Ausgabe

Der neue Talmud ist angekommen

Michel Levine

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Niederlage des Nationalsozialismus weltweit mit Freudenkundgebungen gefeiert. Gleichzeitig wurden Tausende jüdischer Überlebender der nationalsozialistischen Lager in Deutschland, Österreich und Italien in provisorischen Einrichtungen zusammengefasst, die man „Displaced-Persons-Lager“ (DP-Lager) nannte 

Inhalt

Ihre materielle Lage war dort äusserst prekär, wie der Brief bezeugt, den der amerikanische Präsident Harry S. Truman am 31. August 1945 an General Dwight D. Eisenhower richtete und der sich insbesondere auf die DP-Lager im amerikanischen Besatzungssektor Deutschlands bezog. Der Präsident empörte sich darin über die beklagenswerten Lebensbedingungen der dort untergebrachten Juden – einige waren sogar an denselben Orten untergebracht, an denen sie ihre Verfolgung erlitten hatten, wie etwa im KZ Bergen-Belsen. Auch wenn sich die materielle Situation in diesen Lagern bald deutlich verbesserte, litten viele unter ihrer Isolation, dem Mangel an Perspektiven für die Zukunft und der Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen. Hinzu kam das Gefühl, dass das eigene Überleben gegenüber den Kameraden, die an ihrer Seite gestorben waren, eine Ungerechtigkeit darstellte. Die Vorstellung, G’tt habe sie verlassen – ein Gedanke, der sie bereits während ihrer Haft gequält hatte –, blieb stark. Manche fragten sich: Was hat G’tt während all dieser Prüfungen getan? Warum blieb er so schweigsam, so fern? Und noch verzweifelter: Wie kann man überhaupt noch an seine Existenz glauben?

 

Angesichts dieser Verzweiflung beschlossen drei Rabbiner, diesen gequälten Seelen zu helfen. Wer waren diese drei Männer des Glaubens? Zwei von ihnen waren Litwaken (litauische Juden): Der erste, Samuel Abba Snieg, Oberrabbiner der amerikanischen Besatzungszone, war während des Krieges Militärseelsorger gewesen. Seine Frau war im KZ Dachau gestorben, wohin auch er deportiert worden war. Der zweite, Samuel Jakob Rose, ebenfalls Überlebender von Dachau, übte die schwierige Funktion eines Vermittlers zwischen den jüdischen Bevölkerungen der DP-Lager und den amerikanischen Verwaltungsbehörden aus. Gemeinsam überzeugten sie einen dritten Mann, den Amerikaner Philip Sidney Bernstein, sich ihrem Projekt anzuschliessen. Dieser Rabbiner der amerikanischen Zone war Berater des Militärgouverneurs. Während des Krieges hatte er die Tätigkeit seiner 300 Kollegen beaufsichtigt, die in die Streitkräfte integriert waren. 

 

Die Idee, die diese drei Rabbiner leitete, bestand darin, an die Emunah anzuknüpfen. Dieser hebräische Begriff bezeichnet das tiefe und lebendige Vertrauen in G’tt. Es handelt sich weniger um eine abstrakte oder dogmatische Behauptung als vielmehr um ein inneres Empfinden, das die Handlungen des Lebens leitet. Und das beste Mittel, das jüdische Bewusstsein zu stärken, bestand darin, den Glauben durch die Lektüre der heiligen Bücher (Seforim) zu festigen. Doch wo sollte man sie finden? Hunderttausende waren verstreut, zerstört oder verbrannt worden. Kontakt wurde zu zwei Organisationen aufgenommen, die in den Lagern tätig waren: dem American Jewish Joint Distribution Committee (JDC), das nicht nur Lebensmittel und Medikamente verteilte, sondern auch zur Gründung jüdischer Schulen beitrug, sowie dem Vaad Hatzalah, einer 1939 gegründeten orthodoxen Organisation zur Unterstützung der Rabbiner und Jeschiwa-Studenten aus Polen und Litauen. Eine ihrer Neuerungen war die Einrichtung „mobiler Synagogen“, die durch die DP-Lager zogen. Beide Organisationen druckten bereits einige Gebetbücher, wenn auch in begrenzter Zahl, und ihre Erfahrung konnte wertvoll sein.

