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Erinnerungen an den Unabhängigkeitskrieg

Karl PFEIFER

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In Vor 60 Jahren, DAVID, Heft 78 und 79 (2007) berichtete ich über den nach dem Teilungsbeschluss der UNO vom 29. November 1947 von Arabern begonnenen bewaffneten Konflikt und den Beginn des Unabhängigkeitskrieges 1948, an dem ich in Israel als Soldat des Zweiten Regiments des Palmach teilnahm.

Als ich von meinem Urlaub im Frühherbst 1948 zurückkehrte, erhielt ich den Befehl, mich im Lager des neu formierten neunten Palmach-Regiments zu melden, dessen Kommandant Chaim Bar-Lev später Generalstabschef und Minister werden sollte. Wieder kam ich zu jener Einheit, die der leichten Artillerie zugerechnet wurde.

Bis Sommer 1948 war die israelische Armee in schweren Waffen und Flugzeugen den arabischen Invasoren unterlegen, doch dann sollte sich die Lage langsam ändern. Die arabischen Armeen litten unter dem Embargo und hatten Schwierigkeiten mit dem Nachschub von Munition und Ersatzteilen. Wir hatten zuvor im Zweiten Regiment zwei 20 mm Kanonen, die erst im April 1948 ins Land geflogen worden waren, und zwei im Land produzierte Mörser mit 10 Geschossen gehabt. Im Neunten Regiment hatte mein Zug 3 inch Mörser zu bedienen, und in meiner Gruppe bekam ich die schwerste Aufgabe: das 28 kg schwere Rohr zu schleppen.

Das Militärlager hatte alle Annehmlichkeiten eines ehemals britischen Lagers, es gab ein Schwimmbecken, ein Kino und selbstverständlich eine Kantine. Da ich ein „alter" Soldat war, musste ich nicht die Ausbildung der soeben eingezogenen Soldaten mitmachen und verbrachte den Tag mit Zeitung Lesen und dem Hören von Nachrichten. Zahal hatte zwar den Vormarsch der ägyptischen Armee noch vor dem letzten Waffenstillstand gestoppt, aber ein grosser Teil des Negev war noch in ägyptischer Hand und die jüdischen Orte im Negev, die ein kompaktes Territorium bildeten, waren vom ägyptischen Militär umzingelt.

War Israel noch nach dem ersten Waffenstillstand interessiert, dass dieser verlängert werde und wollten die arabischen Staaten wieder die Kämpfe aufnehmen, kehrte sich die Lage nach dem zweiten Waffenstillstand um, Israel wollte die Invasoren verjagen und die arabischen Führer dazu bringen, einem Frieden zuzustimmen. Beides war durch Diplomatie nicht zu erreichen. Die Lage war für den jüdischen Staat gefährlich - Amerikaner und Briten wollten den Teilungsplan der UNO vom 29.11.47 ändern und Folke Bernadotte, der schwedische UNO-Vermittler, hatte bereits angefangen, diesen Plan in Rhodos zu entwerfen. Er konnte seine Arbeit nicht beenden, denn am 17.9.48 wurde er von vier Mitgliedern der Lechi (Sterngruppe) in Westjerusalem ermordet. Der Bernadotte-Plan, der vorsah, den Negev (Trans-) Jordanien zukommen zu lassen und die jüdische Einwanderung zu begrenzen  - was damals einer britischen Herrschaft gleichgekommen wäre, denn die Briten hatten die Absicht, den Negev für ihre Militärbasen zu verwenden - wurde nicht nur von Israel, sondern auch von Ägypten und dem Libanon abgelehnt.

Anfang Oktober traf die israelische Regierung, geführt von David Ben Gurion, die Entscheidung, die ägyptische Armee anzugreifen, und wir wurden auf eine unmittelbar bevorstehende Aktion vorbereitet. Allerdings wussten wir nicht, ob wir gegen die Ägypter oder die viel besser ausgebildete Arabische Legion kämpfen würden.

Noch vor dieser Aktion hielt der damals zur linkssozialistischen Mapam gehörende ehemalige Chef der Hagana, Moshe Sneh (er wurde ein führendes Mitglied der israelischen KP), im Kino des Lagers vor unserem Regiment eine pathetische Rede, in der er uns darauf aufmerksam machte, dass wir unsere Waffen von den „sozialistischen Staaten" erhielten und deswegen einen Eid ablegen sollten, diese Waffen nie gegen „die Welt von Morgen" zu verwenden.

Die „sozialistischen Staaten" aber sollten bald ihre Politik wieder einmal radikal ändern und eine 180 Grad-Wendung vollziehen. Doch im Sommer und Herbst 1948 ergriffen die sowjetischen Diplomaten in der UNO noch für Israel das Wort. Am 18. August sprach im Sicherheitsrat für die UdSSR Jakov Malik und sagte:

„ [...] eine lang anhaltende Studie der Palästinafrage in den Vereinten Nationen gibt uns jeden Grund zu glauben, dass die Schuld und die Verantwortung für alle Entbehrungen und Leiden [der arabischen Flüchtlinge, Anm. K.P.] bei der Regierung des Vereinten Königreichs und den britischen militärischen Autoritäten im Nahen Osten liegen. Ein grosser Teil der Verantwortung ist auch bei „einflussreichen Kreisen" der USA. Wegen der „egoistischen Interessen" der „Strategen" des Vereinten Königreichs und der Ölgesellschaften der USA „wurden die Ruhe und friedfertige Arbeit von einer halben Million Arabern geopfert, die gezwungen wurden, ihre Heime als Ergebnis von aus dem Ausland aufgewiegelten Feindseligkeiten zu verlassen."

