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Ausgabe 76

40 Jahre Steinmetz-Betrieb Schreiber in Wien

Ein Gesprch mit Jiri Schreiber

Tina Walzer


Jiøi Schreiber: Wir sind ein Familienbetrieb mit langer Tradition: Schon mein Großvater führte einen Steinmetz- Betrieb in der Slowakei. Mein Vater ging noch vor dem Krieg nach Prag und lernte dort ebenfalls diesen Beruf. Nach dem Krieg kam er zurück in die Slowakei. Als im Zuge der Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei in Reichenberg (tschech. Liberec) ein Steinmetz- Betrieb leer geworden war, kaufte ihn mein Vater von der tschechoslowakischen Regierung. Er musste dafür jahrelang zahlen. Trotzdem durfte er den Betrieb nicht lange führen, denn in den 1950er Jahren wurde verstaatlicht, und mein Vater in die städtische Steinschleiferei versetzt – als Strafe für seine Selbständigentätigkeit. 1968 flohen meine Eltern mit uns Kindern nach Wien. Sie nahmen sofort Kontakt mit der IKG Wien auf, denn die Familie brauchte dringend Hilfe. Die Kultusgemeinde half meinen Eltern, die ja praktisch nichts hatten, sehr. Bald wurde mein Vater von der IKG Wien gebeten, auf den jüdischen Friedhöfen zu arbeiten. So nahm er seine Tätigkeit als Steinmetzmeister wieder auf. Die Aufträge kamen damals nur von der IKG Wien.


Jiri und Pavel Schreiber vor ihrem Büro am 4. Tor des Wiener Zentralfriedhofes. Foto: Jiri Schreiber.

DAVID: Sie waren von Anfang an in den väterlichen Betrieb eingebunden?

Jiøi Schreiber: Ich selbst arbeitete zunächst als Automechaniker. Als mein Vater Unterstützung im Geschäft brauchte, übernahm meine Mutter die Buchhaltung des Steinmetz- Betriebes, ich selbst besuchte die Berufsschule und lernte nun ebenfalls das Steinmetz- Gewerbe. 1971 stieg ich in den väterlichen Betrieb ein.

DAVID: Womit begannen Sie?

Jiøi Schreiber: Unsere ersten großen Arbeiten bestanden im Freilegen der Straßen beim 1. Tor: auf diesen großen Verbindungswegen lagen viele Grabsteine herum. Innerhalb von 3 Monaten konnten wir sie wieder befahrbar machen; die Arbeiten führten wir gemeinsam mit Arbeitern des städtischen Steinmetz- Betriebes aus.

DAVID: Sie haben auch verschiedene Arbeiten auf dem jüdischen Friedhof Währing durchgeführt.

Jiøi Schreiber: Ja, das war vor vielen Jahren. Damals lebte eine ganze Reihe Obdachloser in den Gruftanlagen unten. Ich weiß gar nicht, wie das möglich war: In dem Gebäude wohnte schließlich ein Polizist mit seiner Familie und kümmerte sich um den Friedhof; er hatte auch einen Schäferhund, der auf dem Areal frei laufen durfte. Jedenfalls wurden die ersten der offenstehenden Gruftanlagen mit Erde zugeschüttet, andere Grüfte wurden mit Betonplatten zugedeckt. Auch die bis dahin praktisch unsichtbaren Wege wurden wieder freigelegt und begehbar gemacht. Das war sehr schwierig, es gab ja keinen Plan des Areals, woraus der Verlauf der Weganlagen ersichtlich gewesen wäre. Wir legten alle Steine, die über die Wege verstreut waren, zur Seite, damit man daran wieder vorbeigehen konnte.

DAVID: Das muss etwa in den 1980er Jahren gewesen sein. Gab es zu jener Zeit Bemühungen, die jüdischen Friedhöfe zu retten?

Jiøi Schreiber: Auch andere Personen engagierten sich sehr. Der Leiter der technischen Abteilung der IKG Wien, Herr Ing. Blaha und Herr Leitner, nahm mich zwischen 1975 und 1980 auf alle jüdischen Friedhöfe mit, in Niederösterreich, im Burgenland, in Oberösterreich und natürlich in Wien. Wir besichtigten ihren Zustand, und einige Gräber renovierte ich damals - in Niederösterreich, im Burgenland, in Oberösterreich, aber zum Beispiel auch am jüdischen Teil des Döblinger Friedhofes.