 

Während der Besprechungen stellte sich die Frage: Welches Werk sollte gedruckt werden? Die Antwort lag schnell auf der Hand: der Talmud. Wie die Tragödie der Shoah entstand auch der Talmud (hebr. „Studium“ oder „Lernen“) aus einer Katastrophe: der Zerstörung des Zweiten Tempels von Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 unserer Zeitrechnung, die den Beginn von neunzehn Jahrhunderten Diaspora markierte. Die rabbinischen Autoritäten beschlossen damals, zur Rettung ihres Glaubens die verschiedenen Gesetze und Vorschriften schriftlich festzuhalten, die bislang mündlich überliefert worden waren. So entstand ein „tragbarer Tempel“ in Form eines Buches, der es dem jüdischen Volk trotz seiner Zerstreuung ermöglichte, weiterhin nach seiner Religion zu leben. Die erste vollständige Ausgabe des Talmuds wurde zwischen 1519 und 1523 in Venedig von dem aus Antwerpen stammenden Drucker Daniel Bomberg hergestellt. Sie umfasste 63 Traktate auf 2.711 doppelseitigen Blättern. Später wurde sie durch die Vilna-Ausgabe (1880–1886) ergänzt, die einen universellen Standard setzte.

 

Unter der nationalsozialistischen Herrschaft war der Besitz solcher Bücher in Deutschland und den besetzten Ländern verboten gewesen. Sie hatten die Bücherverbrennungen ebenso genährt wie Werke grosser Denker, die als der herrschenden Ideologie widersprechend galten – unabhängig davon, ob ihre Autoren jüdisch waren oder nicht. Doch wo fand man ein Exemplar der Vilna-Ausgabe, das als Vorlage dienen konnte? Nach schwierigen Nachforschungen stiess man auf die Spur zweier Bände, die im 19. Jahrhundert in dieser Stadt gedruckt worden waren und 1945 angeblich im Benediktinerkloster Erzabtei Sankt Ottilien südwestlich von München versteckt worden waren. Weitere Recherchen ergaben jedoch, dass sich diese beiden Exemplare inzwischen in New York City befanden. Nicht ohne Schwierigkeiten gelang es, sie nach Deutschland zu bringen. Nun konnte die Arbeit beginnen.

Die Herstellung glich einem Hindernislauf.

Zunächst musste Papier beschafft werden – grosse Mengen Papier –, obwohl dieser Rohstoff in ganz Europa rationiert und äusserst begehrt war, insbesondere von den Regierungen, die dringend Schulbücher neu drucken mussten, um jene zu ersetzen, die die Nationalsozialisten eingeführt hatten. Besonders sorgfältig musste auf die Qualität des beschafften Papiers geachtet werden, um eine gute Druckqualität zu gewährleisten. Auch an den für den Druck notwendigen Stoffen fehlte es – an Druckfarben und insbesondere an Kollodium. Dieses war für die Übertragung auf fotografische Zinkplatten unerlässlich, von denen für jeden vollständigen Band 1.800 Stück benötigt wurden. Während des Krieges verboten, war Kollodium nur in der Stadt Zwickau in der sowjetischen Besatzungszone erhältlich. Da der Kalte Krieg bereits begonnen hatte, verweigerte Zwickau jede Unterstützung, sodass die kostbare Substanz schliesslich in den Vereinigten Staaten bestellt werden musste.

 

Parallel dazu erwies sich die Suche nach einer Druckerei in Deutschland als schwierig. Die wenigen Betriebe, die den Bombardierungen entgangen waren, standen unter Aufsicht und waren vorrangig für administrative und schulische Zwecke reserviert. Schliesslich erlaubten die amerikanischen Militärbehörden den Zugang zu einer der seltenen Druckereien, die überhaupt grossformatige Werke herstellen konnten. Eine merkwürdige Wendung der Geschichte: Dieses Unternehmen befand sich in Heidelberg, der Wiege der deutschen Kultur, aber auch einem kulturellen Zentrum des Nationalsozialismus. Der Druck selbst erwies sich als äusserst problematisch. Fast eine Million hebräischer Schriftzeichen wurden benötigt, was die Setzer – von denen einige zuvor antisemitische Bücher gedruckt hatten – zwang, alte Matrizen zu suchen oder neue anzufertigen. Zudem mussten sie die besondere Gestaltung des Talmuds respektieren: ein zentraler Text, umgeben von Kommentaren. Paginierung, Satzspiegel, Abstände und Anmerkungen stellten zahlreiche technische Probleme dar.

