Anne-Sophie Bertrand: Amalie‘s Cosmos.
CD PTC5187497, Pentatone März 2026.
14 Titel, Gesamtspieldauer 1 Std. 18 Min., Euro 18,00.- (CD)
UOC/EAN 8717306264976
Wenn wir uns heute in Wien „in die Harpfen hauen“, so meinen wir, dass wir uns ins Bett legen. Der Dialekt-Ausdruck bezieht sich auf die Form der Biedermeier-Betten von vor 200 Jahren, deren geschnitzte Holzteile dem edlen Instrument ähnelten. In Amalie Beers Welt (Berlin 1767–1854) erklang die exquisiteste Musik der Zeit, ihr Salon war der Treffpunkt von Musikern, Prinzen, Wissenschaftlern und Literaten, ein Ort der Sinnenfreude und des geistigen Austausches. Die Komponisten Muzio Clementi, Johann Ladislaus Dussek, Johann Nepomuk Hummel, Franz Liszt, Ignaz Moscheles, Niccolò Paganini, Louis Spohr, Carl Maria von Weber, die Familie Mendelssohn sowie Beers eigener Sohn Giacomo Meyerbeer spielten hier ihre Musik. Die preussischen Prinzen Friedrich Wilhelm, später IV. und sein Bruder Wilhelm, der spätere deutsche Kaiser waren mit ihr befreundet, neben vielen anderen nahmen auch Alexander von Humboldt, August Wilhelm Iffland, Gottfried Schadow und vielleicht auch Georg Friedrich Wilhelm Hegel, ebenso ihre Konkurrentinnen Rahel Varnhagen und Hedwig von Olfers an Beers Soiréen teil.

Amalie Beer, um 1803,von Johann Karl Heinrich Kretschmar (1769–1847). Eigenes Werk, anagoria, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24881677
Amalie Beer war in etwa das, was Fanny von Arnstein damals für Wien war, ein gesellschaftliches und geistiges Zentrum ihrer Zeit. Sie blieb – im Gegensatz zu den Mendelssohns – dem jüdischen Glauben lebenslang treu. Für sie wurde der „Louisenorden“, mit dem nur ganz wenige Bürgerliche ausgezeichnet wurden, neugestaltet, das Kreuz wurde entfernt. Ihr Salon befand sich in der Spandauer Strasse 72, einer Adresse, die sich im Zentrum der aufgeklärten Judengemeinde jener Zeit befand. Sie starb mit fast 90 Jahren und wurde am Schönhauser Friedhof in Berlin bestattet, ihr berühmter ältester Sohn, der Komponist Giacomo Meyerbeer, ruht neben ihr.
Amalies Klangwelt wieder zu beleben, war das Ziel der französischen Harfenistin Anne-Sophie Bertrand. Die gebürtige Pariserin aus russisch-jüdisch-amerikanischer Familie ist Harfenistin im Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks und weltweit gefragte Solistin. Sie arrangierte Kompositionen von Musikern wie Paganini, Spohr, Weber, Michail Glinka und Fanny Mendelssohn für Harfe solo, ein interessantes Unterfangen. Sie verleiht ihrem Instrument Klangfarben, die manchmal an ein Spinett, manchmal an Gitarrenklänge, manchmal sogar an das Hammerklavier erinnern. An einigen Stellen des Notturnos g-Moll von Felix Mendelssohns Schwester meint man, dass Fanny höchstselbst am Flügel sitze. Ebenso frappierend klingen die hohen Töne in Franz Liszts Le Rossignol, besonders zu Beginn und in den Verzierungen vermeint man, ein Klavier zu hören, der Piano-Klang geht in den Tiefen der Läufe in Gitarrenklänge über. Was Paganini, der „Teufelsgeiger“, zur Interpretation seines 9. Capriccios gesagt hätte, ist nicht zu ergründen: die Arpeggio-Stellen des Werkes finde ich sehr gelungen, doch kann eine Violine besser Süssholz raspeln als die Harfe. Wie wäre es übrigens mit einer „Verharfung“ der Pizzicato-Polka von Johann Strauss? Jedenfalls ist diese Musik wunderbar dafür geeignet, sich in eine romantische Stimmung zu bringen; Romantik war ja die Epoche der Amalie Beer.
Ihr Sohn Giacomo Meyerbeer, modischer Opernkomponist seiner Zeit, ist mit einer Bearbeitung der berühmten Arie Nobles seigneurs, salut! aus den Hugenotten vertreten, ebenso wie Carl Maria von Weber, einer der Habitués ihres Salons. Sein Orchesterstück Aufforderung“ zum Tanze, op. 10 klingt, ebenso wie die Opernarie, frischer und moderner als in der traditionellen Instrumentierung.
Das gilt auch für Michail Glinkas Lerche, das Lied Nummer zehn aus dem Zyklus Abschied von Sankt Petersburg: die Vogelstimme lässt sich auf der Harfe schön imitieren, so wie bei der Konzertetüde Nr. 3 von Franz Liszt – hier kann man den titelgebenden „sospiro“, den Seufzer des unglücklich verliebten Romantikers hören.
Im Programm findet sich eine Originalkomposition für Harfe, die Fantasie in c-Moll op. 35 von Louis Spohr, einem der eifrigen Besucher des Beer-Salons. Bertrands Interpretation wirkt al tempo giusto, nicht gehetzt, dennoch absolviert sie das Stück in „Bestzeit“ von knapp über acht Minuten, während andere Harfenistinnen fast zehn Minuten dafür brauchen.

Anne-Sophie Bertrand, Astrid Ackermann, via Astrid Brauer-PR, Hannover, mit freundlicher Genehmigung.
Auch Stücke von späteren Komponisten wie Claude Debussy, Alfred Zabel und Nimrod Borenstein, einem 1970 geborenen Zeitgenossen, sind in der Kompilation enthalten. In Borensteins Capriccio vermeint man Motive von Bach herauszuhören, trotz zuweilen schräger Tonalität fällt es nicht aus dem Klangbild des Konzertprogramms. Zabels Fantaisie, op. 12 ist eine Bearbeitung von Motiven aus Charles Gounods Oper Faust für Harfe, ein effektvolles, romantisches Virtuosenstück.
Die Darbietung endet mit drei Estampes von Claude Debussy, geboren lange Jahre nach Amalies Tod, ihre Exotik und erzählerische Melodik waren dem Publikum der Berliner Salonnière sicherlich fremd. Doch Bertrand ist eine französische Künstlerin, also muss ein französischer Komponist am Programm stehen und natürlich Musik von Frauen, die von Männern stets ignoriert wurde. Neben Fanny Hensels wunderbarem Notturno ist es ein Klavierstück von Pauline Viardot (1821–1910), Sérénade. Es klingt so spanisch wie ihr Geburtsname Garcia, in der Interpretation mit dem an Gitarrenklänge erinnernden Harfenspiel kommt dies noch stärker zur Geltung als auf dem Pianoforte.
Anne-Sophie Bertrand ist ein Album des Wohlklangs gelungen, das in die Welt der Salons des 19. Jahrhunderts entführt und uns in die Moderne weiterleitet. Un chef-d’oeuvre!
Michael Bittner