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Ausgabe 91

Die virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Mödling

Julia NEURUHRER


Mödling, 15. November 1938: „Der jüdische Tempel ist vor einigen Tagen vollständig ausgebrannt. Es war daher erforderlich einen Demolierungsauftrag zu erteilen, sodass das Bauwerk aus dem Stadtbild Mödlings überhaupt verschwinden wird."1

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Strassenansicht der Synagoge in Mödling.

Bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entwickelte sich in Mödling, in der Nähe Wiens, ein weiteres Zentrum jüdischer Ansiedelung.2 Die reichen Juden besassen Weinberge, Realitäten und Äcker und waren wichtige Geldgeber der Stadt.3 In der heutigen Kaiserin Elisabeth-Strasse Nr. 7 (früher Judengasse) befand sich im Hinterhof eines Hauses, vermutlich aus dem späten 14. Jahrhundert stammend, eine gotische Synagoge, von der zwei Zeichnungen von 1875 überliefert sind. Die vermutliche Türe der Synagoge wurde später als Archivtüre des Mödlinger Rathauses verwendet, und befindet sich heute im Mödlinger Museum. Durch die Judenverfolgungen 1420/21 wurden die Mödlinger Juden vertrieben und ihr gesamter Besitz entzogen. Auch die Synagoge in der Judengasse fiel an Herzog Albrecht V.4

Erst um 1840 vermehrte sich wieder die Zahl der jüdischen Bewohner in Mödling, die in den sechziger Jahren einen Bethausverein mit eigenem jüdischen Friedhof gründeten. Die Gottesdienste wurden von 1860 bis 1880 in einem Betraum in der Klostergasse Nr. 8 abgehalten.5 Am 20. November 1888 erwarb die Israelitische Bethausgenossenschaft die Liegenschaft Enzersdorferstrasse Nr. 6, den späteren Bauplatz der Synagoge. Dort, in dem gemeinsam mit dem Grundstück erworbenen Gebäude einer ehemaligen Schlosserwerkstätte, richtete sie ein „Tempelgebäude" ein.6 Die Israelitische Kultusgemeinde wurde schliesslich 1892 gegründet, und der Bedarf für ein neues Gotteshaus wurde immer grösser. Unter Vorsteher Ignaz Belai wurde die Synagoge, ein überkuppelter Zentralbau, nach dem Entwurf des Architekten Ignaz Nathan Reiser, 1912-1914 errichtet.

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Aussenansicht - Blick auf die Ost- und Südfassade der Synagoge

Ignaz Nathan Reiser, geboren am 24. Jänner 1863, war ein bedeutender jüdischer Architekt des 20. Jahrhunderts. Er errichtete neben etlichen Wohn- und Geschäftsbauten auch viele öffentliche Gebäude für die Israelitische Kultusgemeinde, die grossteils zerstört wurden. Als sein Hauptwerk gilt die israelitische Zeremonienhalle am Wiener Zentralfriedhof.

Der Bauplatz der Mödlinger Synagoge7 befand sich auf der Enzersdorferstrasse Nr. 6, mitten im Zentrum der Stadt, in repräsentativer Lage an einer Hauptverkehrsstrasse. Die Synagoge besass ihren Eingang auf der Westseite, um die übliche Gebetsrichtung nach Osten zu ermöglichen. Die Station der Dampftramway und später des 360ers (die Strassenbahnlinie verband die Städte Mödling und Mauer) befand sich hinter der Synagoge. Somit sahen die Besucher der Stadt Mödling nach ihrer Ankunft am Bahnhof die Ostfassade der Synagoge, die als freistehendes Gebäude konzipiert wurde. Das Gebäude wurde 5-6 Meter von der Enzersdorferstrasse zurückgesetzt, so dass ein strassenseitiger Vorplatz entstand. Umgeben wird der mit Nadelbäumen geschmückte Platz von einem Drahtgitterzaun der Firma Neurath.8 Die Westfassade, an deren Seite sich auch der Haupteingang befindet, wurde am prachtvollsten ausgeführt. Den Mittelpunkt bildete ein grosses rundes Fenster im Mittelrisalit mit Davidstern, das von 16 kleinen Rundfenstern umgeben war und über dem sich eine hebräische Inschrift befand.9 Die Dachlandschaft bestand aus mansardenförmigen Dächern, welche unten weit auskragen und zuerst steiler und danach flacher anstiegen. Die Kuppel im zentralen Hauptraum wurde durch ein oktogonales Dach abgeschlossen, auf dem eine mit Blech verkleidete, achteckige Holzlaterne befestigt war. Sie besass auf allen Seiten achteckige Fenster und einen „Betonflachrundknauf" mit eingesetztem Davidstern zum Abschluss, wie ihn auch die zwei Turmstümpfe trugen.10 Das ehemalige Bethaus wurde 1926, ebenfalls nach Plänen des Architekten Ignaz Nathan Reiser, zum Verwaltungsgebäude mit Festsaal und Wohnung des Rabbiners umgebaut.

