Ausgabe

Die mittelalterliche Synagoge von Sopron

Michael Bittner

Zeuge von Kulturblüte und Vertreibung

Inhalt

Wenn heute ein Haus in die Jahre kommt, wird es abgerissen und der Bauschutt deponiert. Bagger fahren auf und graben metertief in die Erde, um alles zu vernichten, was in den letzten Jahrhunderten an dieser Stelle entstanden war. Im Mittelalter handelte man intelligenter, was noch stabil war, blieb stehen und wurde umgebaut, Stockwerke wurden eingezogen, die Raumaufteilung wurde verändert, doch das alte Gebäude blieb im neuen teilweise erhalten. Übrigens empfiehlt auch der Talmud diese Verfahrensweise. Diesem Umstand verdanken wir das Wiedererstehen einer der ältesten Synagogen Europas, jener von Sopron (Ödenburg) in Ungarn.1 Ihre Entstehungszeit, das 14. Jahrhundert, war durch massive Judenverfolgungen in West- und Mitteleuropa sowie in Italien geprägt. Die entsprechenden Legenden wie Brunnenvergiftungen als „Beweis“ für die Schuld der Juden an der Pest von 1350 sowie die berüchtigten „Heiligen Blut“- und „Kindermord“-Legenden datieren in diese Zeit. Sopron war damals eine bedeutende Stadt vor allem des Weinhandels, die ungarischen Könige stammten aus dem Westen, Karl Robert von Anjou ebenso wie die nachfolgenden Luxemburger, so wurde Ungarn ein lohnendes Ziel für aus Deutschland vertriebene jüdische Gemeinschaften.

 

Die Ansiedlung erfolgte sieben Jahre nach dem verheerenden Stadtbrand von 1317 in einer kleinen Strasse der Altstadt, der „Neugasse“. Schon 13602 wurden die Juden wieder vertrieben, nach vier Jahren konnten sie jedoch zurückkehren. Wie zu jener Zeit üblich, steht die Synagoge nicht an der Strassenfront, sondern einige Meter dahinter, wohl, um nicht zu „provozieren“. Ähnlich ist die Lage der kleineren, etwa zeitgleich errichteten Synagoge von Bruck an der Leitha,3 im Hinterhof, aber in der Nähe des Marktplatzes. Das Gebäude wurde bald nach der Ankunft der Juden begonnen, vielleicht schon im gotischen Stil, es besteht aus einem Eingangsbereich, einem gewölbten Betsaal für die Männer, einem angebauten schmalen Frauentrakt mit Schlitzfenstern in den Hauptraum und eigenem Eingang sowie einer Mikwe, einem Ritualbad (Abbildung 9). Da der Hauptraum auch an der Nordseite Schlitzfenster aufweist, dürfte sich hier, auf dem heutigen Nachbargrundstück, ein Anbau befunden haben. 1526, nach dem Ende der judenfreundlichen Jagiellonenherrschaft, mussten die Juden Sopron verlassen; erst im 19. Jahrhundert konnte sich erneut eine jüdische Gemeinde in der Stadt etablieren. Die Synagoge wurde zum Wohnhaus umgebaut, die Restaurierung um 1967 war bemüht, die erhaltenen Teile zu sichern und keine vollständige Rekonstruktion durchzuführen, das Gebäude dient seither als Museum.4 

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Rekonstruktion des möglichen Aussehens der Synagoge um 1500.

Michael Bittner eigenes Foto, und By Øyvind Holmstad – Own work, CC BY-SA 3.0,

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2842348 abgerufen 19.02.2026.

