Ausgabe

Die türkischen „Dönme”

Robert Schild

Ein Exkurs zu den vorhergehenden Aufsätzen über die Juden der Türkei

Inhalt

Die sogenannte Schabbetai-Zwi-Bewegung stellt eines der markantesten Phänomene aus der frühneuzeitlichen jüdischen Geschichte dar. Schabbetai Zwi, 1626 in ­Smyrna (heute Izmir, Türkei) geboren, führte seit seiner Jugend ein ausgeprägt asketisches Leben. 1648, im Schatten der Massaker an jüdischen Gemeinden in der heutigen Ukraine, deutete er eine religiöse Vision als seine messianische Berufung. Heute gilt seine Person als “Pseudo-Messias” und (unbeabsichtigter) Stammvater der Sabbateisten beziehungsweise der “Dönme” (türkischer Slang für “Konvertierte”). Seine religiöse Revolte und anschliessende “Rettung” durch den Übertritt zum Islam sollte alsbald zum ersten ernsthaften Konflikt zwischen den lokalen Juden und der osmanischen “Hohen Pforte führen. In den darauffolgenden Jahren bereiste Zwi zahlreiche jüdische Gemeinden des Osmanischen Reiches. Aufenthalte in ­Saloniki, Konstantinopel, Kairo und Jerusalem schufen ein weit verzweigtes Netz von Anhängern, zugleich aber auch wachsende rabbinische Opposition: 1665 proklamierte sich Schabbetai Zwi bei einem Aufenthalt in Gaza zum Messias und ernannte zwölf Anhänger symbolisch zu Repräsentanten der Zwölf ­Stämme Israels. Die Nachricht verbreitete sich rasch im gesamten osmanischen Herrschaftsgebiet, obwohl zahlreiche Rabbiner seinen Anspruch entschieden zurückwiesen. Im selben Jahr besetzte Zwi mit Gefolgsleuten die sefardische Synagoge von Smyrna und hob verschiedene religiöse Normen auf – ein Schritt, der die Spannungen weiter verschärfte.

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Statue von Schabbetai Zwi in UlcinjMontenegro. Foto: Qasinka. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2023_Ulcinj_Shabbatai_Tzvi.jpg

 

Im Osmanischen Reich

Auf Zwis Weg mit Gefolgsleuten nach Konstantinopel griffen die osmanischen Behörden ein. Er wurde verhaftet, in Gallipoli (einer Stadt an der Dardanellen-Meeresenge) interniert und in Adrianopel (heute Edirne) vor Gericht gestellt. Angesichts der Wahl zwischen Hinrichtung und Übertritt entschied er sich für die Konversion zum Islam. Trotz dieses Schrittes setzte er seine Aktivitäten – nunmehr im Geheimen – fort und wurde schliesslich nach Albanien verbannt, wo er bis zu seinem Tod 1676 ein kryptojüdisch-muslimisches Doppelleben führen sollte. Während die Mehrheit der Anhänger Zwis zur traditionellen jüdischen Lehre zurückkehrte, überdauerte seine Bewegung als sogenannte Dönme in Albanien, Griechenland und der Türkei. Mitglieder dieser Gemeinschaft spielten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle innerhalb der jungtürkischen Bewegung.

 

Doch zurück ins Osmanische Reich: Dort wurden die Sabbateisten in den Bevölkerungsregistern als Muslime registriert; sie lebten in muslimischen Vierteln und nahmen muslimische Namen an. Der Staat mischte sich nicht in ihre inneren Angelegenheiten ein. Sie führten Eheschliessungen, Bildung, Rituale und Führung für sich selbst, in Form eines geheimen, jüdischen Gemeinschaftsordens. Die Behörden wussten um diese verborgene Struktur, griffen aber nicht ein, weil die Sabbateisten keine Bedrohung für den Staat darstellten, regelmässig ihre Steuern zahlten und den gesellschaftlichen Frieden nicht störten – kurzum: der Staat betrachtete sie als eine “loyale und fleissige Gemeinschaft”. Besonders in Thessaloniki stieg diese Volksgruppe in Handel, Finanzen, Handwerk und Bürokratie auf. Die kosmopolitische Hafenstadt bot ihnen ideale Voraussetzungen, um Einfluss auf Binnenhandel und internationale Verbindungen auszuüben. Endogamie und ein ausgeprägtes Solidaritätsnetzwerk machten sie zu einer der einflussreichsten Wirtschaftsgruppen der Stadt.

