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Ein Wanderer zwischen den Welten - zum 50sten Todesjahr von Ernst Müller

Nathanael RIEMER

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Am 29.8.1940 schreibt Betty Scholem an ihren Sohn Gershom: "Da las ich im Mitt. Blatt [Mitteilungsblatt des Irgun Olei Merkas Europa, N.R.], dass in London ein Lehrhaus gegründet worden ist, u. Dr. Ernst Müller liest über die Kabbala. Wer ist Herr Müller? Ein Konkurrent, Schüler oder Gegner von Dir? Ich bin immer eifersüchtig, wenn einer auch mit Kabbala zu tun hat."1  Zum 50sten Todesjahr Ernst Müllers soll der Frage nach seiner Person erneut nachgegangen werden – vor allen Dingen deshalb, weil Müller selbst, sein Werk und sein Wirken nahezu in Vergessenheit geraten sind. Zunächst sei nur soviel verraten, dass Müller sich als Zionist, Kabbalist und Anthroposoph engagierte und als Übersetzer, Bibliothekar und überaus emsiger Mitarbeiter des "Jüdischen Lexikons"2  sein Brot verdiente.

Ernst Müller wird am 21.11.1880 als Sohn des Landarztes Isidor Müller und seiner künstlerisch-literarisch begabten Frau Johanna in Misslitz/Mähren geboren. Seine Eltern, "beide Rabbinerskinder, hegten dem traditionellen Judentum gegenüber pietätvolle Erinnerungen, ohne selbst traditionell eingestellt zu sein."3  Die ersten bleibenden religiösen Eindrücke seines Lebens erhält der Knabe durch den Chorgesang, der an einem Jom Kippur von der Synagoge zu seinem Elternhaus hinüberschallt. Aber auch das Sterben des Großvaters mütterlicherseits, einem traditionellen Gelehrten mit charismatischer Ausstrahlung, hinterlässt einen besonderen Eindruck auf die kindliche Seele. Die Atmosphäre seines Elternhauses, die Müller in einem biographischen Artikel beschreibt, strahlt Wärme und Geborgenheit aus und ist durch die humanistische Bildung bestimmt. Seine Mutter spielt Klavier und vermittelt ihm und seinen Geschwistern die Klassiker der deutschen Literatur. "Mein Vater, als Arzt mehr naturalistisch eingestellt, hegte eine keusche, tief verborgene Frömmigkeit und hat mich durch die Art, wie er im Original Jesaia mit mir las, tief angeregt."4  Aus dem kindlichen Gefühl einer Berufung heraus erzieht er sich ohne das Einverständnis der Eltern zu einer "intensiven jüdischen Frömmigkeit", die ihn zu "ständigem Tempelbesuch, zu peinlicher Beobachtung des Sabbats veranlasst"5  und in ihm den Wunsch weckt, Rabbiner zu werden.

Die ersten Jahre seiner Schulzeit erhält Müller – wie viele Kinder der höheren Bürgerschicht dieser Zeit – Hausunterricht, der ihm zunächst durch einen Volksschullehrer, später dann durch den Vater erteilt wird. Demzufolge muss er die obligatorischen Jahresabschlussprüfungen als Externer in Nikolsburg ablegen – ein Ritual, aus dem der Junge stets als Jahrgangsbester hervorgeht. Während des Besuchs des Piaristengymnasiums in Nikolsburg ab dem 14. Lebensjahr und dem Besuch eines Gymnasiums in Brünn bewegt er sich im lebendigen Umfeld der jüdischen Gemeinden beider Städte, lernt Bibel und Talmud und hat noch immer das Ziel, Rabbiner werden zu wollen, vor Augen. Das letzte Jahr seiner Schulzeit verbringt er "in einem chaotischen Zustand von klassischer und moderner Begeisterung"6  zwischen Wagnerscher Musik, einer Neigung zum Spiritismus und ersten dichterischen Versuchen.

