Die Biennale von Venedig galt einst als die „Weltausstellung der modernen Kunst“, ein Muss für Kulturbeflissene aller Kontinente
Manchmal war sie beeindruckend, selten richtungsweisend, manchmal nur öde (2003 Cathérine David), manchmal gab es viel Kritik. Das gibt es heuer sicher nicht, weil durch ein unglückliches Schicksal die verantwortliche Kuratorin Koyo Kouoh letztes Jahr verstorben ist und man beschlossen hat, ihr fertiges Konzept In Minor Keys unverändert zu lassen und aus Pietätsgründen in ihrem Sinn durchzuführen. Das nimmt der Kritik den Wind aus den Segeln, denn die Liste der 111 ausgewählten Künstler liest sich wie ein Treffen von afroamerikanischen mit schwarzafrikanischen Kunstschaffenden der zweiten Liga. Dazu kommen ein paar Exoten aus dem Libanon und aus China, und das war’s – die Italiener schäumen, weil kein einziger von ihnen dabei ist, ein Schlag ins Gesicht des Veranstalterlandes. Es ist auch niemand aus Österreich auf der Liste. Der Kritiker Ben Davis schrieb, man müsse sich 90 neue Künstlernamen merken, ich meine, man kann sie gleich wieder vergessen.1 Immerhin sind zwei Israelis dabei, der 1956 in Tel Aviv geborene Avi Mograbi, der in Lissabon lebt, und die in Berlin ansässige Hagar Ophir, 1983 in Jerusalem geboren. Eine Palästinenserin darf auch nicht fehlen, Vera Tamari, 1944 ebendort zur Welt gekommen.2

Israels Pavillon im Arsenale.
Die Hauptausstellung in den Giardini ist sehr ästhetisch präsentiert, wenngleich manche Künstler nicht bahnabrechend Neues geschaffen, sondern vermutlich in alten Katalogen geblättert haben. Die Fortsetzung im Arsenale wirkt eher belanglos, optisch rettet die Dunkelheit manche Werke vor zu kritischer Betrachtung. Zu dieser Hauptausstellung kommen die nationalen Präsentationen, um die es 2024 einigen Wirbel gab. Russland liess seinen Pavillon vorsichtshalber geschlossen, Israel baute die Ausstellung von Ruth Patir auf, traute sich jedoch nicht, den Pavillon aufzusperren, zu laut schrie das Häuflein Linksradikaler in den Giardini, und die Soldaten verzogen sich. Heuer gab es kein Militär, sondern schnauzbärtige Polizisten, die grimmig dreinblickten und hunderte Israelhasser, die kostenfrei die preview stürmen durften. Keinen Wirbel gab es um den Neubau des Pavillons von Katar im Zentrum der Giardini vom Frühjahr 2025, der „den Talenten unseres Landes, des Nahen Ostens, Nordafrikas und Südasiens eine Stimme geben soll“.3 Russland nimmt wieder teil, der Präsident der Biennale, Pietrangelo Buttafuoco sieht dies als Schritt hin zum Frieden, die Regierungen der Ukraine und von Litauen sehen das nicht so. Ebenso „empört“ zeigten sich ein Sprecher der EU-Kommission, der mit Subventionsentzug drohte, und Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro. Daraufhin wurden Israel und Russland von der Preisverleihung des „Goldenen Löwen“ ausgeschlossen und schliesslich trat eine Woche vor der Eröffnung die Jury zurück, sodass der Löwe heuer im Käfig bleibt. Wenigstens bekommen ihn die U.S.A. nicht.

