Ausgabe

Der Lebensalltag im jüdischen Ebenfurth des 17. Jahrhunderts

Rainer Pauer

Es ist der 4. Juli des Jahres 1661, ein Ulrichstag, als Ursula, das Eheweib des Hans Schreiner, um 9 Uhr abends wegen eines „Greinhandels“ – also eines lautstarken Disputs – aus dem Fenster ihres Hauses späht 

Inhalt

Philipp Gindl, Besitzer des Schreiner gegenüberliegenden Gebäudes in der heutigen Hauptstrasse 18 steht gerade mit nacktem Oberkörper, nur bekleidet mit einer Hose, Pantoffeln und einer schlichten Kappe, vor dem Fenster seines Nachbarn, des kaiserlichen Zollbeamten, und liefert sich mit ihm ein hitziges Wortgefecht. Dieses dauerte laut der neugierigen Ursula gerade so lang, dass man inzwischen „ein paar Eier essen könnte“ und endete mit der Rückkehr des sichtlich erbosten Herrn Gindl in sein Heim. Weil sie aber noch eine Zeit lang im Fenster lehnt, bemerkt Frau Schreiner, wie in Gindls Gewölbe trotz später Stunde ein Licht schimmert, was ihr jedoch etwas seltsam vorkommt, denn hier hatte sich schliesslich der Jude Elegan mit seinem Geschäft eingemietet. Schnell wirft sie sich ihre Schürze um, läuft barfuss über die Gasse und erblickt durch einen Fensterspalt den Hausherrn, der sich gerade am Inventar des Handelsjuden bedient. Fein säuberlich schneidet er einige Ellen von den Stoffen ab, als plötzlich zwei Windhunde herbeilaufen und Ursula Schreiner ankeifen, sodass sie sich schnell verstecken muss, um nicht entdeckt zu werden. Zurück in ihrem Heim weckt sie umgehend ihren Mann, der sie für ihre Neugier gehörig ausschimpft. Gleich am nächsten Tag plaudert er die ganze Geschichte jedoch direkt während der Feldarbeit aus, der Fall kommt dennoch erst zwei Jahre später vor Gericht. Dreimal war dem Juden Elegan mittlerweile schon in sein Gewölbe eingebrochen worden und dabei ein Geldbetrag von 1.000 Reichstalern einschliesslich diverser Waren entwendet worden. Obwohl man am Stubentisch des Philipp Gindl kostbare Gewürze gefunden hatte, leugnete er die Tat – er hätte diese in Wien beim „Järitsch“ in der Jungferngasse und in einem Eckgewölbe am Graben gegenüber dem Schwarzen Elefanten gekauft.1 Derartige Konflikte wie auch kleine Reibereien zwischen der christlichen und jüdischen Gemeinde scheinen kein Einzelfall gewesen zu sein. So musste beispielsweise der Nachtwächter Georg Felber den Juden Valtl im April 1625 beim Stadtrichter anzeigen, weil dieser nach Mitternacht mit seinem Pferd auf der Gasse „herumgesprungen“ war und ihm trotz lautem Schreien keine Antwort gab. Er folgte dem Juden in sein Haus und nahm ihm zur Strafe seinen mit einer edlen Straussenfeder gezierten Hut weg.2 Solche Überschreitungen mochte man wohl tolerieren, denn sowohl die herrschaftliche Familie Unverzagt als auch die Ebenfurther Bürgerschaft profitierten durch die jüdischen Handelsleute beträchtlich. Jährlich 200 Reichstaler und zwei gemästete Gänse liess man sich die Erlaubnis kosten, ungarischen Wein über die Leitha zu importieren. Dreimal im Jahr, zu Georgi, ­Michaeli und Neujahr wurde ein Betrag für alle Hausbesitzer fällig – die Bewohner jener fünf Judenhäuser, die schon um 1600 durch Wolfgang von Unverzagt entlang der Stadtmauer errichtet wurden, zahlten den doppelten Betrag.3 Für eine jüdische Hochzeit erhielt die Herrschaft sechs Reichstaler einschliesslich eines Pfunds Pfeffer – im Gegenzug wurden die Frischvermählten ins Grundbuch eingetragen. Selbst den Tod liess man sich in Form eines „Sterb Recht“-Betrags vergüten.4 Doch wie es oftmals der Fall ist, bekam man den Rachen nicht voll genug: Im Jahr 1629 wandte sich die jüdische Gemeinde in einem verzweifelten Bittschreiben an Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich. Man würde ihnen neuerdings allerhand ungewöhnliche Steuern und Auflagen zumuten, wodurch sie letztlich in den äussersten Ruin und die höchste Armut gerieten. Leopold sollte sie unter seinen Schutz stellen, ihnen sowohl die Beträge für die Brückenmaut, das Fleischhacken an der Fleischbank sowie die Wolle von 1.000 Stück Schafen bestandsweise überlassen.5 Zahlte man der Herrschaft die Mautgebühren, wurde man dennoch erneut zur Kasse gebeten, wenn man die beiden Stadttore mit seinen Pferden passieren wollte. Dafür verlangten die Ebenfurther Bürger nochmals jährlich 64 Reichstaler einschliesslich vier Ellen grünen Tuches.6 Trotz hoher Steuerbeträge machten die Ebenfurther Juden auch in den angrenzenden Ortschaften gute Geschäfte. Pfarrer Johann Baptist Bretti aus Pottendorf versetzte kurz vor seinem Tod bei einem Handelsjuden namens Manela ein silbernes Salzfass mit sieben Ringen, einen vergoldeten Silberbecher und eine Kette mit einem Schaupfennig,7 sein Amtskollege aus Weigelsdorf, Pfarrer Georg Busanich, kaufte bei einem Ebenfurther Juden eine Haube, mit der er sein Hausmädchen beschwichtigen wollte, welches er im Dezember 1645 geschwängert hatte.8

