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Ausgabe 81

Mythos Schwabing

Ilse Macek (Hrsg.): Ausgegrenzt – entrechtet – deportiert. Schwabing und Schwabinger Schicksale, 1933 bis 1945.


München: Volk Verlag 2008.

640 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, illustriert. Euro 24,50

ISBN 978-3-937200-43-9

 

„Über Schwabing in der NS-Zeit zu lesen, zerstört den Mythos, der sich um diesen berühmtesten Stadtteil Münchens rankt", schreibt die Herausgeberin Ilse Macek in ihrem Vorwort zu dieser umfangreichen Dokumentation, an der 21 Autoren mitgearbeitet haben. Denn „der neuen deutschen Sehnsucht nach einem unbefangenem Nationalgefühl stehen die Toten und Überlebenden von Auschwitz entgegen".

Beginnend mit Erinnerungen an „Schwabing vor 1933" und an „Schwabing unter dem Hakenkreuz", wonach die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Einwohner begann, die erst im Schlusskapitel „Auswanderung, Vertreibung und Raub" endet, werden „schlaglichtartig" Ereignisse aus jenen zwölf Jahren geschildert, die Münchens Vorreiterrolle im NS-Verfolgungs- und Mordsystem dokumentieren. Dabei reihen sich Gespräche, Befragungen, Erlebnisberichte (Oral History) und auch Erkenntnisse aus gedruckten und handschriftlichen Quellen - Zeitungsartikel, Arisierungsakten, Verhörprotokolle, Zeugenvernehmungen u.a.m. - ergänzen aneinander und ergeben so ein vielseitiges Bild des Zeitgeschehens.

Wie hilflos auch die christlichen Kirchen letztendlich dastanden, angesichts der Schicksale „getaufter Juden" und „nichtarischer Christen" in Schwabing, wird ebenfalls in einem eigenen Kapitel behandelt. Bereits 1933 hatte das Naziblatt „Der Stürmer" verkündet: „Taufwasser vermag die Merkmale der jüdischen Rasse nicht abzuwaschen". Dagegen vermochte auch der mutige Brief, den Kardinal Faulhaber an Kardinal Bertram, dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz am 23.10.1936 schrieb, wenig auszurichten: „Wir erklären, dass der getaufte Jude für uns als katholischer Christ anzusehen und nicht nach rein biologischen Gesichtspunkten als Jude zu betrachten ist."

Vom November 1941 bis Februar 1945 wurden aus München insgesamt 3666 jüdische Menschen - Männer, Frauen und Kinder, wobei ihre „religiöse Zugehörigkeit" keine Rolle spielte - von der Sammelstelle Milbertshofen in den Osten deportiert und nach ihrer Ankunft in Kaunas (Kowno) von der SS ermordet.

Das Buch von Ilse Macek und ihren Autoren - Sabine Berendt, Helga Dilcher, Franziska Eck, Brigitte Gmelin, Cornelia Göbel, Walter Grube, Kristina Kargl, Willibald Karl, Albert Knoll, Anna-Jutta Pietsch, Christina Rausch, Holger Schelpmeier, Stella Schlösser, Sigrid Schlüter, Brigitte Schmidt, Verena Schneeweiß, Andrea Weber, Jeanne Weinzierl, Waltraut Wertheimer, Benedikt Weyerer, Christoph Wilker - vermittelt der weiteren NS-Zeitforschung eine Fülle von neuen Fakten und Erkenntnissen, auf die man sich zukünftig stützen kann. Die mühevolle Arbeit an diesem monumentalen, thematisch umfassenden Dokumentarwerk verdient Achtung und Lob.

 

Claus Stephani