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Ausgabe 99

Der Flug der „Gelben Möwe“

Gedanken zu einer Alex Katz-Retrospektive im Salzburger Museum der Moderne

Claus STEPHANI


Es war ein Kunstereignis der besonderen Art, als vor einiger Zeit das Salzburger Museum der Moderne (MdM) auf dem Mönchsberg die bisher größte Werkschau des amerikanischen Malers Alex Katz in Österreich zeigte. Die Stationen des 1927 im New Yorker Stadtteil Brooklyn als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geborenen Künstler sind schillernd, könnte man sagen, und von vielfarbig wirkenden Akzenten - nach seiner Studienzeit und nach der ersten Gruppenausstellung in der Roko Gallery (1950, New York) heiratet er die Malerin Jean Cohen und beginnt in den lichtvollen Sommermonaten im Stil der Farbflächenmalerei eine eigene von Plain-air-Thematik zu entwickeln.

Sein wichtigstes Modell wird dann allerdings ab 1958 seine zweite Ehefrau, die Krebsforscherin Ada Del Moro, von der er Jahrzehnte hindurch immer wieder porträthafte Gemälde schafft. Zu seinen Freunden zählen damals schon der Fotograf Rudy Burckhardt, der mit Aaron Copeland Filme drehte und von dem gleichzeitig eine Fotoausstellung zu sehen war sowie die Dichter Edwin Denby und James Schuyler. Führende Maler wie Robert Rauschenberg und Jaspers Johns gehören nun zu seinen Förderern. Die aus Bukarest stammende New Yorker Galeristin und Sammlerin Ileana Sonnabend, geborene Schapira, damals schon die einflussreichste Persönlichkeit auf dem internationalen Kunstmarkt der Moderne, wird auf ihn aufmerksam.

Ab 1965 wendet sich Katz auch grafischen Gestaltungsweisen zu, und so entstehen zahlreiche Folgen von Radierungen, Holzschnitten, Linolschnitten, Lithographien und Siebdrucken.  Im Jahr 1972 wird Katz dann das John Simon Guggenheim Memorial Fellowship für Malerei verliehen. Unter den vorher Ausgezeichneten stehen Namen wie Wolf Leslau, Felix Bloch, Philip Roth und Mitch Epstein. In den danach folgenden Jahren werden seine Arbeiten in den großen Museen und Galerien der Welt, von der Pace Wildenstein Gallery und dem Jewish Museum in New York bis zur Fondazione Bevilacqua La Masa in Venedig, der Albertina in Wien und der National Portrait Gallery in London gezeigt.

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Alex Katz, Black Hat 2, 2010. Öl auf Leinwand. 152,4 x 213,4 cm. Collection of the artist. Copyright VBK, Wien, 2013. Mit freundlicher Genehmigung Museum der Moderne Mönchsberg.

Die Präsenz von Alex Katz in Österreich, als Wegbereiter der Pop-art und Vertreter des modernen Realismus, ist jedoch für den Verfasser dieser Zeilen auch Anlass an die „Blütenphase" dieser Kunst in den 1960er Jahren und ihrer Vertreter zu erinnern, einer Kunst, die in erprobter fotorealistischer Weise die neuzeitliche Konsumgesellschaft, die Welt des Alltags in ihrer Banalität wiedergibt, um so der  Gegenwart ein Spiegelbild vor zu halten. Dadurch aber soll nicht nur die gegenwärtige Realität dargestellt werden sondern auch „das Ausgeliefertsein der Konsumgesellschaft an diese künstliche und vorfabrizierte Wirklichkeit", wie der Kunsthistoriker Gérard R. B. Holle es einmal formuliert hat.  Ausgang dieser künstlerischen Gestaltungsphase, deren Impulse aus Amerika kamen, ist wohl die als Ready-made bezeichneten Werke von Robert Rauschenberg. In der Pop-art stehen danach neben dem Amerikaner Andy Warhol, dessen Eltern aus dem oberungarischen Dorf Mikó (heute Miklova, Slowakei) stammen, auch andere große Namen wie Roy Lichtenstein, James Rosenquist, Edward Kienholz und Tom Wesselmann.

Alex Katz, dessen Werk im Brandhorst Museum, München, als „modern und altmodisch, radikal und gediegen, stets kontrolliert und von kühler Distanziertheit" bezeichnet wird, erreicht den Betrachter in einer reduzierten Bildsprache, der Ausdruckskraft in der weitgespannten  Flächigkeit sichtbar wird, wobei deren Bilder uns wie in einem Breitwandfilm vorgeführt werden. Das, was man heute als Cool Painting bezeichnet, wurde einst von Katz angeregt und als figurative Malerei gestalterisch praktiziert und so neueingeführt - in einer Zeit, als in der großen Kunstwelt diese Art des Malens als „überholt" galt. So aber gilt Alex Katz heute als Initiator und Wegbereiter „einer neuen Gegenständlichkeit",  die nun von seinen ehemaligen Schülern, wie Chuck Close und Francesco Clemente fortgeführt wird.

Alex Katz Bilder, großformatig und von expressiver, sorgfältig konturierter Farbigkeit sind wie Metaphern für gestalterische Freiheit und Eleganz, sowohl in den Landschaften, z.B. in den Gemälden „Gelbe Möwe", „Hommage an Monet", „Weiße Rosen", wie auch in den elegant wirkenden Porträts, wie z.B. "Schwarzer Hut" oder im Doppelbildnis „Islesboro". Auffallend ist, dass die „gelbe Möwe" im zuletzt erwähnten Bild von rechts nach links fliegt. Das bedeutet, wie der jüdisch-ungarische Maler István Beregi (eigentlich Sámuel Welber), der aus dem ehemaligen Beregszász (heute Beregovo in der Ukraine) stammte, einmal sagte: „in der Richtung der hebräischen Schreibweise", das aber heißt, dass dieser Vogel aus der Vergangenheit - und das ist immer auch die Gegenwart, die ständig vergeht - in die Zukunft fliegt.

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Alex Katz, Yellow Seagull, 2000. Öl auf Leinwand. 183 x 239 cm. Privatsammlung. Copyright VK, Wien, 2013. Mit freundlicher Genehmigung Museum der Moderne Mönchsberg.

So ist vielleicht ist die flächenhafte, farbig strahlende Malweise von Alex Katz, die man immer noch als richtungsweisend beizeichnen kann, auch an einem Beispiel eines Wandgemäldes zu erkennen, das von ganz anderswo stammt, nämlich von der griechischen Insel Santorin. Es ist ein Alltagsbild von einem unbekannten Künstler, das im Archäologischen Nationalmuseum, Athen, zu sehen ist. Hier wird die nackte Gestalt eines Fischers dargestellt - einfarbig, flächenhaft, plakativ, ohne Stufungen und in der Art der pophaften Malweise von Alex Katz, könnte man sagen; und diese anonyme Freske entstand etwa um 1500 v.Z.

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Alex Katz, Islesboro Ferry Slip, 1975. Öl auf Leinwand. 198 x 213,4 cm. Privatsammlung, London. Copyright VBK, Wien, 2013. Mit freundlicher Genehmigung Museum der Moderne Mönchsberg.

So betrachtet öffnete die große Retrospektive von Alex Katz, einem amerikanischen Maler mit russisch-jüdischen Wurzeln, dem Betrachter symbolhaft ein Fenster, das sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft verweist.