Ende September 1948 bildete Mufti Amin el Husseini im von den Ägyptern besetzen Gazastreifen eine Gesamt-Palästinensische Regierung; offensichtlich ein Schritt gegen die vorgeschlagene „Fusion" des arabischen Palästina mit Transjordanien, dessen König Abdullah ein vehementer Gegner des Mufti war. Die sowjetischen Diplomaten sprachen sich gegen die Einladung einer Delegation der vom Mufti angeführten Regierung bei der UNO aus. Die hebräischen Zeitungen berichteten über solche Ereignisse im Detail, so dass auch einfache Soldaten und Unteroffiziere gut informiert waren.

Wir erhielten eine vom legendären Partisanenführer und hebräischen Dichter Aba Kovner redigierte Frontzeitung (Dapei Krav), die vom 9. Juni 1948 bis 8. Mai 1949 31 Mal herauskam. Kovner, der als erster nach dem Krieg auch über mörderischen Antisemitismus unter gewissen Partisaneneinheiten berichtete, pflegte - was paradox scheint -  einen Stil, der an den der sowjetischen Politruks an den Fronten des Zweiten Weltkriegs erinnerte.

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Aba Kovner und Ben Gurion 1970 vor der Verleihung des Israel-Preises. Quelle: Dina Porat: Meever legashmi. Biographie von Aba Kovner. Am Oved 2000.

Am Nachmittag vor Jom Kippur (13.10.48) erhielten wir unsere eisernen Rationen. Dann wurden wir ins Kino befohlen, wo uns der Feldrabbiner sagte, dass wir - wenn wir jetzt am Jom Kippur in den Kampf zögen - an diesem Fasttag essen sollten. Bei Einbruch der Dunkelheit packten wir unser Lastauto mit drei Mörsern, einer Menge Munition und fuhren gegen Süden. Im Orangenhain des Kibbuz Givat Brenner machten wir erste Station und erhielten frisch gepressten Orangensaft. In der Nacht brachen wir durch die ägyptischen Linien und hörten die Kanonen in der Ferne donnern. Das Neunte Regiment fuhr bis zum Kibbuz Gwulot, wo wir ein paar Tage blieben, und dann ging es am Abend des 20. Oktober los bis zu einem Hügel nördlich von Beersheva. Hier mussten wir für unsere Mörser eine Stellung bauen. Es war Knochenarbeit, denn dieser Hügel bestand hauptsächlich aus Felsen. Und wir mussten unsere Munition von der Strasse auf den Hügel schleppen.

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Israelische Soldaten stürmen Beerscheva. Foto: Mit freundlicher Genehmigung K. Pfeifer.

Im Morgengrauen des 21. Oktober, als drei unserer Regimenter die Stadt angriffen, begannen wir mit unseren Mörsern auf die Stadt zu schiessen. Die Stadt wurde von einem regulären Regiment mit Artillerie und Mörsern und hunderten von nordafrikanischen, ägyptischen und palästinensischen Hilfskräften verteidigt. Drei unserer Bataillone stürmten die Stadt. Bereits am frühen Vormittag endete der Kampf. Mehr als 120 ägyptische Soldaten wurden gefangen genommen und 350 Zivilisten nach Gaza gebracht - die meisten der Einwohner waren schon in den Tagen zuvor, nachdem die Stadt von der israelischen Luftwaffe bombardiert worden war,  nach Hebron geflohen. Unsere Einheit kam erst zu mittag in die eroberte Stadt, und meine Gruppe wurde in einer verlassenen Wohnung einquartiert.

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„Die vollendete Tatsache", „Der Jude" ist unter den Stiefeln „der ägyptischen Armee", „der arabischen Legion" und der Armeen von „Irak", „Syrien", und des „Libanon". Rus al Jusuf, 20. Oktober 1948. Abbildung: Mit freundlicher Genehmigung K. Pfeifer.

Im Spätherbst 1948, mitten im Unabhängigkeitskrieg, gab das Israel Philharmonic Orchestra in Beerscheva ein Open-Air-Konzert vor 5.000 Soldaten der israelischen Armee. Sie spielten das B-Dur-Klavierkonzert von Mozart mit dem damals noch nahezu unbekannten Leonard Bernstein als Solist und Dirigent.

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Ägyptische Kriegsgefangene in Beerscheva. Foto: Mit freundlicher Genehmigung K. Pfeifer.

Der Sicherheitsrat der UNO ordnete am 22. Oktober einen Waffenstillstand in Palästina und den Rückzug der Israelis auf die Stellungen vom 14. Oktober an. Die Feuereinstellung trat daraufhin in Kraft, doch die von uns eroberten Gebiete blieben in unserer Hand. Es folgten angenehme Tage in der eroberten Stadt. Bald jedoch sollte der Krieg weitergehen.

Heute erinnert ein von Dani Karavan geschaffenes Denkmal an die Negev-Brigade.

Film:

Zwischen allen Stühlen. Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer. Ein Film von Daniel Binder, Mary Kreutzer, Ingo Lauggas, Maria Pohn-Weidinger, Thomas Schmidinger. DVD, 87 Minuten, 15 Euro. Zu beziehen über: www.antisemitismusforschung.net/film