DAVID: Der Döblinger Friedhof ist ja hinsichtlich der Erhaltung der dort bestehenden jüdischen Gräber auf ewige Zeiten ein spezieller Fall; schließlich handelt es sich um einen Kommunalfriedhof mit anderen Gesetzen als jenen eines jüdischen Friedhofes. Der Bestand dieser Gräber ist daher nicht selbstverständlich auf ewige Zeiten gewährleistet.

Jiøi Schreiber: In den 1980er Jahren transportierte ich die ersten Grabsteine vom Döblinger Friedhof ab. Die IKG Wien hatte den Friedhof aufgegeben. Am 4. Tor bei Gruppe 24, an der Mauer zur Straßenbahn, wurden diese Steine angelehnt. Dort stehen sie heute noch.

DAVID: Welche Art von Arbeiten führen Sie am häufigsten aus?

Jiøi Schreiber: Damals, in den 1980er Jahren, fertigten wir auch viele Gedenktafeln an. Aber grundsätzlich bestehen bis heute 90 Prozent aller Aufträge aus Renovierungsarbeiten. Die neuen Steine, am 4. Tor, bilden nur einen kleinen Teil.

DAVID: Sie verfügen demnach über große Erfahrung im Umgang mit historischen Grabstätten.

Jiøi Schreiber: Ja, bereits mein Vater hat seinerzeit mit seiner eigenen Steinmetz- Firma in Reichenberg den dortigen jüdischen Friedhof renoviert. Die Gemeinde von Reichenberg schrieb ihm sogar einen Dankesbrief. Zu jener Zeit lebten dort aber nur mehr vier jüdische Familien.

DAVID: Ihr Bruder führt mit Ihnen gemeinsam das Familienunternehmen Schreiber.

Jiøi Schreiber: Als meine Mutter starb, übernahm mein Bruder Pavel das Führen der Buchhaltung. Bald danach lernte auch er den Beruf des Steinmetzen. Wir sind ja beide praktisch damit aufgewachsen, da lag dieser Entschluss nahe.

DAVID: Wie entwickelte sich die Firma weiter?

Jiøi Schreiber: Als der Verein „Schalom" ins Leben gerufen wurde, hatten wir zunächst eine schwere Zeit. Wir bekamen keine Aufträge mehr. Dann erging ein Aufruf an die Steinmetz- Innung, sich an einem Aktionstag beim 1. Tor zu beteiligen. An einem einzigen Tag gelang es, sämtliche Steine der Gruppe 5b wieder aufzustellen. Wir waren etwa 60 Leute - zwar nahmen nicht sämtliche Steinmetz- Betriebe Wiens teil, einige verweigerten das, aber von der Simmeringer Hauptstraße waren alle Firmen dabei. Auch die Berufsschule schickte die Schüler der 3. Klasse, die Zuliefererfirmen stellten das Werkzeug zur Verfügung, und die Stadt Wien sorgte mit Gulaschkanonen für unsere Verpflegung. Um 7 Uhr früh begannen wir, um 4 Uhr nachmittags waren wir fertig. Das war eine gute Sache. Die Bemal-Aktionen, mit weißer Farbe Grabsteininschriften nachzupinseln, habe ich nie befürwortet, auf dem Friedhof St. Marx zum Beispiel wäre das nicht erlaubt. Aber es steht zweifelsfrei fest, dass der Verein „Schalom" viel geleistet hat.

DAVID: Gab es auch später noch solche Kooperationen mit anderen Steinmetz- Betrieben?

