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Ausgabe 81

Flucht und Neuanfang

Mark Ettinger: Erinnerungen. Von Warschau durch die Sowjetrepublik Komi nach Astrakhan 1922-1999. Konstanz: Hartung-Gorre 2005.


188 Seiten, Euro 18,50.-

ISBN 3-86628-059-9

 

Mark Ettinger, geboren 1922 in Lodz, erzählt seine Geschichte von Vertreibung, Flucht und Neubeginn in den Wirren des Zweiten Weltkrieges. Seine 1995 aufgezeichneten Memoiren wurden aus dem Russischen übersetzt und geringfügig überarbeitet. Nach einer glücklichen Kindheit erfährt er in den Dreißiger Jahren, wie sich die Lage in Polen und Europa zunehmend radikalisiert. So erzählt der Autor über seine Schwierigkeiten, trotz ausgezeichneter schulischer Leistungen, an der Universität angenommen zu werden. Der deutsche Angriff auf Polen lässt dies alles in den Hintergrund treten. Für die nächsten Jahre wird „Überleben" zum Lebensinhalt der Familie Ettinger. Als sich die deutsche Armee Warschau nähert, muss der Autor mit seinem Vater nach Osten fliehen, kehrt jedoch einige Zeit später wieder zu seiner Mutter und Schwester zurück, ehe die Familie - diesmal für immer - zerrissen wird. 1942 werden Mutter und Schwester in Treblinka ermordet.

Ettinger und sein Vater fliehen erneut aus Warschau in Richtung Sowjetunion und sind dabei ständigen Gefahren ausgesetzt. Doch sie erfahren während ihrer Odyssee auch große Unterstützung und Menschlichkeit, beispielsweise von polnischen Bauern, die ihnen, ohne sie zu kennen, eine Herberge anbieten. Endlich in der Sowjetunion, droht ihnen zwar nicht die Ermordung, doch machen Hunger, NKWD und die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten das Leben zur andauernden Belastungsprobe.

Nach einiger Zeit werden sie 1940 in die Sowjetrepublik Komi umgesiedelt und arbeiten dort bis 1942 als Holzfäller unter harten Bedingungen. Durch das Engagement eines Vorgesetzten bekommt Ettinger schließlich eine Stelle als Pianist beim staatlichen „Gesangs- und Tanzensemble". Von da an steigt Ettinger schrittweise auf und übersiedelt nach einigen Versetzungen 1947 nach Astrakhan, wo er als Dirigent arbeitet und später sogar eine Musikhochschule gründet.

Die Erzählung des Schicksals von Mark Ettinger, ist ein kleiner Ausschnitt aus einer Zeit, in der sich viele ähnlich dramatische Geschichten ereignet haben. Jedoch gleicht keine der anderen. Hierin vor allem liegt die Bedeutung dieser Erinnerungen, die verdeutlichen, dass es schließlich am einzelnen Menschen liegt, zum Guten oder Schlechten anderer zu handeln.

 

Hanns Matiasek