen Menschen verfolgt werden. Wir sehen auch an der Abbildung der Filmszene, wie er den Toches der Köchin bearbeitet, heute wird das anders gemacht, wie wir aus den Prozessen um die „Alma“-Aufführung am Semmering wissen.

 

Nach Kriegsende spielte Berg in seinem eigenen Lokal Mascotte in der Tegethoffstrasse 1 sowie an mehreren Varietés und Kleinkunstbühnen, wie Ronacher, Max und Moritz, Simpl und am Theater der Komiker. Sein Witz wurde mit der Zeit gesitteter, für seine Pointen benutzte er Vorlagen, er übernahm Texte von anderen Schreibern. 4 Armin Berg war auch ein politischer Kabarettist, schon im Ersten Weltkrieg äusserte er sich zum Weltgeschehen, in der Zwischenkriegszeit thematisierte er die um sich greifende Armut. Seine Prominenz führte dazu, dass er mehrfach in den Tiraden des NS-Hetzblattes Stürmer vorkommt, das ihn „jenen unerträglichen Quälgeistern“ zurechnet, „für deren Austreibung wir begeistert sorgen werden. 5

Im September 1937 eröffnete er in der Dorotheergasse 7 seine Armin Berg-Bar, die grossen Erfolg hatte. Doch mit dem März 1938 war alles vorbei. Sein letzter Meldezettel in Wien trägt den Vermerk „abgemeldet nach Prag“. In Wien kursierte im Juni 1938 das Gerücht, er sei verstorben, wie wir aus einem Brief von Gisela Bauer an ihren Bruder Hugo Wiener wissen.6 Weg aus Wien war er schon, tot g’ttlob nicht. Quicklebendig in New York angekommen, wurde Berg amerikanischer Staatsbürger, kehrte aber erst 1949 für eine „Probezeit“ nach Wien zurück, endgültig dann 1954, er verlebte seine zwei letzten Jahre in Wien und starb am 23.November 1956.7,8

 

Berg war nicht Fritz Grünbaum 9, nicht Karl Farkas, nicht Hermann Leopoldi und nicht Peter Hammerschlag. Er war wie diese ein Fixstern am Kabaretthimmel, eine starke Persönlichkeit. Er verkörperte den fröhlichen, aber listigen Phäaken, der in seiner Lieblingsstadt Wien das Leben geniesst: „Ich war solang ich lebe noch nie im Opernhaus, fürs Burgtheater gebe ich auch kein‘n Groschen aus“, dichtete er in seiner Neufassung von „Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt“ von Friedrich Hollaender, das er zur Anti-Liebeslust-Ballade umschrieb. Die Geliebte zahlt am Schluss die Zeche selbst. Bis heute finden sich Tonträger und Interneteinträge mit den Liedern Bergs, wie „Der Zwillingsbruder“, „Meine Tante, die Frau Blau“, „Was braucht der Wiener, um glücklich zu sein“, „Mir ist schon alles ganz egal“ und der absolute Klassiker, „Der Überzieher“. Jedoch ist dieser keine Originalerfindung Bergs, sondern eine Coverversion nach dem deutschen Sänger Otto Reutter (1870-1931), der auch der Autor von „Der gewissenhafte Maurer“ und „Nehmen’s an Alten“ war, Nummern, die Berg in Wien zu Erfolgen machte. Die gewienerten Texte stammten vom gefragten Schriftsteller Louis Taufstein, der 1942 in Theresienstadt ums Leben kam.

 

Bergs charakteristische Stimme und seine Vortragskunst machen diese Tonstücke einzigartig. Leider sind aus seinem Schaffen keine Filmaufnahmen erhalten, die uns einen Eindruck von der Körpersprache des Sängers und Kabarettisten geben könnten. Dafür spielte er im prophetischen Stummfilm von Hans Karl Breslauer von 1924 eine Nebenrolle, Isidor, den Geliebten der Köchin des Ober-Antisemiten, der mehr als an ihr am Essen interessiert ist.10 Er tritt im Film in seiner typischen Bühnenkleidung auf, zu enger Anzug und zu kleiner Hut.