Als Beispiel der Verstärkung antisemitischer Tendenzen in Mödling kam es bereits im April 1927 zur ersten Verwüstung der Synagoge. Die Fensterscheiben des Tempels wurden durch Steinwürfe zerschlagen, was später als „unglücklicher Zufall" bezeichnet wurde.11 Am 11. März 1938 wurden die ersten Hakenkreuzfahnen gehisst, und bereits am 27. April 1938 fanden pogromartige Ausschreitungen in Mödling statt. Die „Mödlinger Nachrichten", die schon längst unter der Aufsicht der Nationalsozialisten standen, berichteten, ein jüdischer Geschäftsmann habe auf die Frage eines Käufers fälschlicher Weise geantwortet, dass er ein „arisches Geschäft" führe. Dieser Vorfall wurde als Begründung des Pogroms herangezogen.12 Es folgte ein weiteres Attentat auf die Synagoge: „Am 17. Mai 1938 drangen um 15:00 Uhr nachmittags mehrere Nationalsozialisten in die Synagoge ein, zerstörten die Altardecken, den Baldachin, zerschnitten einen Vorhang und zerschlugen drei Kerzenleuchter." 13 Ein weiterer Anschlag auf die Synagoge fand am Abend des 28. Septembers 1938 statt, bei dem alle Glasfenster und Beleuchtungskörper zerstört und der Altartisch und das Rednerpult beschädigt wurden.14 Ab 15. Oktober 1938 wurde Mödling ein Teil des Reichsgau Wiens und blieb bis zum 31. August 1954 der 24. Wiener Gemeindebezirk.15

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Innenansicht mit Blick zum Thoraschrein.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kam es im November 1938 zur sog. Reichspogromnacht, in der etliche jüdische Synagogen und Bethäuser in Brand gesteckt und verwüstet wurden. Auch die Mödlinger Synagoge wurde ein Opfer dieser Anschläge. Die freiwillige Stadtfeuerwehr, die zwar rechtzeitig eintraf, wurde beauftragt, lediglich die Nachbargebäude zu sichern.16 Die IKG Mödling wurde 1939 aufgelöst und in die IKG Wien eingegliedert. In den folgenden Jahren wurden nahezu alle Juden in Mödling deportiert. Ein paar Personen, wie zum Beispiel dem Dichter Dr. Albert Drach und dem Arzt Dr. Eisler, gelang die Flucht.17

Die Nordwand der Synagogenruine bestand noch bis 1987 und wurde im Rahmen der Recherchen zu dem Buch „Ausgelöscht; Vom Leben der Juden in Mödling" von Roland Burger, Franz M. Rinner und Franz R. Strobl, eingehend analysiert und von Walter Ulreich fotografiert. Im Rahmen dieses Projekts wurden ausserdem Rekonstruktionspläne der Synagoge vom Architekt Christian Jabornegg angefertigt. Neben ein paar historischen Aufnahmen der Synagoge bildeten diese Pläne und Fotografien die Grundlage für die virtuelle Rekonstruktion der Mödlinger Synagoge. Die meisten historischen Aufnahmen zeigen die zur Strasse orientierte, repräsentative Westfassade des Gebäudes, die aufgrund dieser Fotos genau rekonstruiert werden konnte. Im Wiener Stadt- und Landesarchiv wurden drei bemerkenswerte Fotografien von 1941 gefunden, welche die Synagoge nach der Zerstörung, jedoch noch teilweise mit Dachstuhl zeigen. Sie waren für die Rekonstruktion der Dachlandschaft und ihrer Unterkonstruktion sehr hilfreich. Ausserdem zeigen sie, dass das Ausmass der Zerstörung geringer war als gedacht, und somit eine Renovierung und Umnutzung, die vom ehemaligen Leiter der IKG Wien, Dr. Löwenherz, angestrebt wurde, vermutlich möglich gewesen wäre. Aufnahmen, die den Innenraum zeigen, konnten leider nicht gefunden werden. Hier lieferten nur schriftliche Aufzeichnungen aus den Bauakten, die „Mödlinger Nachrichten" und Briefe von ehemaligen jüdischen Bewohnern ein paar Eindrücke.

