„Zionistische Reden, die klipp und klar sagen, wir wollen aus dem Golus heraus …“
Die von Theodor Herzl mit organisatorischer Hilfe der Kadimah geführte zionistische Bewegung bezog 1897 sowohl gegen einen die politische Dimension ausklammernden Kultur-Zionismus, der sich in der Idee eines bloss geistig-kulturellen Zentrums erschöpfte, als auch gegen eine religiöse Aufladung durch national-religiöse Orthodoxe Position.
Dazu kamen noch Strömungen, die den Zionismus mit der Etablierung einer sozialistischen Fraktion in eine eindeutig ideologische Richtung lenken wollten. Herzl stand also von Beginn an unter erheblichem Druck, der nicht spurlos an der persönlichen Verfassung und Gesundheit des sensiblen Intellektuellen vorüberging. Während das Buch Der Judenstaat von 1896 die Notwendigkeit eines jüdischen Staates formuliert hatte, entwarf Herzl wenige Jahre später in seinem utopischen Roman Altneuland (dessen hebräischer Titel der Stadt Tel Aviv den Namen gab) seine Vorstellung von einer idealen, pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft als Trägerin des Staatswesens.
Hatte sich in Form des 1898 in Basel wiederholten Zionistenkongresses unter der organisatorischen Vorarbeit von Herzl, Max Nordau und Verbindungs-Mitgliedern wie dem Architekten Oskar Marmorek eine neue politische Plattform des Judentums gebildet, arbeitete Kadimah an einer jüdischen „Invention of Tradition“ im Sinne Eric Hobsbawms. Im Jahreskreis der Verbindungsstudenten nehmen die im Brauchtumsschatz „Comment“ verankerten studentischen Feiern wie Kneipen, Kommerse und so weiter mit ihren Ritualen einen wichtigen Platz und eine identitätsstiftende Rolle ein. Das dabei transportierte Zusammengehörigkeitsgefühl wollten die Kadimahner auch in die zionistische Bewegung einbringen und kreierten dazu eine neuartige Festkultur, die freilich auf antike Vorbilder zurückgriff. Erstmalig am 22. Dezember 1883 lud die Kadimah zu einer zionistischen „Makkabäerfeier“. Dieser nach Ideen unter anderem vom Mitgründer Nathan Birnbaum neu geschaffene Typus von Festlichkeit, „Chag ha-Makkabim“ im zeitlichen Umfeld von Chanukka, war als gegenkultureller Entwurf gegen die im assimilierten jüdischen Bereich geübte Verschmelzung von Weihnachten und Chanukka als „Weihnukka“ gedacht.

Einem neuen jüdischen Selbstverständnis diente das von Kadimah entwickelte gegenkulturelle Format der „Makkabäerfeiern“ am Ende des Kalenderjahres. Zeitungsannonce aus der vom Kadimah-Mitbegründer Birnbaum herausgegebenen „Selbst-Emancipation“, 30.11.1892.
Der Kult um die Makkabäer und deren Kampf gegen die syrische Tyrannei vor mehr als 2.000 Jahren war als historisches Vorbild zum Wiedererwachen des jüdischen Volkes gedacht, ebenso wie die antike Staatlichkeit des Volkes Israel in räumlicher wie identifikationsstiftender Weise zum Flucht- und Ausgangspunkt des zionistischen Ideologiegebäudes wurde, wie Kadimahs Gründungspräses Moses Schnirer in seiner Festrede bei der ersten Makkabäerfeier betonte: „Wir wollen in uns die bis nun erstickte Erinnerung wachrufen, um neuen Mut, neue Hoffnung, neue Nahrung für das Nationalgefühl zu gewinnen.“ Im tradierten Jahresbrauchtum der Studentenverbindungen entsprach die Makkabäerfeier dem „Weihnachts-“ oder „Julkommers“ und bildete oft den Höhepunkt des Semesterprogramms.

