„Die aus der Zeitung wie aus dem Troge / Täglich geistige Nahrung beziehen /
Lasen gerührt die Nekrologe /
Und vergassen ihn.“1
Fast hätte der Autor obiger Zeilen sich als prophetisch erwiesen, was sein eigenes Andenken angeht, doch mittlerweile gibt es Bemühungen, sich seiner zu erinnern, druckt man seine Texte wieder, erscheinen ihm gewidmete Artikel.2 Dieser Mann, dem die Nachwelt durchaus Aufmerksamkeit schuldet, ist der gebürtige (Alt-)Österreicher Leo Heller. Seine Gesichtszüge erinnern ein wenig an Marcel Proust, allerdings mit etwas weniger nobler Distanziertheit gegenüber seiner Umgebung darin. Im Gegenteil: Leo Heller beobachtet die Welt sehr genau durch die Klemm-Brille auf seiner Nase. Sein Haar ist dunkel, leicht gewellt, die Stirn hoch, seine Physiognomie markant. Das Leben hat ihm seine Erfahrungen mit ein paar tiefen Kerben darin eingeschrieben. Seine Augen sind wach und ebenso wie seine Ohren dazu bereit, jene Notizen machen, die er später zu Texten verarbeiten wird.

Leo Heller, Berliner Razzien, 1921, Titelseite. Quelle: https://schmalenstroer.net/wiki/Historische_Bilder/Leo_Hellers_Kapitelbilder_in_Kurrent/Leo%20Heller%20-%20Berliner%20Razzien.pdf
Geboren wird er am 18. März 1876 in Wien als Sohn einer im böhmischen Teplitz (Teplice) ansässigen Kaufmannsfamilie. Sein Interesse für die Randschichten der Gesellschaft dürfte früh erwacht sein, denn Berichten zufolge muss er wegen des Besuchs eines „verpönten Lokals“ die Schule wechseln. Der Vater schickt ihn daraufhin auf die Handelsakademie in Prag. Ins Familiengeschäft möchte Leo nicht einsteigen, er beginnt eine Lehre bei der Böhmischen Union-Bank, doch seine Passion ist nicht der Umgang mit Banknoten, sondern der mit Worten. Er bricht die Ausbildung ab, um Redakteur des Prager Deutschen Abendblatts zu werden, wo er sich im Feuilleton rasch einen Namen macht und in literarischen Zirkeln wie dem Verein Jung-Prag verkehrt. In der böhmischen Metropole erlebt er das Entstehen einer Generation von Literaten mit, die nachhaltigen Einfluss auf die deutsche Literaturgeschichte haben wird: Rainer Maria Rilke, Gustav Meyrink, Max Brod, Franz Kafka, Franz Werfel. Seine eigentliche Karriere wird Leo Heller jedoch in einer anderen Stadt machen.

Leo Heller 1927. Mit freundlicher Genehmigung: G. Krenn.
Ernst von Wolzogen, der Begründer des literarischen Kabaretts Überbrettl, lädt Heller 1901 nach Berlin ein, um für sein Etablissement zu schreiben. Einige dieser Brettl-Lieder werden von dem Operettenkomponisten Oscar Straus vertont, der ebenfalls für das Überbrettl arbeitet. Nachdem sich Wolzogen 1902 von seinem Theater verabschiedet, arbeitet Heller als Redakteur der Nationalzeitung, die ab 1910 in 8-Uhr-Abendblatt umbenannt wird. Neben seinen Reportagen schreibt Heller Libretti, Komödien, Gedichte und Texte für Kabaretts, etwa die Wilde Bühne von Trude Hesterberg und für Max Reinhardts Schall und Rauch, sowie für humoristische Zeitschriften wie Die Muskete und den Simplizissimus.
