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„Ich bleibe also Jude“ – Gedanken zu den „Hohen Feiertagen“

Klaus Samuel DAVIDOWICZ

„Ich bleibe also Jude“ – Gedanken zu den „Hohen Feiertagen“

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„Die Dienstengel fragten den Heiligen, er sei gesegnet: ‚Herr der Welt, warum stimmen die Israeliten am Neujahrs- und Versöhnungs-Tage kein Hallel vor Dir an?’ Er antwortete ihnen: ‚Wenn der König auf dem Throne sitzt und entscheidet und vor ihm die Bücher des Lebens und des Todes aufgeschlagen sind, können dann die Israeliten sich gestimmt fühlen, vor mir Hallel zu singen?’“ (Bayblonischer Talmud, Traktat Rosch Haschana 32b)

Es gibt kaum einen Juden, ganz gleich wie säkular er ist oder vorgibt es zu sein, den der Monat Elul und die „Hohen Feiertage“ völlig kalt lassen. Als sich 1913 der spätere Philosoph Franz Rosenzweig (1886-1929) entschloss, zum Christentum überzutreten, wollte er zunächst das Judentum kennen lernen, um nicht als „Heide“ zu konvertieren. Nach dem Besuch einer Berliner Synagoge am Jom Kippur, kam er zum Schluss:
„Ich bleibe also Jude. (…) Was Christus und seine Kirche in der Welt bedeuten, darüber sind wir einig: es kommt niemand zum Vater denn durch ihn. Es kommt niemand zum Vater - anders aber wenn einer nicht mehr zum Vater zu kommen braucht, weil er schon bei ihm ist. Und dies ist nun der Fall des Volkes Israel.“ (Franz Rosenzweig an Rudolf Ehrenberg, 31.10.1913, zitiert nach: Franz Rosenzweig, Der Mensch und sein Werk. Gesammelte Schriften, I: Briefe und Tagebücher, Haag 1979, 1.Band,
S. 132ff.)
Von Gott als König, dem „Tag des Gerichts“, an dem jeder vor Gottes Gericht steht, hört man an diesen „ehrfurchtsvollen Tagen“ in den Synagogen. Es werden aber auch drei seltsame Bücher wiederholt in der Liturgie erwähnt: das „Buch des Lebens“, das „Buch der Frevler“ und das „Buch der Mittelmäßigen“. In der Bibel (Maleachi 3,16) wird nur ein Buch genannt: das „Buch des Gedächtnisses/Sefer Sikkaron“. In jenem Buch wird derer gedacht, die Gott fürchten - ein „Buch des Lebens“ für die Frommen. Nach babylonischer Welterklärung stehen das gesamte göttliche Wissen und das Schicksal der Welt auf Tafeln geschrieben. Der Tag, an dem alles entschieden und gerichtet wird, ist der Neujahrstag. Die Götter seien in Besitz von Tafeln, auf denen die Lebensdauer, die Sünden etc. verzeichnet wären. Man betete darum, dass die „Tafel der Sünden“ zerbrochen werde. Interessanterweise wurde angenommen, dass die Tafeln ins Wasser geworfen wurden, was an die jüdische Sitte des „Taschlich“ erinnert. Otto Eissfeldt (1887-1973) hatte vermutet, dass es auch eine Tradition um einen „Beutel der Lebendigen“ (1960) gegeben hätte. In diesem Beutel sind Steine. Nimmt Gott einen Stein heraus, so stirbt der Mensch, dessen Stein ihn repräsentiert. Über eine „Auslöschung“ aus dem Buch des Lebens wird mehrmals in der Bibel gesprochen.
„Wo aber nicht, lösche mich doch aus deinem Buche, das du geschrieben.“ (Exodus 32,32) Samson Raphael Hirsch (1808-1888) zu diesem Vers:
„Wenn alles, was ist, von Gottes Wort sein Dasein hat, und alles, was wird, auf Gottes Wort geschieht, so können alle diese Schöpfungen und Waltungen zusammen als der Inhalt eines Gottes-Buches begriffen werden. Es kann der ganze Weltenplan, den Gott durch die Weltgeschichte realisiert, als das ‚Buch’ bezeichnet werden, das Gott im vorhinein geschrieben hat und dessen Inhalt er durch seine Waltungen im Laufe der Zeit verwirklicht. In diesem Buch sind dann alle die Männer verzeichnet, deren Gott sich als Werkzeug zur Ausführung seines Planes bedient (…) ‚Lösche mich aus dem Buch, das du geschrieben’ heißt danach nichts anderes, als: tilge mich aus der Zahl der dir bedeutsamen Existenzen, enthebe mich meiner Zukunft, die du mir in deinem Weltenplane zugedacht.“ (Samson Raphael Hirsch, Der Pentateuch, Band II, Frankfurt 1893, S.479)