Der Studienbeginn in Wien ist von einer zunehmenden Haltlosigkeit und Identitätssuche geprägt. Diese Krise seiner Jugend, die er "in das geistige Schicksalsjahr 1899"7  datiert, ist für Müller äußerst bedeutsam, da er sie mit Hilfe einer diffus wirkenden Mischung aus indischer Theosophie und Christentum bewältigt, deren Impulse jedoch – neben seinem Engagement für den Zionismus und die jüdische Mystik – eine der Hauptkonstanten in seinem Leben bilden wird. Die notwendige Befreiung aus dem "seelischen Chaos" bringt ein Aufenthalt in einer Kaltwasserheilanstalt, die er auf Rat eines bekannten Psychiaters aufsucht. "In den Wochen der Erkräftigung, in denen jedes Studium, überhaupt jede Kopfarbeit ausgeschaltet wurde, begegneten mir manche geistige Gnaden: die Theosophie, die mein 21jähriger Bruder zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht hatte."8 

Nach seiner Rückkehr nach Wien, der Immatrikulation für Mathematik und Physik, die ihm als exakte Wissenschaften die notwendige "geistige Sicherheit" verleihen, tritt sein theosophisches Interesse zunächst etwas in den Hintergrund. Durch Vorträge von Theodor Herzl und Max Nordau kommt er mit dem Zionismus in Berührung, veröffentlich als 19-Jähriger seinen ersten Artikel und beginnt für das von Herzl in Wien herausgegebene zionistische Wochenblatt "Die Welt" zu arbeiten.9  Mit dem Beginn seines Engagements für die gerade aufblühende, junge zionistische Bewegung öffnet sich dem Studenten ein ungemein vitales Netzwerk von Schriftstellern, philosophisch Interessierten und Künstlern. Neben Herzl und dem Pfarrer der Wiener englischen Botschaft, Reverent Hechler, der Herzl mit dem Großherzog von Baden bekannt macht und erste Kontakte zu Kaiser Wilhelm II. herstellt,10  lernt Müller schon 1900 den erst 22jährigen Martin Buber und 1903 Hugo Bergmann kennen, der später der erste Rektor der Hebräischen Universität werden sollte. Mit beiden verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft, die durch umfangreiche Korrespondenzen und durch eine produktive Zusammenarbeit bezeugt ist.

Es ist weniger der politische Zionismus, sondern eher Bubers Kulturzionismus, für den sich Müller zu begeistern beginnt. Folglich sucht er die jungjüdischen Ideen in Diskussionsforen, wie z.B. in der von Leon Kellner gegründeten "Jüdische Toynbeehalle" und der "Jüdischen Lesehalle" oder in zahlreichen Artikeln jüdischer Zeitschriften und Zeitungen zu verbreiten. Zwar handelt es sich bei diesen Beiträgen zunächst um einfache Gedichte und Erzählungen mit einer nationaljüdischen Tendenz, doch kommen schon bald Nachdichtungen und Übersetzungen aus dem Hebräischen und Jiddischen, wie z.B. der Werke Ch. Bialiks, S. J. Agnons und Achad Haams hinzu, später auch politische, religionshistorische und literarische Texte.11  Daneben ist Müller an der Gründung eines kulturzionistisch orientierten Studentenvereins beteiligt, der es zum Ziel hat, "den Zionismus ins Leben zu tragen und die geistigen Elemente des Judentums in modernerer Form zu kennen und zu pflegen und mit dem Ostjudentum [...] in unmittelbare Verbindung zu treten."12  Durch die enge Freundschaft mit der Tochter des jüdischen Historikers Saul P. Rabbinowitsch erhält seine Auseinandersetzung mit der jüdischen Kultur Osteuropas neue Impulse.

Unter dem starken Eindruck der Schriften des Kulturzionisten Achad Haams wird es ihm "selbstverständlich, die eigene Lebenszukunft vom Zionismus her bestimmen zu wollen."13  Dennoch ruft eine weitreichende Entscheidung Müllers große Verwunderung hervor. Als er 1903 nach seiner Lehramtsbefähigung für die Fächer Mathematik, Physik und Philosophie, einer "chaotischen Militärzeit" und der 1905 an der Wiener Universität erfolgten Promotion über "Bewußtseinsprobleme" bereits nach einem halben Jahr aus seiner Lehreranstellung an einem sehr traditionell geführten jüdischem Privatgymnasium entlassen wird und seine Berufsaussichten zu einem fast "vollständigen Zusammenbruch" führen, bewirbt er sich um eine Stelle als Lehrer für Deutsch und Mathematik an dem soeben gegründeten hebräischen Gymnasium in Jaffa. Die Entscheidung ist selbst für überzeugte Zionisten seiner Zeit nicht selbstverständlich, da ihr Engagement zwar dem "Altneuland", der Bewegung und der Jüdischen Renaissance galt, jedoch selten persönliche Konsequenzen nach sich zog, die sie in das damals noch unwirtschaftliche Palästina gebracht hätte.14  Bevor Müller seine Lehrerstelle in Jaffa antritt, nimmt er 1907 als Stenograph am 8. Zionistenkongress in Den Haag teil und lernt so die Struktur sowie die Persönlichkeiten der zionistischen Organisation von innen heraus kennen.15  Die Zeit nach seiner Ankunft in Palästina erfährt Müller als Identität stiftend. Er fühlt sich "so voll und ganz als Bewohner des werdenden jüdischen Palästinas", so dass er sich "ein Leben außerhalb Palästinas überhaupt nicht vorstellen kann."16 

