Ausgabe

Die Emigration jugoslawischer Jüdinnen und Juden in den Staat Israel (1948–1952) (Autor: Milan Radovanović, Belgrad) TEIL II

Anna Maria Grünfelder

Eine der seltenen historiographischen Studien (Autor: Milan Radovanović, Belgrad) zu dieser Thematik und ein Aspekt des „Kalten Krieges“ in Südosteuropa

Inhalt

An allen Alija-Fahrten betrug der Anteil der Frauen mehr als 50 Prozent der insgesamt Reisenden. (S. 85) Mehr als 60 Prozent waren Erwachsene zwischen 26 und 65 Jahren; Jugendliche zwischen 14 und 26 Jahren waren die nächsthöhere Gruppe, gefolgt von Kindern bis zu 14 Jahren (rund 17 Prozent). (S. 86) Beamte, Gewerbetreibende und Hausfrauen bildeten die zahlenstärksten Berufsgruppen, gefolgt von Studenten und Schülern (ca. 18 Prozent). Intellektuelle mit Universitätsabschluss waren mit rund 5 Prozent relativ schwach vertreten, denn ihre Berufsaussichten waren in den Aufbaujahren des Staates Israel minimal. Damals waren Handwerker, Techniker, Fach- und Hilfsarbeiter gefragt. (S. 87) 

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Der Autor macht deutlich, dass als erste Alija-Einwanderer vor allem junge Leute ankamen, die bereit waren, in dem im Mai 1948 begonnenen Krieg der arabischen Nachbarländer gegen den neuen Staat auf Seiten Israels zu kämpfen. Die israelischen Einreisebedingungen waren auch entsprechend rigoros: Personen ab 60 Jahren ohne Begleitung jüngerer Familienmitglieder oder Angehörige in Israel, ebenso chronisch Kranke hatten keine Chancen auf ein israelisches Einwanderungszertifikat. Die israelische Immigrationspolitik Israels war darauf angelegt, nur jene Einreisenden zu akzeptieren, die die schwierige Anpassung würden leisten können und sich gleich in den Arbeitsprozess eingliedern oder aber am Krieg teilnehmen würden. (S. 72)

 

Darauf bereitete die Emigranten die noch in der Vorkriegszeit in Palästina gegründete Vereinigung jugoslawischer Immigranten (Histadrut olej Jugoslavia) vor. Sie führte ihnen auch die schwierigen Lebensbedingungen für Einwanderer vor Augen: Wer nicht Verwandte in Israel hatte, die ihm eine provisorische Bleibe bieten konnten, musste mit den Lagern in den Kibbuzim vorliebnehmen. Die Mitglieder von Histadrut halfen den Immigranten bei der Integration, wiesen sie aber darauf hin, dass Israel kein Wohlstandsland war und die Emigration nicht bloss ein einfacher Ortswechsel, sondern auch der Wechsel in eine ungewohnte Klimazone. Bis sie eine Wohnung und Arbeit gefunden hatten, wohnten die Immigranten in eigenen Lagern, oder sie liessen sich in arabischen Dörfern in der Nähe der Städte nieder. Auch mit Zelten mussten sich manche Einwanderer begnügen, obwohl die israelische Regierung, in Erwartung der Immigration, Wohnbau betrieb. 

 

Auch wurden die Immigranten ermahnt, jede sich bietende Arbeit anzunehmen. Besonders Personen über 50 Jahre sahen sich bald in die Rolle der unfreiwilligen Rentner oder Arbeitslosen gedrängt. Hilfsarbeiter aller Berufe waren am meisten gefragt. Die gleichzeitige Jugendalija hatte so viele junge Arbeitskräfte ins Land gebracht, vor allem für die Landwirtschaft, dass die jugoslawischen Alija-Immigranten – Erwachsene und ältere Teilnehmer – es besonders schwer hatten.

 

Nicht anders als für die jüdischen „Displaced Persons“ in den DP-Lagern der Alliierten in den Besatzungszonen Deutschlands, war das dominante Bestreben der Holocaust-Überlebenden in Jugoslawien „nur weg von Europa“. Der Zionismus hatte sich bei den jugoslawischen Jüdinnen und Juden noch in der Vorkriegszeit „erledigt“. Pragmatik dürfte nach Überzeugung des Autors das vorherrschende Motiv der Entscheidung, sich in Israel niederzulassen, für die meisten Alija-Reisenden gewesen sein. Als Grund für die Auswanderung nach Israel gab die erste Gruppe dem jugoslawischen Staatspräsidium gegenüber bei der Verabschiedung an, sie wolle die israelischen Juden in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen die Araber unterstützen. Sie stellte den Verteidigungskampf der Israelis gegen die angreifenden Araber als Analogie zum Jugoslawischen Volksverteidigungskampf gegen die Achsenmächte (Deutschland, Italien, Ungarn, Bulgarien, 1941–945, abgekürzt NOB) dar. 