Also versteht Hirsch unter dem „Buch des Lebens“ kein göttliches Buch für ein Endzeitgericht, sondern einen allgegenwärtigen göttlichen Weltenplan. Und die Frevler, die diesem Plan entgegen arbeiten, werden ausradiert. In dem apokryphen „Buch der Jubiläen“ wird bereits von zwei Büchern gesprochen. Alle Menschen sind im „Buch der Frommen“ verzeichnet. Falls sie sich zu bösen Frevlern entwickeln, werden sie am Tag des Gerichts ausgelöscht und in das Buch der Bösen, die „vernichtet werden“ übertragen (Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit, Gütersloh 1975, S.474). Wo sind aber die Menschen, die „dazwischen stehen“? Selten ist eine Person vollkommen fromm oder abgrundtief schlecht? Was geschieht mit den Mittelmäßigen? Dieser Gedanke in Verbindung mit nun gleich drei göttlichen Büchern sollte erst in talmudischer Zeit (Traktat Rosch Haschana) beantwortet werden. Es tauchen die Mittelmäßigen (bejnonim) als dritte Gruppe auf – Menschen, deren Waagschale sich weder zur Seite der Bösen, noch zu der der Guten neigt. Ihre Werke sind gleichviel aufgeteilt.
„R. Keruspedaj sagte im Namen R. Jochannans: Drei Bücher werden am Neujahrsfest aufgeschlagen: eines für die völligen Frevler, eines für die völligen Frommen und eines für die Mittelmäßigen. Die völligen Frommen werden sofort zum Leben aufgeschrieben und besiegelt, die völligen Frevler werden sofort zum Tod aufgeschrieben und besiegelt, während die Mittelmäßigen vom Neujahrsfest bis zum Versöhnungstag schweben bleiben; haben sie sich Verdienst erworben, so werden sie zum Leben eingeschrieben, haben sie sich kein Verdienst erworben, zum Tode.“ (Rosch Haschana 16a-b)
Hier eröffnet sich dem Menschen eine große Chance: er hat die Zeit zur Umkehr zwischen Neujahr und Versöhnungstag. Umkehr bedeutet zunächst Erkenntnis der Sünde, also einer Überprüfung der Taten, Worte und auch der Gedanken. Dies sollte eigentlich zum Bekenntis führen - gegenüber Gott oder einem Mitmenschen.
„Übertretungen zwischen einem Menschen und dem Allgegenwärtigen sühnt der Jom Kippur; Übertretungen zwischen einem Menschen und seinem Nächsten sühnt der Jom Kippur nicht, bis er seinen Nächsten besänftigt.“ (Rosch Haschana 16b)
Dies hört sich natürlich viel einfacher an, als es in Wirklichkeit ist:
„Rabbi Bunam sprach zu seinen Chassidim: Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.“ (Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, Neudruck 1990, S.755)
Deutlich formuliert es der mittelalterliche große Philosoph Moses Maimonides (1135-1204):
„Wer mit Worten bekennt, nicht aber im Herzen beschlossen hat, von der Sünde zu lassen, der gleicht einem, der ins Tauchbad geht und Gewürm in der Hand hält: das Tauchbad hilft ihm nicht, solange er das Gewürm nicht fortgeworfen hat.“ (Moses Maimonides, Mischne Tora, Hilchot Tschuwa II)
Seinen erhabensten Niederschlag findet das Motiv der göttlichen Bücher in der Liturgie zu Rosch Haschana und Jom Kippur. Wieder und wieder wird das „Buch des Lebens“ erwähnt, in das Gott die reuigen Menschen doch eintragen möchte:
„Und schreibe zu einem glücklichen Leben alle Kinder deines Bundes ein.“ (Gebetbuch für das Neujahrsfest, Basel 1982, Band 1, S.47)
Die Hoffnung auf das „Eingeschrieben werden“ klingt durch viele Gebete der jüdischen Feiertage. Man hofft auf ein gutes Jahr, aber man spürt in den Einschaltungen in der „Amida“ auch die Sehnsucht, dass es in dem Gericht am Ende der Zeiten hoffentlich auch nicht anders sein wird.
Im Gebet „Awinu Malkenu (Unser Vater, unser König)“ werden mehrere göttliche Bücher erwähnt:
„Schreibe uns ein im Buche glücklichen Lebens.... schreibe uns ein im Buche der Verdienste.... schreibe uns ein im Buche der Erhaltung und Ernährung... schreibe uns ein im Buche der Erlösung und Errettung., schreibe uns ein im Buche der Verzeihung und Vergebung.“(Gebetbuch für das Neujahrsfest, S.67)
In dieser Litanei werden viele Umschreibungen für eigentlich nur ein einziges Buch benützt: das Buch des Lebens. Diese Sätze über die Bücher waren der Grund dafür, dass man dieses Gebet in die Liturgie der Hohen Feiertage aufgenommen hatte. Im „Awinu Malkenu“ wird einerseits um Gnade gebeten und andererseits betont, dass wir Gottes Untertanen sind und er unser König ist - König und Vater zugleich.