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Verschollener Grabstein der Mati, Tochter der Jakob Uri (Verstorben am 27. 11. 1658). Der Stein ziert heute vermutlich einen Privatgarten. 

 

Die jüdische Gemeinde Ebenfurt

Die einst grösste jüdische Gemeinde Niederösterreichs zählte laut einem Bericht der Hofkammer im Jahr 1629 „etliche 90 Par Eheleuth“.9 Diese Familien lebten nicht, wie bislang angenommen, isoliert in einem Ghetto nahe ihrer Synagoge am heutigen Annaplatz. Die ersten Zuzügler siedelten sich wohl zwischen 1610 und 1620 überall im Stadtgebiet an, beispielsweise in der heutigen Hauptstrasse 10, der Schlossgasse 1, 5 und 7, der Parkgasse 2 und auch in einem Halterhaus ausserhalb der Stadtmauern, welches ihnen durch die Bürgerschaft überlassen wurde. Der Jude Peregrin eignete sich im Juni 1628 die Hofstätte des Simon Hartmann nahe dem Schlosseingang an und versprach dafür die kaiserlichen Steuern, sowie Kriegs- und Gemeinanlagen zu entrichten. Mit dem Pogrom und der Judenvertreibung von 1670/71 wurden die Häuser des jüdischen Viertels im Umfeld der Synagoge „…nider gerissen und die Stain davon zu abwendung der Vorgewesenen Wassers Gefahr in dem Leitha Fluss Versenckhet…“, ein leider nutzloses Unterfangen, wie die vielen Berichte über spätere Überschwemmungen hinlänglich beweisen.10 Auch jenes Haus, welches als mögliche Synagoge rekonstruiert wurde,11 war bereits ein Neubau aus dem Jahr 1768, in welchen das steinerne Synagogentor aus dem rückwärtigen Stadtmauerturm wohl nachträglich als Spolie integriert wurde.12 Nur wenige Jahrzehnte nach dem Pogrom begegnet man in den Schriftquellen wieder vermehrt dem Begriff des „Judenhäuslers“, der auf den ersten Blick vermuten lässt, dass erneut Juden in der Stadt sesshaft oder gar bewusst angesiedelt wurden – doch Gegenteiliges ist der Fall. Ähnlich der Hausklassen des Ganz-, Halb- oder Viertellehners hält sich der Begriff des Judenhäuslers als Steuerklasse bis ins 19. Jahrhundert, die Bewohner sind jedoch nicht mehr jüdischer Herkunft.13

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Beschriftung eines Bittschreibens der jüdischen Gemeinde aus dem Jahr 1629 (Finanz- u. Hofkammerarchiv).