 

Radovanovic vermutet jedoch, dass dies ein „eingelernter“ Spruch gewesen sei, um die jugoslawische Staatsführung ebenso wie die israelischen Einwanderungsbehörden wohlwollend zu stimmen. Vor allem die Bezugnahme auf den Jugoslawischen Volksbefreiungskampf musste in Jugoslawien praktisch obligat angewendet werden und war geeignet, den Verdacht zionistischer Motivation zu entkräften. Offiziell war das kommunistische Jugoslawien gegenüber dem Zionismus wegen seiner religiösen „Anklänge“ feindselig eingestellt. Zwischen tatsächlich individuellen Motiven für die Auswanderung und dem, was opportun erschien – „Kampf für ein unabhängiges Israel“ – klaffte eine Diskrepanz. Juden machten Erfahrungen mit Antisemitismus, zum anderen waren es die Auswirkungen des Holocaust auf sie persönlich sowie die Umwelt, die sie ständig an diese Erfahrungen erinnerte. Europa sei für die überlebenden Juden ein einziges grosses Grab. „Aber auf Gräbern kann man keine Zukunft bauen“, sagte einer der Vertreter des Bundes der Jüdischen Gemeinden Serbiens1 bei der Verabschiedung der ersten Auswanderungswelle. 

 

Viele ältere Juden, die die Auswanderung der Zwischenkriegsepoche noch erlebt hatten, hatten nach dem Zweiten Weltkrieg nur mehr in Israel Verwandte und wollten mit ihnen wieder eine Familie aufbauen. Neu aufflammender Antisemitismus spielte hingegen nur eine marginale Rolle für ihre Entscheidung. Auch vor dem Krieg war Antisemitismus in Jugoslawien öffentlich kaum erkennbar gewesen und im neuen Jugoslawien gab es, nach der vorherrschenden Meinung im Bund, Antisemitismus nicht – nur im Westen sei er noch vorhanden. Einzelne Ausschreitungen gegen Juden spielte der Bund herunter, um nicht sein gutes Verhältnis zu den offiziellen Stellen zu belasten. (S.127-129) Die Beseitigung des Privateigentums bereits 1945 empfanden alle Juden als schweres Unrecht ihnen gegenüber, und zudem als den Entzug ihrer Existenzgrundlage. Praktisch wurden die Juden Jugoslawiens genauso wie die Jugoslawiendeutschen kollektiv für den Krieg in Jugoslawien bestraft. (S.133-135) Auch der Verlust von Arbeitsplätzen aus politischen Gründen und die damit verbundene materielle Unsicherheit bewog die Betroffenen zur Emigration, um in Israel eine neue Existenz gründen zu können. 

 

Emigranten nach Israel mussten sowohl auf ihre jugoslawische Staatsangehörigkeit als auch auf ihr Liegenschaftsvermögen in Jugoslawen verzichten. Auch Gemeindevermögen – wie rituelle Geräte und Thorarollen – durften die Emigranten anfangs nicht mitnehmen, später schon. Diejenigen, die sie mitnahmen, wurden zu einer lebenslangen Funktion als „Hüter“ dieses Erbes aus Jugoslawien ernannt. (S. 303) Diese Verfügungen wurde von der offiziellen Vertretung der jugoslawischen Juden getroffen, dem „Bund der jüdischen Kultusgemeinden Jugoslawiens“ („Savez jevrejskih vjeroispovijednih općina Jugoslavije“), gegründet 1919 in Belgrad; er hatte schon einen Tag nach der Befreiung Belgrads von der deutschen Besatzung (20./21. Oktober 1944) seine Tätigkeit an der ehemaligen Belgrader Adresse wieder aufgenommen.

 

Teil I ist in Heft 148, Pessach 5784, April 2026, S. 50f. ­erschienen. Die Langfassung von Teil II erscheint in der Online-Ausgabe von Heft 149, Sommer 2026, am 15.7.2026, www.davidkultur.at

 

Anmerkung

1 Im weiteren Text kurz „der Bund“.