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Innenansicht mit Blick von der Frauengalerie (die Existenz der hier gezeigten Glaskuppel ist nicht eindeutig bewiesen)

Auf Grund des Mangels an Informationen wurden im Zuge der Rekonstruktionsarbeit der Thoraschrein und die Sitzbänke von der Synagoge in der Pazmanitengasse in Wien, die ebenfalls von Architekten Ignaz Nathan Reiser geplant wurde, übernommen. Die Lampen und der Luster wurden in Anlehnung an die Synagoge in St. Pölten, die zur selben Zeit errichtet wurde, computergestützt modelliert. Im heutigen Bestand befinden sich noch das Original-Gartentor, welches im Stiegenhaus des Mödlinger Gymnasiums Untere Bachgasse 8 hängt, und ein Original-Kerzenständer, im Besitz von Franz R. Strobl. Das Ergebnis der Rekonstruktion ist ein virtuelles, dreidimensionales Gebäudemodell der Synagoge in Mödling und ihrer Umgebung.

Heute befindet sich auf dem Bauplatz der Synagoge ein neues Wohn- und Bürogebäude. Die Inschrift  des im Oktober 2003 errichteten Mahnmals lautet:

„Zum Gedenken; An die von Architekt Ignaz Nathan Reiser erbaute und 1914 eingeweihte Synagoge, welche im Zuge der Novemberpogrome 1938 zerstört wurde, sowie an die 300 vom Nazi-Regime vertriebenen oder ermordeten jüdischen Bürger und Bürgerinnen unserer Stadt; Den Opfern zum Gedenken - Den Lebenden zur Mahnung!" n

1 Bauamt Mödling, Bauakt EZ 2020

2 Brugger, Eveline; Keil, Martha; Lichtblau, Albert; Lind, Christoph; Staudinger, Barbara; „Österreichische Geschichte - Geschichte der Juden in Österreich", Verlag Carl Ueberreuter 2006, S. 174

3 Stein, Erwin; „Die Städte Deutschösterreichs, Band IX: Buch der Stadt Mödling", Deutscher Kommunal Verlag GmbH 1933, S. 65

4 Stein, Erwin; „Die Städte Deutschösterreichs, Band IX: Buch der Stadt Mödling", Deutscher Kommunal Verlag GmbH 1933, S. 66

5 Moses, Leopold; „Die Juden in Niederösterreich", Verlag Dr. Heinrich Glanz 1935, S. 140

6 Burger, Roland; Rinner, Franz; Strobl, Franz; „Ausgelöscht - Vom Leben der Juden in Mödling", edition umbruch 1988, S. 43 und 63

7 Julia Neuruhrer: Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Mödling; Diplomarbeit TU-Wien, 2011

8 Burger, Roland; Rinner, Franz; Strobl, Franz; „Ausgelöscht - Vom Leben der Juden in Mödling", edition umbruch 1988, S. 69, 78ff.

9 Informationen aus Abbildungen und in: Burger, Roland; Rinner, Franz; Strobl, Franz; „Ausgelöscht - Vom Leben der Juden in Mödling", edition umbruch 1988, S. 81ff.

10 Informationen aus Abbildungen und in: Burger, Roland; Rinner, Franz; Strobl, Franz; „Ausgelöscht - Vom Leben der Juden in Mödling", edition umbruch 1988, S. 82f.

11 Mödlinger Nachrichten 14. und 21.5.1927

12 Mödlinger Nachrichten 30.4 1938

13 Anzeige des Gendarmeriepostenkommandos Mödling an das Bezirksgericht Mödling wegen Sachbeschädigung im jüdischen Tempel, 24. 5. 1938; in DÖW (Hrsg.) „Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich 1934-1945, Band 2 und Band 3", Österreichischer Bundesverlag, Wien 1987 (1987)

14 NöLa, Akt 3778 V 1938, Anzeige der IKG Mödling an die BH Mödling vom 30. 9. 1938 in Lind, Christoph; „Der letzte Jude hat den Tempel verlassen, Juden in Niederösterreich 1938-1945" Mandelbaum Verlag, Wien 2004, S. 159

15 Kunze, Gerhard; „Mödling; Eine Stadt zum Verlieben", LW Werbe- u. Verlagsgesellschaft 2001, S. 179

16 Mödlinger Nachrichten 12.11.1938

17 Waldner, Ilse; Waldner, Georg; „Das alte Mödling", Verlag Jugend und Volk 1992, S. 12