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Im Zentrum der Macht

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Verena Moritz/ Hannes Leidinger/ Gerhard Jagschitz: Im Zentrum der Macht. Die vielen Gesichter des Geheimdienstchefs Maximilian Ronge.

St. Pölten: Residenz 2007
440 Seiten, Euro 24,90.-
ISBN: 978-3-7017-3038-4,

Zwei profilierte österreichische Zeithistoriker, Verena Moritz und Hannes Leidinger, stießen bei ihren Recherchen zum Themenkomplex Kriegsgefangene im 1. Weltkrieg immer wieder auf einen Namen: Maximilian (Max) Ronge. Zusehends stieg das Interesse an diesem, wie sie es nennen, „Fußnotengespenst". Und letztlich faßten sie einen Entschluss: „Das Buch musste geschrieben werden". Unterstützt und begleitet wurden sie bei diesem Vorhaben von unerwarteter Seite, nämlich von Universitätsprofessor Gerhard Jagschitz, einem Doyen der österreichischen Zeitgeschichte, und Enkel von Maximilian Ronge.

In akribischer Weise zeichnen die Autoren die Stationen von Ronge von seiner Geburt 1874 bis zu seinem Tode 1953 nach. Als roter Faden dient hierbei das Tagebuch von Ronge, welches er 1868 kurz vor seiner Ausmusterung als Leutnant zu führen begann, und in dem er stichwortartig und zugleich pedantisch festhielt, was er tat, wohin er fuhr und wen er traf; eine Angewohnheit, die er bis zu seinem Tod beibehielt. Weiters forschten die Autoren in österreichischen, russischen, deutschen sowie ungarischen Archiven und führten Gespräche nicht nur mit Ronges Enkel sondern auch mit Zeitzeugen bzw. mit deren Verwandten.

Im ersten Abschnitt („Erkundungen") erläutern die Autoren, wie sie auf die Spuren von Ronge kamen und warum sie beschlossen, sich eingehender mit ihm zu befassen. Sie geben hier auch ihre Zweifel und Bedenken wieder, in wie weit es überhaupt gelingen kann, eine Biographie über jemanden zu verfassen, dessen Leben sich vorwiegend im Geheimen abspielte.

Aufstieg und Karriere von Ronge werden im Hauptteil des Buches „Ermittlungsergebnisse" nachgezeichnet. Nach Absolvierung der k.u.k. Kriegsschule und der Generalstabsausbildung, trat Ronge 1907 in das Evidenzbüro des Generalstabes, die Zentrale des k.u.k. Geheimdienstes, ein. Hier zog er Fäden in der Zeit vor und während des 1. Weltkrieges und leistete Pionierarbeit beim Ausbau des „Kundschafterwesens". Frühzeitig erkannte er, wie notwendig der Aufbau eines funktionierenden Netzwerkes nicht nur zu anderen Geheimdiensten sondern auch zu politischen Entscheidungsträgern war. Hier wurde er aber auch Zeuge eines der größten Spionageskandale Österreichs, nämlich des Falls Alfred Redl. Dieser Fall verstärkte sein ohnehin bereits vorhandenes Misstrauen gegenüber jedermann. In der Zwischenkriegszeit nahm er den Kampf gegen den „inneren Feind", vor allem gegen Sozialdemokraten, Bolschewiken, Kommunisten und illegale Nationalsozialisten, auf. Moritz und Leidinger bezeichnen ihn als „Bürgerkriegsstrategen". Und er entwickelte auch Strategien gegen den „äußeren Feind", gegen „abtrünnige" Nationalitäten des ehemaligen Vielvölkerstaates sowie gegen das immer aggressiver gegen Österreich agierende Deutschland. 1932 wurde er von Dollfus pensioniert, zog aber nach wie vor als „Hausgespenst im Bundeskanzleramt" seine Fäden. Im Februar 1934 kehrte er als Leiter des neu gegründeten staatspolizeilichen Evidenzbüros des Bundeskanzleramts zurück. Im April 1938 wurde er verhaftet und mit einem der ersten „Promiententransporte" nach Dachau und später nach München deportiert. Im August 1938 wieder entlassen, arbeitete er im Wiener Kriegsarchiv und unterhielt bis Kriegsende Kontakte zu Mitarbeitern des Leiters der deutschen Abwehr Vizeadmiral Wilhelm Canaris. Nach Kriegsende leistete Ronge „Hilfe" bei der so genannten Entnazifizierung und beteiligt sich unter dem Decknamen „Keppler" an geheimen Vorbereitungen zur Aufstellung eines neuen österreichischen Bundesheeres sowie am Aufbau einer österreichischen Geheimdienstorganisation. Hierbei arbeitet er eng mit US-amerikanischen Geheimdiensten zusammen. Diese Arbeit konnte er nicht mehr vollenden. Ronge verstarb nach kurzem Spitalsaufenthalt am 10. September 1953.

