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Ausgabe 87

Jüdische Häftlinge im KZ-Nebenlager Steyr-Münichholz

Karl RAMSMAIER


Arbeitslager für Juden

  

Von 1941 bis Anfang 1942 bestand in Steyr im Stadtteil Münichholz ein Arbeitslager für Juden. Es dürfte sich um ein Aussenlager des Umschulungslagers „Gut Sandhof" in Windhag unweit von Waidhofen/Ybbs gehandelt haben, das die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung" dort einrichtete. Das „Gut Sandhof" ist als „KZ-ähnliches Lager" einzustufen. Das dürfte auch für dessen Aussenlager gelten.1 In der Münichholzer Pfarrchronik erwähnt P. Meindl einmal eine Judenkolonie. „Im Stadtverwaltungslager (rechts der Haidershofnerstraße) war einmal eine Judenkolonie (mit Stern); sie sind bald verschwunden." Gemeint ist damit vermutlich dieses Arbeitslager. Wahrscheinlich wurden die Juden beim Bau des Wälzlagerwerkes der Steyr- Daimler Puch AG eingesetzt.2

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KZ-Denkmal. Foto: K. Ramsmaier.

Entstehung des KZ-Lagers

  

Die Steyr-Daimer-Puch AG entwickelte sich ab 1938 als Teil der Reichswerke „Hermann Göring" zu einem riesigen Kraftfahrzeug- und Rüstungskonzern. Die Zahl der Beschäftigten erhöhte sich von 7000 im Jahr 1937 auf 50.000 im Jahr 1944. Die Hälfte davon waren ausländische Zwangsarbeiter. Inländische Facharbeiter konnten kaum gewonnen werden, da sie entweder zur Wehrmacht eingezogen oder von den Industrien in Deutschland abgeworben wurden. Der rasche Ausbau des Konzerns stellte die Betriebsführung trotz ausländischer Zwangsarbeiter immer wieder vor das Problem, genügend Arbeitskräfte zu bekommen. 1941 ging in Münichholz das Wälzlagerwerk in Betrieb. Damit waren die Steyr-Werke der drittgrösste Kugellagerproduzent des Deutschen Reiches. Auch wurde ab Frühjahr 1941 im Hauptwerk Steyr ein Flugmotorenwerk für die Lizenzfertigung von Daimler-Benz-Motoren eingerichtet.3

Ab 1942 versuchte die SS verstärkt der Industrie KZ-Häftlinge für die Rüstungsindustrie zur Verfügung zu stellen. Die Steyr-Daimer-Puch AG war unter den ersten Rüstungsfirmen, die KZ-Häftlinge beschäftigten. Die ersten KZ-Häftlinge aus Mauthausen dürften schon im Frühjahr 1941 bei Bauarbeiten in den Steyrer-Werken eingesetzt worden sein. Es sollen 40 Spanier und ein Rumäne gewesen sein, die mit  Bussen und später mit der Bahn nach Steyr gebracht wurden.4 Warum gerade die Steyrer-Werke das erste KZ-Arbeitskommando in der Rüstungssparte auf dem Gebiet Österreichs bekamen, dürfte vor allem zwei Gründe gehabt haben: erstens die geografische Nähe zu Mauthausen  und zweitens die persönlichen Beziehungen des Steyrer-Werke Generaldirektors Georg Meindl zur SS.5

Weil bei der täglichen Anfahrt aus Mauthausen viel Zeit auf der Strecke blieb und ausserdem die Bewachung aufwendig war, wollte man die Häftlinge direkt in Steyr unterbringen. Die nahe gelegene Strafanstalt Garsten sollte zu einem KZ umfunktioniert werden, die Gefangenen in andere Anstalten verlegt werden. Die Justiz konnte sich aber gegen die SS durchsetzen, sodass dieser Vorschlag nicht realisiert wurde. Daher wurde Anfang Jänner 1942 mit dem Bau eines provisorischen Barackenlagers im Stadtteil Münichholz begonnen. 300 Häftlinge, vorwiegend Spanier und einige Deutsche, waren dabei eingesetzt, bewacht von 22 SS-Männern.6 Der Regierungspräsident von Oberdonau schrieb am 6. Jänner 1942 an das Reichsjustizministerium: ,,Der Oberbürgermeister der Stadt Steyr und die Steyr-Daimler-Puch Aktiengesellschaft in Steyr beabsichtigen in allernächster Zeit, kriegsgefangene Russen und Häftlinge aus dem Konzentrationslager Mauthausen in großer Zahl für kriegsentscheidende Produktions- als auch für vordringliche Bauarbeiten der Stadt Steyr einzusetzen. Ein Teil dieser Häftlinge wurde bereits seit 5. ds. Mts. eingesetzt und musste vorläufig mangels geeigneter Unterkünfte täglich mit Sonderzug transportiert werden."7 Das provisorisch gedachte Barackenlager wurde ab 14. März 1942 offiziell als Aussenlager des KZ Mauthausen geführt.