Der verwaiste Israel Pavillon mit Propaganda Flyer.
Um Israel dagegen war der Wirbel vorprogrammiert, das im Herbst beschlossen hatte, diesmal in Venedig dabei zu sein; ausgewählt wurde der gebürtige Rumäne Belu-Simion Fainaru, der in Haifa lebt. Seine Ausstellung Rose of Nothingness, die auf dem poetischen Bild der Schwarzen Milch von Paul Celan beruht, war schon 2019 im rumänischen Pavillon zu sehen, heuer musste sie sich im Arsenale verstecken – der israelische Pavillon in den Giardini wird renoviert. Die Antisemiten von der „Art Not Genocide Alliance“ starteten Boykottaufrufe und versuchten, Israel aus der Ausstellung hinauszudrängen, bislang ohne Erfolg.4 Bei der Eröffnung war der Pavillon menschenleer, später kamen die Israelhasser fahnenschwenkend dorthin, erkennbar an einheitlichen weissen Gaza-T-Shirts, bevor sie sich durch den berstend vollen Cordiere des Arsenale wälzten – wer dieses Fussvolk in die Ausstellung lässt, begräbt die Biennale als ernstzunehmende Kunstausstellung. Ebenso dabei waren die berüchtigten Pussy-Riot, aber nur ganz wenige Journalisten. Als einziger Staat boykottiert Südafrika die Biennale, kein schwerer Verlust, da Künstler von dort überproportional in der Hauptausstellung vertreten sind. Überdies kommt die antisemitische Ausstellung von Gabrielle Goliath doch nach Venedig, sie wird in der Kirche Sant‘ Antonin gezeigt. Möglich macht das eine britische Organisation namens „Ibraaz“. Australien führte um Khaled Sabsabi, einen gebürtigen Libanesen, einen längeren Eiertanz auf, er darf jetzt doch im nationalen Pavillon ausstellen5, und in der Hauptausstellung auch. Die U.S.A. betrauten mit der Gestaltung ihres Pavillons eine ehemalige Tierfutter-Verkäuferin, also die richtige Fachfrau für zeitgenössische Kunst – Wau!6 Entsprechend aus der Zeit gefallen wirken die Skulpturen von Alma Allen, ein Boykott der U.S.A. wäre qualitätsmässig vertretbar gewesen. Übrigens war dieser Ausstellungsraum fast leer, während sich bei den meisten anderen Massen von Menschen anstellten.

Massenandrang bei Bablers Eröffnungsrede.

Italienischer Beitrag von Chaia Camoni.
Österreichs ehrwürdiger Josef Hoffmann-Pavillon wird von Florentina Holzinger, der Extrem-Performerin bespielt, nackte Menschen, die in Urin baden passen durchaus zum Zustand unseres Landes und bringen vor allem Aufmerksamkeit. Vizekanzler Andreas Babler nutzte die Gelegenheit, um in der Begeisterung zu baden, die seine in lupenreinem Englisch gehaltene Eröffnungsrede beim zahlreich erschienenen Publikum entfachte. Das wäre ihm zuhause nie passiert. Die Politik hat eigentlich auf einer Kunstausstellung gar nichts verloren hat, doch rief der Versuch, die Teilnahme möglichst aller Länder zu erreichen, die EU-Kommission auf den Plan: sie versuchte eine Teilnahme Russlands zu verhindern – ohne Erfolg, wenngleich der mickrige Russen-Pavillon bereits nach der ersten Woche schloss. Doch wer glaubt, es gebe abseits des politischen Hickhacks und des Rauschens in digitalen Kunstfeuilletons nicht auch abscheuliche Ausstellungsbeiträge, wird von Luxemburg eines Besseren gelehrt. Aline Bouvy hat mit 52 Jahren ihren ersten Film gemacht, betitelt La merde, also Die Scheisse. Danke, ich glaube, damit hat sie für diese Biennale das Motto erschaffen.7 Diese Biennale ist die ekligste, seichteste und mit ständigen Déjà-vu-Erlebnissen gespickte, dazu noch politikverseuchte, die ich seit 1983 gesehen habe. Es wäre nicht schade, wenn es die letzte gewesen wäre. But the show must go on, die Touristen aus der ganzen Welt werden in zwei Jahren wieder Eintritt zahlen, egal, ob dort Kunst oder Mist zu sehen sein wird.8

Luxemburgs Beitrag „La Merde“.

Blick in die Hauptausstellung In Minor Keys.
Alle Abbildungen: I. Bittner, mit freundlicher Genehmigung.
Anmerkungen
1 https://podcasts.apple.com/us/podcast/what-biennials-reveal-about-the-art-world/id1484445852?i=1000764996311 abgerufen 09.05.2026.
3 https://www.kunstforum.de/nachrichten/venedig-biennale-katar-baut-pavillon-in-den-giardini/ abgerufen 27.02.2026.
4 https://www.kunstforum.de/nachrichten/boykottandrohungen-israel-gibt-kuenstler-fuer-venedig-biennale-bekannt/ abgerufen 27.02.2026.
5 https://creative.gov.au/news-events/news/creative-australia-announces-title-and-first-details-khaled-sabsabis-presentation abgerufen 27.02.2026.
7 venicebiennale.kulturlx.lu abgerufen 26.03.2026.
8 Wer alle 460 Ausstellungen und Sideevents sehen möchte, informiert sich auf https://www.e-flux.com/search?q=&l[]=Venice abgerufen 09.05.2026.