Jiøi Schreiber: Etwa im Jahre 2003, unter Herrn Ing. Klima von der technischen Abteilung der IKG Wien, bekam ich den Auftrag, gemeinsam mit drei anderen Steinmetz- Betrieben ein Angebot und eine Kostenschätzung für die Öffnung des jüdischen Friedhofes Währing zu erstellen. Vorbild sollte der alte jüdische Friedhof in Prag sein. Einer von uns Steinmetz- Meistern reiste dorthin und untersuchte die dortigen Sicherungs- und Konservierungsmaßnahmen, und auch, wie man in Prag die Ströme von Touristen über das Areal leitet. Es kam zu einer Begehung des jüdischen Friedhofes Währing, an der etwa 15 Personen teilnahmen, darunter auch Herr Dr. Kurt Scholz, bei der wir unser Konzept präsentierten. Die Steine entlang der Wege sollten wieder aufgestellt und renoviert werden, die Wege begehbar gemacht, die Grüfte gesichert, die Trümmerhaufen im östlichen Teil des Areals abgetragen und die daraus noch erhaltenen Grabsteine entlang der südöstlichen Begrenzungsmauer aufgestellt und mit einer erklärenden Tafel versehen werden. Wir hatten für die Durchführung der Arbeiten eine Dauer von einem Jahr vorgesehen. Meine Kollegen fragten dann noch oft nach, wann die Arbeiten beginnen könnten, doch bis heute ist nichts davon geschehen.

DAVID: Der älteste heute in Wien noch erhaltene jüdische Friedhof, in der Seegasse, ist ebenso wie der Friedhof Währing renovierungsbedürftig.

Jiøi Schreiber: Vor nicht allzu langer Zeit bekamen wir den Auftrag eines Nachkommen, auf dem Friedhof in der Seegasse den Grabstein seines Vorfahren instand zu setzen. Die IKG Wien wollte das nicht gestatten und verwies auf den Denkmalschutz. Wir verfügen aber sogar über ein Bild des fraglichen Grabsteins im Originalzustand, vor der Zerstörung, und so können wir den Stein in seinem heutigen Zustand durch die fehlenden Teile originalgetreu ergänzen. Die Arbeiten werden im März beginnen.

DAVID: Der Friedhof in der Seegasse wurde ja in der NS-Zeit abgeräumt: Um die Grabsteine vor der Zerstörung zu retten, transportierte sie die Kultusgemeinde zum 4. Tor des Zentralfriedhofes. Dort wurden sie versteckt und erst Jahrzehnte später wiedergefunden.

Jiøi Schreiber: Als die Gruppe 24 am 4. Tor planiert werden sollte, kamen viele Steine, die aus der Seegasse stammten, zum Vorschein – sie waren dort unter dem Weg vergraben worden. Viele sind bei den Arbeiten kaputt gegangen, viele liegen immer noch dort unter der Erde. Ich machte damals den Vorarbeiter, der sich über Steine beschwerte, die sein Baufahrzeug behinderten aufmerksam, dass er gerade Grabsteine aus dem 15. Jahrhundert zerstörte. Das war ihm ziemlich egal. Also organisierte ich selbst einen Lastwagen, grub die größten Stücke aus und legte sie in die Wiese vor unserem Gebäude. Dort liegen sie bis heute. Rund 250 weitere Steine aus der Seegasse waren entlang der Mauer zum evangelischen Teil des Zentralfriedhofes aufgestapelt, wie Sandwichs, immer vier übereinander. Die Stapel waren ganz überwuchert, ganz versteckt. Wir legten die Steine dann frei, der Amtsdirektor der IKG Wien, Herr Dr. Hodik, nummerierte sie, sie wurden von uns in die Seegasse zurück transportiert und dort nach dem Originalplan Bernhard Wachsteins wieder aufgestellt.

DAVID: Sie möchten auch an der Rettung des jüdischen Friedhofes Währing aktiv mitwirken und können anbieten, dort eine Grabstelle pro Jahr auf eigene Kosten wiederherzustellen.

Jiøi Schreiber: Ja, das ist richtig. Sogar monatlich könnten wir einen Grabstein übernehmen, gratis. Tatsächlich müssen wir ja auch am 4. Tor, wenn wir einen Grabstein neu setzen, oft erst einmal die Nachbargrabstellen stabilisieren und wiederherstellen, und das bezahlt niemand – was wir dort können, können wir auch in Währing!

DAVID: Das ist ein sehr großzügiges Angebot. Der DAVID gratuliert herzlich zu Ihrem Firmenjubiläum und wünscht auch weiterhin viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Tina Walzer