Der Workshop, konzipiert von Regina Fritz (Universität Wien) und Philipp Rohrbach vom Vienna Wiesenthal Institute und organisiert von Lucia Geiger, ging der Frage nach, welche lokalen Dynamiken und regionalen Unterschiede es bei der Etablierung der Naziherrschaft im März 1938 gab.
Die Expertenmeinungen ergaben ein interessantes Bild – es gibt viele neue Ergebnisse und viele Aspekte des „Anschlusses“, die noch nicht erforscht sind. Florian Wenninger vom Institut für historische Sozialforschung schilderte die Prozesse und Formen der Gewalt, er stellte den antisemitischen Terror auch als Warnung für Nichtjuden dar. Die berüchtigten „Reibpartien“ und ihre Variationen, wie das Bürsten des Wiener Neustädter Hauptplatzes, gingen auf lokale Akteure und Strukturen zurück, es gab also Handlungsspielräume und auch unterschiedliche Reaktionen der Mehrheitsbevölkerung auf die Gewaltexzesse.
Béla Rásky, ehemaliger Leiter des Wiesenthal-Instituts, stellte belletristische Erfahrungsberichte von Zeitzeugen vor, einer Kommunistin (Mitzi Hartmann alias Eva Kolmer), eines Sozialdemokraten (Otto Leichter) und eines ehemaligen Austrofaschisten (Eugen Lennhoff), in denen interessante Details zum Anschluss wiedergegeben werden, etwa ein Nazigruss im Radio bereits am 5. März oder eine Demonstration der Vaterländischen Front gegen die Nazis am 9. März.
Helga Embacher von der Universität Salzburg schildete Gewalterfahrungen aus diesem Bundesland. Hier wurden zwar Bücher verbrannt, aber meist solche von austrofaschistischen Autoren, es gab sehr wenige Juden, Männer wurden in Schutzhaft genommen und wieder freigelassen, ein Trachtenverbot(!) für Juden wurde erlassen, dafür nahmen katholische Schulen jüdische Schüler auf. Auch der Novemberpogrom verlief in Salzburg eher schaumgebremst, die Synagoge wurde nur ein bisschen angezündet, um benachbarte Immobilien nicht zu gefährden.

Christian Klösch vom Technischen Museum Wien referierte über das Lavanttal, wo sich der Zorn der Nazis – mangels jüdischer Bevölkerung – gegen die Schuschnigg-Anhänger und das Militär richtete. „Heute könnt ihr machen, was ihr wollt und denen heimzahlen, was sie euch angetan haben“ war die Devise der Nazis nach erfolgreicher Volksabstimmung am 10. April 1938, da wurde Jagd auf die Repräsentanten des „Ständestaats“ gemacht.
Martin Krenn (Naturhistorisches Museum Wien) berichtete über das Schicksal der drei jüdischen Familien in der Freistadt Rust und die Quellenlage. Interessant ist, dass die SA die jüdischen Geschäfte vor den Plünderern schützte, die Juden aber nach Wien vertrieben wurden. Dazu versuchte die Gemeinde, die Pension des ehemaligen Gemeindearztes Dr. Stein zu kürzen, was wegen seines Einspruchs nur teilweise gelang.