Johann Kremenezky, Ehrenbursch der „Makkabäa“, hatte als Erfinder mit „Tungsram“ ein Elektroimperium aufgebaut und mit der Gründung und Leitung des KKL die Voraussetzung für grossflächigen Landankauf im spätosmanischen Palästina geschaffen. KKL-Marke aus Kremenezkys Todesjahr 1934.
Weitere jüdisch-nationale Studentenverbindungen
Das Konzept der jüdisch-nationalen Studentenverbindung fand in Wien bald Nachahmer. 1894 rief der ehemalige Kadimahner und Medizinstudent Karl Pollak mit Studienkollegen wie dem späteren Ehrenburschen Max Jerusalem und weiteren seiner ehemaligen Bundesbrüder die Unitas ins Leben. Sie setzte sich aus Studenten zusammen, die hauptsächlich aus Böhmen und Mähren stammten und gründete ihrerseits im Juli 1896 die Tochterverbindung Veritas an der Brünner Technischen Hochschule. Kurze Zeit nach der Gründung der Unitas wandelte sich eine Ende 1891 von einer Freundesrunde aus Teschen (Cieszyn, Polen) gegründete, weitere Freundesrunde in die Verbindung Ivria um, die als erste jüdische Korporation am 28. Februar 1896 ihre schwarz-gold-blauen Farbenbänder auf der Universität anlegte. Deren Mitglieder waren es auch, die auf Anregung ihres Mitgründers Louis Poborski als Bundes-
lied erstmals die Hatikvah, die Hymne der zionistischen Bewegung und ab 1948 des Staates Israel, anstimmten. Noch im Dezember 1894 konstituierte sich in Wien die Libanonia. David Wolffsohn war als Gast im Frühjahr 1896 überrascht von der Entschlossenheit der Verbindung:
„Ich machte einen Kommers der ‚Libanonia‘ mit und war erstaunt über die Sprache, die dort geführt wird. Zionistische Reden, die klipp und klar sagen, wir wollen aus dem Golus heraus, wir wollen nicht mehr unter den Ariern leben, wir wollen unseren Staat in Palästina gründen, habe ich noch nie in voller Öffentlichkeit gehört!“