Unter der wachsamen Aufsicht eines rabbinischen Komitees wurde die Arbeit schliesslich durchgeführt. Bei der Korrektur der Druckfahnen wurden zahlreiche Fehler beseitigt; die verbliebenen sollten in späteren Ausgaben verschwinden. Auch die fotomechanische Reproduktion verlief nicht ohne Schwierigkeiten, schon allein wegen der ständigen Stromausfälle. Schliesslich verliessen etwa 500 vollständige Folio-Ausgaben mit jeweils 19 Bänden die Druckpressen.

 

Dieser Talmud erhielt fortan den hebräischen Namen Talmud She’erit ha-Pletah, was man als „Talmud der Überlebenden“ übersetzen könnte. Die Titelseite jedes Bandes zeigt ein nationalsozialistisches Arbeitslager, umgeben von Stacheldraht, sowie eine idyllische mediterrane Landschaft, die an das Land Israel erinnert. Einige hebräische Worte verleihen diesen Bildern ihren Sinn: „Von der Sklaverei zur Freiheit, von der Dunkelheit zu grossem Licht.“ Das gemeinsame Verteilungskomitee der an dem Unternehmen beteiligten Organisationen beschloss mit Zustimmung der deutschen Regierung, 40 Exemplare jüdischen Bibliotheken und Institutionen in Deutschland zuzuweisen und die übrigen an Einrichtungen in der ganzen Welt zu senden, einschliesslich des Mandatsgebiets Palästina. Paradoxerweise waren von den Menschen, für die dieses Werk ursprünglich bestimmt gewesen war, im Jahr 1950 nur noch 10.000 bis 15.000 in den DP-Lagern verblieben, da sich diese allmählich geleert hatten. Heute gilt die Vilna-Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert als Referenztext (Nusach) des Talmuds. Sie ist dank moderner wissenschaftlicher Forschung und digitaler Technologien leicht zugänglich. Der „Talmud der Überlebenden“ hingegen findet sich nur noch in einigen Museen und Privatsammlungen. Dennoch bleibt die Erinnerung an diese aussergewöhnliche Arbeit lebendig. Diese Weitergabe des Wissens verkörpert die Resilienz des „Volkes des Buches“ angesichts der Shoah und ist ein Zeichen seiner Wiedergeburt auf den Trümmern seines Leidens.

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Titelblatt. Quelle: Library of Congress.

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Der erste Talmud, der nach dem Holocaust gedruckt wurde. Quelle: Kedem Auction House.

 

Alle Abbildungen: Mit freundlicher Genehmigung M. Levine.

 

Zum Autor

Michel Levine ist Historiker der Menschenrechte, u.a.: Affaires non classées. Archives inédites de la Ligue des Droits de l‘Homme, Paris, Fayard, 1973, Les ratonnades d‘octobre. Un meurtre collectif à Paris en 1961, Paris, Ramsay, 1985; Neuauflage: Jean-Claude Gawsewitch Éditeur, 2001 über die Repression der algerischen Demonstrationen in Paris im Oktober 1961. Weiters Werke zur katholischen Religion.

 

Benutzte Archive

United States Holocaust Memorial Museum; Yad Vashem; Archiv des American Jewish Joint Distribution Committee

 

Nachlese

Korman, Gerd: Survivors‘ Talmud and the U.S. Army. American Jewish History, Bd. 73, Nr. 3, März 1984. 

Genizi, Haim: Philip S. Bernstein: Adviser on Jewish Affairs, May 1946-August 1947. Simon Wiesenthal Center Annual, 3 (1997). 

Alt Miller, Yvette: The Survivors’ Talmud: When the US Army Printed the Talmud. Aish, 2024. 

Feldberg, Michael (Hrsg.): Blessings of Freedom: Chapters in American Jewish History. USA, 2002. 

Friedman, Jonathan C. (Hrsg.): The Routledge History of the Holocaust. USA, 2012. 

Friedman, Phillip: The Fate of the Jewish Book. In: Ada June Friedman (Hrsg.), Roads to Extinction: Essays on the Holocaust, New York, Jewish Publication Society of America, 1980. 

Mintz, Sharon Liberman/Goldstein, Gabriel M.: Printing the Talmud: From Bomberg to Schottenstein. New York, Yeshiva University Museum, 2005. 

Annette Wieviorka: Déportation et génocide:entre la mémoire et l‘oubli. Paris, Plon, 1992.