 

Seit im Jahr 2020 einige jüdische Grabsteine beim Abriss eines Abschnitts der äusseren Umfassungsmauer des Schlossgrabens entdeckt und durch die Stadtgemeinde übernommen wurden, harren diese in einem Bauhofcontainer auf einen fixen Aufstellungsort.14 Mit diesem Zufallsfund kam erneut die Frage auf, wo denn nun der Friedhof der jüdischen Gemeinde zu verorten wäre.15 Einen entscheidenden Hinweis lieferten Grundbuchfragmente aus den zerstreuten Beständen des ehemaligen Herrschaftsarchives: die Ebenfurther Judenschaft besass am sogenannten Hofgrabl, einem heute verfüllten und mit Wohnhäusern überbauten Graben, einige Krautgärten, genau sieben Stück an der Zahl. An diese Gärten angrenzend befand sich der ehemalige Judenfreidhof, der wohl noch im 18. Jahrhundert als solcher erkenntlich war. Eine exakte Verortung mit Hilfe von Bodenradar-Scans scheiterte leider an einer Absage der Anrainer, die vereinzelt negative Bezüge zum modernen Staat Israel und zum medienpräsenten Nahostkonflikt herstellten. Mit freundlicher Unterstützung des Aetheris-Instituts führten Robert Wunderlich und Matthias Gosewisch im Bereich des ehemals zur Synagoge umfunktionierten Stadtmauerturmes geomagnetische Messungen durch – hierbei konnte nur mehr festgestellt werden, dass im direkten Umfeld dieses wohl schon im 19. Jahrhundert abgerissenen Wehrturmes keine Relikte oder baulichen Strukturen mehr im Boden nachweisbar sind.

 

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Verortung der jüdischen Krautgärten am „Hofgrabl“, in deren Umfeld sich auch ihr Friedhof befand. Die rot-strichlierte Linie am Schlossgraben zeigt jenen Mauerabschnitt, in dem die Grabsteine als Fundament zweckentfremdet wurden.

 

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Eine um 1700 gleich den anderen „Judenhäusern“ errichtete Hofstätte. Sie befand sich direkt neben dem ehemaligen Haus des David Isac. Das Gebäude fiel 2004 der Abrissbirne zum Opfer.

 

Alle Abbildungen: R. Pauer, mit freundlicher Genehmigung.

 

Anmerkungen

1 AT-OeStA/HHStA SB Ebenfurth 2-10.

2 StA Ebf, Fragment eines Gerichtsprotokolls (1623-1752), Eintrag vom 8. 4. 1625.

3 AT-OeStA/FHKA AHK NÖHA E 3/c, fol. 1583v.

4 AT-OeStA/HHStA SB Ebenfurth 2, Auflistung, was die jüdische Gemeinde jährlich zu erlegen hat (Undatiert).

5 AT-OeStA/FHKA AHK NÖHA E 3/c, fol. 1566.
Siehe ebenfalls: Staudinger, B., Gantze Dörffer voll Juden. Juden in Niederösterreich 1496–1670 (Wien, 2005) S. 84–85.

6 StA Ebf, Fragment eines Gerichtsprotokolls (1623-1752), Eintrag vom 13. 4. 1631.

7 DAW, GF 252, Pottendorf 2, Faszikel 1 (Pfarrer v. 1558–1700), Akt Joh. Bapt. Bretti, Inventarium vom Schreiben vom 1. 3. 1658.

8 PP 81 (1643–1649) fol. 520, 567, 579, 582.

9 AT-OeStA/FHKA AHK NÖHA E 3/c, fol. 1576v.

10 Splitterbestand des Ebenfurther Herrschaftsarchives, Schreiben vom 24. September 1725, Privatbesitz Hubertus Suttner.

11 Glatz, S., Synagogen des Mittelalters und der frühen Neuzeit im Raum Niederösterreich. Virtuelle Rekonstruktion der Synagogen von Oberwaltersdorf und Ebenfurth, Unveröffentlichte Diplomarbeit (Wien, Oktober 2013).

12 Splitterbestand des Ebenfurther Herrschaftsarchives, Burgfried Fragment (vmtl. um 1790), Privatbesitz Hubertus Suttner.

13 StA Ebf, Splitterbestand des Ebenfurther Herrschaftsarchives, Protokoll bezüglich der französischen Besatzung (9. 4. 1808).

14 Mit Ausnahme eines Grabsteins der Mati, Tochter des Jakob Uri von 1658, der nicht an die Stadtgemeinde übergeben wurde.

15 Philapitsch, A., Jüdischer Friedhof in Ebenfurth, In: DAVID, Nr. 131 (2021).