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Illustration von Schabbetai Zwi, aus: Door Thomas Coenen, Bedienaer des H. Euangelii tot Smyrna. Verciert met de Afbeeltels van den Meias en ijn Propheet feer kontigh in Koper gefneden. Coenen, Thomas/ Joannes van den Bergh. Amsterdam, 1. Ausgabe 1669, Titelblatt. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Šabb%C9%99tay_%C9%99bī_1669_V01-1.1_cropped.jpg

 

…und in der Türkei von heute…

Historisch lassen sich die Sabbateisten in drei Hauptzweige gliedern, nämlich die Karakasch, Kapancı und Yakubi. Diese Unterschiede entstanden aus theologischen Differenzen, Führungskämpfen und unterschiedlichen Formen sozialer Organisation. Eine umfangreiche Darstellung dieser drei Gruppen, die sich auch als eine Art “Familienclans” bezeichnen lassen, würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen – fest steht jedoch, dass sich noch in der heutigen Türkei vor allem Nachfahren der eher intellektuelleren Kapancı stolz zu dieser Zugehörigkeit bekennen! Mit der Gründung der Republik löste sich diese geschlossene Gemeinschaftsstruktur zunehmend auf. Die Säkularisierung verringerte den Identitätsdruck, und die Gruppe wurde weitgehend assimiliert, mithin nahezu “unsichtbar”. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sie sich zu einer wirtschaftlich und kulturell starken, aber eher stillen Gemeinschaft; seit den 1990er Jahren kam es jedoch erneut zu immer wieder aufflackernden Identitätsdebatten.

Die Wahrnehmung von den Sabbateisten in der modernen Türkei ist recht komplex: Die Gemeinschaft ist tatsächlich unsichtbar, ihr Bild jedoch von Gerüchten geprägt, besonders, da es an echten, authentischen Informationen mangelt. Der Sabbateismus wurde vor allem vermittels der Regenbogenpresse und sozialer Medien zu einem Feld von Spekulationen und minderwertiger Populärkultur – aber definitiv nicht zu einer aktiven religiösen Bewegung, wie von einigen seiner populistischen Mitglieder geschürt und erwartet. Sehr zum Bedauern sowohl der Betroffenen als auch der jüdischen Gemeinde in der Türkei sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche lokale Publikationen erschienen, die angebliche “geheime Machenschaften” prominenter Sabbateisten (vor allem Politiker, Journalisten und Wirtschafts-/ Industriemagnaten) thematisieren und sie sogar demaskieren, das heisst “aufklären” wollen! 

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Haus von Schabbetai Zwi, ein Gebäude auf der Agora von Smyrna, in dem er angeblich gelebt haben soll. Foto: Gargarapalvin. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Agora,_İzmir,_2019_12.jpg

 

Der populistische Trend speist sich teilweise aus einem latenten Antisemitismus, aber mehr noch aus der vergangenen historischen Geheimhaltung, Identitätsunsicherheiten und der Tatsache, dass wirtschaftlicher oder politischer Erfolg stets Neid und Verdächtigungen nährt. Tatsächlich ist der Sabbateismus heute keine aktive Gemeinschaft mehr – er ist leider eher zum umstrittenen Phänomen eines weitgehend assimilierten, historischen Erbes geworden.

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Die Yeni-Moschee in Thessaloniki, erbaut von der Dönme-Gemeinde in der späten osmanischen Zeit. Foto: ggia. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20121020_exterior_of_Yeni_Mosque_Thessaloniki_Greece.jpg