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Zeichnung eines KZ-Häftlings. Foto: K. Ramsmaier.

Häftlingseinsatz und Häftlingszahlen

  

Die Häftlinge wurden in der Produktion von Maschinengewehren, Maschinenpistolen, Flugzeugmotoren (Flumo), Lastkraftwagen, Kugel- und Wälzlagern eingesetzt. Weiters mussten sie Fabrikshallen und Strassen im Werksgelände bauen, aber auch Luftschutzbunker für die Stadt Steyr. Nach den Bombenangriffen 1944 mussten sie den Bombenschutt wegräumen. Die Arbeit in der Produktion musste in zwölfstündiger Tag- und Nachtschicht durchgeführt werden. Bei Aussenarbeiten kam es immer wieder zu Misshandlungen und Erschiessungen. 8

Die Anzahl der Häftlinge ist noch nicht genau bekannt. 1943 befanden sich bis zu 1300 Häftlinge im Lager, 1944 stieg die Zahl fast bis 2000 an. In den ersten Monaten 1945 sank dann die Zahl aufgrund von Überstellungen nach Gusen und Mauthausen und auch aufgrund von Todesfällen auf 1500 Mitte März bzw. 1196 Ende März. Ende April 1945 stieg die Zahl aufgrund von Evakuierungsmärschen aus anderen Lagern auf die Höchstzahl 3091 an. Wie viele Häftlinge sich bei der Befreiung am 5. Mai 1945 im Lager befanden, ist nicht bekannt. 9 Neben den Spaniern gab es französische, jugoslawische, sowjetische, polnische, aber  auch italienische und griechische Häftlinge. Im KZ Steyr-Münichholz dürfte es ca. 200 jüdische Häftlinge gegeben haben.

Die jüdischen Häftlinge

  

Am 19. August 1944 wurden 107 polnische Juden als Facharbeiter aus dem KZ Mauthausen nach Steyr überstellt.10 Ende August - am 28. August 1944 - kamen ein polnischer und ein deutscher Jude von Mauthausen nach Steyr.11 Damit waren jedenfalls im Herbst 1944 auch jüdische Häftlinge im Nebenlager Steyr-Münichholz. Für Mitte März 1945 ist die Zahl von 69 jüdischen Häftlingen belegt.12 Mitte April 1945 wurde der 25-jährige Berliner Jude Fritz Frey (Häftlingsnummer 120 736) auf dem Todesmarsch von den Wiener Saurer-Werken nach Steyr erschossen.13 Bei diesem Marsch wurden 1076 Häftlinge in das Nebenlager Steyr überstellt, davon 98 Juden, also 9,1% aller Häftlinge.14 Es handelte sich um 36 Polen, 31 Ungarn, 4 Franzosen, 9 aus dem damaligen Deutschen Reich, 6 Tschechen, 4 Niederländer, 6 Griechen, einen Belgier und einen Staatenlosen.

Für die Häftlinge lauerte der Tod fast überall. Angesichts dieser Verhältnisse versuchten immer wieder Häftlinge zu fliehen. Der polnische Häftling Jakob Kernhauser - er war am 19. August 1944 als Autoschlosser nach Steyr überstellt worden - gibt 1947 im jüdischen Flüchtlingslager Linz-Bindermichl über so einem Vorfall und der Brutalität des Lagerkommandanten Heess15 Folgendes zu Protokoll:

„Ungefähr im Monat Oktober 1944 sind wir einmal von der Arbeit in das Lager zurückmarschiert, als einer der Häftlinge auszureissen versuchte. Genannter Heess, welcher uns mit SS-Männern eskortierte, hat den Befehl gegeben, wir sollen uns niederlegen. Wir mussten uns gleich darauf in den Kot, dort wo wir waren, niederwerfen und die Bewachung hat sich auf Befehl von Heess nach dem Ausreissenden gewendet und denselben erschossen. Es sind einmal vom Lager 11 Häftlinge ausgerissen, von welchen 3 erwischt wurden. Dieselben wurden auf Befehl von Heess und in seinem Beisein in dem Waschraum aufgehängt. Es wurde auch auf seinen Befehl hin ein älterer Häftling, welcher bei der Arbeit verschlafen hatte, im Waschraum aufgehängt. Bei oben angegebenen grausamen, durch Heess ausgeübten Taten, war ich Augenzeuge".16

