In älteren Quellen wird Kolín auch Köln genannt. Kolín war seit dem Mittelalter die wichtigste Handelsstadt östlich von Prag, bis hierher war die Elbe auch für grössere Kähne schiffbar
Bereits im 14. Jahrhundert ist eine jüdische Gemeinde nachweisbar. Der mehr als ein Hektar grosse, alte jüdische Friedhof von Kolín wurde 1418 angelegt. Aus dem Jahre 1492 stammt der älteste noch lesbare der heute insgesamt 2.600 erhaltenen Grabsteine.

Ehemaliges Ghetto von Kolín, Platzsituation.
Damals gab es bereits an jener Stelle, wo auch die jetzige Synagoge steht, ein Bethaus. 1541 kam es zur Vertreibung der Juden, doch schon zwei Jahrzehnte später konnten sie sich wieder niederlassen. Danach leitete Rabbi Bezalel Charif Löw die Gemeinde, der Sohn des Prager Rabbiners Judah Löw Bezalel, besser bekannt als Rabbi Löw.
Die Gemeinde zog weitere Geistesgrössen an, wie etwa in den Jahren 1782 bis 1802 den aus Eisenstadt (ung. Kismárton) stammenden Eleazar Kallir, oder Benjamin Wolf Halevi aus dem mährischen Boskovice (dt. Boskowitz). Die jüdische Gemeinde wuchs stetig, sie war nach Prag die zweitgrösste Böhmens. In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren mehr als fünfundzwanzig Prozent der Einwohner Kolíns Juden, was etwa 1.700 Personen entsprach.

Ehemaliges Ghetto von Kolín, Häuserzeile.
Zu dieser Zeit wurde die Stadt an die Bahnlinie Prag–Olmütz angeschlossen, was natürlich die Wirtschaft beflügelte, gleichzeitig aber auch zur Abwanderung nach Prag und in andere grosse Städte der Habsburger Monarchie führte. Zu jenen, die wegzogen, zählte unter anderem die berühmte Familie Petschek: Isidor, Julius und Ignaz Petschek gingen nach Prag und wurden führend im europäischen Kohlegeschäft. Die Petscheks mit ihrer eigenen Bank, welche ausschliesslich ihren eigenen Konzern betreute, galten als die Rothschilds von Böhmen. Die Zuckerindustriellenfamilie Mandelík wiederum blieb in der Region Kolín, genauso wie der Schuhfabrikant Sigmund Feldmann.
Reges Geistesleben
Der Philosoph Josef Popper-Lynkeus (Kolín 1838–1921), der Germanist und Dichter Otokar Fischer (Kolín 1838–1923), der Dichter Camill Hoffmann (Kolín 1878–1944 Auschwitz), der Dichter Max Winder (Kolín 1854–1920 Holešov) und der Repräsentant der zionistischen Bewegung in Böhmen und erste Vorsitzende der Jüdischen Partei der Tschechoslowakei Ludwig Singer (Kolín 1876–1931 Prag), sie alle stammten aus der altehrwürdigen Gemeinde. Auch die Vorfahren des Wiener Malers Georg Eisler (1928–1998) kamen aus Kolín.
Auf die 20.000 Einwohner der Stadt vor dem Zweiten Weltkrieg entfielen immerhin acht stattliche Hotels, zwölf Bankinstitute, sieben Ziegeleien und elf Fabrikanlagen. Der Niedergang Kolíns begann mit der Deutschen Besetzung 1939.

Blick über den alten jüdischen Friedhof in Kolín.

Blick über den alten jüdischen Friedhof in Kolín.

Blick über den alten jüdischen Friedhof in Kolín.
Geschäfte in Kolín in den 1930er Jahren
Mit Galanteriewaren handelten Hermine Hellerová, Max Kohn, Arnold Pachner, Otto Singer, Otto Stein und Rudolf Weisberger. Schuhgeschäfte gehörten Sigmund Feldmann sowie J.L. Popper. Im Bekleidungsgeschäft betätigten sich Jakub Kronstein, Eduard Popper, Adolf Stránský und Julius Weiss. Růžena Ledererová handelte mit Perserteppichen. Der Lebensmittelhandel war durch Rudolf Kobler vertreten. Rudolf Adler, Emil Aschermann, Heinrich Kraus und Sigmund Ornstein waren die bedeutendsten Exponenten des Textilhandels in Kolín, Berta Singerová erzeugte Damenhüte. Aus der Sparte Goldschmiede sind Valerie Fleischnerová und Rudolf Halberstadt zu nennen. Bedeutend war auch der Federnhandel von Josef Saudek. Zwei Gastwirtschaften wurden von Karel Brunner sowie Zikmund Poláček geführt, in der Spirituosenherstellung war Albert Meisl aktiv. Eine Eisenhandlung gehörte Šimon Roubíček.
Ausstellung:
UNBEKANNTES BÖHMEN / Neznámé Čechy
von 15. Juli 2026 bis zum 9. Oktober 2026
Architektur im Ringturm , Schottenring 30, 1010 Wien
www.airt.at

Einer der ältesten Grabsteine am alten jüdischen Friedhof in Kolín.

Mahnmal für die Opfer der Shoah aus Kolín, neuer jüdischer Friedhof.

Grabmal von Filip Kafka, eines Onkels von Franz Kafka.

Villa Mandelík von Jan Kotěra, 1910/11.

Grabmal von Bernard Mandelík, neuer jüdischer Friedhof.

Grabmal des Schuhfabrikanten Sigmund Feldmann.

Architektonisches Detail am Grabmal von Bernard Mandelík.
Alle Abbildungen: Adolph Stiller, mit freundlicher Genehmigung.