MEINER MEINUNG NACH: Über die Situation für Juden in England

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Michael Bittner

Inhalt

Jüdischsein in England 1 – geht das noch?

 

Voriges Jahr traf ich mich mit dem Sohn eines verstorbenen Zeitzeugen, der mit einem Kindertransport nach England der Shoah entronnen war. Wir sassen im Café Sperl und es gefiel Michael in Wien viel besser als in Birmingham, er meinte, der Antisemitismus sei dort schon fast unerträglich und man müsse an Auswanderung denken. Aber wohin? Ich hielt seine Aussagen für zu pessimistisch, doch bekam ich immer wieder beklemmende Nachrichten von jüdischen Freunden aus England, die von Übergriffen radikaler Muslime auf jüdische Einrichtungen berichteten. So wurde zu Jom Kippur am 2. Oktober 2025 ein Anschlag auf eine Synagoge in Manchester verübt, er forderte drei Todesopfer und mehrere Verletzte. Am 27.02.2026 wurde die Statue von Winston Churchill 2 im Zentrum von London beschmiert, als „blutiger Zionist“ wurde der Kriegsheld tituliert. Zwar war dieser offiziell für den Zionismus eingetreten, doch war er kein Freund der Juden: er meinte, es gäbe „gute“, assimilierte, und „schlechte“, bolschewistische Juden. In der Nacht vom 22. auf den 23. März 2026 wurden am Highfield Court im Londoner Stadtteil Golders Green vier Krankenwagen einer jüdischen Hilfsorganisation angezündet, die Polizei ermittelte wegen „Hassverbrechen“, man vermutete radikale Anhänger der iranischen Mullahs. In diesem Stadtteil wurden am 29. April 2026 jüdische Männer auf offener Strasse mit Messern attackiert, zwei von ihnen wurden dabei schwer verletzt. Die Politik zeigte sich schockiert – aber untätig.

 

Der frühere Premierminister Keir Starmer hat die Labour-Hochburg Sheffield bei der Wahl im Februar 2026 verloren, doch wieso? Warum haben die Grünen den Parlamentssitz in der ehemaligen Industriestadt gewonnen, wegen der schlechten Luft? Nein, dank eines Rechenbeispiels der grünen Kandidatin Hannah Spencer, Installateurin, sehr bodenständig. Doch nicht die Ökos haben ihren Sieg ermöglicht, sondern die Israel-Hasser. Spencer rechnete sich aus, dass ihr bei einem muslimischen Bevölkerungsanteil von 28 Prozent der Sieg sicher sein sollte, wenn sie gegen Israel agitiert.3 Und das hat leider funktioniert. England hat eine lange Geschichte des Antisemitismus – seit Wilhelm dem Eroberer wurden Juden nach England geholt und dann wieder vertrieben. In Reaktion auf den jüdisch-stämmigen Premierminister Benjamin Disraeli begann um 1880 die Hetze gegen Juden in den britischen Zeitschriften, etwa zur gleichen Zeit wie in Österreich. Der Nationalsozialismus hatte in England eine grosse Anhängerschaft, Oswald Mosley gründete 1931 die British Union of Fascists, eine kurzlebige, aber radikale Rechtspartei, die den italienischen Faschismus mit Antisemitismus verband.

 

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Demonstration gegen Antisemitismus und Rassismus 2018. Quelle: https://democracynetwork.org.uk/discrimination-is-a-danger-to-democracy-attacks-on-minoritised-communities-in-the-election-period-must-end-now/ 

 

Durch die Kindertransporte 4 und die Aufnahme von jüdischen Emigranten war England ein wichtiger Zufluchtsort, doch zeigte sich bald wieder die Judenfeindlichkeit, und zwar in der Blockade Palästinas. Juden, die gerade den Holocaust überlebt hatten, wurden wieder in Lager gesperrt, die auf Zypern eingerichtet wurden. Berühmt wurde die Irrfahrt der „Exodus“ 1947. Die Zeit danach, in der jüdische Briten sich in die Mehrheitsgesellschaft integrierten und keinen antisemitischen Verfolgungen ausgesetzt waren, endete durch die massive Einwanderung von Muslimen, vor allem aus Pakistan und anderen Staaten mit sehr geringem Bildungsniveau. Die Zahl der antijüdischen Hassvorfälle stieg kontinuierlich an und erreichte 2021 die Zahl 2.255, wie der Antisemitic Incidents Report berichtete. Der 7. Oktober 2023 hat auch hier wie ein Zündfunke gewirkt und den Antisemitismus wieder in die Öffentlichkeit getragen: im aktuellen Bericht des Reports für 2025 werden 3.700 Vorfälle gelistet.5 Die Mode, Statuen bei „Palästina-Demonstrationen“ zu beschmieren, ist aus den U.S.A. nach England gekommen, ebenso wie die „Genozid-Proteste“ an den Universitäten. Die Behörden liessen den „Al Ouds-Marsch“ in London zu, einen von Anhängern der iranischen Mullahs organisierten „Hate March“ gegen Israel – 2026 verlangten sogar Labour-Abgeordnete ein Verbot.6 Trotz massiven Polizeiaufgebots versammelten sich am 16.03.2026 einige hundert Demonstranten mit Khamenei-Bildern und Revolutionsfahnen am Südufer der Themse, wurden aber von der Polizei zerniert, nur zwölf von ihnen wurden verhaftet.7 Der ehemalige Londoner Oberrabbiner Jonathan Sacks s.A. hatte bereits 2018 die Meinung vertreten: "Großbritannien war vor der Vertreibung seiner jüdischen Bürger Weltführer des Antisemitismus."8