Dem Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg entgeht Heller durch ein Engagement im k. u. k. Kriegspressequartier in Wien, dem er von 1914 bis 1917 angehört. Sein 1915 erschienenes Gedicht Im Schützengraben entspringt daher eher poetischer Empathie als eigener Fronterfahrung.3 Ab 1917 lebt Heller wieder in Berlin. Von dort aus wirkt er bis 1928 als Korrespondent des Neuen Wiener Journals und hält die Verbindung zu seinem Herkunftsland in mehr als 200 Beiträgen aufrecht. Unter anderem schreibt er dort im Januar 1919 einen sehr persönlichen Nachruf auf die ermordete Politikerin Rosa Luxemburg:
„Solange sich Rosa Luxemburg politisch betätigt hat, ist der Mensch Luxemburg vor der Politikerin Luxemburg in den Hintergrund getreten.“4
In seinem Buch Berliner Razzien (1920) schildert Heller auch, wie er einen Polizeieinsatz begleitet, auf dem im Berliner Kanalsystem nach der Leiche von Luxemburg gesucht wird.
In den Zwanzigerjahren schreibt er für den Wochenspiegel, für den auch Egon Erwin Kisch und Siegfried Jacobsohn arbeiten. Er ist ein Intimus der Bohémiens seiner Zeit, kennt die Volkssängerin Claire Waldoff ebenso wie den Graphiker Heinrich Zille. Sein Interesse gilt jedoch den unteren Schichten, der Kleinkriminalität und Prostitution, wobei er seine Reportagen nicht romantisch verbrämt, sondern akribisch recherchiert und faktenbezogen schildert. Sein unverkennbarer Stil pendelt zwischen gehobenen Formulierungen und realistischen Dialektzitaten. Als man Berlin nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zum „Chicago Deutschlands“ erklärt, widmet sich Heller intensiv seinen Sozialstudien der Halbwelt, deren Charaktere bei ihm keine Klischeefiguren, sondern reale Persönlichkeiten sind. Regelmässig begleitet er Vertreter der Exekutive auf ihren Einsätzen und recherchiert so vor Ort. Mehrere Bücher dokumentieren dies, darunter Berliner Razzien (1921) oder Der Liebesrentner (1929). In Letzterem schildert er den Lebensweg eines Berliner Zuhälters in einer sozialkritisch-literarischen Studie und dokumentiert, wie man sich in jenen Kreisen hilft:
„Ich beobachtete und bestaunte hier zum erstenmal, mit welcher Bereitwilligkeit hier ein Notleidender unterstützt wurde, und ich musste unwillkürlich zurückdenken, wie mir als ,solider Mensch‘ in meiner bittersten Not oft die kleinste Hilfe, die mich vielleicht hätte retten können, von Leuten versagt wurde, die im Verhältnis zu meinen Zunftgenossen tausendmal mehr besassen.“5
Die Unter- oder zumindest die Halbwelt scheint damals auch aufmerksam die Zeitungen gelesen zu haben, denn Hellers Artikel werden in besagten Kreisen rege diskutiert. 1924 klingelt in seiner Wohnung in der Von-der-Heydt-Strasse Nummer 4 das Telefon und bei Leo Heller meldet sich eine Stimme, die ihm erklärt: „Wa ham jestan Ihren Artikel ieba de Taschendiebe jelesen und mechten jern ooch een Amd mit se beisamm sind.“ Man verabredet einen Treffpunkt und ein Erkennungszeichen: Einen blauen Hemdkragen, denn „rote Rosen sind’n bissken deia!“6 Literarisch verarbeiten wird Heller diese Begegnung in seinem Text Die Rache des Konditors. Wie bei grossen literarischen Vorgängern – etwa Charles Dickens, Victor Hugo, Jack London oder heute Ferdinand von Schirach – steht auch bei Heller stets der Mensch hinter seinem Schicksal im Mittelpunkt. Das Medium Film engagiert ihn ob seiner Vertrautheit mit der Halbwelt als Drehbuchautor, darunter für Der Falschspieler (1920) mit Hans Albers und Anita Berber, Taschendiebe (1921) und Dirnentragödie (1927) mit dem Stummfilmstar Asta Nielsen. Es wäre interessant zu wissen, inwieweit Fritz Lang und Thea von Harbou sich durch Hellers Reportagen zu ihrem Drehbuch zu M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) bei der Beschreibung der schrulligen Unterwelt inspirieren haben lassen.
