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Befreiung durch Erschütterung

Kerstin KELLERMANN

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Dem „Mord als Weltanschauung", dem „Mord als Verhaltensform" setzte Imre Kertész das Leben entgegen. Über das grossartige literarische Vermächtnis des ungarischen Schriftstellers, der am 31. März 2016 in Budapest verstarb.

Als Imre Kertész erstmals den Ausdruck „Auschwitz-Lüge" hörte, dachte er mit seinem schlechten Deutsch, die Neonazis leugneten, dass sie wieder so etwas Ähnliches wie eine Wiederholung der Methoden von Auschwitz und die Praxis des Völkermordes planen würden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie Auschwitz als Ganzes leugnen würden. Kertész war „über alle Massen erstaunt. Aber womit, dachte ich, wollen sie denn in den Augen ihrer Anhänger dann verführerisch erscheinen?". Denn Auschwitz war ja für das Naziregime „in der Negativität auch das einzige bleibende Werk", „das grosse Geheimnis, der furchtbare Schatten der Lichter von Nürnberg", „die Krönung der nationalsozialistischen Gegenkultur, die grosse Bezeugung", schreibt Kertész in seinem Essay Das glücklose Jahrhundert

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Mit freundlicher Genehmigung: Rowohlt Verlag, Presse und Bildarchiv.

Mit dem jüdisch-ungarischen Schriftsteller Imre Kertész ist nun ein KZ-Überlebender gestorben, der seine eigenen Erfahrungen immer wieder hinterfragte, in verschiedenen literarischen Ansätzen und Figuren zu fassen versuchte und trotzdem nicht in Todesstrudel und Todessehnsucht geriet, wie zum Beispiel Primo Levi, der ähnlich spannend  literarisch schrieb, sich aber umbrachte, als er der Pflege seiner Mutter nicht mehr gewachsen war.

Dem „Mord als Weltanschauung", dem „Mord als Verhaltensform" setzt Kertész das Leben entgegen: Wie Sisyphos sei der Mensch „dem Tod von der Schippe gesprungen und hat sich an dem ergötzt, was ihm zu zerstören auferlegt ist: am Leben".  Obwohl durch das Werk der Nazis doch eigentlich eine „jugendliche Phase" der Menschheit beendet worden sei: „Das Staunen des Menschen über die Schöpfung, seine andächtige Verwunderung darüber, dass vergängliche Materie - der menschliche Körper - lebt und eine Seele besitzt, seine Verwunderung über das Bestehen der Welt sind vergangen und damit eigentlich die Ehrfurcht vor dem Leben, die Andacht, die Freude, die Liebe."

Ärger über Auschwitz und seinen Computer

Interessant ist, dass Imre Kertész schöpferisch-hoffnungsfroher und viel positiver schreibt, als Hannah Arendt, die ja nicht im KZ war, sondern als junge Frau 1933 durch die Gestapo verhaftet wurde und nach Paris bzw. 1941 nach New York fliehen konnte. „Die Nazis schienen überzeugt, dass es wichtiger sei, die Vernichtungsfabriken in Betrieb zu halten als den Krieg zu gewinnen", schreibt sie in dem Essay „Vollendete Sinnlosigkeit" und untersucht die Ausrottungspläne der Nazis, die oft der Ausbeutung durch Arbeitskraft diametral entgegenstanden. So meinte der Generalgouveneur von Polen: „Sie kennen ja die törichte Einstellung der Minderwertigkeit der uns unterworfenen Völker, und zwar in einem Augenblick, in welchem die Arbeitskraft dieser Völker eine der wesentlichsten Potenzen unseres Siegringens darstellt." Arendt denkt das, und das nahmen ihr sicher einige Juden übel, der Antisemitismus „nur den Boden bereitet, die Ausrottung ganzer Völker mit dem jüdischen Volk zu beginnen. Man weiss heute, dass im Vernichtungsprogramm von Hitler auch die Liquidation eines grossen Teils des deutschen Volkes vorgesehen war." Sie beruft sich auf Adolf Hitler und seinen Vorschlag, nach einem neuen Reichsgesundheitsgesetz alle herz- und lungenkranken Deutschen und ihre Familien „verschwinden" zu lassen.