Doch Müllers Leben steht nicht in der Sonne des Erfolges: Auch die Lehrerstelle an dem Gymnasium in Jaffa verliert er bereits nach einem halben Jahr. Seine Schilderungen erwecken den Eindruck, dass man sich zwar sehr gefreut hatte, endlich einen fertig ausgebildeten und zionistisch engagierten Lehrer aus Europa in die jungen Kolonien holen zu können, aber nicht dazu bereit war, sich mit seinem "nicht vollwertigen Hebräisch" abzufinden.17  So ist er zunächst gezwungen, sich mit Privatunterricht, Berichterstattungen und Unterstützung seines Bruders durchzuschlagen.

Den Sommer 1908 verbringt er unter "Wundereindrücken" in dem von "ständiger Wasserlosigkeit, maßlosem Staub [und] Fieberkrankheit" geplagten Jerusalem und der bergig-kargen Umgebung. Seine nach mystischen Erfahrungen suchende Seele lässt sich nicht nur durch den "unbeschreiblichen Anblick der alten Stadt" und den heiligen Orten des Judentums, sondern auch immer wieder von den "christlichen Gedenkstätten" inspirieren.18  Auch das zweite und letzte Jahr seines Aufenthaltes, in dem er in einer Waisenschule bei Lydda (Lod) unterrichtet, unternimmt er zahlreiche Exkursionen durch das Land. Der Höhepunkt dieser Reisen bildet ein Ausflug mit S.J. Agnon nach Galiläa, an dessen Ende ein Besuch in Safed (Zfat), dem Zentrum kabbalistischer Gelehrsamkeit, steht.19  Die Auseinandersetzung mit der Kabbala, insbesondere dem Buch Sohar und dem Mystiker Jizchak Luria (1534-1572), über den Müller einen unveröffentlicht gebliebenen Roman schreibt, hat hier eine ihrer Wurzeln.

Ein erneuter Schicksalsschlag in Form einer Malariaerkrankung, die seinen Körper für das ganze Leben schwächt, zwingt ihn dazu, sein neues Heimatland zu verlassen und die Rückfahrt nach Wien anzutreten. Dort eingetroffen, sieht er sein "äußeres und inneres Leben einer gewissen Spaltung"20  unterworfen. Zunächst wird er als "Palästinenser" in den zionistischen Organisationen und Organen vermehrt in die Verantwortung genommen. So übernimmt er 1910 die Mitredaktion der von Adolf Böhm und Felix Theilhaber geführten Zeitschrift "Palästina" und avanciert dadurch in Kolonisationsfragen zum Fachmann. "Zugleich wurde es mir aber bewusst, das rein Menschliche, das in Palästina von selbst an mich herangetreten war, auf alles mir jetzt Begegnende anwenden zu wollen."21  In dieser verschlüsselten, aber häufig bei ihm in Verbindung zum Zionismus auftretenden Betonung des allgemein "Menschlichen" scheint Müller den Versuch zu unternehmen, sich von dem politischen Konzept der nationaljüdischen Bewegung zu distanzieren und seine humanistisch-anthroposophischen Neigungen hervorzuheben. Damit ist der andere Aspekt der "gewissen Spaltung" angedeutet, die Müller in dieser Zeit empfindet und in einen Prozess einmündet, der aus religionswissenschaftlicher Perspektive als ein "individuelles Konversionserlebnis"22  oder "Berufungserlebnis" bezeichnet werden kann. "Aber zugleich vollzog sich in meinem Innern eine Wandlung, die ich nur schwer der Öffentlichkeit schildern könnte, dahin gerichtet, dass ich wie durch unbekannte Mächte zu einer ganz anderen Art geistigen Innenlebens mich gedrängt fühlte."23 

