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Sauls Leuchtkasten – Ein Nachruf auf Saul Leiter

Kerstin KELLERMANN

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Der Fotograf, der als erster die künstlerische Farbfotografie entdeckte und mit den Farben des Lebens Schatten und Silhouetten malte, ist tot. Saul Leiter wandert nicht mehr jeden Tag im New Yorker East Village durch die Strassen, auf der Suche nach „Bruchstücken von Erinnerungen".

„Ich mag es, wenn man nicht sicher ist, was man sieht", sagte der New Yorker Fotograf Saul Leiter einmal. „Wenn man nicht weiss, warum der Fotograf ein Bild gemacht hat und wir nicht wissen, warum wir es anschauen, so entdecken wir plötzlich, dass wir mit dem Sehen beginnen. Diese Verwirrung mag ich." Wenn man 2012 aus der grossen Saul Leiter-Ausstellung im Wiener Kunsthaus mit seinem unebenen Boden ins Schneetreiben heraus kam, merkte man, was Leiter meinte, seine Fotos wirken nach, man schaut anders und sieht plötzlich überall „coloured pictures". Fahrräder unter Schneehauben, das schräge Licht eines Scheinwerfers - man klickt plötzlich selber Leiter-Fotos im Kopf.

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Kutztown, 1948
© Saul Leiter / Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York

Eine Glasscheibe, an der die Regentropfen herunter rinnen, interessierte ihn mehr, als eine berühmte Person. Saul Leiter sass gerne in den Kafeehäusern seines New Yorker Stadtteils East Village und fotografierte nach aussen durch die Glasscheiben hindurch - Schneestürme, verschwommene Gestalten, verlorene Figuren in seltsamen Perspektiven und Bildausschnitten. Spiegel, in Dunst geschriebene Wörter auf Glas, rote Schirme. Er hatte ein Gespür für das Mysteriöse, für das Verborgene und Unentdeckte, „so bleibt ein geheimnisvoller Schwebezustand zwischen Wahrnehmung und Deutung bestehen", steht im Katalog seiner Ausstellung im Haus der Fotografie in den Hamburger Deichtorhallen. „Fotos werden oft als Höhepunkt der Realität behandelt, aber in Wirklichkeit sind sie kleine Bruchstücke von Erinnerungen an die unvollendete Welt", sagte Saul Leiter, der biografisch viel mit Erinnerungen und auch viel mit „unvollendeten", abgebrochenen, fragmentierten Welten zu tun hatte.

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Leiter Selbstportrait ohne Titel
© Saul Leiter / Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York

„Malender" Fotograf

Sein Vater, ein orthodoxer Rabbiner, emigrierte aus Polen in die USA, der kleine Saul wuchs schon in Pittsburgh, Pennsylvania, auf. „Die Atmosphäre eines ganzen Raumes erhellte sich, wenn mein Vater sprach", erinnert sich Saul. „Sie hatten aber strenge Regeln in der Familie Leiter. Wenn du kein orthodoxer Jude bist, vergiss es. Die meisten von ihnen wurden im Holocaust ausgelöscht." Obwohl sein älterer Bruder David und sein jüngerer Bruder Abba Rabbiner wurden, schwebte ihm kein religiöses Leben vor. Und mit zwanzig Jahren machte er sich heimlich mit dem Autobus auf und davon - in Richtung New York. Seine Mutter hatte ihm zu seinem zwölften Geburtstag seine erste Kamera geschenkt, eine Detrola. Die Kamera begleitete ihn, er hatte aber noch nicht vor, Künstler zu werden.

„Er suchte und fand es nicht, soll auf meinem Grabstein stehen", sagte er einmal, und „das Geheimnis von Glück ist, dass nichts passiert." Eigentlich war Saul Leiter ein Maler, und er fotografierte auch wie einer. Um Geld zu sparen, kaufte er sich oft Farbdia-Filme, deren Haltbarkeitsdatum bereits abgelaufen war, und er mochte die Bilder mit zarten oder gedämpften Farben, die daraus entstanden. Durch frische Filme wurden ihm die Farben zu grell. Vor ihm wurde in der Foto-Kunst allein in schwarz-weiss fotografiert, Farbe war der Werbung vorbehalten und galt als minder.

