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Ein pragmatischer Idealist: Leben und Wirken von Robert Danneberg

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Roland Pacher: Robert Danneberg. Eine politische Biografie.

Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2014

406 Seiten, Euro 69,95 (D)

ISBN 978-3-631-62786-0

Robert Danneberg (1885-1942) zählt zu jenen Persönlichkeiten, die die sozialdemokratische Politik entscheidend mitgestaltet haben und dennoch in der Erinnerungskultur nicht den ihnen gebührenden Platz einnehmen. Umso verdienstvoller ist die Arbeit Roland Pachers, dem - neben Leon Kane („Robert Danneberg. Ein pragmatischer Idealist" von 1980) - die bislang umfangreichste Auseinandersetzung mit Leben und Werk dieses aussergewöhnlichen Menschen zu verdanken ist. Über seine Herkunftsfamilie hat sich Robert Danneberg nie öffentlich geäussert. Sein Vater besass ein Annoncenbüro und war Herausgeber einer als anrüchig geltenden Zeitung - ein Umstand, den seine politischen Gegner gelegentlich polemisch aufgriffen. Bereits als Schüler des Wiener Akademischen Gymnasiums, dem die Mitgliedschaft in einer politischen Gruppierung noch verwehrt war, sympathisierte er mit der Arbeiterjugendbewegung. Danneberg studierte Rechtswissenschaften und engagierte sich für die sozialdemokratische Bewegung. Er eignete sich ein solides Grundwissen in sozialistischer Theorie an und trat schon als 18-Jähriger in Korrespondenz mit Karl Kautsky. Sehr rasch wurden ihm verantwortungsvolle Funktionen übertragen: 1907 avancierte er zum leitenden Redakteur der Zeitschrift „Der jugendliche Arbeiter"; ein Jahr später übernahm er das Sekretariat der sozialistischen Jugendinternationale, wurde Sekretär der neu geschaffenen „Zentralstelle für Bildungswesen" und Herausgeber der Zeitschrift „Bildungsarbeit".  Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er immer wieder heftig angegriffen - ungeachtet der Tatsache, dass er 1909 die jüdische Religionsgemeinschaft verlassen hatte. Wie für viele Sozialdemokraten jüdischer Abkunft bedeutete auch für ihn die Arbeiterbewegung  die zentrale Hoffnung auf endgültige Emanzipation. Nur wenige Jahrzehnte später wurde Robert Danneberg vom mörderischen Rassenwahn der Nationalsozialisten und damit von seiner eigenen Geschichte eingeholt.

Als Bildungsfunktionär verfasste Danneberg eine Vielzahl von Broschüren, und er zählte zu den gefragtesten Referenten, obwohl sein Stil sachlich und nüchtern war. Vor dem Ersten Weltkrieg machte er sich vor allem für die Forcierung der sozialistischen Erziehungs- und Bildungsarbeit stark, die hinter dem Organisationswachstum der Arbeiterbewegung nicht zurückbleiben dürfe.

Angesichts des Kriegsausbruchs blieb er immun gegenüber allen Formen von Kriegsbegeisterung. Sein publizistisches Engagement gegen den Krieg blieb nicht unbeantwortet, vor allem Engelbert Pernerstorfer trat in diesem Zusammenhang unrühmlich hervor, als in einem mit antisemitischen Anspielungen gespickten Artikel mit dem „Typus Danneberg" abrechnete. 

Der Parteitag von 1917 vor dem Hintergrund der allgemein zunehmenden Kriegsmüdigkeit führte zu einer Reintegration der Kriegsgegner, und so war es kein Zufall, dass auf Danneberg mit der Gründung der Ersten Republik anspruchsvolle Aufgaben zukamen. Auf drei Ebenen - als Wiener Gemeinderat, Parlamentsabgeordneter und Parteisekretär - entfaltete er eine rastlose Tätigkeit, die ihn bis zum Ende dieser politischen Phase begleitete. Als kompetenter Jurist wirkte er beispielsweise an der österreichischen Bundesverfassung, an der Wiener Stadtverfassung und am sogenannten Trennungsgesetz mit, das Wien von Niederösterreich löste und damit die Rahmenbedingungen schuf, die das gewaltige kommunalpolitische Reformwerk eines „Roten Wien" ermöglichten.

Als legendär galt auch Dannebergs Verhandlungsgeschick im Zusammenhang etwa mit der Einführung der Wohnbausteuer, Mieterschutz und Mietrechtsgesetzgebung. Der Zusammenbruch der Centralbank und der Postsparkassenskandal offenbarten ein Mass an politischer Korruption, das Robert Danneberg 1926 in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aufdeckte. Als auf Druck der rechtsextremen Heimwehren eine massive Stärkung der Exekutivgewalten zu Lasten des Parlaments erzielt werden sollte, gelang es Danneberg, einen Kompromiss auszuhandeln, der das demokratische Fundament der Verfassung weitgehend bewahrte. Die 1932 in den Wiener Gemeinderat gewählten NSDAP-Mitglieder überschütteten Danneberg bereits in der konstituierenden Sitzung mit antisemitischen Hasstiraden und zeigten sich nicht bereit, unter „jüdischem" Vorsitz zu tagen.

Die Stimmung im Land war zunehmend antidemokratisch geworden, und Robert Danneberg wurde am 12. Februar 1934 für acht Monate wegen Hochverrats eingekerkert. Erst im Dezember 1935 wurde das Verfahren eingestellt.

1938 bemühte sich Danneberg vergeblich um die Wahrung der österreichischen Unabhängigkeit und bestieg gemeinsam mit seinen Kindern - seine Gattin sollte nachkommen - noch am 11.März 1938 den Abendzug nach Brünn. Von den tschechoslowakischen Grenzbeamten abgewiesen, wurde Danneberg unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien von der Gestapo verhaftet. Mit dem sogenannten Prominententransport wurde er in das Konzentrationslager Dachau gebracht und im Herbst 1938 in das KZ Buchenwald überstellt.

Von seinem Martyrium der letzten Jahre und den erlittenen Qualen gibt es viele Zeugnisse von überlebenden KZ-Kameraden, die sich an einen geistig und moralisch ungebrochenen Danneberg erinnern.

Im Oktober 1942 wurden die jüdischen Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald - darunter Danneberg - schliesslich nach Auschwitz deportiert. Obwohl er die Selektion nach der Ankunft überlebte, führten die Arbeitsbedingungen und wiederholte Misshandlungen durch Wachmannschaften im Dezember 1942 zu seinem Tod.

Pachers Arbeit besticht durch die gründliche Auswertung aller zur Verfügung stehenden Quellen. Da es keinen Nachlass gibt und die Tagebücher Dannebergs als verschollen gelten, sind die 120 erhaltenen Briefe aus der Haft zur Zeit des Ständestaats und die über Adolf Schärf geführte Korrespondenz aus den Konzentrationslagern zwar wertvolle, aber auch die einzigen vorliegenden persönlichen Dokumente. Roland Pacher beklagt die spärliche Quellenlage, die eine Beschränkung auf den „öffentlichen" Robert Danneberg erforderlich macht.

Von einer Bewertung der „privaten" Persönlichkeit Dannebergs nimmt Pacher daher Abstand, dennoch kann der Anspruch einer „politischen Biografie" als erfüllt gelten.