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Sicherheitsminister Tugendhat beim Marsh gegen Antisemitismus Manchester 2024. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/4/43/Security_Minister_Tom_Tugendhat_joins_a_march_against_antisemitism_in_Manchester_on_21_January_2024_-_3_%28cropped%29.jpg/960px-Security_Minister_Tom_Tugendhat_joins_a_march_against_antisemitism_in_Manchester_on_21_January_2024_-_3_%28cropped%29.jpg?_=20240621031537 

 

Jüdische Briten stellen eine Minderheit von 0,4 Prozent im Vereinigten Königreich dar: laut der Volkszählung 2020/21 gibt es 277.613 Personen jüdischen Glaubens, fast alle leben in England.9 Sie sind im Schnitt fünf bis sechs Jahre älter als Nichtjuden, dafür aber wesentlich besser gebildet. Auffällig ist, dass von den 176 jüdischen Schulen in England etwa 60 Prozent ultraorthodox ausgerichtet sind; Tendenz steigend. Die von Muslimen dominierten englischen Industriestädte und auch die Hauptstadt London sind kein sanftes Ruhekissen für das englische Judentum. Aber wohin auswandern? Deutschland, Frankreich, Belgien, Österreich – wer kann garantieren, dass hier nicht ein neuer Holocaust passiert? Israel? Nichts für schwache Nerven. Zwischen 2018 und 2025 ist, trotz steigenden Antisemitismus', nur ein Prozent der britischen Juden nach Israel ausgewandert.10 In den vergangenen Jahren schien Ungarn ein sicherer Hafen für Juden: es gab es keinen Antisemitismus, keine Randale, mit der Kippa in der Öffentlichkeit herumzugehen war kein Problem (in anderen Ländern, etwa Deutschland, ist das schon seit Jahren nicht mehr möglich). Vielleicht werden die U.S.A. nach dem Ende der Ära Trump ein Land sein, in dem jeder nach seiner „Fasson“, wie der Alte Fritz meinte, leben kann. Oder am Ende doch Madagaskar?

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Sticker gegen Antisemitismus Ealing. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/ee/Sticker_Opposing_Antisemitism_in_Ealing_%2801%29.jpg/960px-Sticker_Opposing_Antisemitism_in_Ealing_%2801%29.jpg?_=20241115194734 

 

Anmerkungen

1 Dieser Artikel bezieht sich auf diesen Teil des Vereinigten Königreichs, da hier der allergrösste Teil der jüdischen Bevölkerung lebt

2 https://www.bbc.com/news/articles/c07jm1kp228o  abgerufen 02.03.2026

3 https://www.dailyecho.co.uk/news/national/25892217.plumber-turned-mp-hannah-spencer-hails-greens-by-election-victory/  abgerufen 02.03.2026

4 Diese werden heute von der Wissenschaft differenzierter gesehen, siehe Hammel, Andrea: Die schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien (Leipzig 2026)

5 https://cst.org.uk/news/blog/2026/02/11/antisemitic-incidents-report-2025 abgerufen 28.03.2026

6 https://www.standard.co.uk/news/uk/al-quds-march-london-iran-b1273284.html abgerufen 16.03.2026

7 https://www.aljazeera.com/news/2026/3/15/thousands-attend-al-quds-day-rally-in-london abgerufen 17.03.2026. „Tausende“, wie Al-Jazeera meinte, waren es nicht, Hunderte reichen auch

8 https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/505270/antisemitismus-in-grossbritannien/

9 https://www.ons.gov.uk/peoplepopulationandcommunity/culturalidentity/religion/bulletins/religionenglandandwales/census2021 abgerufen 09.04.2026

10 https://en.wikipedia.org/wiki/British_Jews abgerufen 09.04.2026

 

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