T. Wojtasiewicz, ein anderer polnischer Häftling, berichtet 1947 von einem Vorfall im September 1943. Josef Schmidt, ein besonders brutaler Bewacher, der aus Sadismus tötete, beobachtete eine Arbeitsgruppe beim Verladen von Kies.

„Kapo Auer ist an einen Polen herangetreten und begann, den Polen zu schlagen. Er nahm dessen Mütze und warf diese hinter die Postenkette; dann befahl er ihm, diese zu holen. Der Pole weigerte sich, die Mütze zurückzuholen, weil das Überschreiten der Postenkette gleichbedeutend mit dem Tode war. Darauf sagte der Kapo, wenn man mit ihm gehe, würde nicht geschossen. Beide sind gegangen, die Mütze zu holen. Der Kapo ist zur Wachgrenze gegangen und Schmidt schoss auf ihn mit einem Lächeln und traf ihn in das Bein. Der Verwundete fiel in einen Graben, wir sind zurückgetreten. Dann zielte Schmidt auf seine Brust zum zweiten Male und erschoss ihn so."17

Jose Borras berichtet von einem anderen Willkürakt im Dezember 1943.

„Im Nebenlager Steyr stahlen die Kriminellen mit dem grünen Dreieck, die für das Leben im Lager verantwortlich waren, die für die Polen und Tschechen bestimmten Pakete und machten einen drauf, dank des Handels, den sie mit dem Inhalt trieben. So nahte das Weihnachtsfest und die Menge der Pakete war auf ein Minimum beschränkt, als sie sich willkürlich einen jungen Italiener und einen polnischen Juden griffen und sie erschlugen, wonach sie sie auf den Wasserleitungsrohren der Duschen hängten."18

Alexander Weber, als Automechaniker am 19.August 1944 nach Steyr überstellt, musste die Brutalität von Schmidt am eigenen Leib erfahren.

„Schmidt folterte die Häftlinge. Er schlug sie und versetzte ihnen Fusstritte. Alle fürchteten ihn, da er immer mit entsichertem Gewehr herumging. Im September 1944, als wir Baracken transportierten, wurden wir von Schmidt mit einem Gummiknüppel geschlagen, und mir hat er mit der Faust zwei vordere Zähne ausgeschlagen. Ich fiel blutend um, und weil er mir mit dem Erschiessen drohte, musste ich mich erheben, obzwar ich nicht konnte, und weiterarbeite."19

Der damals 21-jährige polnische Häftling Elias Schnee, ebenfalls im August 1944 als Autoschlosser nach Steyr gekommen, schildert einen Vorfall mit Lagerkommandant Otto Heess:

„Im Monat Dezember 1944 haben drei Häftlinge auf dem Block Brot gestohlen. Heess wurde wegen diesen benachrichtigt und er hat den Befehl herausgegeben, die drei Häftlinge aufzuhängen, welches unter seiner Kontrolle im Waschraum ausgeführt wurde. Bei einem Luftfliegeralarm sind während der Verdunkelung zwei Capomänner ausgerissen, die dann erwischt wurden. Heess hat diese zu der Strafkolonie auf acht Tage übergeben und sie nachher nach Mauthausen überstellt, wo sie umgebracht wurden. Es sind einmal 11 Häftlinge vom Lager ausgerissen, von denen drei erwischt wurden. Sie wurden auf Befehl von Heess bestialisch aufgehängt. Ein älterer Häftling wurde einmal bei der Arbeit schlafend gefunden. Der Kommandoführer hat dies an Heess gemeldet und Heess hat den Befehl gegeben, ihn aufzuhängen. Bei oben angegebenen, auf Befehl von Heess ausgeübten Taten, war ich selbst Augenzeuge."20

Mit Jakob Kernhauser und Elias Schnee wurde auch der 34-jährige Jakob Rosenmann in der Gruppe der Autoschlosser nach Steyr überstellt. In seinem Bericht ist von der besonderen Brutalität gegen jüdische Häftlinge die Rede:

