Ausgabe

WOW! SIEH DA! WELCH REGENBOGEN!

Roger Reiss

Eine digitale Fotocollage über Segen, Weitergabe und Zerbrechlichkeit

Inhalt

Diese mit Künstlicher Intelligenz erstellte Fotocollage verbindet drei Ebenen der modernen Bildwelt: den Regenbogen als Bundeszeichen, die Vater-Kind-Geste des Segens, und die HerzBlase als spontanes WOWMoment. Die Szene ist bewusst surreal gehalten. Talmud-Gelehrte und Kinder erscheinen hoch oben in den Schweizer Alpen, fern jeder historischen oder geografischen Zuordnung. Gerade diese Entrückung macht sichtbar, worum es wirklich geht: nicht um bewundernswerte Landschaft, sondern um Nähe zum Allmächtigen, um Weitergabe, um Bewahrung. Die imposanten Berge werden zu einem persönlichen Sinai – einem Ort der Prüfung und der Nähe zugleich. Links die Kinder im Haus des Lehrers (Cheder), rechts die Vaterfigur, die einem Kind die segnenden Hände auflegt: zwei Formen der Weitergabe: Lehren und Segen. Beides sind Gesten der Liebe, beide halten – selbst auf Reisen – die Kette der Generationen zusammen.

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Frühling 2026: Anhand dieser Fotocollage entstand ein bemerkenswertes KI-Gespräch zwischen dem moderierenden Autor und dem „akademisch vorgehenden“ Copilot (Microsoft). Sein ausgeprägtes Denkmuster ist im ­Original-Zustand wiedergegeben. Roger Reiss, mit freundlicher Genehmigung.

 

Der Regenbogen – auf Hebräisch kešèt be‘anan, auf Jiddisch regnboygn – ist traditionell ein Zeichen g‘ttlicher Treue nach der Flut. In dieser Collage erscheint er nicht als meteorologisches Phänomen, sondern als farbiges Amen, das sich über die Szene legt. Im Ersten Buch Mose heisst es: „Meinen Bogen setze ich in die Wolken, und er ist das Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde.“ Seit Jahrtausenden fasziniert dieses atmosphärisch-optische Himmelsphänomen die Menschen. Es gilt als Symbol für Hoffnung, Frieden und Vielfalt. Unsere Gelehrten ordneten beim Anblick majestätischer Natur – Gletscher, hohe Berge, Wasserfälle – die Birkhot haRe’iya an, Segenssprüche mit dem Wortlaut: „… der das Werk der Schöpfung vollbringt.“ Und beim Anblick eines Regenbogens spricht der Einzelne den seltenen Segensspruch:

„Barukh ata haSchem zocher habrit vene’eman bivrito vekayam bema’amaro.“ („… der des Bundes gedenkt, treu in seinem Bund ist und sein Wort bestehen lässt.“)

 

Doch der Regenbogen trägt auch eine dunklere Bedeutung: Er ist sichtbar und doch ungreifbar, ein Versprechen, das sich im Moment seiner Erscheinung bereits wieder verflüchtigt.
In der Collage wird diese Fragilität bewusst thematisiert. Der Regenbogen wird zum Symbol jüdischer Existenz über die Jahrhunderte – hoffnungsvoll und zugleich bedroht, leuchtend und doch gefährdet. Die Berge werden zu einem Ort der Nähe von G‘tt, aber auch zu einem Ort der Frage: Wird die Tradition weitergetragen, oder löst sie sich auf wie ein Regenbogen im Licht?

 

Die Figuren selbst stammen aus amerikanischen Rosch-Haschana-Chromos um 1900, jenen farbigen Neujahrskarten der Hebrew Publishing Company in New York, die massenhaft in der Diaspora verschickt wurden. Sie waren mehr als Grusskarten: kleine visuelle Segenssprüche, Botschaften der Kontinuität. Ihre Botschaft lautete: Bleib im Judentum. Halte fest. Gib weiter. Lass nicht los. Wer sie verschickte, wünschte nicht nur ein Schana Tova, sondern, dass die Kette der Generationen nicht abreisst. In der Collage erscheinen diese Figuren nun wie Visionen, entrückt und zeitlos. Sie stehen nicht für historische Gelehrte, sondern für die Idee der Weitergabe selbst. In diese alte Bildwelt bricht die moderne Herz-Blase ein – spontan, emotional, manchmal oberflächlich, manchmal tief. Diese unerwartete WOW-Geste markiert die Spannung zwischen Tradition und zeitgenössischer Empfindung, zwischen Ritual und individueller Reaktion. Sie ist zugleich Störung und Liebeszeichen.

 

So entsteht ein Bild, das die Frage stellt, ohne sie zu beantworten: Was bleibt? Was verschwindet? Was wird weitergegeben? In der jüdischen Moderne gibt es Stimmen, die darauf hinweisen, dass spirituelle Texte ihre grösste Kraft entfalten, wenn sie die Würde jedes Menschen widerspiegeln. Sie regen an, traditionelle Formulierungen, die auf Unterscheidung oder Hierarchie beruhen, neu zu bedenken und durch Worte zu ergänzen, die Gleichwertigkeit, Verantwortung und universelle Dankbarkeit betonen. Diese Sichtweise versteht Tradition nicht als starres Erbe, sondern als lebendigen Stoff, der sich weiterentwickelt, so wie ein Regenbogen nicht nur aus einzelnen Farben besteht, sondern aus ihrem Zusammenspiel. In diesem Sinn kann auch liturgische Sprache zu einem Ort werden, an dem Vielfalt sichtbar wird und neue Bedeutungen entstehen, ohne die Verbindung zur Vergangenheit zu verlieren.