Wiederum ist es der Bruder, der ihn mit theosophischen Kreisen in Verbindung bringt; im Frühjahr 1910 lernt Müller Rudolf Steiner kennen, der eine Vortragsreihe in Wien hält. Noch aus der Retrospektive des alternden Autobiographen sind ihm die Nachwirkungen der umwälzenden Begegnung in lebhafter Erinnerung: "Der Eindruck [von Steiner als "eingeweiht"-mystischen Menschen, N.R.] verstärkte sich, als ich zu Rudolf Steiner persönlich kam und das erschütternde Erlebnis hatte, dass ein Mann vor mir stand, der gerade um intime Züge meines bisherigen Lebens nach der geistigen Seite hin wusste und mich zunächst in ernsten Erkenntnisfragen beriet."24  Einem Rat Steiners folgend, nimmt Müller eine Stelle in der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien an. Diese Beschäftigung, die er von 1911 bis 1938 schließlich als Vizedirektor ausübt, ermöglicht ihm den Freiraum, seinen Forschungen nachzugehen. Noch im gleichen Jahr erscheinen die von ihm aus dem Hebräischen übertragenen Gedichte Chaim Bialiks, einem der bedeutendsten Dichter der damals aufstrebenden neuhebräischen Literatur. In einer Rezension dieses Gedichtbändchens würdigt David Rothblum die Übersetzung Müllers als "wohl eine der besten. Mit feinsinnigem poetischen Verständnis und gründlicher Kenntnis der hebräischen Sprache ausgestattet, trat Müller an diese überaus schwierige Aufgabe heran. [...] Er hat unsern großen Dichter dem Geist des deutschlesenden Publikums nähergebracht."25 

In seiner freien Zeit arbeitet sich Müller nun zunächst als "Schüler" in die Ideen der Anthroposophie ein, findet aber über die Auseinandersetzung mit der christlichen Mystik schon bald zur Kabbala, deren zentrales Hauptwerk, der Sohar, ihm zum geistigen Lebensmittelpunkt und Hauptaufgabe wird. Als Müller 1911 bei einem Steiner-Vortrag in Prag unverhofft auf Hugo Bergmann trifft, der schon seit 1907 Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Prag ist und sich ebenfalls intensiv mit der Anthroposophie beschäftigt,26  entsteht die Idee für die "gemeinsam tastenden Versuche in der Lektüre des Sohar."27  Die Früchte dieser Zusammenarbeit sind eine Reihe Übertragungen einzelner Soharabschnitte, die 1913 in dem Sammelband "Vom Judentum" des Prager Vereins jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Leipzig erscheinen.

Während und nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Müller seine Sohar-Studien fortsetzt und sie neben seiner Einführung "Der Sohar und seine Lehre" (1920) u.a. in der von Buber herausgegebenen Schrift "Der Jude"28  veröffentlicht, entfernt er sich zeitweise innerlich von den anthroposophischen Kreisen. Ausschlaggebend dafür sind nicht nur einige antizionistische Bemerkungen aus Steiners frühen Phase, die zum Teil aus seiner "multinationalen Haltung"29  und Kritik an den Nationalstaaten entspringen, zum Teil aber auch einige antijüdische und antisemitische Klischees aufweisen,30  sondern vor allen Dingen die Positionen einiger Wiener Anthroposophen. Ihnen ist das parallele Engagements Müllers im Judentum und in der Anthroposophie suspekt; ihr argwöhnisches Verhalten führt Müller zu Überlegungen, aus der anthroposophischen Bewegung auszutreten. Obwohl er in den 20er Jahren eine intensive Kurs- und Vortragstätigkeit in den verschiedenen Kreisen entfaltet und sich in besonderer Weise darum bemüht, junge Menschen für die Anthroposophie zu interessieren, bleibt er ein Außenseiter. Daran vermag auch die wohlwollende Haltung Steiners nichts Wesentliches zu ändern. Erst im Zuge eines "stärkeren Hineinwachsens in den Kern der Bewegung"31  nach Steiners Tod (1925), der Mitarbeit an der neuen anthroposophischen Schule in Wien und einer intensiven Arbeit als Gesangslehrer und Vortragsredner in anthroposophischen Kreisen bessert sich dieses Verhältnis.

Die Ablehnung des Zionismus durch die Anthroposophie stößt bei den Zionisten verständlicherweise auf keine große Gegenliebe. Die Ursachen für eine Zurückhaltung der jüdischen Seite kann aber auch durchaus in Steiners unklarem Gebrauch der christlichen Terminologie und seinen nahezu unzugänglichen esoterischen Ideen zu suchen sein. Gershom Scholem, um keine prägnante Formulierung verlegen, macht aus seiner Abneigung gegenüber dem "Schwärmer und Gottessucher"32  keinen Hehl. Zwar beurteilt er in einer Rezension Müllers bekannteste Veröffentlichung "Der Sohar. Das heilige Buch der Kabbala nach dem Urtext", die 1932 in Wien erscheint, insgesamt recht positiv. Jedoch bemängelt er, dass "zahlreiche Anmerkungen, in denen leider zum Teil die anthroposophischen Anschauungen des Übersetzers der Absicht des Originals Gewalt antun, die Übersetzungen begleiten."33  Müllers Versuch diese Kritik abzuwehren, wirkt recht unglücklich:

