Ausgabe

Konrád I und Konrád II

Fabian Brändle

Die jüdischen Fussballer und Trainer Jenő Eugen Konrád I (1894 – 1978) und Kálmán Konrád II (1896 – 1960) 

Inhalt

Brüderpaare spielten im Weltfussball oftmals eine herausragende Rolle, so die harten Stuttgarter Förster-Brüder, Dieter und „Uli“ Hoeness, der spätere ungemein erfolgreiche Bayern-Manager, oder auch „Jackie“ und „Bobby“ Charlton, die englischen Weltmeister von 1966. Das Talent, gut zu kicken, bekamen auch Jenő/Eugen Konrád und Kálmán Konrád, geboren in Österreich-Ungarn in der heute serbischen Kleinstadt Bačka Palanka (Plankenburg) in der Vojvodina, in die Wiege gelegt. 

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Jenő/Eugen Konrád (1894–1978). Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://ro.wikipedia.org/wiki/Fișier:KONRÁD_JENŐ.jpg

Jenő/Eugen Konrád (1894–1978) war ein eher harter Mittelläufer und umsichtiger Regisseur, dem indessen mangelnde Laufbereitschaft vorgeworfen wurde. Er begann mit vierzehn Jahren, organisiert zu spielen, und zwar bei Budapesti AK. Mit nur siebzehn Jahren wechselte er zum äusserst starken, sehr bürgerlich orientierten Lokalrivalen MTK Budapest und debütierte dort in der Saison 1911/12. Im Jahre 1914 holte MTK den Meistertitel. Entdeckt hatte den jungen Mann der schottische Erfolgstrainer John Tait „Jackie“ Robertson (1877–1935), ein ehemaliger Spitzenspieler in England mit einem Alkoholproblem. Jenő/Eugen Konrád diente 1914 bis 1918 im Militär und brachte es bis zum Kavallerieoffizier. 1915 bestritt er sein einziges Länderspiel für Ungarn. Der junge Offizier geriet 1917 in russische Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Zu Fuss und per Pferd gelang ihm während der Wirren der Russischen Revolution die Flucht.

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Kálmán Konrád (1896–1960). Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://en.wikipedia.org/wiki/Kálmán_Konrád#/media/File:Kálmán_Konrád,_born_1896_(cropped).jpg

1918/19 kehrte Jenő/Eugen Konrád zu MTK zurück, das vom englischen Meistertrainer Jimmy Hogan trainiert wurde. Von Hogan lernte er so manchen taktischen Kniff. Die Brüder Konrád spielten gemeinsam mit Alfréd Schaffer, György Orth und József Braun und dominierten die ungarische Meisterschaft. Wegen der politischen, antisemitischen und sozialen Unruhen in Ungarn suchten viele, namentlich jüdische Spieler neue Vereine. In Wien wurden die Brüder von Hugo Meisl (1881–1937) protegiert und ergatterten beide Jobs im Finanzwesen. So war es für den damaligen sportlichen Leiter des Wiener Amateur SV (später Austria), den späteren Trainer des österreichischen Wunderteams, Hugo Meisl, einfacher, die begehrten Brüder nach Wien zu locken. Auch bei den „Violetten“/Amateuren stellte sich bald der Erfolg ein, denn 1924 gelang der erste Meistertitel der Vereinsgeschichte, nur ein Jahr später der Pokalsieg. Für ein Handgeld von mutmasslich 90 Millionen Kronen schlossen, so das später vor Gericht dementierte Gerücht, sich die Brüder der First Vienna an. Jenő/Eugen Konrád I, als Fussballer eher weniger talentiert, verletzte sich jedoch leider bald schwer und musste die Fussballschuhe an den Nagel hängen. Kontakte zu Juventus Turin als Trainer blieben lose und scheiterten. So trat der geniale Taktiker und Vermittler, in Wien „Der Lehrer“ genannt, zunächst als Coach der Austria in Erscheinung, dann, 1926, vom SC Wacker Wien, dem ein Engagement in Rumänien bei Chinezul Timişoara folgte. Dann erschütterte der „Kriminalfall Konrád“ nicht nur die Fussballwelt: Bruder Kálmán Konrád II erschien in Rumänien nicht mehr zum Training, wurde also vertragsbrüchig, und schloss sich in New York den erfolgreichen Brooklyn Wanderers (1922–1931) an, wo etliche Ungarn und Österreicher wie Béla Guttman, Leopold Drucker oder Karl Jiszda spielten. Der Club galt während der ersten, gloriosen Phase des U.S.-amerikanischen und kanadischen Vereinsfussballs als Gegenpol zu den New York Giants. Vielleicht wusste Jenő/Eugen Konrád von den Plänen seines Bruders, jedenfalls wurde ihm von der Austria gekündigt.