Im zentralen Gebet „Unetane Tokef Keduschat Hajom (Wir wollen die Größe der Heiligkeit des Tages schildern)“ wird der Tag des Gerichts mit endzeitlichen Motiven, wie dem großen Schofar beschrieben. Gott ist König und Richter und er öffnet das „Buch des Gedenkens“. Das Buch wird von selbst vorgelesen - die Taten der Menschen sprechen für sich selbst.
„Am Neujahrstag werden sie eingeschrieben und am Versöhnungstag besiegelt, wie viele dahinscheiden sollen und wie viele geboren werden, wer leben und wer sterben soll, wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit, wer durch Feuer und wer durch Wasser, wer durch Schwert und wer durch Hunger, wer durch Sturm und wer durch Seuche, wer Ruhe haben wird und wer Unruhe, wer Rast findet und wer umherirrt, wer frei von Sorgen und wer voll Schmerzen, wer hoch und wer niedrig, wer reich und wer arm sein soll. Doch Rückkehr, Gebet und Wohltun wenden das böse Verhängnis ab.“ (Gebetbuch für das Neujahrsfest, S.108)
Gott ist aber auch der gute Hirte, der auf seine Herde bedacht ist. Dieses Motiv schenkt den Menschen Hoffnung, Gnade vor Gottes Thron zu finden. Tod und Leben werden hier von Gott bestimmt und besiegelt. Er ist nicht der gleichgültige Herrscher. Er möchte „dass (der Mensch) von seinem Wandel ablasse“ (Gebetbuch für das Neujahrsfest, S.108). Er ist der Schöpfer, der seine Schöpfung liebt. Daher stehen die oben zitierten Worte „Rückkehr, Gebet und Wohltun“ auch in großen fett gedruckten Buchstaben im Gebetbuch. Dies ist das Werkzeug des Menschen, dessen Wille frei ist, um ins „Buch des Lebens“ eingeschrieben zu werden. Der Mensch kann Gerechter, Frevler oder ein Mittelmäßiger sein: Gott wartet auf ihn am Tag des Gerichts. Es ist nicht verwunderlich, dass dieses Bild auch im Christentum Einzug gefunden hat. Eindrucksvoll beschreibt W.A. Mozart in seinem Requiem:
„Liber scriptus proferetur 
in quo totum continetur 
unde mundus iudicetur 
iudex ergo cum sedebit 
quicquid latet apparebit 
nil inultum remanebit. 
Ein geschriebenes Buch wird vorgebracht werden, in dem alles enthalten ist, aufgrund dessen die Welt beurteilt wird. 
Sobald der Richter sich hinsetzen wird 
wird alles, was verborgen ist, offenbar werden, 
nichts wird unvergolten zurückbleiben.“
Aber auch der jüdische Musiker Leonard Cohen (geb. 1934) verwendete Teile des Gebetes „Unetane Tokef“ in seinem Lied „Who by Fire“ (Album: New Skin for The Old Ceremony, 1974):
“And who by fire, who by water,
who in the sunshine, who in the night time,
who by high ordeal, who by common trial,
who in your merry merry month of may,
who by very slow decay,
and who shall I say is calling?”
Die Liturgie und die Riten der „Hohen Feiertage“ bieten vielerlei Möglichkeiten, nicht nur zur „Umkehr“ angeregt zu werden, sondern auch zur „Einkehr“ bei sich selbst - falls man sich darauf einlassen möchte.
„Als Rabbi Bunam einst in seinem Bethaus einen Mann mit dem Schofarblasen beehrte, hob der an, weitläufige Vorbereitungen zu machen, um seine Seele recht auf die Intention der Töne auszurichten ‚Narr’, rief der Zaddik, ‚blas!’“ (Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, S.749)
 

Klaus Samuel Davidowicz wurde 1963 in Berlin geboren. Magisterstudium der jüdischen Studien an der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien und der Pädagogik und Germanistik an der Universität Heidelberg. 1993 Promotion an der Universität Wien im Fach Judaistik, von 1994 – 1998 Universitätsassistent am Institut für Judaistik an der Universität Wien, Habilitation 1998, seitdem außerordentlicher Universitäts-Professor für Judaistik an der Universität Wien und seit 2003 AHS-Lehrer für Jüdische Geschichte am ZPC-Gymnasium Wien. Vorstand der Judaistik und Vorsitzender der Studienkommission Judaistik 2001-2004.
Forschungsschwerpunkt ist die Kabbala und die deutsch-jüdische Philosophie- und Geistesgeschichte.

Bücher (Auswahl): Gershom Scholem und Martin Buber, Neukirchen-Vluyn 1995; Kabbala, geheime Traditionen im Judentum, Eisenstadt 1999; Zwischen Prophetie und Häresie – Jakob Franks Leben und Lehren, Wien 2004.