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Ausgabe 81

In einer nahen Entfernung

Nejusch: Das Glück hat mich umarmt. Ein Briefroman. Hg. v. Nea Weissberg - Bob.


Berlin: Lichtig 2008.

300 Seiten, Euro 22,10

ISBN: 978-3-929905-21-2

Die Kinder von Opfern und Tätern, Zuschauern und Mitläufern des Holocaust sind in eine Lebensphase eingetreten, in der die Reflexion über die bisher gemachten eigenen Lebenserfahrungen breiteren Raum einnimmt und wohl erst einnehmen kann. Für die nach 1945 geborenen Nachfahren von Holocaust-Opfern ist es auch die Zeit einer elementaren persönlichen Wendemarke, die zugleich eine historische ist: Die Generation ihrer Eltern, der Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugen, tritt ab. In diesem Zusammenhang steht der Roman „Das Glück hat mich umarmt". Es ist ein Blick zurück auf das eigene Leben, um es zu sortieren. Für eine Zukunft, die selbst gestaltet werden will. „Ausräumen. Aufräumen. Weg mit der Vergangenheit. Ein neues Leben, das wär´s. Ich weiß nicht. So viele Dinge, zu viele, Gedanken, zu viele Andenken. Wer war ich? Worüber habe ich nachgedacht? So viele Leben, so viele Irrtümer...".

Für ihr Werk hat die Autorin das Genre des Briefromans gewählt. Eine Erzählung in Form eines fingierten Briefes deutet schon an, dass die Handlung in einem Dialog entwickelt wird. Ein Dialog, der aus einer Entfernung geführt wird. Der Briefroman ist ein Genre, das im 17. Jahrhundert populär wurde. Goethe nutzte es, um mit seinen „Leiden des jungen Werther" ein Stück zeitlose Literaturgeschichte zu schaffen. In Zeiten schnell ausgetauschter kurzer Mitteilungen via Email oder SMS scheint der Briefroman eine unzeitgemäße Form zu sein. Nejusch zeigt aber, dass er sich ideal dazu eignet, um über Vergangenheit und Gegenwart zu sprechen. In ihrem Roman schreibt sie einem anonym bleibenden Brieffreund, der ein nicht-jüdischer Deutscher ist. Ob er einer realen Person entspricht oder eine fiktive Konstruktion ist, bleibt offen und ist letztlich unwichtig. Wichtig scheint vielmehr zunächst zu sein, dass er, und gerade er, ihr Adressat ist. „ ... ohne einen anderen Menschen", so Nejusch, „verfange ich mich im Gestrüpp der tausend parallelen Leben". Ihm schildet Nejusch ihren Lebensweg: wie sie im Berlin der 1950er und 1960er aufwächst und in den 1970er und 1980er Jahren das Elternhaus verlässt, den Beruf als Lehrerin wählt und eine eigene Familie gründet. Berlin ist zu dieser Zeit die geteilte Nahtstelle des „kalten Krieges" und West-Berlin als ummauerte Randstadt Teil einer prosperierenden, immer vielfältiger werdenden Gesellschaft, in der vieles vergangene durch wirtschaftlichen Erfolg überdeckt wird. Auch im Haus ihrer beruflich erfolgreichen Eltern wird wenig über Zurückliegendes gesprochen. Für Nejusch wird das, wie sie in ihren Briefen zeigt, zu einem zentralen Problem: Die „gute Welt", die ihre Eltern (vor)leben, wird überschattet von einer Vergangenheit, über die geschwiegen werden soll.

Nejusch ist Tochter von polnisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden, die mit ihr nicht über das unsagbare Leid sprechen. Weil sie es nicht können und weil sie es nicht wollen. Nejusch spürt nur Bruchstücke einer großen Qual, erlebt Ungewissheit. Das Verhältnis zu ihren Eltern ist lange von einer dunklen Ahnung bestimmt. Und schließlich dem Wissen, Tochter von Verfolgten zu sein, ohne zu wissen, was sich eigentlich zugetragen hat. Die eigene Identität wird so immer wieder infrage gestellt und bleibt fragil. Wo komme ich her, wo gehöre ich hin? Immer wieder versucht Nejusch, mit ihren Eltern ins Gespräch zu kommen. Und lässt ihren Brieffreund an ihren Bemühungen teilhaben.

Wie groß das Interesse an der Diskussion über die Erfahrungen der nachfolgenden Generationen aneinander ist, zeigte eine Lesung des Romans im Jüdischen Museum Berlin, die auf einen sehr großen Publikumszuspruch stieß. Das Interesse an der in dem Band dargelegten subjektiven Perspektive kommt aus unterschiedlichen Richtungen: Für die Einen ist es eine Stimme, die endlich Raum für Eigenes schafft und eine Entlastung von an sie gestellten Ansprüchen bedeutet. Für die anderen der Blick über den Tellerrand in eine Terra Incognita, von der bisher vielleicht vor allem nur Vorstellungen existieren. Weil der Roman eine subjektive Perspektive zeigt, wirkt er befreiend, ohne Grenzen und Unterschiede zu verwischen. Im Gegenteil: Sie werden konkret, d.h. sicht-, nachvollzieh- und kommunizierbar. Sie zu verstehen heißt, auch die Realität des Holocaust anzuerkennen. Die Perspektive der zweiten Generation in die Gesellschaft zurückzugeben, dazu leistet das Buch einen wichtigen Beitrag. Es ist ein doppelter Grenzgang: ein Schritt in die nicht-jüdische deutsche Gesellschaft und ein Schritt in die jüdische Identität als Nachfahre. Sich selbst dem Anderen verstehbar zu machen, deutet an, vor welchen Aufgaben eine Gesellschaft steht, die die Auswirkungen des Holocaust auf die nachfolgenden Generationen ansatzweise integrieren will und sich selbst dabei verändern wird.