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Hohenemser Literaturpreis erstmals vergeben

Andrea FRITZ-PINGGERA

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Am 20. Juni 2009 wurde erstmals der Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige AutorInnen nichtdeutscher Muttersprache offiziell verliehen. Bei einer feierlichen Übergabe im Salomon-Sulzer-Saal, der einstigen Synagoge von Hohenems, wurden Michael Stavaric und Agnieszka Piwowarska, die sich den Hauptpreis von gesamt 10.000 Euro teilen, ausgezeichnet. Der Anerkennungspreis der Jury in Höhe von 3000 Euro wurde Susanne Gregor zugesprochen. Werner Grabher, Leiter der Landeskulturabteilung Vorarlberg, lobte in seiner Rede den Mut, den Literaturwettbewerb, der auf einer Idee des Hohenemser Autors Michael Köhlmeier basiert, nachhaltig umzusetzen: Ein Literaturpreis, der sich ausschliesslich an AutorInnen richtet, die Prosa auf Deutsch und nicht in ihrer Muttersprache verfassen. Dass die Platzierung des ungewöhnlichen Wettbewerbes in dieser Stadt nicht zufällig ist, gab Kulturstadtrat Günter Linder zu bedenken, der den Preis überreichte: Schon zur Zeit der „Emser Grafen" pflegte Hohenems Verbindungen in ganz Europa; die Ansiedlung jüdischer Bürger zu Beginn des 17. Jahrhundert bildete den Anfang der langen Koexistenz einer christlichen und jüdischen Gemeinde. Vor dem aktuellen Hintergrund eines migrantischen Bevölkerungsanteils von rund 16 Prozent und angesichts der Historie dieser Stadt sei es wichtig und fruchtbar, gerade hier Fragen der Kultur, der Identität und der Sprache zu thematisieren, Impulse zu geben und ein Forum zu bieten. Neben den drei PreisträgerInnen, die ihre bislang unveröffentlichten Texte - so eine Bedingung des Wettbewerbs - an diesem Abend erstmals vorlasen, war auch die hochkarätige Jury vollzählig vertreten: Michael Köhlmeier, Zsuzsanna Gahse, Anna Mitgutsch, Doron Rabinovici und Zafer Senocak.


 
Hauptpreis: Michael Stavaric für Geister
Hervorgehoben wurden die „dichte Erzählung" und die „stimmige und plastische bildhafte Sprache", mit welcher der Autor aus der Perspektive eines Jungen Beobachtungen in einem Flüchtlingslager anstellt. Jurymitglied Zafer Senocak:

Salomon-Sulzer-Saal

Salomon-Sulzer-Saal, Foto: Bernhard Dragosits

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Michael Stavaric, Foto: Lukas Beck

„Mit Geister prämiert die Jury einen herausragenden poetischen Text, der durch seine Genauigkeit und Musikalität auffällt, geschrieben mit sarkastischem Unterton, der die Melancholie des Heimatverlusts, die Fremdheit des Lagerlebens, der es umzingelnden Wälder und Soldaten uns näher rückt. Die Geschichte geht nahe und wahrt doch Distanz. Sie bewahrt ihre Eigenständigkeit gegenüber allgemeinen Erwartungen."

  Piwowarska Agnieszka

Agnieszka Piwowarska, Foto: Michael Maier

Hauptpreis: Agnieszka Piwowarska für Oktober

Der Siegertext der jungen Autorin erzählt in atemlosen, gedrängten Sätzen die Geschichte einer von Schleppern organisierten Flucht nach Deutschland als einen für die Flüchtenden nahezu mystisch verklärten Ort; eine „Grenzüberschreitung", die tragisch endet. Anna Mitgutsch zu Oktober:

„Ein Text, der die Jury durch seine poetische Dichte und berührende Lakonie bei einem schwierigen Thema überzeugt hat. In diesem Text ist kein Wort zuviel, und dabei enthält er so vieles: Verzweiflung und Abschied, Hoffnung, Ungewissheit und Tod."

Gregor Susanne

Susanne Gregor, Foto: Andrea Fritz-Pinggera

Anerkennungspreis: Susanne Gregor für Schwarzer Zucker

In Schwarzer Zucker erzählt die Autorin die Geschichte einer interkulturellen Beziehung, über die Herausforderungen des gemeinsamen Zusammenlebens, aber auch vom partnerschaftlichen Bewältigen der Probleme, die von aussen einwirken. Juryleiter Michael Köhlmeier:

„Dies ist die Definition von Poesie: Dass der Leser den Text empfindet als allein für ihn geschrieben. In dieser kurzen Geschichte ist so viel Poesie enthalten wie in manch gutem Roman. Dies ist mehr als eine Talentprobe. Es ist ein kleines Stück grosser Literatur. Ich hätte diesen Text gern geschrieben."

Zahlreiche Gäste aus der Literaturszene


Der von Pianistin Irene Kilga mit Werken von Astor Piazzola musikalisch umrahmte Festabend führte noch zu zahlreichen fruchtbaren Gesprächen unter Literaturfreunden des ganzen Landes. Dank galt in diesem Zusammenhang auch den Subventionsgebern Land und Bund, sowie den Sponsoren, die einen Preis in dieser Höhe erst ermöglicht haben: die Raiffeisenbank Hohenems, die Firma Rhomberg, Bucher Druck Verlag Netzwerk, work-net und das Hotel Schiffle.

 
Die PreisträgerInnen

Michael Stavaric, geboren 1972 in Brno (Tschechoslowakei), lebt seit seiner Kindheit in Österreich und ist als freier Schriftsteller und Übersetzer in Wien tätig. 2009 erschien sein jüngster Roman Böse Spiele im Verlag C.H. Beck. Michael Stavaric ist unter anderem Träger des Literaturpreises der Akademie Graz und des Chamisso-Förderpreises; 2007 wurde er zum Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen. Im heurigen Jahr 2009 erhielt er bereits den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur sowie den Literaturpreis Wartholz.

Agnieszka Piwowarska wurde 1978 in Gdansk (Polen) geboren, und lebt seit 1987 in Deutschland. Die ausgebildete Schauspielerin, die unter anderem in dem Cannes-Film Summer Palace zu sehen war, studierte an der Hamburg Media School im Fachbereich Drehbuch und lebt in Berlin. Für ihr Skript zu dem Kurzfilm Einladung erhielt sie 2006 den 1. Preis der Jury beim Internationalen Filmfestival in St. Petersburg. Ihre Erzählung Oktober, für welche sie den Hohenemser Literaturpreis erhält, wird sie erstmals im Zuge der Preisverleihung einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen. Frühe Prosatexte hatte sie bereits in einer von den Berliner Festspielen herausgegebenen Anthologie im Rahmen des Treffens Junger Autoren veröffentlicht.
Susanne Gregor, 1981 in der Slowakei geboren, lebt seit 1990 in Österreich. Die junge Autorin arbeitete als stellvertretende Chefredakteurin des Österreich Spiegel und leitet derzeit Deutsch als Fremdsprache-Kurse. 2008 erschien ihre erste Veröffentlichung, eine Kurzgeschichte in der Anthologie Rote Lilo trifft Wolfsmann. Literatur der Arbeitswelt. n

Informationen im Internet:

www.hohenems.at/literaturpreis

Alle Bilder: Mit freundlicher Genehmigung Kulturamt/Pressestelle/Marktamt Stadt Hohehems.