„Im August des Jahres 1944 wurde ich vom KZ Plazow nach Mauthausen überstellt. Dort blieb ich zehn Tage, dann kam ich in das KZ Steyr. Dort habe ich Hufnagel Alfred kennengelernt, welcher während meines ganzen Aufenthaltes die Funktion eines Küchenchefs hatte. Ich war oft selbst Augenzeuge, wie die Häftlinge durch oben genannten misshandelt wurden. Er schlug die Häftlinge ohne jeden Grund auf verschiedenste Art und Weise. Er hatte die Gewohnheit, beim Lagertor die von der Arbeit zurückkehrenden Häftlinge zu erwarten, wobei er sie dann misshandelte und schlug. Besonders gegen die jüdischen Häftlinge war er brutal. Er schlug sie und misshandelte sie oft bis zur Bewusstlosigkeit, nur um seine sadistischen Instinkte zu befriedigen."21

Auch der aus Krakau stammende 19-Jährige Harry Freundlich befand sich in derselben Gruppe und sollte in Steyr als Schlosser eingesetzt werden. Er arbeitete bis Anfang 1944 in der Fabrik „Emalia" für Oskar Schindler, kam dann nach Mauthausen und schliesslich nach Steyr.

„Nicht lange danach sagte jemand, wir wären bei ‚Steyr-Daimler-Puch'. Am nächsten Tag, nach dem Appell, bekamen wir etwas schwarzen Kaffee und ein Stück Brot an diesem Morgen. Später an diesem Tag brachten sie uns der Fabrik, die ‚Steyr-Daimler-Puch' hiess. Jedem von uns wurde eine Maschine zum Arbeiten zugeteilt ... Wir arbeiteten zehn bis zwölf Stunden pro Tag und fünf oder sechs Tage die Woche. Unsere Tagesration an Essen war schwarzer Kaffee und Brot am Morgen, und eine Schüssel Suppe am Abend ... Jede Baracke hatte einen Aufseher, den wir ‚Capo' nannten. Die Mehrheit der ‚Capos' waren Polen, die oft viel grausamer waren als die Nazi-SS. Sie trugen Stöcke oder Lederpeitschen und gebrauchten sie oft, auch ohne Grund. Jeder ‚Capo' sagte uns, wann wir zum ‚Appell' oder zur Versammlung gehen sollten, was normalerweise zweimal pro Tag war. Sie zählten uns, um sicher zu sein, dass wir alle da waren. Sie bestimmten, wann wir unser Frühstück oder Abendessen essen sollten. Wenn du des Ungehorsams beschuldigt wurdest, wurdest du von ihnen geschlagen und deine täglichen Essensprivilegien wurden weggenommen.

In den Baracken waren unsere Stockbetten dreistöckig, und wir hatten Stroh mit einer Decke darauf als Matratze. Es gab keine andere Wahl, als sich an alles zu gewöhnen oder du würdest nicht überleben. Als Menschen haben wir schnell gelernt, uns zu verändern oder unterzugehen. Die Umstände nötigten uns, wie Tiere zu leben, aber wir versuchten unsere Würde zu behalten. Wir wollten leben, aber wir beteten zu Gott, dass er uns von hier weghole. Niemand hörte auf uns oder kümmerte sich um uns. Jedoch eines schönen Tages, als wir vor unserer Baracke standen, sahen wir einen kleinen jüdischen Mann, den wir ‚Zaide' nannten. Er fing an, uns entgegen zu gehen und sagte: ‚Setzen wir uns hier ins Gras oder auf den Stein, ich möchte euch etwas erzählen'. Er sagte uns, dass nächste Woche Rosh Hashana und sieben Tage später Jom Kippur sei. Wir alle sagten: ‚Zaide', wie kannst du das wissen, wann die Feiertage sind, wenn wir nicht einmal die Stunde oder den Tag kennen'. Er wusste es einfach. Ungefähr eine Woche später, als wir vom Appell entlassen wurden und uns auf den Weg zur Arbeit machten, sahen wir einen Mann, der tot am Boden lag, aber wir konnten nicht sehen, wer es war. Als wir später von der Arbeit zurückkamen, fanden wir heraus, dass es ‚Zaide' war. Wir waren alle froh, weil er nicht mehr leiden würde müssen. Gott hat ihn erhört und ihn weggenommen. Unser Leben schien mit der Zeit immer schlimmer zu werden. Wir waren hungriger, schmutziger und sehr schwach. Die Kranken hatten Angst, im Lager zu bleiben und nicht zur Arbeit zu gehen, weil sie wussten, dass sie umgebracht würden. Tag für Tag starben Menschen an Krankheit und Hunger."22