Im Unterschied zu Imre Kertész und anderen KZ-Überlebenden (wie etwa auch Helga Kinsky-Pollak, die im Interview betonte, dass sie schon „ihr wahres Selbst" behalten hätte, auch wenn sie das Schreiben in Auschwitz verlernt hätte und seitdem nie wieder geschrieben habe) beschreibt Hannah Arendt die Konzentrationslager-Insassen als „menschliche Wesen, die bereits ‚tot" sind", die vernichtet bzw. „in einen permanenten Zustand des Sterbens versetzt" werden. Sie betont das Thema „Töten, Todesregime, Mord" sehr und das ist ein Unterschied zu Imre Kertész, der noch im Alter ein höchst vergnügliches Buch schrieb, den Roman „Letzte Einkehr, Tagebücher 2001 - 2009", in dem er abwechselnd über Auschwitz und seinen neuen Computer schimpft, dessen blau leuchtenden Bildschirm er in der Nacht beobachtet, wenn er nicht schlafen kann. Kertész geniesst Berlin, streitet mit seiner Frau, nach der er sich aber grossteils sehnt, verfolgt einen Bettler, der vor seinem Arbeitsfenster hockt und ist froh, von Ungarn weg zu sein, in dem sich viele traumatisierte Menschen auf ihn stürzten und ihr eigenes Trauma an ihm festmachen wollten - und er als Blitzableiter funktionieren sollte, ausgerechnet er, der KZ-Überlebende.

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Mit freundlicher Genehmigung: Rowohlt Verlag, Presse und Bildarchiv.

Seine Seele retten

Man könnte behaupten, dass sich Imre Kertész im Gegensatz zu Hannah Arendt beispielsweise im literarisch-schöpferischen Schreiben fand. Seine eigenen KZ-Erfahrungen hielt er in einer seltsam-gestelzten jugendlichen Sprache fest, als ob er sich selbst als Jugendlicher in eine andere Figur transportieren und auf diese Weise wie in einem Film von aussen betrachten würde. „So ist der Glücksgedanke mit dem Schöpfungsgedanken verwandt", schrieb er später und „dass das in jedem Menschen lebende Göttliche das hinfällige Individuum gleichsam zu sich emporzieht."  Man müsste „seine Seele retten", vor allem die „absurdeste Gestalt: der schöpferische Mensch" (nach Camus) solle dies tun.

Er hätte sich Requisiten des Schmerzes in Form von Bildern bewahrt. Doch was soll man mit einem Schmerz-Bild anfangen? „Die Empörung ist eine Reflexion, ein gekünsteltes Gefühl also, nur dazu gut, den viel schärferen Geschmack jenes ursprünglichen Augenblicks zu löschen. Die Kunst jedoch, das begriff ich rasch, ist nicht dazu da, Menschen zu verurteilen, sondern den Augenblick neu zu erschaffen." In dieser Hinsicht seien Bilder des Schmerzes gerade genauso viel wert wie die des „wolkenlosen Glücks" und nimmt als Beispiel ein inneres Bild mit gestreiften Sträflingsanzügen, weissbehelmten amerikanischen Militärpolizisten und der grünen Farbe von Rhabarbersosse. „Das hat mein Leben bestimmt. Mir wurde klar, dass ich, um der eigenen Vergänglichkeit und den sich wandelnden Schauplätzen zu trotzen, mich auf mein schöpferisches Gedächtnis verlassen und alles neu zu erschaffen hatte." Das ist ihm wahrlich gelungen - in 1000 völlig verschiedenen Ansätzen und Varianten literarischer Kunst, die er bis ins hohe Alter stetig zu wandeln trachtete und mit Sprache und Figuren experimentierte.

Noch zwei Hinweise des Essay-Schreibers Kertész zur heutigen Politik: „Und der Antisemit unserer Zeit will nicht mehr von den Juden abrücken, er will Auschwitz." Sprich Tod, Töten, Morden und das Thema Morden/Ermordung bzw. Sterben als Faszinosum. „Ich bin nach wie vor der Meinung, der Holocaust ist ein Trauma der europäischen Zivilisation, und er wird zur Existenzfrage für diese Zivilisation werden, ob dieses Trauma in Form von Kultur oder Neurose, in konstruktiver oder destruktiver Form in den Gesellschaften Europas weiterlebt." Wir haben die Wahl, das ist das Vermächtnis dieses grossartigen und humorvollen Schriftstellers.

Imre Kertész: Die exilierte Sprache. Essays und Reden. Suhrkamp 2003

Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, Rowohlt Taschenbuch Verlag 1996

Imre Kertész: Letzte Einkehr, Tagebücher 2001-2009

Hannah Arendt: Nach Auschwitz, Essays und Kommentare 1, Edition Tiamat