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Ausgabe 112

Humor der jüdischen Tragik

Der Karikaturist Oleg Estis

Alexander ESTIS


Oleg Estis wurde 1964 in einer Moskauer Künstlerfamilie als Sohn des bekannten Künstlers Nikolai Estis geboren. Er absolvierte die Kunstschule und die Staatliche Akademische Kunsthochschule in Moskau.

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Oleg Estis, „Schaukel“, Mischtechnik auf Papier, 1991.

Seine Karikaturen hat er erstmals im Alter von 13 Jahren publiziert; von da an waren seine Werke in russischen und ausländischen Veröffentlichungen vertreten. Vom Jahr 1977 an arbeitete er unter anderem für die Verlage „Detskaja Literatura" („Literatur für Kinder") und „Malysch" („Kindlein") in Moskau sowie „Satukustannus" und „Karto" in Finnland. Seine Arbeiten wurden in den damals populären sowjetischen Zeitschriften „Mursilka", „Weselye Kartinki", „Krokodil«, „Teatr" und „Zdorowje" publiziert. 

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Oleg Estis, „Geist der Musik“, Mischtechnik auf Papier, 1992.

Seit 1985 war er Mitglied der Künstlervereinigung Russlands und zeigte seine Arbeiten auf zahlreichen Ausstellungen (darunter dreissig Einzelausstellungen) in Deutschland, Russland und anderen Ländern. Er war vielfacher Preisträger internationaler Wettbewerbe (Erstplatzierter u.a. beim Internationalen Karikaturenwettbewerb in Belgien und beim Internationalen Festival der Pressezeichnung in Brasilien). Werke des Künstlers befinden sich in zahlreichen privaten Sammlungen und Museen der Welt, darunter im Museum der Modernen Kunst des Instituts für Jüdische Kultur Marc Chagall in Brasilien sowie in der ständigen Exposition des Internationalen Museums für Humor in Gabrovo (Bulgarien).

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Oleg Estis, „Hundebesitzer“, Tusche/Aquarell auf Papier, 1992.

Oleg Estis verstarb im Jahr 1999 in Deutschland. 

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Oleg Estis, „Passant“, Mischtechnik auf Papier, 1991.

Seine Arbeiten erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit, werden gedruckt und ausgestellt.

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Oleg Estis, „Der Flug“, Tusche/Aquarell auf Papier, 1992.

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Oleg Estis, „Paar“, Tusche/Aquarell auf Papier, 1993.

Über sein Verhältnis zum Judentum schrieb Oleg Estis:

„Nationale Angehörigkeit lässt sich auf unterschiedliche Weise erleben und verstehen, und jeder dürfte seine eigene Vorstellung vom jüdischen Volk haben - zumeist eine literarische, sekundäre. Das kann eine Vorstellung sein, die von Marc Chagall geprägt ist oder von Isaak Babel. Ich hatte keine Gelegenheit, die jüdische Kultur zu studieren. Eher wurde ich des jüdischen Lebens gewissermassen in seiner reinen Form teilhaftig. Dieses Leben - mit seinen äusserst alltäglichen Sorgen, mit Markt, Gemüsegarten, Hennen - habe ich in der lieben Provinzstadt Chmilnyk in mich eingesogen, im Alter von 8-9 Jahren, als ich eigentlich ein ganz und gar russischer Knabe war. Und nun, als Erwachsener, glaube ich: Das Interessanteste und Wichtigste in meinem Leben ist der Eindruck, den ich vom Leben im jüdischen Schtetl erfahren habe. Zu gern würde ich in jenes Leben zurückkehren. Nirgends werde ich mich je hinreichend wohlfühlen, ausser in jener Zeit und in jenem Haus, welches es nicht mehr gibt, wie es auch jene Menschen nicht mehr gibt...

In Chmilnyk lebte Onkel Idl, der lebendig herausgekommen war aus jenen Gräben, in denen die gesamte jüdische Bevölkerung des Schtetls den Tod gefunden hatte. Nach dem Krieg verlief sein Leben sehr ruhig, er arbeitete an der Ecke beim Milchmann und fuhr auf einem Gaul durch die Stadt. Onkel Idl kannte Lieder, die im Ghetto gesungen worden waren und die niemand je gehört hatte, weil sie im Ghetto entstanden und ebendort starben. Das waren Klagen. Er hatte sie behalten und sang sie auf jiddisch.

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Oleg Estis, „Der Lesende“, Mischtechnik auf Papier, 1991.

Es ist nicht zwingend notwendig, selbst eine echte Tragödie zu erleben, um die Dramatik von Historie und Kultur zu erkennen. Ich gehöre einer anderen Generation zu, doch ich fühle den Schmerz von Onkel Idl. Und durch seinen Schmerz - das Leiden des ganzen Volkes, der gesamten Geschichte. Ebenso konnte ich über Onkel Idl, über das gewöhnliche Leben eines provinziellen Städtchens die Besonderheiten der jüdischen Welt, des jüdischen Daseins erspüren. Vielleicht bin ich sogar zu Onkel Idl geworden oder zu jenem Haus, in welchem wir in Chmilnyk gelebt haben - irgendwo in meinem tiefsten Innern bestehe ich aus alledem.

Ein Mensch, für den das jüdische Leben als eine Vorstellung existiert, kann sich hervorragend fühlen in Paris, in Moskau, wo auch immer; aber ich mich - allein dort."

Oleg Estis (übs. von Alexander Estis)

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Oleg Estis, „Spaziergang“, Tusche/Aquarell auf Papier, 1992.

Abbildungen: Alle Rechte: Alexander Estis, mit freundlicher Genehmigung.