Wer durch die altertümliche Gradeser Altstadt mit ihrer venezianischen Anmutung und ihren eindrucksvollen frühchristlichen Denkmälern flaniert oder sich im Sonnenschein am Strand den Sand durch die Finger rieseln lässt, erhält keinen Eindruck mehr davon, wie hoch der jüdische Anteil an der Entstehung und Popularisierung dieser sommerlichen Adria-Destination eigentlich ist. Streng genommen steht sogar jüdisches Engagement für kranke Kinder am Beginn einer im 19. Jahrhundert einsetzenden Fremdenverkehrsbewegung auf der Sonneninsel

Die baulichen Reste des einstigen Seehospizes für skrofulosekranke Kinder am Rande der Gradeser Altstadt. Foto des Verfassers.
Zu den heute überwundenen Bedrohungen für Heranwachsende zählte die zeitweilig endemische Skrofulose, eine Art der Halslymphknotentuberkulose, die aufgrund der desaströsen hygienischen Bedingungen in Grossstädten des 19. Jahrhunderts unzählige wehrlose Opfer forderte. Der Erste, der sich auf dem europäischen Festland eingehend mit den „Skrofeln“ und der Rachitis bei Kindern befasste, war der Florentiner Arzt Giuseppe Barellai. In einem in Viareggio bei Lucca eröffneten Kurheim erzielte er bis dorthin ungekannte Behandlungserfolge und widmete seine weitere ärztliche Tätigkeit bedürftigen Skrofulose-Kranken. Barellais Initiative stiess beim national-liberalen Establishment im Rathaus von Triest auf grosses Interesse, zumal der Florentiner gegen Feldmarschall Radetzky gekämpft hatte und als Held des Risorgimento galt. 1873 führte ihn ein Besuch auch in die aus dem Erbe der Serenissimia 1797 an Österreich gelangte Inselstadt Grado in der gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska.
Skrofulose als endemische Kinderkrankheit
Hier fand der erfahrene Arzt ideale Bedingungen vor und riet zur Errichtung eines als „Seehospiz“ bezeichneten Kurheims: Ausschlaggebend waren die „herrliche Luft, das mit Brom und Jod gesättigte Seewasser und die stets gleichmässige Temperatur“. Während der Begriff „Hospiz“ im heutigen Sprachgebrauch mit Palliativpflege verbunden wird, bezeichnete er in der ursprünglichen Bedeutung kleinere Einrichtungen zur stationären Betreuung, abgeleitet von kirchlichen Einrichtungen des Mittelalters zur Versorgung von Pilgern oder Kranken.

Sophie Grünfeld, Gesellschaftsdame und Fundraiserin für das Österreichische Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Seehospiz. Zeitungsfoto.
Dank der Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister von Görz, dem Arzt Karl Graf Coronini-Cronberg konnte noch im Sommer 1873 mit der Seekur von dreizehn skrofulösen Kindern aus Görz begonnen werden. Der Tagesablauf im „Primo Ospizio Marino Austriaco di Grado“ war an Barellais Grundsätzen ausgerichtet: Nach dem Frühstück wurden die Behandlungen begonnen, die sich aus Luft-, Sonnen- und Wasserbädern zusammensetzten. Die Kinder wurden an den Strand gebracht, um unter Zelten, die vor der Sonne schützten, die Seeluft einzuatmen. Danach folgte das Sonnenbad, das etwa eine Stunde dauerte und bei dem sie nach und nach der Sonne ausgesetzt wurden. Schliesslich wurden sie ohne Zwang aufgefordert, rund eine halbe Stunde im Wasser zu verbringen. Im Anschluss daran folgte ein ausgiebiges Mittagessen, mit dem Ziel, Gewicht und Muskelmasse aufzubauen. Die Richtwerte der Ernährung betrugen etwa 2.000 Kalorien für Kinder zwischen fünf und neun Jahren und 2.400 Kalorien für Kinder bis zwölf Jahre. Da diese Kinder von Eltern oder Familienangehörigen nach Grado gebracht wurden, schlug mit der Unterbringung der Begleitpersonen die Geburtsstunde des lokalen Beherbergungsgewerbes.

Werbeinserat der Pension Goldberger, das sich speziell an orthodoxe jüdische Gäste richtete. Zeitungsausschnitt, 1913.
Das „Österreichische Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Seehospiz“
Das Komitee war auf Grund zahlreicher Spenden, unter anderem von Kaiser Franz Joseph I., in der Lage, 1875 ein Haus mit fünfzig Belegbetten auszustatten. Die Wirkung der Gradeser Kur blieb auch den Wiener Fürsorgestellen nicht verborgen; im Sommer 1884 sandte die Magistratsverwaltung der Reichshaupt- und Residenzstadt erstmals zwanzig Pflegekinder ins Seehospiz – mit „glänzenden Curerfolgen“. Nach der Jahrhundertwende kam es zu einem Generationenwechsel im Seehospiz: Coronini-Cronberg verstarb 1910; bereits am 10. Juni 1908 hatte sich in den Räumen der Wiener Kultusgemeinde der Verein „Österreichisches Seehospiz“ gebildet. Als Vereinszweck teilte dessen Sekretär Guido Fuchsgelb der Statthalterei mit: „Verpflegung und ärztliche Behandlung skrophuloser, rhachitischer sowie hochgradig anämischer israelitischer Kinder ohne Rücksicht auf deren Zuständigkeit und Wohnort und zu diesem Zwecke Errichtung und Erhaltung eines oder mehrerer Seehospize.“ Zur Unterstützung der Vereinsleitung hatte sich ein „Kuratorium“ gebildet, das klangvolle Namen der Wiener jüdischen Gesellschaft umfasste. Zum 60-jährigen Regierungsjubiläum des Kaisers langten zahlreiche Spenden ein und der greise Monarch gestattete als besondere Auszeichnung die Benennung als „Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Seehospiz“. Im Sommer 1909 konnten bereits fünfzig Kinder nach Grado geschickt werden.

