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Ausgabe 112

Denkmäler der jüdischen Gemeinde in Korfu

Elfa SPITZENBERGER


Seit Mitte des 12. Jahrhunderts lebten Juden auf der griechischen Insel Korfu. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Grossteil der jüdischen Bevölkerung im Konzentrationslager Auschwitz ermordet, nur 75 Personen kamen in ihre Heimat zurück und bauten eine neue Gemeinde auf. In der erhaltenen Scuola Graeca finden bis heute Gttesdienste statt.

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Die Scuola Graeca in der Velissariou Strasse.

Erste urkundliche Nachweise einer jüdischen Präsenz in Korfu haben sich aus dem 12. Jahrhundert erhalten. Romanioten - griechisch sprechende Juden - sind bereits seit dem Zeitalter des Hellenismus in der Antike am griechischen Festland nachweisbar. Dazu kamen nach der Rekatholisierung Spaniens und Portugals 1492 und den damit verbundenen Vertreibungen Flüchtlinge von der iberischen Halbinsel bzw. deren Nachkommen. Eine eigene Flüchtlingsgruppe kam dann noch im 16. Jahrhundert, nach der Vertreibung aus Apulien 1540, dazu. Gemeinsam bildeten die spanisch-portugiesischen, italienischen und romaniotischen Gruppen jahrhundertelang den Kern der jüdischen Gemeinde von Korfu. 

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Blick durch den Innenraum auf den Thoraschrein, der an der Westwand des Gebäudes angebracht ist.

Ende des 19. Jahrhunderts zählte diese rund 7.000 Mitglieder. Plünderungen und gewalttätige Attacken auf Juden im Zuge eines antisemitisch motivierten Ritualmordprozesses im Jahr 1891 zerstörten die bis dahin guten Beziehungen zwischen der lokalen griechischen und der jüdischen Bevölkerung. In weiterer Folge emigrierten 5.000 Juden aus Korfu ins ägyptische Alexand-ria und in zahlreiche europäische Städte, unter anderem nach Triest. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde von Korfu nur wenig mehr als 2.000 Personen. 

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Odos Velissariou/Ecke Odos Solomou: Mahnmal (2001)  für die im Juni 1944 von den Nationalsozialisten ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppten 2.000 Juden aus Korfu.

Am 9. Juni 1944 verhafteten die deutschen Besatzer alle korfiotischen Juden: sogar die Kranken holten sie aus den Krankenhäusern, um sie zu deportieren. 1.765 Personen waren betroffen, darunter 300 schwangere Frauen. Die meisten wurden, gemeinsam mit 67.000 weiteren griechischen Juden, in Konzentrationslagern ermordet. Die Gefangenen wurden zunächst auf kleine Boote verschifft. Von Igoumenitsa aus wurden sie mit Lastwägen in den Grossraum Athen verbracht, und weiter, über die Balkan-Route, bis nach Auschwitz transportiert. Am 29. Juni 1944 wurden 1.423 Juden aus Korfu in den Gaskammern ermordet, weitere 446 Männer und 175 Frauen mussten Zwangsarbeit verrichten. Die meisten Zwangsarbeiter starben aufgrund der unmenschlichen Bedingungen, nur 187 Personen wurden bei Kriegsende von den Alliierten befreit. Die meisten Überlebenden emigrierten in die USA oder nach Israel, nur 75 Personen entschieden sich für eine Rückkehr nach Korfu. Heute leben noch rund 60 Juden hier.

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Gedenktafel für den Schriftsteller Albert Cohen (16.08.1895 Korfu – 17.10.1981 Genf)

Im Westen von Korfus Inselhauptstadt Kerkyra liegt das ehemalige Judenviertel Evraiki. Insgesamt vier Synagogen existierten hier. Als einzige ist heute die Scuola Graeca in der Velissariou Strasse erhalten. Ihr ältester bekannter Vorgängerbau stammte aus dem Jahr 1650. In der Palaiologou Strasse gab es drei weitere Synagogen, die von den apulischen Juden erbaut worden waren: die erste, erbaut ca. 1550, wurde Apulische Synagoge genannt, die zweite war kleiner und hiess Neuer Tempel, die dritte war noch kleiner als die zweite und schloss unmittelbar an diese an. Sie hiess Medras, und ihre Ruinen stehen noch heute.