Die Synagoge wurde nicht in einem Zug errichtet, wie alle mittelalterlichen Sakralbauten. Zuerst wurde ein Betsaal gebaut, davon zeugen die halbrunden Dienste mit den groben polygonalen Kapitellen etwa in halber Höhe, sie trugen vermutlich die Balken einer Holzdecke. Danach wurden die Anbauten errichtet, im 15. Jahrhundert wurde der Hauptraum aufgestockt und eingewölbt. Damals entstanden auch das Hauptportal und die Fenstermasswerke. Um 1500 wurde der Thora-Schrein mit Reliefs geschmückt, die der Spätgotik zuzuordnen sind. Die ältesten erhaltenen Synagogen wurden ab etwa 1200 in Deutschland erbaut, in Worms und Erfurt, danach in Prag (Altneuschul), in Krakau und später in Wien (Judenplatz). Es handelt sich um zweischiffige rechteckige Hallen, deren Rippengewölbe von zwei Pfeilern getragen werden, mit seitlichen niedrigen Anbauten. Ist die Synagoge von Worms noch mit romanischen Details geziert, so sind die späteren Bauten im Stil der Gotik ausgeführt. Kleine Anlagen wie Sopron oder Bruck an der Leitha sind einschiffige, dreijochige Hallen, der Hauptraum in Sopron ist etwa 52 Quadratmeter gross, misst also weniger als die Hälfte der Fläche der Prager Altneuschul (siehe Abbildung 8). Das Rippengewölbe musste an die rechteckige Bau­form angepasst werden, die ursprüngliche Konstruktion ist jedoch nicht mehr erkennbar, denn die rekonstruierten Gewölbeteile und die Bögen an den Seitenwänden stimmen teilweise nicht überein. Das Gewölbe in Sopron ist im Westteil zerstört, der östliche Bereich mit einem Rundfenster und zwei lanzettförmigen Spitzbogenfenstern zeigt eine Dreiteilung, die den Apsiden zeitgleich entstandener Kirchen ähnlich ist (Abbildung 7). Die Rippen laufen in schmalen Diensten, nicht in Wandpfeilern aus. Leider sind in Sopron die Schlusssteine nicht mehr vorhanden, in Bruck gibt es noch einen mit Weintrauben-Reliefdekor.

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Tympanon Eingangstor. Foto: Ingrid Bittner.

 

Die gotische Wölbungstechnik setzt spezialisierte Maurer voraus – ob es reisende Handwerker waren, die von einer Baustelle zur nächsten gingen, oder ob es, wie man in Prag und Wien vermutet, lokale Bauleute waren, bleibt dahingestellt.5 Diese hatten damals in Sopron viel Arbeit, der St. Georgs-Dom, die Michaels- und Heiliggeistkirche waren etwa gleichzeitig im Bau, doch wurden im Mittelalter oft Handwerker aus anderen Regionen geholt, statt die lokalen zu beschäftigen, daher sehen sich die gotischen Bauten in einer Stadt meist nicht ähnlich. Die Pläne und Entwürfe jedenfalls reisten mit den Bauleuten durch Europa, von Frankreich bis nach Polen und Ungarn, mit ihnen verbreitete sich der gotische Baustil. Die Steinmetzarbeiten am Portal und am Thora-Schrein sind, im Gegensatz zur Prager Altneuschul, unterschiedlich gestaltet. Das Hauptportal, vielleicht noch aus dem 14. Jahrhundert, zeigt ein original erhaltenes Tympanon, den für die Spätgotik typischen Türsturz in Form eines Schulterbogens und einen kleinen Teil des Gewändes, der Rest ist Rekonstruktion (Abbildung 2). Die Die zeitgleich errichteten gotischen Kirchen der Stadt weisen andere Formen und Dekore auf, doch muss man bedenken, dass bei den Regotisierungen des 19. Jahrhunderts beschädigte Originalteile durch „schöne neue“ ersetzt wurden. Die Masswerke des Portal-Tympanons sind fein gearbeitet und zeigen im unteren Bereich Nonnenköpfe6, über denen drei Vierpasse die Fläche füllen. Diese bestehen aus kreisrunden Formen, die ein Kleeblatt bilden, sie unterscheiden sich deutlich von den geschwungenen Dreiblattformen des Thora-Schreins; die beiden Reliefs liegen vom Entwurf und der Ausführung einige Jahrzehnte auseinander. Die anfangs stereotypen Konstruktionen der Masswerke verkomplizierten sich mit der Zeit erheblich, hier zeigten die Steinmetze ihr Können, was zu immer gewagteren Mustern führte, bis die Renaissance diesem Wettstreit ein Ende setzte. Ein erhaltenes Fenstermasswerk zeigt ein Dreiblatt mit zwei Nonnenköpfen, ein Motiv, das ähnlich an den Fenstern der Kathedrale von Carcassonne vorkommt, die um 1320/30 datiert wird.7 (Abbildung 6) Wie lange das Motiv brauchte, um von Frankreich bis nach Sopron zu gelangen, ist nicht nachvollziehbar.

