Aktuelle Ausgabe

Archiv

Buchrezensionen

Leserbriefe
Termine

Abonnements
Spenden

Der Verein
Links

Kontakt

 

Suche

 

 


Artikel:


Buchrezensionen:

Ausgabe 112

Ari heisst Löwe

Der Journalist Ari Rath (1925 Wien – 2017 Wien)

Tina WALZER


Der bekannte jüdische Journalist Ari Rath verstarb am 13. Januar 2017 in Wien. Fast genau zweiundneunzig Jahre zuvor, am 6. Januar 1925, war er in dieser Stadt auf die Welt gekommen. Dazwischen lag ein abenteuerliches Leben. In seinen Erinnerungen Ari heisst Löwe schildert Rath seine wichtigsten Stationen.

h112_027

Mit freundlicher Genehmigung: Zsolnay Verlag.

Ari Raths Eltern kamen im östlichen Grenzgebiet der damaligen Habsburgermonarchie, in Galizien (heute: Ukraine) zur Welt: sein Vater Joseph Rath 1893 in Kolomiya, seine Mutter Laura Gross 1889 in Stryj.1 Die beiden heirateten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Wien, und 1925 wurde ihr zweiter Sohn, Ari, hier geboren. Aus der Piaristengasse 46 zog die Familie bald in die Porzellangasse 50 um. Gemeinsam mit seinem Bruder Jakob Fried hatte der Vater einen Papiergrosshandel, die Firma Fried & Rath. Die Mutter Laura verstarb unter tragischen Umständen bereits 1929 und wurde in der neuen jüdischen Abteilung des Zentralfriedhofs bei Tor 4 bestattet. Grossmutter und Gouvernanten übernahmen die Betreuung der verwaisten Kinder. Die Familie besuchte die Gttesdienste der Synagoge in der Müllnergasse. Raths Vater stammte aus einer angesehenen Rabbinerfamilie, und religiöse Traditionen wurden hochgehalten, wiewohl Rath sein Aufwachsen als eine „typische moderne jüdische Familie der dreissiger Jahre in Mitteleuropa" beschreibt. Nach der Volksschule in der Grünentorgasse besuchte Rath von 1934 bis 1938 das Wasagymnasium. Er schreibt:

„Wieder war ich mit nur neun Jahren und acht Monaten der jüngste Schüler in meiner Klasse, was mich am wenigsten tangierte. Umso mehr störte mich aber, dass ich am Wasagymnasium erstmals mit der antisemitischen Schulpolitik Österreichs in Berührung kam. Ich wurde nämlich der Klasse 1b zugeteilt, die als „Judenklasse" geführt wurde, während die 1a die „Christenklasse" war. Als formellen Grund für diese Klassentrennung, die es bis zu unserem Jahrgang nicht gegeben hatte, wurde der Religionsunterricht angegeben. Eine weitere - allerdings inoffizielle - Begründung lautete, dass die „Christenklasse" sich ohne die öfters „vorlauten" jüdischen Schüler besser entwickeln könne."

Rath erläutert, die Einrichtung eigener Klassen für nichtkatholische Kinder sei mit einem Erlass des damaligen Unterrichtsministers Kurt Schuschnigg verfügt worden, mit dem Resultat, dass evangelische Kinder bei den katholischen verbleiben durften und jüdische bereits ab 1934 in eigens eingerichteten „Judenklassen" abgesondert - statt in die Schulgemeinschaft integriert - wurden.

Flucht

Einige Familienangehörige traten bereits im November 1935 die Auswanderung nach Palästina an. Die nationalsozialistische Machtübernahme am 11./12. März 1938 erlebten Ari und sein drei Jahre älterer Bruder Maxi ohne den Vater, der sich gerade auf einer Geschäftsreise in Berlin befand und erst einige Tage später nach Wien zurückkehren konnte. Der Schulunterricht wurde nach einer Unterbrechung am 22. März wieder aufgenommen, ohne die jüdischen Lehrer - das Wasagymnasium wurde zu einer Sammelschule für jüdische Schüler erklärt und bald zugunsten einer NSDAP-Parteizentrale in die  Kalvarienberggasse umgesiedelt. Nachdem der Bruder in eine der berüchtigten „Reibpartien" geraten war, beschloss die Familie, die Flucht nach Palästina zu planen. Ari trat deshalb der zionistischen Jugendbewegung Makkabi Hazair bei. Im Mai 1938 wurde der Vater verhaftet, ins Sammellager Karajangasse gebracht und nach Dachau verschleppt. Er wurde komplett enteignet, dann aber aus dem KZ Buchenwald freigelassen, und es gelang ihm und allen näheren Familienangehörigen, nach Kuba zu fliehen, und von dort weiter in die USA. Ari sollte seinen Vater erst 1946 wiedersehen. 

Er selbst und sein Bruder durchliefen das Prozedere in Adolf Eichmanns Zentralstelle für jüdische Auswanderung, nachdem sich der erst 17-jährige Bruder einen Ausweis als Funktionär des Keren Kayemet (des Jüdischen Nationalfonds) hatte beschaffen können, und beide bekamen die Bewilligung zur Auswanderung. Am 31. Oktober 1938 entging Ari Rath nur knapp seiner Verhaftung und Deportation zur Zwangsarbeit, am darauf folgenden Tag konnte er die Flucht nach Palästina antreten. Auch dem Bruder Maxi gelang die Flucht nach Palästina. Der Grossmutter Frimtsche, die die Kinder nach dem frühen Tod der Mutter betreut hatte, wurde 1938 die Aufenthaltsgenehmigung für Österreich entzogen, sie musste in ihren Geburtsort Stryj zurückkehren und starb dort während der sowjetischen Besatzung 1940.