Verheiratet ist Leo Heller seit dem Jahr 1906, und seine Angetraute ist ebenfalls eine stadtbekannte Persönlichkeit. Die 1866 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns geborene Regina Opper hatte 1894 den Kaufmann Hugo Friedländer geheiratet, sie war zu jenem Zeitpunkt bereits eine erfolgreiche Putzmacherin (Modistin). Regina wurde Mutter zweier Kinder, blieb jedoch berufstätig und gründete 1904 die Firma „Regina Friedländer“.7 1906 wurde die Ehe geschieden, denn Regina hatte sich in Leo Heller verliebt. Er wird ihr zweiter Ehemann. 1910 erfüllt sich Regina den Traum eines exklusiven Modesalons in der Potsdamer Strasse, mehrere Filialen sollten folgen. Nachdem sie die „goldenen“ Zwanzigerjahre überaus erfolgreich begonnen hat, geht ihr Modeimperium in der Weltwirtschaftskrise 1928 zunächst in Konkurs, kann danach jedoch – mit erheblichen Abstrichen – weitergeführt werden. Am 7. März 1932 stirbt Regina Friedländer, in einem Nachruf auf sie führt man sich das eigenwillige Paar noch einmal vor Augen: „Die grosse, stattliche Regina war mit dem kleinen, zarten Mann verheiratet […] Während Regina die reichsten Frauen Berlins einkleidete, interessierte er sich für die Ärmsten.“8
Leo Heller erlebt den aufziehenden Schrecken des Nationalsozialismus mit und stirbt noch vor dessen Ende. 1932, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau, geht er zurück nach Teplitz und schliesslich nach Prag. Er hört, dass die Nazis seine Texte auf die „Liste des verbotenen Schrifttums“ setzen, übersteht die Besetzung der Tschechoslowakei 1939, erliegt aber am 31. Januar 1941 in Prag einer Nierenentzündung. Seine Schwester Ellen wird im selben Jahr ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie am 23. August 1942 stirbt. Als Todesursache wird lapidar „Lungenentzündung“ angegeben. Die Stimme ihres Bruders ist zu jenem Zeitpunkt bereits verstummt, und sie fehlt in dieser düsteren Zeit:
„Die Säue grunzten dumpf und schwer: / Wir wollen keine Perlen mehr, / Seit man uns vorzuwerfen beginnt / Perlen, die keine Perlen sind.“9



Drei Motive aus dem Film „Dirnentragödie“, Asta Nielsen (rechts). Deutschland 1927, Regie: Bruno Rahn.
Credit: Österreichisches Filmmuseum, mit freundlicher Genehmigung.
Anmerkungen
1 Preussische Allgemeine, 14. April 2024, siehe: https://paz.de/artikel/groszer-kenner-der-berliner-unterwelt-a11059.html
2 Dies ist vor allem dem Einsatz der Journalistin Bettina Müller zu danken.
3 https://www.uibk.ac.at/de/brenner-archiv/editionen/ged_wk1/schuetz_ged/
4 Neues Wiener Journal, Nr. 9065, 28. Januar 1919, S. 3.
5 Leo Heller, Der Liebesrentner. Die Interview-Biographie eines Berliner Gauners und Zuhälters als Lebensroman, Diekholzen 2024, S. 79.
6 https://www.nd-aktuell.de/artikel/1081848.die-rache-des-konditors.html
7 Regina Friedländers Tochter Rosalie stirbt 1943 im Vernichtungslager Sobibor, ihr Sohn Emanuel Werner 1948 in Montevideo/Uruguay.
8 Neue Hamburger Börsen-Halle, 12. März 1932.
9 https://lyrikzeitung.com/2025/03/10/perlen/