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Thoraschrein – Tympanon. Foto: Ingrid Bittner.

 

Die Weinrebe mit Trauben ist ein häufiges Schmuckmotiv an mittelalterlichen Synagogen, etwa bei den Bogenfeldern der Prager Altneuschul. Der steinerne Rahmen des Thora-Schreins zeigt dieses Motiv als Relief, das farbig gefasst war: an tiefliegenden Teilen hat sich der rote Farbton teilweise erhalten. Der dreieckige Giebel besitzt ein Tympanon mit Masswerk der ausgehenden Gotik, des späten 15. Jahrhunderts. Die kreative Ausfüllung der Fläche mit einem sechsspeichigen Rad, gefüllt mit spitzen Dreiblättern sowie die Füllung der Restfläche mit Dreiblattmotiven setzt eine virtuose Entwurfstechnik voraus – diese Motive wurden mit dem Zirkel konstruiert. Die feine Steinmetzarbeit ist das Werk eines Bildhauers der Zeit um 1500. Sie ist ein Unikat, doch ihre Vorbilder liegen in der englischen Gotik, wo solche sechsteiligen Räder ohne Schneusse8 vorkommen (Abbildung 5).9 Die meisten deutschen Masswerke beruhen auf den Zahlen vier und fünf, es waren also zumindest zwei verschiedene Baupartien mit unterschiedlich ausgebildeten Steinmetzen im Lauf des 15. Jahrhunderts an der Synagoge tätig. Die eigenwillige Form des Thora-Schreins (Abbildung 3) ist dem Sakramentshäuschen der Kirche von Saint Ambroise in Douadic im Loiretal ähnlich (Abbildung 4), das noch aus dem 12. Jahrhundert stammen dürfte. Dort ist die geschnitzte Holztür (aus dem 15. Jahrhundert) noch vorhanden, die in Sopron ähnlich ausgesehen haben mag. Statt der Bekrönung durch ein Kreuz ist ein schwer beschädigter Abschlussstein vorhanden, vielleicht sah er den Weinblatt-Reliefs der Pfeilerkapitelle der Altneuschul ähnlich. 

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Saint Ambroise Douadic Sakramentshäuschen. Quelle: https://www.tripadvisor.es/LocationPhotoDirectLink-g6632665-d23499524-i491172377-Eglise_Saint_Ambroix-Douadic_Indre_Berry_Centre_Val_de_Loire.html 

 

