Ausgabe

Keter Aram Zova

Tirza LEMBERGER

Content

Im Israel Museum in Jerusalem befindet sich ein Tanach-Exemplar, handgeschrieben, vokalisiert, mit Betonungszeichen und mit den Anmerkungen der Masora2 versehen, sowohl parva als auch magna. Dieses wertvolle Exemplar aus dem 10. Jahrhundert, das älteste existierende, ist allgemein als Keter Aram Zova - Kodex Aleppo - oder als haKeter bekannt. Geschrieben wurde der Keter von Schlomo ben Buya'a und von Aharon ben Ascher vokalisiert und mit Betonungszeichen sowie den Masora-Anmerkungen versehen.

Schreiben, prüfen und überprüfen soll mehrere Jahre gedauert haben und um 910 zum Abschluss gebracht worden sein. Der Keter gilt als die authentische Schrift des Tanach. Der ursprüngliche Kolophon,3 falls es überhaupt einen gab, ist nicht erhalten geblieben. Der vorhandene wurde ca. hundert Jahre später geschrieben und er hält die Namen Ben Buya'a und Ben Ascher fest. Ferner wird ein als Fürst bezeichneter Mann aus Basra genannt, der den Keter erstanden und ihn zwei Brüdern in Jerusalem, die ebenfalls als Fürsten betitelt werden, übergeben hat. Diese drei Herren waren Karäer.4 Laut Kolophon sollten sowohl Karäer als auch Rabbaniter5 Zugang zum Keter haben, um weitere Schriften vergleichen und korrigieren zu können.

Der Umstand, dass der Keter in karäischer Hand war, liess die Vermutung aufkommen, dass auch die Schreiber Karäer waren. Der Streit der Gelehrten konnte nur mittels Indizien geführt werden. Dass Maimonides in Hilchot Sefer Thora 8/46 bezüglich des Keter sagt: „Darauf habe ich mich gestützt beim Sefer Thora, das ich geschrieben habe", dürfte ausschlaggebend gewesen sein, dass weder Ben Buya'a noch Ben Ascher Karäer waren.

Der Keter ist in Jerusalem bis 1099 geblieben. Er dürfte, wie viele andere Schriften, in die Hände der Kreuzfahrer gefallen sein. Die Juden in Ashkelon haben, mit finanzieller Hilfe der Juden Ägyptens, nicht nur Gefangene, sondern auch Schriften - darunter acht Thorarollen, über zwei hundert Chumaschim7 und viele andere Bände -  ausgelöst und nach Ägypten gebracht. So dürfte auch der Keter nach Ägypten gelangt sein. Eine Liste dieser Bände gibt es zwar nicht, sehr wohl aber existiert eine von den Bänden in der Synagoge von Fostat aus den Jahren 1186-1187. In dieser Liste erscheint ein Codex unter der Bezeichnung al Taj  - arabisch für haKeter. Ein zweites Schreiben aus diesen Jahren enthält Dankesworte an einen nicht genannten Spender, der zur Restaurierung eines Codex beigetragen hat, der als der Bruder des Taj bezeichnet wird. Al Taj war ein Begriff in Fostat.

An die 300 Jahre blieb der Keter in Ägypten. 1375 ist David, ein Nachkomme Maimonides‘, nach Aleppo gegangen und soll den Keter  mitgenommen haben. Direkte Nachricht vom Keter in Aleppo hat man erst 1479. In diesem Jahr kommt der Reisende Sa'adia ben David aus Aden dorthin und berichtet, dass al Taj, den Maimonides benützte, in Zova (Aleppo) sei. Andere Reisende berichten ebenfalls vom Keter in Aleppo. Aufbewahrt wurde der Keter in der Grossen Synagoge, und zwar in der ‚Höhle des Propheten Elias‘. Dort lagerte der Keter und war nur durch Sondergenehmigung zugänglich. Viele Wissenschafter, besonders im 19. Jh., wurden abgewiesen und mussten sich mit dem Codex in St. Petersburg begnügen. Wie sehr Vorsicht geboten war, zeigt die folgende Begebenheit.

Abraham Firkovich, Karäer, Sammler und - Fälscher - kam auf seiner Sammel-Tour auch nach Aleppo (1863). Es gelang ihm, den Synagogendiener zu überreden, ihm den Keter zu zeigen. Er wollte den Keter erstehen. Eine Änderung des Kolophons hätte ergeben können - und Firkovich scheute solche Eingriffe in diese Texte nicht -, dass eben die Schreiber Ben-Ascher und Ben Buya'a Karäer waren. Die Vorsteher der Gemeinde haben aber davon Wind bekommen und schritten8 sofort ein. Firkovich musste gehen, und der Codex wurde letztendlich in einem Behälter aus Eisen - eine Art Safe - aufbewahrt. Die zwei Schlüssel dazu wurden zwei verschiedenen Leuten anvertraut. Nur wenige konnten danach den Keter besichtigen.