Kadimahner mit dem Wappenschild der Verbindung, darüber eine Ausgabe von „Die Welt“. Links der Technikstudent Oscar Löwy als Erstchargierter, später in New York, stehend der Techniker Paul Zuckermann, rechts ohne Band Alfred Pisko, 1900. (Sammlung Seewann im Besitz des Verfassers).
Weitere Verbindungs-Gründungen folgten rasch: 1897 bildeten sich mit Unterstützung der Kadimah die Grazer Charitas und in Wien an der Technischen Hochschule die Makkabäa. Der Makkabäa gehörte in der Anfangszeit Johann Kremenezky, Elektropionier, Industrieller und Finanzier der WZO an. Der Inhaber der „Tungsram“-Glühbirnenfabrik wurde zum Motor hinter der Gründung des Jüdischen Nationalfonds (Keren Kayemeth LeIsrael, KKL), dessen Aufgabe der Ankauf und die Urbarmachung von Boden in Palästina als Eigentum des jüdischen Volkes war. Zuvor hatte der Kadimahner und Wiener Rechtsanwalt Oser Kokesch, Governor der Jewish Colonial Bank, mit seiner Kanzlei als Zahlstelle für Spenden an die zionistische Bewegung gedient.
Die nach dem Vorbild der Kadimah gebildeten Bünde hatten zwar eine straffe Form und Binnenorganisation, doch schreckte die „Nähekultur“ des Verbindungswesens, mit Kameraderie und verpflichtendem studentischen Fechten, am Gemeinschaftsleben oder spezifisch jüdischen Bildungsinhalten durchaus interessierte Studenten ab. Dieses „Manko“ wurde von Kadimah erkannt, die ihren exklusiven Charakter als zionistische Elite beibehalten, aber zugleich auf ein breites Mitglieder- und Unterstützerreservoir nicht verzichten wollte. Der Medizinstudent Josef Bierer, Sohn eines der Mitgründer und 1891 unter den ersten Czernowitzer Hasmonäern, übernahm auch in diesem Fall die Initiative einer Neugründung, die ab dem Frühjahr 1893 diskutiert wurde. Die neue akademische Plattform wurde am 16. September 1894 als Jüdische Akademische Lesehalle unter Patronanz der Kadimah gegründet, bald aber in Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler (kurz: „Halle“) umbenannt. Bereits in der ersten öffentlichen Versammlung Ende 1894 traten 300 Studenten in den Verein ein, ein Vielfaches der Mitgliederstärke der Kadimah. Ende 1896 war die „Halle“ dann mit über 1.000 Mitgliedern die zweitgrösste studentische Organisation an der Universität Wien.
In der ursprünglichen Konzeption Bierers hätte die Neugründung als neutrale Dachorganisation für die neben Kadimah mittlerweile zahlreichen akademischen Verbindungen fungieren sollen, allerdings kam es dazu nicht, da ein allzu deklariertes zionistisches Engagement vermieden werden sollte. Die Gratwanderung zwischen der zionistischen Ausrichtung, die 1897 durch die Annahme des Basler Programms statutarisch verankert wurde, und dem Charakter einer offenen Service- und Bildungsplattform für jüdische Studenten mit dem Ziel der „Verjüdischung des Wesens“ gelang trotz so mancher heftigen inhaltlichen Auseinandersetzung, die hauptsächlich entlang der Linie zwischen Korporierten und Nicht-Verbindungsstudenten verlief.
Die politische Neutralität der „Halle“ sollte die Attraktivität für Studenten wie Gönner und Förderer, darunter die Wiener Kultusgemeinde, aber auch Gesellschaftsgrössen wie den „Kohlenbaron“ David von Gutmann oder für Johann Schnitzler, den Chirurgen und Bruder des Schriftstellers, aufrechterhalten. Daher wurde auch auf das Tragen von Bändern als studentische Abzeichen verzichtet und die Farben, Silber-Blau-Silber, wurden lediglich auf Drucksorten, Einrichtungsgegenständen und gemeinsam mit dem Zirkel auf „Bierzipfel“ genannten Taschenuhr-Anhängern angebracht. Zu den hartnäckigen Anekdoten, die im Lesesaal der „Halle“-Bibliothek mit ihrem reichen, für Mitglieder kostenlosen Bestand erzählt wurden, zählte auch, dass Leo Trotzki in der Zeit seines Wiener Aufenthalts häufiger Gast und sogar eingeschrieben gewesen sein soll. Bei Korporationen wie Kadimah wäre dies undenkbar gewesen, hier aber galt:
„Die österreichischen jüdisch-akademischen Verbindungen stehen auf rein nationalem Standpunkt im Sinne des Baseler Programms. In ihren Reihen haben Studenten, die sich nicht zum jüdischen Volk bekennen, ebenso wenig Platz als solche, die deutsch-liberaler Gesinnung sind oder der Sozialdemokratischen oder Kommunistischen Partei angehören.“

Der Lesesaal der „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler“ in Wien, einer Gründung der „Kadimah“, die sich damit eine Vorfeldorganisation in der Studentenschaft offenlassen wollte.

Karikatur des antisemitischen Blattes „Kikeriki“ über die „Massregelung“ der Kadimahner durch deutschnationale Waffenstudenten, Ausgabe 19. 11.1908. Die Realität sah allerdings oft ganz anders aus, da die Kadimahner gefürchtete Fechter waren und Genugtuung auf Säbel (mit entsprechendem Verletzungsrisiko) gaben.
Alle Abbildungen: G. Gatscher-Riedl, mit freundlicher Genehmigung.