Der dritte und letzte Abschnitt des Buches („Datenauswertung") beinhaltet einen Abschlussbericht und sowie einen Beitrag von Jagschitz („Irrgarten der Erinnerung"), in dem er ein sehr persönliches Bild seines Großvaters, zu dem er ein durchaus ambivalentes Verhältnis hatte, nachzeichnet. Die Erinnerungen an seinen Großvater seien für ihn, so Jagschitz, ein Eintauchen in eine verwirrende Welt von Bekanntem und völlig Unbekanntem. „Es gab nur einen Großvater, aber viele Schichten der Persönlichkeit des Maximilian Ronge.

Das Buch von Verena Moritz und Hannes Leidinger ist, geschrieben aus der Distanz der Wissenschaft, eine spannende Biographie eines „Altmeisters des Kundschaftswesen", der wesentlich dazu beigetragen hat, den künftigen österreichischen Nachrichtendienst zu konzipieren. Es ist die Biographie des Prototyps des überkorrekten Soldaten und pingeligen Bürokraten, der auch im Privaten den Offizier nicht ablegen konnte, der sich den höchsten Auftraggebern immer verpflichtet fühlte und bis zuletzt emotionale Bindungen zur Habsburgermonarchie, „dem allerhöchsten Haus", hegte. Es ist die Lebensgeschichte eines „hervorragender Vertreters" einer untergegangenen Welt. Es ist die Biographie einer ganzen Generation hoher militärischer und ziviler Beamter, die ihre Sozialisation in der Monarchie erfahren hatte, deren Ende sie nie ganz überwand. Und es ist letztlich auch ein Teil der Geschichte Österreichs.

Das Buch gibt zudem einen guten Einblick in das Geschäft der Nachrichtendienste. Viele im Buch getroffenen Beobachtungen und Aussagen sind auch heute noch immer wieder diskutierte Grundsatzfragen: Wie viel Geheimhaltung verträgt eine offene Gesellschaft? Wie viel Geheimhaltung ist für das effiziente Agieren eines Geheimdienstes tatsächlich notwendig? Wer übt die Kontrolle über Geheimdienste aus, und wie? Wieviel Einfluss kann eine Person im Zentrum der Macht auf politische und gesellschaftliche Prozesse haben? Letztlich stellt sich auch die Frage der Legitimität von Geheimdiensten an sich.

Die Autoren zeigen aber auch eine große Lücke auf, denn im Gegensatz zum anglo-amerikanischem Raum, wo die Disziplin „Intelligence-Studies" längst etabliert ist, sind im deutschsprachigen Raum nur erste Ansätze dazu zu bemerken. Das Buch von Verena Moritz, Hannes Leidinger und Gerhard Jagschitz ist ein wichtiger Beitrag, auch hier die wissenschaftliche Befassung mit dem Thema „Intelligence" zu fördern.