Der Letzte, der den Keter in seinem ursprünglichen Zustand gesehen hat, war 1943 Umberto (Moshe David) Cassuto. Die Hebräische Universität Jerusalem plante damals eine neue Ausgabe des Tanach. Cassuto wurde nach Aleppo geschickt, bezüglich Vokalisation sowie  Plene- und Defektivschreibung9  Klarheit zu erlangen - die klassische „Aufgabe" des Keter. Er sollte im Auftrag der Universität auch versuchen, die Gemeindevorsteher zu überreden, den Keter nach Jerusalem bringen zu lassen. Die Gemeindeväter liessen es nicht zu. Es soll dort ein Glaube geherrscht haben, dass das Bestehen der Gemeinde mit dem Vorhandensein des Keter in Aleppo in Zusammenhang bringt. Heute ist der Teil vom Keter, der nach dem Pogrom von 1947 geblieben ist, in Jerusalem, die Gemeinde in aller Winde zerstreut.

Cassutos Besuch hatte dennoch unerwartete Folgen. Es ist ihm aufgefallen, dass, entgegen den von Maimonides aufgestellten Regeln in Mischne Tora, der Keter in Aleppo in Ha'asinu (5BM, Kap.32) 67 Zeilen hat, während bei Maimonides 70 Zeilen genannt werden. Da aber Maimonides die Regeln anhand des Keter festgelegt hat, kann der Kodex in Aleppo nicht derjenige sein, welcher Maimonides zur Verfügung gestanden hat. Erst Jahre später, Cassuto sollte es nicht mehr erleben, gelang es Moshe Goschen-Gottstein, diese Frage zu klären. Er ging allen Manuskripten von Mischne Tora10 nach und fand eines, das Maimonides eigenhändig als eine korrekte Abschrift bezeichnet. In diesem werden bei Ha'asinu nicht nur 67 Zeilen genannt, auch der Beginn der jeweiligen Zeilen stimmt mit den Angaben Maimonides‘  überein. Die Frage hat sich auf eine andere Ebene verlagert: Wer hat diese Änderung in Mischne Tora vorgenommen, wann und warum diese Änderung vorgenommen wurde? Eine schlüssige Antwort wird auch in neueren Publikationen nicht gegeben.

Jizchak Shamosh, aus Haleb (Aleppo) gebürtig, der schon vor Cassuto versucht hatte, den Keter nach Jerusalem zu bringen, wies, ebenso wie später Cassuto, auf die grösser werdenden Spannungen mit der arabischen Bevölkerung hin und behauptete, dass der Keter in Jerusalem sicherer wäre als in Haleb. Man wollte aber dort nichts davon wissen. Der Keter ist in seinem Behälter in der Elias-Höhle in der Grossen Synagoge ungefährdet. Es sollte sich leider das Gegenteil erweisen.

In den Wochen vor der Abstimmung in der UNO 1947 wurde unablässig gehetzt und gedroht. Die Unruhen liessen nicht lang auf sich warten. Nur wenige Stunden nach der Abstimmung in Lake Success begann ein schwerer Pogrom in Aleppo. Es gab Tote und Verletzte, Synagogen wurden in Brand gesetzt und Geschäfte wie auch Häuser geplündert. Die Juden verbarrikadierten sich in ihren Häusern, manche fanden Zuflucht bei ihren arabischen Nachbarn. Als man die Schäden inspiziert hatte, fand man, dass die Grosse Synagoge geplündert und angezündet worden war. Als man sich in die Synagoge wagte, zur Sicherheit als Araber gekleidet, hat sich herausgestellt, dass im Betraum alle Thorarollen dem Feuer zum Opfer gefallen waren. Und der Keter? Die Tür zur Höhle konnte nicht aufgebrochen werden, so wurde sie herausgestemmt. Der Safe wurde aufgebrochen und war leer. Von den vier Kodizes, die darin waren, fehlten zwei. Der Kleine Keter, so genannt, weil er nur die fünf BM enthalten hat, ist unbeschadet geblieben, der Grosse Keter, der von Ben Ascher, war beschädigt und nicht vollständig.

Wer den Keter aus dem noch rauchenden Gebäude herausgeholt hat und wo er versteckt wurde - darüber gibt es mehrere Versionen. Amnon Shamosh (1987) bringt neun verschiedene, Tawil/Schneider (2010) nur sieben. Über das Vorgefundene und die Rettung des Kodex wurde detailliert erst Jahre später berichtet, von jenen, denen die Ausreise genehmigt wurde, bzw. solchen, die sich in den Libanon absetzen konnten. Der Schock von 1947 und die vielen Jahre, bis die Erinnerungen aufgeschrieben wurden, können für die divergierenden Berichte eine gewisse Erklärung sein. Ein wiederkehrender Name bei diesen Berichten ist der des Synagogendieners Ascher Baghdadi. Leider hat man es verabsäumt, ihn dazu zu befragen.