Palästina

Am 18. November 1938 kam Rath in Palästina an. Sein Bruder und er beschlossen, ihre Vornamen zu ändern: mit dem Deutsch ihrer Kindheit wollten sie nichts mehr zu tun haben. Aus Maxi wurde Meshulam, aus Arnold wurde Ari. Die Brüder wurden bald getrennt, Meshulam kam in den Kibbutz Gvat, um zu arbeiten, Ari ins Ahawah-Jugendheim, wo seine Erziehung und Schulausbildung abgeschlossen wurde. Danach wurde er von der Kibbutz-Vereinigung an verschiedenen Kibbutz-Standorten zur Arbeit eingesetzt. Im Herbst 1945 begegnete er als junger Kibbutz-Funktionär erstmals Shimon Peres. Viele gemeinsame Aktivitäten in Israels Arbeiterbewegung sollten folgen. Als aktives Mitglied der Jugendbewegung gehörte Rath automatisch zur Haganah, der Verteidigungsarmee der jüdischen Bevölkerung im Untergrund. Bereits mit 15 Jahren erhielt er eine militärische Ausbildung.

Ben Gurion und die Jerusalem Post

Im Herbst 1946 entsandte die Kibbutz- Bewegung Rath in die USA zur zionistischen Jugendbewegung Habonim, um dort junge Amerikaner für das Kibbutz-Leben in Israel anzuwerben. Ari lernte Englisch und hielt Vorträge über das Leben im Kibbutz, betreute Jugendgruppen und Sommerlager, und bewarb die Gründung eines Staates Israel. Im Herbst 1947 begann er mit Teddy Kollek, dem späteren Bürgermeister von Jerusalem, der wie er aus Wien stammte, im Dienste der Politik des Staatsgründers David Ben Gurion zusammenzuarbeiten. Zurück in Israel, betreute er als Madrich für die Kibbutz-Bewegung Gruppen jugendlicher Einwanderer. 1951 wurde er Generalsekretär der Jugendbewegung, zwei Jahre später Sekretär des Kibbutz Chamadiya. Fürs Studium wurde er zwei Jahre freigestellt, zog 1957 nach Jerusalem und trat am 1. Oktober 1958 als diplomatischer Korrespondent bzw. politischer Reporter bei der englischsprachigen Jerusalem Post ein. Für die Zeitung sollte er schliesslich bis zum 30. November 1989 arbeiten. Ein erster Höhepunkt seiner journalistischen Karriere war es, als ihm im März 1960 gelang, als Erster Details vom ersten Treffen des israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion mit dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer in New York in der Jerusalem Post zu berichten. Im Jahr darauf wurde er zum Chef vom Dienst befördert. Zwischenzeitlich berief ihn Shimon Peres zum persönlichen Sekretär Ben Gurions für den Wahlkampf 1965, danach kehrte er wieder zu seiner Tätigkeit bei der Zeitung zurück und war jahrzehntelang einer der bekanntesten und einflussreichsten Journalisten Israels.

Rückkehr nach Wien

Im Oktober 1948 hatte Rath zum ersten Mal wieder Wien besucht und als Ehrengast am 9. November im Musikvereinssaal an einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag der Novemberpogrome teilgenommen, wo der erste Konsul Israels in Österreich, Daniel Kurt Lewin sagte: „Für uns ist ganz Europa ein grosser Friedhof. Wir können hier nicht mehr leben. Wir werden den Staat Israel aufbauen." Jahrzehnte später, drei Monate nach der Wahl Kurt Waldheims 1986 zum österreichischen Präsidenten, lud die Stadt Wien Rath zu einem einwöchigen Aufenthalt ein, die er annahm. 1988 kehrte er zum Gedenktag an die nationalsozialistische Machtübernahme als Zeitzeuge zurück. Nach seiner Pensionierung bei der Zeitung unternahm er häufig Reisen nach Österreich. Im Juni 2005 entschloss er sich schliesslich, die österreichische Staatsbürgerschaft wieder anzunehmen, ab 2010 lebte er einen Teil des Jahres wieder in seiner Geburtsstadt Wien. Am 29. November 2011 wurde Rath im Parlament das Grosse Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik verliehen. In einem seiner letzten Sätze der Erinnerungen schreibt er dazu: „Wie viele tausend österreichische Juden meiner Generation und ihre Eltern hätten mit Begeisterung diesem Land zu Ruhm und Glanz verholfen, hätte man ihnen eine Chance gegeben." 

Ari Rath hat sich im Gedächtnis Wiens eingeschrieben.

Ari Rath, Ari heisst Löwe. Erinnerungen. Wien: Zsolnay Verlag 2012. ISBN 978-3-552-05585-8

1  Zu Stryj siehe auch den Beitrag von Alexander Barthou auf Seite 58ff dieser Ausgabe.