 

Es folgten verschiedene Stationen in Wien, auch beim jüdischen Club SC Hakoah. 1930 bis 1932 wirkte er beim äusserst starken 1. FC Nürnberg, von Fussballfans nur respektvoll „Club“ genannt.

Die nationalsozialsozialistische Propagandazeitschrift „Der Stürmer“ hetzte gegen den Juden, der Nürnberg 1932 fluchtartig verlassen musste und nach Rumänien zurückkehrte (Rispensia), wo er sehr gut verdient haben soll. Vorher hatte er in Wien das Nestroy-Kino geleitet und auch als Sportjournalist gewirkt. In der Tschechoslowakei rettete er den SK Židenice Brünn/Brno vor dem Abstieg. 1937/38 trainierte Jenő/Eugen Konrád die US Triestina, ehe er Italien wegen „Duce“ Mussolinis Rassengesetzen erneut fluchtartig verlassen musste. Es folgten kurze Gastspiele bei Olympique Lillois (1939, Pokalfinale) und bei Sporting Lissabon im rechtskonservativen portugiesischen „Estado Novo“ unter dem Namen Eugénio Conrad als Technischer Delegierter.

 

1940 gelangte der international respektierte Trainer auf dem Frachter San Miguel in die U.S.A. und arbeitete dort zunächst als Masseur. Er eröffnete später ein Gardinengeschäft und interessierte sich auch für Baseball. Die Fussball-Legende verstarb 1978 in New York.

Kálmán Konrád (1896–1960) II war zwei Jahre jünger als sein Bruder und galt in seiner aktiven Zeit als einer der besten Techniker. Seine aktive Zeit glich jener seines Bruders, vom Abstecher nach New York 1926/27 war bereits die Rede. Kálmán Konrád II bestritt indessen elf Länderspiele für Ungarn. Als Trainer formte er 1928 bis 1930 Bayern München, dann den FC Zürich in der Schweiz, Slavia Prag, Rapid Bukarest, die rumänische Nationalmannschaft und 1939 bis 1955 verschiedene schwedische Teams (unter anderem Malmö FF, Örebro SK sowie BK Derby aus Linköping). Schweden konnte im Zweiten Weltkrieg unter Konzessionen an das Dritte Reich seine Neutralität wahren, blieb unbesetzt und bot auch ausländischen Jüd:innen Schutz. In Schweden leisteten weitere ungarische Trainer wie Lajos Czeizler, István Wampetits und József Nagy Aufbauarbeit. 

 

Mit seiner Frau Gertrud führte Kálmán, der in den 1930er Jahren den Berliner Kinopalast Komet besessen hatte, ab 1960 ein Lebensmittelgeschäft sowie ein Kaffee-Spezialgeschäft in Stockholm, wo er bereits im Jahre 1960 verstarb.

 

Nachlese

Hafer, Andreas/Wolfgang Hafer: Hugo Meisl oder: die Erfindung des modernen Fussballs. Göttingen 2007.

Persson, Gunnar: The Exile. In: The Blizzard, 1. Dezember 2016.

Wilson, Jonathan: The Names Heard Long Ago. How the Golden Age of Hungarian Football Shaped the Modern Game. London 2019.

 

Zum Autor

Dr. phil. Fabian Brändle, Wil/SG, Historiker und Volksschriftsteller