Neue Ergebnisse präsentierte Alfred Lang (Burgenländische Forschungsgesellschaft) unter dem Titel „Vertreibung der Burgenland-Juden – ein Testfall?“ Das Vorgehen der Nazis, die Menschen in Gruppen von 30 bis 80 Personen über die Grenzen zu treiben, um das Bundesland „judenrein“ zu machen, wurde bisher dem Landeshauptmann Tobias Portschy zugeschrieben, doch dürfte der sadistisch Gestapo-Offizier Otto Bovensiepen, aus dem „Altreich“ importiert zum Aufbau der Grenzpolizei, der spiritus rector hinter dieser Aktion gewesen sein. Er hatte schon 1935 an der deutschen Westgrenze und später im besetzten Dänemark ähnlich agiert. Die Pogrome im März gingen vor allem auf lokale Nazigrössen wie Püspök und Umathum in Frauenkirchen oder Giefing in Mattersburg zurück. Das Leid der Juden, die immer wieder, vor allem von der CSR, zurückgewiesen wurden, erregte sogar im Ausland Aufsehen durch Berichte in der New York Times und der Neuen Zürcher Zeitung. Reinhard Heydrich hielt diese Aktion für ineffektiv und pries Göring seine „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ als Lösung an. Tatsächlich wurden viele Burgenländer schliesslich nach Wien deportiert, Ende Oktober war das östliche Bundesland „judenrein“.
Wolfgang Schellenbacher vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes verwies auf einen neuen Quellenbestand, die Verhörprotokolle der tschechoslowakischen Grenzpolizei, aus denen die verzweifelte Lage der Geflüchteten niederösterreichischen Juden deutlich wird. Die CSR hatte schon 1937 die Grenze gegen Rumänien gesperrt, 1938 gegen Österreich – ebenso wie die Schweiz – und schob die Geflüchteten zurück, polnische Staatsbürger wurden an die polnische Grenze verfrachtet. Viele strandeten im Lager Eibenschütz im Niemandsland.
Ebenfalls ein niederösterreichisches Thema beleuchtete Philipp Mettauer vom Institut für Jüdische Geschichte: Nazi-Gewalt in St. Pölten. Als neue Quellen präsentierte er einen Dokumentarfilm über den Einmarsch der Wehrmacht, bei dem auch ein Steyr-Wagen mitfuhr. Dank einer neuen Datenbank konnte er anhand der Autonummer den Besitzer eruieren: Robert Kohn. Ihm war das Auto schon vor dem 13. März weggenommen worden, von einem Fabrikanten namens Lutz aus Traismauer. Aus Purkersdorf existiert ein Fotoalbum vom 13. März 1938, wo man wenig Begeisterung bemerken kann.

Die Sonderstellung Vorarlbergs betonte Wolfgang Weber von der FH Vorarlberg. Die französische Besatzungsmacht unterstützte hier den Opfermythos, die wenigen Juden (42 im Jahr 1934, 24 im Jahr 1939) wurden verfolgt, aber nicht exzessiv. Als neue Quellen führte er Akten zur Vermögensrückstellung 1938/1947 und die Lageberichte der Gendarmerieposten an.
Auch in Steyr verlief der Anschluss wenig dramatisch. Im Arbeiterviertel Ennsleite ging er an der Jüdin Gertrude Böck spurlos vorbei, allerdings wurde der Rabbi Chaim Nürnberger bei der Verhaftung schwer verletzt, er starb 1940 an den Folgen. Für viele Zeitzeugen war der Eindruck der Kämpfe vom Februar 1934 stärker als der März 1938. Martin Hagmayr vom Museum Arbeitswelt zeigte eines der wenigen erhaltenen Fotos, darauf wird ein nichtjüdischer sozialdemokratischer Funktionär mit einer Schandtafel über den Stadtplatz getrieben. Beim Novemberpogrom wurden Geschäfte geplündert, doch die Synagoge blieb unangetastet, sie gehörte bereits einem Nazi, dem Fahrradhändler Pichler.
Im Abschluss-Statement fragte sich Susanne Heim (Edition Judenverfolgung 1933-1945), warum das „Altreich“ so viel langsamer bei der Vertreibung der Juden war als die „Ostmark“ und woher die Anstösse kamen – aus der Peripherie oder aus den Zentren Berlin und Wien. Als Forschungsdesiderate erkennt sie eine nähere Untersuchung der Arisierungen, das Verhalten der nichtjüdischen Bevölkerung sowie mögliche Kontakte von Zurückgebliebenen zu Vertriebenen. Jochen Böhler (Friedrich Schiller – Universität Jena) regte abschliessend die Anlage einer Fotodatenbank an und verwies auf wenig erforschte Bestände wie jene der Kindertransporte. Auch die Frage, wer wie Gewalt ausübte und wer die Opfer waren – nicht eine „graue Masse“, sondern rassisch und politisch Verfolgte, ist noch nicht gelöst.
Der äusserst informative Workshop hat gezeigt, dass es noch sehr viel zu erforschen gibt, viel Quellenmaterial „brachliegt“, aber in vielen Bereichen bereits intensiv an der Aufarbeitung der Nazizeit gearbeitet wird. Das Prinzip der Forschung ist eben leider, dass jede gelöste Frage wieder viele neue aufwirft und somit die Wissenschaft weitertreibt.
Alle Abbildungen: M. Bittner, mit freundlicher Genehmigung.