Es "hatte doch jener Kritiker meiner Soharübertragungen Unrecht, in meinen Auffassungen einen Ausdruck meiner ´Theosophie` zu finden. Und zwar aus zwei Gründen: indem jene ganz frühesten kabbalistischen Erkenntniserlebnisse aus solcher Tiefe in mir selbst aufsprangen, wie sie einem kabbalistischen Gelehrten kaum zugänglich sind. Und auch aus dem Grunde, weil, als ich die jüdischen Quellen, vor allem an den Sohar herantrat, ich schon aus Gewissenhaftigkeit jede Beziehung zu theosophischen Gegebenheiten, vor allem zur theosophischen Terminologie, bewußt auszuschalten hatte und lediglich dort wieder einbezog, wo sie mir eklatant entgegentrat."34 

Hier zeigt sich bereits der Unterschied zwischen Scholem und Müller: Während Scholems Arbeiten in erster Linie dem wissenschaftlichen Interesse eines Religionshistorikers entspringen, hat Müller, der sich selbst in der Tradition der Kabbalisten sieht, ein starkes Interesse an mystischen Erfahrungen und sucht spirituelle Impulse für sein eigenes Leben. Bergmann, darum bemüht, seinen Freund der Vergessenheit zu entreißen, konstatiert:

"Müller hat eine ihm durchaus eigentümliche Einstellung zum Sohar und zur Kabbala überhaupt. Er fragt nicht nach den historischen und soziologischen Aspekten, ihn interessieren auch wenig die Unterschiede zwischen den einzelnen Schichten der jüdischen Geheimlehre in ihrer historischen Entwicklung, er sieht sie als eine Lehre der Gegenwart an, und bemüht sich in den Sohar so einzudringen, als wäre er ein zeitloses Buch. Dass ihm dies weitgehend gelingt, verdankt er vor allem der Tatsache, dass er durch die Schule Rudolf Steiners hindurchgegangen ist."35 

Bergmanns weiteren Ausführungen zufolge soll die Anthroposophie Steiners dem modernen Leser dabei helfen können, Zugang zur soharitischen Mystik zu erhalten. Müllers Parallelisierungen in den Bereichen der Kosmologie, der Seelenlehre und der mathematisch-gematrischen Operationen36  machen demnach mit den Besonderheiten des kabbalistischen Werkes vertraut.

"Man nehme etwa eine der schwierigsten Seiten des Verständnisses der Kabbala: das Verhältnis zur hebräischen Sprache. Man hat oft genug gelacht über das Spielen der Kabbala mit philologisch falschen Wortetymologien und mit dem Zahlenwert der hebräischen Worte. Müller aber weiß etwas von der schöpferischen Macht der Urlaute zu sagen und davon, dass es eine geheimnisvolle Harmonie gibt zwischen Lautausdruck und Sinn. Er weiß eine Bibelexegese zu rechtfertigen, welche das Wort als solches heilig nimmt und aus dem Sinn der Laute das Recht ableitet, die Gleichlautigkeit verschiedener Stellen als einen Beweis für die Beziehungen der Inhalte anzusehen."37 

Dass die Herangehensweise Müllers nicht eine wissenschaftliche genannt werden kann, ist Bergmann durchaus bewusst. Aus einem Brief an Müller, der mit den Vorbereitungen für sein Werk "History of Jewish Mysticism" beschäftigt ist, wird deutlich, dass Bergmann selbst ein Suchender ist und sich zwischen den kühl-distanzierten Arbeiten der Schule Scholems und dem Forschen nach den esoterischen Zusammenhängen des Steiner-Schülers hin- und hergerissen fühlt:

"Mein ständiger Einwand gegen Scholem und seine Schule ist, dass er ganz in Philosophie und Literaturgeschichte aufgeht, und seine Schüler sind alle darauf aus, ob dies oder jenes Buch von Eibeschütz oder sonst wem geschrieben ist, und die Frage der Wahrheit der mystischen Phänomene interessiert sie nicht. Von Scholem gilt dies wohl nicht, aber er hüllt sich darüber in Schweigen. Wenn Sie in Ihrem Buche die Wahrheitsfrage stellen und auf Steiner hinweisen oder die Brücke zu ihm herstellen, ist dies ein großer Verdienst. [... Aber] wie kann ich es mit meinem wissenschaftlichen Gewissen in Einklang bringen, Steiners Forschungen zu glauben, da ich doch dann, in Anbetracht der Fülle dessen was er enthüllt hat, annehmen müßte, dass er weiser war als Aristoteles, Galilei, Newton, Einstein zusammen. Das ist – a priori beurteilt – so unwahrscheinlich, dass mich mein wissenschaftliches Gewissen verpflichtet, zu zweifeln und irgendeine Theorie (Selbstsuggestion oder dergleichen) vorzuziehen."38 