Sonnenbadende Kinder am Sandstrand im Bereich der heutigen „Spiaggia imperiale“, westlich der „Ville Bianchi“. Aufnahme 1917.
Die Philanthropin Sophie Grünfeld
Treibende Kraft hinter der Gründung war die Wiener Philanthropin Sophie Grünfeld, die Gattin eines als Klinikvorstand und an der Universität Wien lehrenden Dermatologen und Urologen. Sie hatte seit 1892 mit der Lehrerin Antonie Graf den Verein „Kaiser Franz Joseph-Ferienheim“ aufgebaut, der für bedürftige Kinder Erholungsurlaube am Land organisierte. Ihre Gründung zählte bald zu den mitgliederstärksten jüdischen Frauenvereinen und stand dank bedeutender Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziell auf soliden Beinen. Der Verein überstand daher das Ende der Monarchie und konnte bis 1937 Jahr für Jahr rund neunzig Kindern im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren einen Sommeraufenthalt in Grado unter ärztlicher und pädagogischer Aufsicht ermöglichen.

Das der Gesundheit gewidmete Haus „Alla Salute“ von Dr. Maurizio und Sofia Oransz. Werbeinserat.
G’ttesdienst in der Pension Goldberger
In Grado konnte sich der Seehospiz-Verein auf die Pension Goldberger als jüdische Infrastruktur stützen. Der Betrieb bot neben Fremdenzimmern mit Meerblick „streng rituelle“ Küche unter Aufsicht der Görzer orthodoxen Gemeinde, wobei das Fleisch von einem durch das Rabbinat von Pressburg ermächtigten Schochet bereitgestellt wurde. In der Badesaison ab Mai wurden für die orthodoxen Gäste täglich G‘ttesdienste abgehalten. Das Wirken Sophie Grünfelds blieb in der Öffentlichkeit nicht unbemerkt: als zweite Österreicherin erhielt sie – nach ihrer Freundin, der Frauenrechtlerin Marianne Hainisch – das Offizierskreuz des Roten Kreuzes. Trotz ihrer Verdienste und erhaltenen Ehrungen musste sie nach dem „Anschluss“ 1938 aus Wien in die Vereinigten Staaten fliehen, wo sie 1952 in Yonkers bei New York verstarb.
Dr. Oransz und die Kurpension „Alla Salute“
Während Grünfeld die Flucht gelang, geriet der bedeutendste Gradeser Mediziner in die Fänge der Nationalsozialisten und wurde mit seiner Frau 1943 in Auschwitz ermordet. Der 1866 geborene Moritz Maurizio Oransz stammte aus dem galizischen Schweidnitz (Świdnica bei Horyniec im Umland von Żolkiew, heute Schowka, Ukraine) und hatte in Wien Medizin studiert. Nach der Promotion 1893 ordinierte der mit Sophia Leim aus Lemberg verheiratete, praktische Arzt zunächst in der Bennogasse in der Wiener Josefstadt, übersiedelte aber 1904 in der Sommersaison als Badearzt nach Grado. Im Jahr darauf liess er die Kurpension „Alla Salute“ errichten, die erstmals in Grado medizinische Behandlungen und Hotelbetrieb unter einem Dach vereinte. Der wirtschaftliche Erfolg blieb nicht aus, denn nach dem Weltkrieg, den Oransz als hochdekorierter Regimentsarzt mitgemacht hatte, umfasste sein Kurhaus 120 Betten. Was er als Alleinstellungsmerkmal in Grado eingeführt hatte, waren Thermalbehandlungen, bei denen er auf erhitztes Meerwasser und Sand setzte. Mit dem Chirurgen Guido Zipser bot Oransz ein medizinisches Rundumprogramm, das auch die Möglichkeit von Eingriffen in einem Operationssaal vorsah.
Oransz und seine Frau wurden im Herbst 1943 in Triest zum Besteigen eines Lastwagens genötigt und nach Auschwitz verschleppt, wo die Eheleute voneinander getrennt und anschliessend dort ermordet wurden. Die Oransz-Kuranstalt besteht nicht mehr, an den Stellenwert des Arztes in der Kur- und Ortsgeschichte Grados jedoch erinnern neben einer Gedenk- und Widmungstafel zwei 2016 in die Fläche des ehemaligen Kurhotels, die heutigen „Giardini Oransz“, eingelassene Stolpersteine.

Stolpersteine für das um die Fremdenverkehrsentwicklung Grados hochverdiente Ehepaar Oransz am Standort ihrer ehemaligen Kurpension. Foto des Verfassers.
Alle Abbildungen: G. Gatscher-Riedl, mit freundlicher Genehmigung.