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New York, 1950er
© Saul Leiter / Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York

Fehlende Figuren und Bilder

„Visuelle, literarische, orale und performative Praktiken verschiedener Erinnerungskulturen kreisen gewissermassen um das Fehlen von Geschichten im dominanten Diskurs und versuchen sie in einer Art Kompromiss verfügbar zu machen", schreibt die Kunsthistorikerin Birgit Haehnel über die Bilder von KünstlerInnen, die zum Thema „Sklaverei" arbeiten. Diese verwenden zum Teil eine ähnliche Bildsprache wie Saul Leiter, der mit seinen Schattenfiguren, Silhouetten, der Fragmentierung seiner Bilder, ebenfalls als ein Künstler gesehen werden könnte, der Trauma-Bildsprache benutzt. Haehnel erwähnt in ihrem Buch „Slavery in Art and Literature. Approaches to Trauma, Memory and Visuality" als Beispiel die charakteristischen Verschattungen in der „Siluetas-Serie" von Ana Mendieta, die über die verleugnete Sklavereigeschichte Kubas arbeitete. Den „Phantomcharakter" von Mendietas Figuren könnte man durchaus auch den verschwommenen, verwischten Figuren auf Leiters Fotos zusprechen. Er scheint bestimmte Menschen in anderen Personen zu suchen. Spuren von Menschen, die nicht mehr vorhanden sind und nur noch als Gespenster optisch zur Verfügung stehen - so wie man in jemandem plötzlich die Geste, die Körperhaltung, den Blick eines Verstorbenen sieht und lieber nicht genauer hinschaut. Man glaubt, überall die vermisste Person zu treffen.

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Walking, 1956
© Saul Leiter / Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York

Manche suchen in der Kunst und durch Bilder: „I was trying to find a way to talk of a thing that is not there, sort of Inside The Invisible if you like", beschreibt die afrobritische Künstlerin Lubaina Himid diesen Vorgang, die ebenfalls zu fehlenden Bildern über Sklaverei und Sklaven arbeitet. Ähnlich diesem Vorgang könnte man Saul Leiters Fotos als Suche nach Bildern der in der Shoah vernichteten Menschen interpretieren. Bilder „kompensieren die Unerträglichkeit historischer Ereignisse, die sie aber latent in sich tragen", schreibt Birgit Haehnel und meint, dass die „durch traumatische Ereignisse hervorgerufene Amnesie oder auch bewusste Leugnung eine signifikante Lücke" erzeuge, die dann in der Kunst mit Andeutungen und Schatten gefüllt werden. Genauer gehts nicht - das Verdrängte drängt in der Kunst hervor sozusagen.

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Snow, 1960
© Saul Leiter / Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York

Saul Leiter scheint auch mit der Methode der Nach-Bilder zu arbeiten, das sind Bilder, die auf der Netzhaut entstehen, wenn man jemanden ansieht und dann die Augen schliesst - ein Negativ des Menschen sozusagen, das im Inneren des Auges entsteht. Ebenfalls eine Methode, um traumatische Leerstellen, fehlende Menschen auszudrücken und zu bebildern. „Walking" von 1956 oder „Snow" aus 1960 könnte man so interpretieren.

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Reflection, 1958
© Saul Leiter / Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York

Saul Leiter starb am 26. November 2013 in New York City, er wurde neunzig Jahre alt. In einem Film im Kunsthaus Wien konnte man sehen, wie er in seiner voll gestopften Wohnung mit den Bildern der von ihm verehrten Malerin Soames Bantry lebt und immer wieder Mappen mit Bildern öffnet, wahllos herum blättert, die Katze auf dem Fenstersims liegt und Saul Leiter freundlich und nachdenklich in seinem Lieblingssessel hockt und mit der Person hinter der Kamera plaudert. Über die Welt, über seine philosophische Herangehensweise und über die Shoah. „Saul has taught me that life is full of happenings", schreibt seine enge Mitarbeiterin, die von seinen gelben Dias-Boxen entzückt war. Und von dem kleinen Leuchtguckkasten, in dem man die Dias anschauen konnte. Wie ein Kind mit einem Auge auf eine kleine, umrahmte Welt und ihre verschwommenen Figuren, die wie unerwartete Schatten aus der Vergangenheit herauszutreten scheinen.

Alle Abbildungen: Mit freundlicher Genehmigung KunstHaus Wien.