Müller lässt sich von diesen Zweifeln nicht anstecken. Seine Überzeugung, geschöpft aus jüdischer Mystik und aus christlich formulierter Anthroposophie, gibt ihm auch die notwendige Lebenskraft, als Österreich von außen und innen durch den Nationalsozialismus erobert wird. Obwohl sein "ganzes seelisches Schicksalserleben in tiefste Erschütterung versetzt" ist und er an dem "über alle Maßen tragischen jüdischen Schicksal"39  leidet, strahlt er eine innere Ruhe aus, wie sie der ehemalige Direktor des Wiener Zwi Perez Chajes-Gymnasiums, Viktor Kellner, anschaulich bezeugt: "Rührende Geduld und bewundernswerte Seeleruhe waren ihm eigen. Der Affekt der Furcht blieb ihm völlig fern. In den bösen Tagen, da der Judenhass Orgien feierte, ging er unbeirrt, fast heiter, durch die aufgewühlte Menge. Er war bemüht, den Urgrund jener dämonischen Barbarei zu erkennen, und wer erkennen will, der hat keine Furcht."40  Einen Tag nach der Reichspogromnacht wird die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde zwangsweise geschlossen; der 58jährige ist über Nacht zum "Pensionär" geworden. Der Versuch, mit Hilfe seines Freundes Bergmann eine Einstellung als Bibliothekar in Jerusalem zu erhalten und so über ein Visum der britischen Mandatsregierung erneut nach Palästina einwandern zu können, scheitert. Jedoch gelingt es bereits emigrierten Freunden, ihm ein Einreisevisum für England zu besorgen, so dass Müller am 21.6.1939 über Dornach in Richtung London fliehen kann.

"Here [in London]", schreibt der mit ihm befreundete Rabbiner Max Eschelbacher, "he was given a late deep happiness by his marriage to the woman who, kindred to him spiritually and mentally, stood by him as his good angel."41  Die Heirat mit Frieda Schorr im September 1941 kann in der Tat als das späte Glück in Müllers Leben bezeichnet werden. Sie ist es, die ihm durch seine "einsame Londoner Zeit"42 , geplagt von Tuberkulose und einer Lähmung, hindurch hilft. Unter schweren Verhältnissen und von der Außenwelt isoliert, arbeitet er "in hoher geistiger Heiterkeit und Ruhe"43  an seinem Lebenswerk, das 1946 in London unter dem Titel "History of Jewish Mysticism" erscheint. Daneben veröffentlicht er u.a. in der hebräischsprachigen Zeitschrift "Mezuda" Artikel über das Sefer Jezira und über Aspekte des Verborgenen in der traditionellen Literatur44 , und selbst unmittelbar vor seinem Tod am 5.8.1954 hört er nicht auf zu schreiben: In dem Überblick über die "Wandlungen des jüdischen Bewusstseins in den letzten zwei Jahrhunderten"45  formuliert er seine Sicht auf eine positive Verschränkung von Judentum und anthroposophisch gedeutetem Christentum.

Abschließend kann festgehalten werden, dass Müller eine der faszinierenden Persönlichkeiten des deutschsprachigen Judentums war, die das kulturelle Leben ihrer Zeit aktiv gestalteten. Er war nicht nur einer der ersten mitteleuropäischen Zionisten, die aus ihrer Einstellung zur jungen Bewegung persönliche Konsequenzen zogen und sich am Aufbau Palästinas beteiligten. Als Übersetzer suchte er den Ruhm der jungen hebräischen Literatur in die Welt zu tragen. Als Kabbalist ging es ihm in seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit der jüdischen Mystik weniger um das Verständnis religionswissenschaftlicher Zusammenhänge aus einer unbeteiligten Perspektive, vielmehr unternahm er mit Hilfe der Kabbala den Versuch, die Welt zu verstehen und spirituelle Kräfte für das persönliche Leben zu empfangen. Als Anthroposoph glaubte er die christlich formulierte Lehre Rudolf Steiners mit den Lehren des Sohars in Einklang bringen zu können – ein sehr problematisches Unternehmen, das ihn in den Augen der Anthroposophen zu "jüdisch", in den Augen der jüdischen Kreise zu "christlich" und in den Augen der Wissenschaftler zu "anthroposophisch" erscheinen lässt. Seine Existenz zwischen den Welten erschwert die Zuordnung seiner Persönlichkeit, ließ ihn zu einer Randfigur werden und – trotz der Bemühungen seines Freundes Hugo Bergmann – in Vergessenheit geraten.