Harry Freundlich kam noch in das Lager „Gusen II" und wurde am 5.Mai 1945 befreit. Zu dieser Zeit wog er nur mehr 25 Kilo. 1948 heiratete er seine Frau Greta und lebte in Baltimore, Maryland, USA.23

 

Die Opfer

  

P. Josef Meindl, Pfarrer in Münichholz, schreibt in der Pfarrchronik, dass in den Nachbarhäusern oft in der Früh schon die"‚Liquidationsschüsse" zu hören waren und dass es oft 20 Leichen in der Woche gab.24 Die genaue Anzahl der Toten ist noch nicht bekannt. Die Auswertung des Totenbuches des SS-Standortarztes Mauthausen ergibt mindestens 295 Tote, darunter fünf Häftlinge, die bei einem Bombenangriff 1944 umkamen.25 Die Auswertung des Veraschungsbuches der Städtischen Bestattung Steyr ergibt 226 KZ-Häftlinge aus Münichholz, die im Steyrer Krematorium verbrannt wurden.26 Zu berücksichtigen ist bei diesen Angaben aber auch, dass die kranken Häftlinge oft in das Hauptlager Mauthausen zurückgeschickt wurden und dort umkamen.

Von den jüdischen Opfern sind nur zwei namentlich bekannt. Am 4. Februar 1945 wurde Josef Weinberger, (geb. 12.02.1906 / Häftlingsnummer 88733) im KZ Steyr umgebracht. 17 Tage später folgte ihm der aus Krakau stammende 37-jährige Moses Ganz (geb. 19.06.1908 / Häftlingsnummer 88394), der am 19. August 1944 als Elektriker von Mauthausen nach Steyr überstellt wurde.

Vor der Errichtung eines eigenen Krematoriums in Mauthausen im Jahr 1940 wurden die Leichen in Steyr verbrannt. Insgesamt wurden von 1938-1945 in Steyr mehr als 4.000 Häftlinge aus Mauthausen, Gusen, Ternberg und Grossraming verbrannt, darunter auch Juden.27 Am 28. Oktober 1940  wurden  u.a. vier Juden und eine Jüdin, die am 23.Oktober 1940 im Mauthausen umgebracht wurden, im Steyrer Krematorium verascht. Es handelte sich um: Postmann Levon, geb. 1.9.1910; Somerisch Sigmund, geb. 7.8.1910; Diamant Israel, geb. 26.12.1911; Weisz Philipp, geb. 26.7.1910; Abramovici Sara, geb. 15.10.1909.28

 

Befreit 1945

  

Noch am 1. Mai 1945 mussten die KZ-Häftlinge Schützengräben ausheben. Am 5. Mai 1945 um 10 Uhr vormittags kam dann die 2. US-Division nach Steyr und befreite die Häftlinge. Zu dieser Zeit hatte das Lager allein 180 Kranke.29

Das KZ wurde später in ein Lager für kriegsgefangene SS-ler umfunktioniert. Bewaffnete KZ-Häftlinge kontrollierten die Haidershofnerstraße. Vom Mai bis August 1945 versorgten die amerikanischen Soldaten die ehemaligen Häftlinge in Steyr mit Lebensmitteln. Im Bereich der Ahrer- und Puschmannstrasse mussten Wohnungen von der Bevölkerung geräumt und jüdischen Familien zur Verfügung gestellt werden. Diese verliessen innerhalb kurzer Zeit wieder die Siedlung und wanderten grösstenteils nach Amerika und Israel aus.30

Verschwiegen nach 1945

  

In der Bevölkerung musste vielen bekannt sein, dass es in Münichholz ein Nebenlager von Mauthausen gab. Die Häftlinge waren beim Marsch zu ihren Arbeitsstätten, beim Stollenbau und beim Aufräumen des Bombenschutts öffentlich sichtbar. Trotzdem war das KZ Steyr-Münichholz über Jahrzehnte in der Steyrer Politik, aber auch in der Bevölkerung kein Thema, über das gesprochen wurde. Es gab das grosse Schweigen und das kleine Erinnern.

Erstmals widmete Helmut Retzl 1986 in seinem Buch „Münichholz - Ein Stadtteil im Wandel der Zeit" dem KZ Münichholz einige Seiten.31 Erwähnt werden darin die jüdischen Häftlinge.