Die Fenster an der Ostwand über dem Thora-Schrein sind nach dem Vorbild der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Synagoge von Erfurt gestaltet.10 Ein Rundfenster in der Mitte, zwei schmale Lanzettfenster seitlich, doch sind die Gebäude ansonsten sehr unterschiedlich. Die Platzierung der Öffnungen im oberen Drittel der Wand ist der Vorstellung geschuldet, dass G’tt einen Überblick über die Betenden hat (zumindest über die Männer). Wo das erhaltene Masswerkfragment einst eingebaut war, erschliesst sich nicht, auffällig ist auch das kleine Rundfenster im nordöstlichen Bereich, vielleicht sind dies Reste einstiger Umbauten. Die Dachkonstruktion müssen wir uns anders vorstellen, als sie in der Wiederherstellung der 1960er Jahre ausgeführt wurde. Der Giebel der Altneuschul dürfte das Vorbild gewesen sein, auch beim Wiederaufbau der Wormser Synagoge nach dem Krieg wurde ein Walmdach wie in Sopron aufgesetzt, es kostete einfach weniger. Bei der virtuellen Rekonstruktion der Wiener Synagoge auf dem Judenplatz hat man das Prager Vorbild benutzt, das hoch aufragende Giebeldach hatte ja auch die Funktion, die Synagoge als das höchste Gebäude des Judenviertels zu definieren (Abbildung 1). Ähnlich wie in Wien, wo die Synagoge nur sehr kurz in voller Pracht zu sehen war (1406–1421), kam das Ende für das Gebäude kurz nach seiner Fertigstellung – schon 1526 mussten die Juden Ödenburg verlassen. Geblieben ist ein steinernes Zeugnis des Glaubens, das uns auch nach sieben Jahrhunderten noch immer beeindruckt.

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Illustration aus Günther Binding, Masswerk (Darmstadt 1989), S. 161.

 

Das sehenswerte Museum befindet sich in 9400 Sopron, Új utca 22, in den Wintermonaten geschlossen. https://sopronimuzeum.hu/de/standorte/o-zsinagoga .

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Fenstermasswerk. Foto: Ingrid Bittner.

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Innenraum. Foto: Ingrid Bittner.

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Mikwe. Foto: Ingrid Bittner.

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Grundriss mit Giraffe 360. Foto: Ingrid Bittner und Prager Altneuschul (­unten), https://livingprague.com/prague-attractions/prague-old-new-
synagogue/
abgerufen 19.02.2026.

Anmerkungen

1 Es gibt in derselben Gasse, Nr. 11, noch eine zweite, die „neue“ Synagoge von 1350, die nicht besichtigt werden kann.

2 Böhm, Martin Josef: Judentum in Ungarn (2020). Deutsch-ungarisches Institut für europäische Zusammenarbeit, S. 1. https://magyarnemetintezet.hu/documents/doc/Situation%20Juden_MB_DP_HM.pdf abgerufen 08.12.2025.

3 Vgl. Simon Paulus‘ Artikel von 2016- https://davidkultur.at/artikel/zur-rekonstruktion-der-mittelalterlichen-synagoge-in-bruck-an-der-leitha. Seither ist in Bruck nichts passiert.

4 Das Museum ist über die Wintermonate geschlossen, doch gibt es einen virtuellen Rundgang: https://tudastar.mazsihisz.hu/en/cultural-heritage-2/. Abgerufen 03.12.2025.

5 In Prag ist man sich nicht einig, ob eine königliche Bauhütte oder die Zisterzienser (!) am Werk waren, in Wien ist es natürlich die Dombauhütte, die durch die Wiener Kunstgeschichte seit den 50er Jahren geistert und für alle auch noch so untypischen gotischen Gebäude als Urheber herangezogen wird.

6 Keine Sorge, nur eine Bezeichnung für spezielle Spitzbogenformen https://de.wikipedia.org/wiki/Nonnenkopf abgerufen 03.12.2025.

7 Binding, Günther: Masswerk (Darmstadt 1989), S. 84f.

8 Ein häufiges Schmuckmotiv der Spätgotik, auch „Fischblase“ genannt. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Fischblase_(Ornament) abgerufen 08.12.2025.

9 Binding, S. 161, Fig. 182, 183. Eine einfachere Sechser-Teilung zeigt der Riss für die Südfassade des Stephansdoms Nr. III 8 b in der Akademie der Bildenden Künste, Kupferstichkabinett.

10 https://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Synagoge_(Erfurt)