 1 Betty Scholem an Gershom Scholem. Brief vom 29.8.40, Brief-Nr. 294. In: Scholem, Betty; Scholem Gershom. Mutter und Sohn im Briefwechsel 1917-1946. Hg. von Itta Shedletzky. München, 1989. S. 490.

 2 Ernst Müller, der insgesamt 156 Artikel für das bekannte Standartwerk verfasste, wird im Vorwort ein besonderer Dank ausgesprochen. (Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Georg Herlitz und Bruno Kirschner. Berlin, 1927. Bd. I, S. VII.)

 3 Müller, Ernst: Mein Weg durch Judentum und Christentum. In: Judaica. Beiträge zum Verständnis des jüdischen Schicksals in Vergangenheit und Gegenwart. 8 (Zürich, Dezember 1952) Heft 4. S. 223.

 4 Müller: Mein Weg, S. 223.

 5 Müller: Mein Weg, S. 223-224.

 6 Müller: Mein Weg, S. 225.

 7 Müller, Ernst: Geistige Spuren in Lebenserinnerungen. Unveröffentlichtes Manuskript. o.O., o.J. Leo Baeck-Institute New York. Bibliothek und Archiv. Bd. 1. Hg. Max Kreutzberger. Tübingen, 1970. S. 442, Nr. 278.

 8 Müller: Mein Weg, S. 225.

 9 Müller veröffentlichte mit dem ersten Gedicht "Seder" (Die Welt, Jg. 3, Nr. 12, 24.3.1899. S. 14.) und dem Reisebericht "Palästinabilder" (17. Jg., 3.1.1913, Nr. 1. S. 16-17) insgesamt 34 Artikel in "Die Welt".

 10 Vgl. Herzl, Theodor: Gesammelte Zionistische Werke. 2. Bd. Tagebücher I. Berlin, 1934. S. 356, 365-394.

 11 Neben seiner Mitarbeit an "Die Welt" redigiert Müller bis zu seiner Ausreise nach Palästina die zionistische Jugendzeitschrift "Unsere Hoffnung", zu der er insgesamt 19 Texte beisteuert.

 12 Müller: Mein Weg, S. 227.

 13 Müller: Mein Weg, S. 227.

 14 Eloni, Yehuda: Zionismus in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914. Gerlingen, 1987. S. 250-251, 274-276, 366.

 15 Vgl. dazu: Müller, Ernst: Probleme des [8., N.R.] Kongresses. In: Die Welt. Jg. 11, Nr. 32, 9.8.1907. S. 7-9.

 16 Müller: Mein Weg, S. 228.

 17 Müller: Mein Weg, S. 229.

 18 Müller: Mein Weg, S. 230.

 19 Müller veröffentlichte in "Die Welt" einen zweiteiligen Aufsatz, in dem er die Landschaft Galiläas, den Entwicklungsstand der Kolonien sowie einige Erlebnisse seiner Reise sehr anschaulich beschreibt. Müller, Ernst: Galiläa. Reiseeindrücke. In: Die Welt. Jg. 13, Nr. 28, 9.7.1909. S. 609-613; Nr. 29, 16.7.1909. S. 635-636.

 20 Müller: Mein Weg, S. 231.

 21 Müller: Mein Weg, S. 231.

 22 Mohr, Hubert: Konversion/Apostasie. In: Cancik, Hubert; Gladigoiw, Burkhard,; Kohl, Karl-Heinz (Hrsg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Bd. 3. Stuttgart, u.a., 1993. S. 438-441.

 23 Müller: Mein Weg, S. 232.

 24 Müller: Mein Weg, S. 232.

 25 Rothblum, David: [Rezension zu:] Ch. N. Bialik: Gedichte. Aus dem Hebräischen übertragen von Ernst Müller. [...] Köln und Leipzig. 1911. In: Die Welt. 16. Jg., Nr. 4, 26.1.1912. S. 122.

 26 Bergmann, der Steiner 1911 persönlich kennen lernt, setzt sich im Rahmen seiner Professur für Philosophie an der Hebräischen Universität mit der Anthroposophie auseinander und sorgt für eine verstärkte Steiner-Rezeption in Israel. Der philosophische Lehrstuhl Bergmanns ist weltweit der einzige, der 1961 den 100. Geburtstag Steiners mit einer Festveranstaltung begeht.