Der Keter wurde gerettet. Er hat kein Feuer gefangen. Unbeschädigt war er aber nicht. Ganze Teile fehlten, wie diese verschwanden, ist bis heute ein Rätsel. Von der Thora blieben nur die letzten Kapitel vom 5.BM (ab Kap. 28/17). Ferner fehlen vom Buch der Könige fünf Kapitel, von Jeremias - nur wenige Blätter, eines ist gerissen. Von den zwölf Propheten fehlen einige gänzlich, andere sind nur teilweise erhalten geblieben. Von den Psalmen fehlen zehn Kapitel, von den Rollen ist Ruth vollständig, vom Hohelied blieben nur drei Kapitel, die anderen Rollen sowie das Buch Esra fehlen gänzlich.

Den Behörden gegenüber behaupteten die Gemeindeväter immer, dass der Keter verbrannt ist. Sie dürften dennoch irgendwie erfahren haben, dass Teile davon existieren. Es wurde, bei Todesstrafe, verboten ihn ausser Landes zu bringen. Versteckt wurde der Keter bei  Gemeindemitgliedern so lange, bis sie Syrien verlassen konnten. Dann wurde er einem anderen anvertraut. 1957 wurde Murad-Mordechai Faham, ein Haleber mit iranischem Pass, „aufgefordert" das Land zu verlassen. Rab. Moshe Tawil, im Beisein von Rab. Sa'afrani und seinem Sohn, hat Faham gefragt, ob er bereit sei, den Keter mitzunehmen. Faham bejahte, auch dass ihm bewusst ist, welches Risiko er auf sich nimmt. Nach wiederholtem Fragen wurde es ihm überlassen, wem er den Keter in Jerusalem übergeben soll. Zirca zwei Wochen vor Rosch haSchana (Sept. 1957) ist Faham mit seiner Familie und dem im Gepäck versteckten Keter ausgereist. Ein halbes Jahr später übergab Faham den Keter dem damaligen israelischen Staatspräsidenten Jizchak Ben Zvi.

Nicht alle Haleber waren mit Fahams Entscheidung zufrieden. Sie wollten den Keter bei sich haben und nicht im von Ben Zvi gegründeten Institut zur Erforschung der Geschichte der Juden in den  Ländern des Orients. Der Streit wurde vor das Grosse Rabbinische Gericht gebracht. Über ein Jahr zogen sich die Verhandlungen, bis Rab. Moshe Tawil nach Jerusalem kam. Er bestätigte, dass Faham von ihm freie Hand bekommen hatte, den Keter demjenigen zu übergeben, der ihm geeignet dafür erschien.

Von den fehlenden Teilen ist ein einziges Blatt 1981 aufgetaucht. Das einzige, das in den Chroniken fehlte. Es wurde angeblich im Nachlass eines Halebers gefunden. Man hat aber die Hoffnung und die Suche nach den anderen verschollenen Teilen nicht aufgegeben. Betreffend den Keter, so Amnon Shamosh, dürfte das letzte Wort noch nicht geschrieben worden sein.

1 Aleppo - Stadt in Syrien, hebräisch: Aram Zova, arabisch: Haleb.

2 Masora - festgehaltene Anmerkungen zur genauen Schreibweise und genauem Wortlaut der vierundzwanzig Bücher. Masora magna - detaillierte Angaben über oder unter dem Text festgehalten, Masora parva - kurze Angaben am Rande der Zeilen.

3  Kolophon - Vermerk am Ende über Schreiber, Ort und Jahr.

4  Karäer - eine Strömung/Sekte, die nur die Schriftliche Lehre - den Tanach (die vierundzwanzig Bücher) anerkannt hat. Die mündliche Überlieferung - der Talmud wurde nicht anerkannt. 

5  Rabbaniter - so genannt, weil sie die mündliche Lehre als integraler Teil der jüdischen Lehre verstehen.

6  Buch der Regeln von Toraschreiben.

7  Die fünf Bücher Mos.

9 Wenn die Buchstaben Y und W nicht als Konsonanten sondern  als Zeichen für die Vokale i, bzw. o oder u erscheinen, spricht man von Pleneschreibung, wenn sie in dieser Funktion fehlen, wird die Schreibweise als defektiv bezeichnet.

10 14-teiliges Werk, das alle Gebote der Tora enthält. Eines davon - siehe Anm. 6.