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Buchrezensionen:

Ausgabe 92

Die Frau Pollack, Schnorrer und Wunderrabbis

Alfred Gerstl


Miguel Herz-Kestranek: Die Frau von Pollak oder Wie mein Vater jüdische Witze erzählte. 

Ibera Verlag: Wien 2011.

365 Seiten, 24,90,- EUR.

ISBN 978-3-85052-300-4

Fast fühlt man sich, als sässe man mit am Tisch, so gut evoziert der Autor die Atmosphäre: Der junge Miguel Herz-Kestranek sitzt Anfang der fünfziger Jahre mit seiner Familie beim Abendessen, da nimmt sein Vater einen nichtigen Anlass, um auf begnadete Weise einen passenden jüdischen Witz oder eine Anekdote zu erzählen. Dass es eine wahre Kunst ist, einen jüdischen Witz richtig zu erzählen, dabei die korrekte Intonation zu finden und nicht zuletzt, wenn notwendig, dabei zu jüdeln, streicht der Autor in seiner Einleitung hervor. Darin macht er auch das Einzigartige des jüdischen Witzes deutlich, seinen absurden Tiefsinn, tiefreichende Dialektik, der Verzicht auf jedwedes Tabu, mitunter Vulgarität, aber nie Derbheit kennzeichnen und „dass nicht zuletzt Jahrtausende währende Ausgeliefertsein der Willkür meist totalitärer Beherrscher den Witz mit seiner Themenvielfalt, seinem Scharfsinn und seiner Treffsicherheit als vielleicht letzte, jedenfalls aber wirksame Waffe hervorgebracht hat, weil Lächerlichmachen der Peiniger und das Lächeln über Pein das Leid vergleichsweise erträglicher machen".

Doch letztlich ist es unmöglich, den jüdischen Witz zu analysieren, denn sein Zauber und das Geheimnishafte bleiben letztlich unergründbar. Und ausserdem: Einen echten jüdischen Witz muss man erzählen. Aber gerade dieses mündliche Moment, so entschuldigt sich der Schauspieler und Schriftsteller Herz-Kestranek mehrmals, fehlt natürlich in einem Buch. Er macht aus der Not jedoch eine Tugend und bettet eine Unzahl von bekannten und unbekannten Witzen in Geschichten aus seinem Elternhaus und seiner Jugend ein. Herz-Kestraneks Witzsammlung und erläuternden Anmerkungen bieten eine ebenso vergnügliche wie geistreiche Unterhaltung.  Thematisch geordnet, reicht die Palette von Aussagen der berühmten Frau Pollak über Rabbis und Schadchen und Schnorrer bis hin zu verschiedenen Zores. Letztere hatte auch Frau Pollack mit ihrem schulpflichtigen Sohn: „Warum hast du heut nachsitzen müssen?" - „Ich hab nicht gewusst, wo die Pyrenäen sind." - „Recht geschieht dir, das nächste Mal wirst du dir merken, wo du deine Sachen hingetan hast!"