Anton Kuh schrieb über einen Auftritt mit den „Neuen Trommelversen“: „Der Rock kurz, die Beinkleider eng wie ein Trikot, ein zu kleines Hütel auf dem Kopf, das obligate, purzelbaumschlagende Stöckchen in der Hand. Der Vortrag war ein phonetisches Abbild dieser Kleidung – ein tonloses, kurzatmiges Herauslassen der Worte in unendlichem Reimgeleier.“ 11

 

So bleibt sein Bild für uns ein statisches, aus Fotografien und Tondokumenten zusammencollagiertes, das uns den rundlichen Paradekomiker nur andeutungsweise zeigt. Vielleicht taucht in einem Filmarchiv ein Streifen aus der Vorkriegszeit auf, der uns ein lebendiges Bild von Armin Berg vermittelt, bis jetzt leider noch nicht. Ein letzter grosser Auftritt der jüdischen Komiker Wiens fand am 8. Jänner 1938 im Konzerthaus statt. Bei der Grossen Non Stop Komiker Revue 12  traten neben Berg Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Hermann Leopoldi, das „Heitere Quartett des jüdischen Gesangsvereins“ und neben weiteren Kleinkünstlern Josef Baar auf. Letzterer sollte wenig später als Kabarettist im Konzentrationslager spielen müssen.13

 

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Die drei erhaltenen Filmszenen aus „Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Bresslauer nach dem Roman von Hugo Bettauer, Österreich 1924. Herzlichen Dank an das Filmarchiv Austria, Kristina Höch, BA.MA.

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Meistens sind Komiker privat traurige Menschen, oft „zwider wie Hans Moser, Berg hätte allen Grund dazu gehabt. In der Emigration musste er sich mit dem Verkauf von Papierwaren durchschlagen und hatte nur wenige Auftritte in einem Emigranten-Kabarett in New York, wo er wieder auf Karl Farkas traf. Im Jahr 1949 kehrte er nach Wien zurück, jedoch konnte er an seine Vorkriegserfolge nicht anschliessen. Farkas holte Hugo Wiener ans Simpl, Gerhard Bronner und Georg Kreisler kamen aus der Emigration zurück und liefen dem Altmeister den Rang ab. Berg musste 1951 aus Geldmangel Österreich wieder verlassen und noch ein Jahr in den U.S.A. verbringen, bevor er nach Wien zurückkehren konnte.14 

 

Er war ein Possenreisser von klassischem Gepräge, ein ‚Pojazzer‘ so alten (und ehrwürdigen) Stils, dass man statt ‚alt‘ auch ‚zeitlos‘ sagen könnte“15,

schrieb Friedrich Torberg in seinem Nachruf. Dem kann man auch heute noch vorbehaltlos beipflichten.

 

Anmerkungen

1 Wieso 70. Todestag? Zum 100. zittere ich schon zu stark. Also muss es der 70. sein!

2 https://www.iemj.org/de/les-publications-de-la-societe-armin-berg/ abgerufen 07.11.2025.

3 https://phaidra.univie.ac.at/detail/o:1249350 S. 8f.

4 https://phaidra.univie.ac.at/detail/o:1249350 S. 18ff.

5 Der Stürmer 03.ss03.1934, https://phaidra.univie.ac.at/detail/o:1249350 S. 65.

6 Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Hugo Wiener, ZPH 1764/36 2.1.1.2. vom 28.06.1938.

7 Nach den Meldeunterlagen im Wiener Stadt- und Landesrchiv 2.5.1.4.K11.Berg Armin.9.5.1883.

8 Daten nach https://phaidra.univie.ac.at/detail/o:1249350 Diplomarbeit Simon Usaty, Universität Wien abgerufen 07.11.2025.

9 Obwohl das „Österreichische Kabarettarchiv“ seinen Artikel über Fritz Grünbaum mit einem Foto von Armin Berg schmückt, siehe https://www.kabarettarchiv.at/Biografie-Fritz-Gruenbaum abgerufen 02.11.2025.

10 https://vimeo.com/291470513/19bc13948a# abgerufen 07.11.2025.

11 https://www.kabarettarchiv.at/Biografie-Armin-Berg abgerufen 31.10.2025.

12 https://konzerthaus.at/de/programm-und-karten/groe-non-stop-komiker-revue/48139 abgerufen 07.11.2025.

13 https://taz.de/Ein-bitterer-Akzent/!1734663/ abgerufen 07.11.2025.

14 https://phaidra.univie.ac.at/detail/o:1249350 abgerufen 07.11.2025.

15 Friedrich Torberg: Die Erben der Tante Jolesch, Anhang: Nachrufe (München 2008), S- 626f, zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Armin_Berg abgerufen 02.11.2025.