1953 KZ Denkmal  errichtet

  

Am 10. September 1948 wurde die Asche von KZ-Häftlingen in einem Sammelgrab auf dem Steyrer Urnenfriedhof beigesetzt. Es handelt sich um 1.805 Urnen. Ein Denkmal mit der Aufschrift ,,Niemals vergessen" erinnert heute daran.32

Im Juni 1953 stellte die „Amicale de Mauthausen", die französische Lagergemeinschaft Mauthausen, mit Unterstützung des KZ-Verbandes Steyr in der Haagerstrasse das KZ-Denkmal auf. Enthüllt wurde es vermutlich am 20. Juli 1953. 1979 übernahm die Stadt Steyr offiziell die Pflege und Betreuung des Denkmals.33 Im März 1993 wurde die letzte KZ-Baracke in Steyr illegal abgerissen. Seit 1991 organisiert das Mauthausen Komitee Steyr die jährliche Befreiungsfeier beim KZ-Denkmal.

                                                                                   

1  Oberösterreichische Gedenkstätten für KZ-Opfer. Eine Dokumentation. Hg. Oö. Landesarchiv, Linz 2001,194; vgl. auch Wolf Gruner, Zwangsarbeit und Verfolgung. Österreichische Juden im NS-Staat 1938-1945 (Der Nationalsozialismus und seine Folgen Bd. 1 Innsbruck 2000)

2  Waltraud Neuhauser - Pfeiffer / Karl Ramsmaier, Vergessene Spuren, Die Geschichte der Juden in Steyr, Grünbach 1998, 191.

3   Florian Freund, Bertrand Perz, Konzentrationslager in Oberösterreich 1938-1945, Linz 2007, 116-117

4   Ebd. 117

5 Waltraud Neuhauser-Pfeiffer, Karl Ramsmaier, a.a.O., 181

6   Ebd. 181-182; vgl. Florian Freund, Bertrand Perz, Konzentrationslager in Oberösterreich 1938-1945, Linz 2007, 118

7  Schreiben Reichsstatthalter in Oberdonau, Regierungspräsident Palten, an Reichsministerium von 06.01.1942, DÖW 11.211, zit. in Bertrand Perz, Steyr-Münichholz. Ein Konzentrationslager der Steyr-Daimler-Puch AG, in: Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes 1989, 58

8 Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 182

9  Freund, Perz, Konzentrationslager in Oberösterreich, 118-120

10  Transportliste von 19.08.1944, In: (Archiv Mauthausen Memorial)  AMM Y/45/B

11  Transportliste von 28.08.1944, In: AMM Y/45/B

12  Freund, Perz, Konzentrationslager in Oberösterreich, 118;  Aufstellung der Häftlinge nach Kranken, Schonungs- und Seuchenkranken vom 21.03. 1945, In: AMM H 14/1

13 Todesmeldung des 3.Marschkommandos, In: AMM B/38/6

14 Transportliste von 23.4.1945, In: AMM B/38/6

15 Otto Heess war von 27. August 1943 bis 6.Mai 1945 Lagerführer von Steyr

16 Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 191-192; vgl. auch Yad Vashem M-9/4 (22)

17 Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 192-193; vgl. auch Yad Vashem  M-9/9 (11)

18  Jose Borras, Histoire de Mauthausen, 205

19 Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 193; vgl. auch Yad Vashem M-9/9 (11)

20  Ebd. 192; vgl. auch Yad Vashem M-9/4 (22)

21  Ebd. 194; vgl. auch Yad Vashem M-9/5 (15)

22 Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 196

23 Harry Freundlich starb am 16.Mai 2010 und ist am Baltimore Hebrew Cemetry begraben.

24  Pfarrchronik Münichholz, 25

25  Freund, Perz, Konzentrationslager in Oberösterreich, 120

26  Datenbank des Mauthausen Komitees Steyr

27  Freund, Perz, Konzentrationslager in Oberösterreich, 120; Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 188

28  Veraschungsbuch der Städtischen Unternehmungen der Stadt Steyr

29 Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 197

30 Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 197

31  Helmut Retzl, Münichholz - Ein Stadtteil im Wandel der Zeit, Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr, Heft 37, Juni 1986, 66-71

32 Neuhauser-Pfeiffer, Ramsmaier, Vergessene Spuren, 197

33 Stadtarchiv Steyr - Registratur: Akt Ges-2967- 1971, Brief des Steyrer Bürgermeisters an die Magistratsabteilung VI von 06.12,1979