Ausgabe

Thomas Frankl lebte sehr gerne

Kerstin Kellermann

Der kleine Mann mit dem schwarzen Hut ist tot. Ein Nachruf auf Thomas Frankl, der uns am 11. März alleine gelassen hat.

Inhalt

Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde der Vater zur Hauptperson in Thomas Frankls Leben:

„Simon Wiesenthal zeichnete auch, aber es gibt nur wenige Überlebende, die so ein Konvolut an Werken erschufen. Vater hatte doch Kunst studiert und kam als Erwachsener nach Au­schwitz. Mit 41 Jahren wurde er deportiert. Auschwitz vernichtete bei den meisten Überlebenden die Kreativität, deswegen sind Vatis Bilder so ein Wunder.

 

frankl-thomas---copyright-peter-paul-wiplinger-6.jpg

Thomas Frankl vor einem der Bilder seines Vaters Adolf Frankl. Foto: Peter Paul Wiplinger, mit freundlicher Genehmigung.

 

Thomas Frankl stellte ab dem Jahre 2006 in seiner Galerie ArtForum am Wiener Judenplatz die Bilder seines Vaters Adolf Frankl aus und unterhielt seine oft internationalen Gäste mit einer Art niederschwelligem Zugang zu den Schrecken des Holocaust. Er versuchte auf seine Weise, es ihnen leichter zu machen. Der kleine Mann, immer mit dem schwarzen Hut seines Vaters auf dem Kopf, leistete auf diese Weise einen riesigen, unverzichtbaren Beitrag zum Umgang mit dem Abgrund, den man immer wieder umkreisen muss, in den man aber nie hineinfallen darf. Thomas Frankl lebte sehr gerne und das merkte man auch. Immer mit einem Scherzchen auf den Lippen, oft von einem fröhlichen Kinderlachen begleitet, ging er auf alle Menschen zu – ausser, die Weltlage erlaubte es nicht, dann konnte er ganz niedergeschlagen sein. Niedergedrückt vom Weltgeschehen. Er nahm es schrecklich persönlich, dass es trotz des Holocaust und der Nazi-Herrschaft weiterhin Krieg, Tod und Gewalt gab.

 

adolffranklfisch.jpg​​​​​​​

Fisch. Das Bild soll Glück bringen.

 

Rettungsring Mensch

Thomas Frankl war auf Menschen hin orientiert, ohne sie konnte er nicht leben. Er klammerte sich an andere, brauchte das Gegenüber so dringend wie das Luftholen – suchte sozusagen nonstop die Bestätigung seines Überlebens. Ein „altes Kind“, das dem Holocaust entkommen war, durch eine List seiner Mutter. Er verstand es, sich zu amüsieren, zog gerne Leute auf, überraschte sie mit seltsamen Bemerkungen. Grosses Gelächter seinerseits. Dazu brauchte er andere Menschen – sie waren seine existentielle Nabelschnur. So wie Otto Schenk beleidigt war, wenn Kinder und Hunde nicht auf ihn reagierten, so war Thomas Frankl gekränkt, wenn seine Kommunikationsversuche nicht ankamen. Rettungsring Mensch. „Ingelein, sei nicht böse“ rief er immer wieder seine Frau an, mit der er sechzig Jahre lang verheiratet war. „Ich denke, ich bin nicht normal, aber ich bin darüber nicht traurig“, resümierte er einmal in einem riesigen Lehnstuhl sitzend. „Ich verstehe mich manchmal selber nicht.“ Mit seinen langen, nach hinten gestrichenen Haaren und dem hageren Gesicht sah er wie ein Künstler aus. Naturphänomen Mensch. So spannend!

 

img_4050.jpeg​​​​​​​

Zeichnung von Thomas Frankl. Zoltan Galos, mit freundlicher Genehmigung.

 

Thomas Frankl besass, bedingt durch sein Schicksal, verschiedene „innere Figuren“, die sich aber gegenseitig kannten. Er hatte „Durchlässigkeit“, wie sich das in der Extrem-Traumata-Therapie nennt. Das äusserte sich auch in seinen zeitweise vier Email-Adressen. Mal bekam man ein Kindermail von „Tommy“ inklusive Rechtschreibfehlern, dann wieder ein höfliches Anschreiben von Professor Frankl. Thomas Frankl, der Mann, wusste aber, wenn er sich wie ein Kind benahm und konnte sehr gut mit anderen „alten Kindern“ – Menschen, die durch lebensbedrohliche Extrem-Traumata zu einem gewissen Persönlichkeitsanteil auf Kinders-Altersstufen stecken geblieben waren.

 

Shalom, Tommy

„Meine Ururgrosseltern flüchteten aus Toledo in Spanien – vor der Inquisition. Bei der Inquisition wurden viele Menschen verbrannt. Meine Ururgrosseltern flohen über Mallorca nach Istanbul, damals herrschte der Sultan Bayezit II., dem wir sehr dankbar sind, dass er Juden dort leben liess. Deswegen besass meine Mutter irgendwie einen türkischen Geburtsschein.“ Bei einem Ausflug im Rollstuhl wurde Thomas Frankl mehrfach auf der Strasse erkannt und freudig begrüsst. „Wenn ich über etwas spreche, dann sehe ich es vor mir“, sagt er. „Heute Nacht habe ich geträumt, dass mir der Zahn gezogen worden sei. Vorher hatte ich Augenschmerzen.“ In der nächsten Nacht träumt er, dass er aus dem Zug aussteigen musste und seine Reise zu Fuss fortsetzen. Das Telefon läutet, heute zum fünften Mal. „Ich geniere mich nicht anzurufen“, heisst es auf meinem Anrufbeantworter. „Es ist seltsam, ich kann nicht weinen. Shalom, Tommy.“ Über dem Café Hawelka lebte die Flüchtlingsfamilie Frankl jahrelang, nachdem sie aus dem Flüchtlingslager im Rothschild-Spital in Wien Währing ausziehen durfte.

 

20240609_1531141.jpg​​​​​​​

Inge und Thomas Frankl. Foto: privat.

 

„Der Hawelka hat uns oft umsonst essen lassen. Vater sass da und rauchte und zeichnete. Er nahm das als Pflicht, über den Holocaust zu berichten, weil er das mit seinen Zeichnungen auch konnte. Es liess ihn nicht los. Von der Befreiung bis zu seinem Tod im Jahre 1983 litt er unter ständigen Angstzuständen.“

 

Der tapfere Sohn ist nun ebenfalls gestorben, sein Lebenslicht ist verlöscht. Wer wird sich nun um die Bilder, das Werk seines Vaters kümmern? Wer wird Thomas selbst ein Denkmal setzen? Für seine Liebe zu und seine Neugier auf Menschen, trotz allem Furchtbaren, das ihm und seiner Familie widerfahren war.

 

dastorahfreudenfestfrankl.jpg​​​​​​​

Das Torah-Freudenfest.

 

Alle Abbildungen: Nachlass Thomas Frankl, mit freundlicher Genehmigung K. Kellermann.