 27 Hugo Bergmann in seinem Vorwort zur Neuausgabe von Müller, Ernst: Der Sohar und seine Lehre. Einführung in die Kabbalah. Zürich, 1959, S. 7.

 28 Müller, Ernst: Übertragungen aus dem Buche Sohar. In: Der Jude. Eine Monatsschrift. Hg. von Martin Buber. 2 (1917-1918), S. 93-96; 3 (1918-1919), S. 291-292, 436; 4 (1919-1920), S. 88-89, 332.

 29 Bracker, Hans-Jürgen: Steiner-Schüler und der Palästina-Konflikt. Humanistischer Zionismus. In: Info3 (Juni 2000). http://www.info3.de/ycms/printartikel_228.shtml.

 30 Vgl. zur Frage des Antisemitismus, Antijudaismus und Antizionismus bei Steiner siehe: Iwersen, Julia: Rudolf Steiner: Anthroposophie und Antisemitismus. Zu einer weniger bekannten Spielart des christlichen Antisemitismus. In: Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart. (1996) 16-17. S. 153-163; Sonnenberg, Ralf: "Keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens". Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 12 (2003) S. 185-209; Sonnenberg, Ralf: Rudolf Steiners Einschätzung des Zionismus und die Aktualität des "Brit Schalom". In: Novalis. Zeitschrift für spirituelles Denken. (2000) 6, S. 18-21.; Bracker, Hans-Jürgen: Der Einzelne und die Einheit der Menschheit. Ein Hinweis auf den Zionisten und Anthroposophen Ernst Müller. In: Novalis. Zeitschrift für spirituelles Denken. (1997) 5. S. 6-11.

 31 Müller: Mein Weg, S. 236.

 32 Scholem, Gershom: Tagebücher nebst Aufsätzen und Entwürfen. 1. Halbband 1913-1917. Hrsg. von Karl Gründer und Friedrich Niewöhner. Frankfurt a. M., 1995. S. 118.; derselbe: Von Berlin nach Jerusalem. Jugenderinnerungen. Erweiterte Fassung. Frankfurt a. M., 1994. S. 129.

 33 Scholem, Gershom: [Rezension] Müller, Ernst: Der Sohar [...]. In: Orientalistische Literaturzeitung. [...]. Hrsg. von Walter Wreszinski. 37 (Dezember 1934) 12. S. 742-743.

 34 Müller: Mein Weg, S. 233.

 35 Bergmann: Vorwort, S. 10.

 36 Müller konzentrierte seine Forschungen auf die Verbindungen zwischen Astrologie, Astronomie, Zahlenmystik und Mathematik. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zu diesem Themen und übersetzte auch Ibn Esras mathematisches Werk "Sefer ha-Echad" (Ibn Esra, Abraham: Buch der Einheit. Berlin, 1921).

 37 Bergmann: Vorwort, S. 10f.

 38 Hugo Bergmann an Ernst Müller. Brief vom 17.8.44. In: Bergman, Schmuel Hugo: Tagebücher und Briefe. Band 1. 1901-1948. Hrsg. von Miriam Sambursky. Königstein, 1985.S. 636f.

 39 Müller: Mein Weg, S. 236.

 40 Kellner, Viktor: Ernst Mueller. In: Mitteilungsblatt. Irgun Olei Merkas Europa. 22. Jg., Nr. 36, 3.9.1954. S. 7.

 41 Eschelbacher, M[ax]: Dr. Ernst Müller. In: The Synagogue Review. Vol. 29 (October 1954) 2. S. 38-39.

 42 Weltsch, Robert: Ernst Mueller. In: Mitteilungsblatt. Irgun Olei Merkas Europa. 22. Jg., Nr. 36, 3.9.1954. S. 7.

 43 Bergmann: Vorwort, S. 7.

 44 Müller, Ernst: Al "Sefer Jezira". In: Mezuda. Kobez le-Scheelot he-Chaim, la-Mada we-la-Sifrut. (London, Dez. 1943). S. 105-110.; derselbe: Al ha-Mistorin bi-Chitvei ha-kodesch. In: Mezuda. (Juni 1945). S. 110-115.

 45 Müller, Ernst: Wandlungen des jüdischen Bewusstseins in den letzten zwei Jahrhunderten. In: Judaica. Beiträge zum Verständnis des jüdischen Schicksals in Vergangenheit und Gegenwart. 10 (Zürich, 1954). S. 129-154.