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Ausgabe 112

Mehr als 500 Jahre jüdischer Vergangenheit in Lundenburg

(heute Brečlav1, Tschechische Republik)

Tina WALZER


Das Grenzstädtchen nahe dem Zusammenfluss von Thaya und March ist seit Jahrhunderten ein Gabelungspunkt zwischen Ost und West. Lundenburg ist die älteste Bahnstation Mährens. Seit Rothschilds Zeiten führt hier ein Gleis über Ostrau (heute: Ostrava, Tschechische Republik) nach Galizien, das andere in den Westen: Über Brünn und Pardubice gelangt man nach Prag. 

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Der Bürgermeister und Kultusvorsteher der jüdischen Gemeinde Lundenburg, David Kuffner (1796 - 1871). Quelle: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart. Ein Sammelwerk. Brünn: Jüdischer Buch- und Kunstverlag1929, S. 325.

Juden siedelten in dieser fruchtbaren Gegend jedenfalls seit dem Mittelalter: ins Jahr 1411 zurück datiert die erste bekannte urkundliche Erwähnung von Juden in Lundenburg. Die wenige Jahre später, während der Wiener Geserah 1420/21, aus Wien Vertriebenen flüchteten nicht nur Richtung Ungarn, sondern auch in die mährischen Städte und Märkte dieser Grenzregion. Bereits im 16. Jahrhundert ist eine Synagoge in Lundenburg bezeugt, 1572 hielten die jüdischen Vorsteher Mährens unter dem Vorsitz des berühmten Rabbiners Jehuda Löw ben Bezalel (ca. 1512/1525 - 1609) ihre Generalsynode in Lundenburg ab. Trotz wiederkehrender Verfolgungen bildeten Juden in mährischen Gemeinden bisweilen die Hälfte der Einwohnerschaft, wie im Falle von Nikolsburg (heute: Mikulov, Tschechische Republik), dem Sitz der einst weltberühmten Jeschiwa.2 Erst nach 1848 ändert sich das, als der Zug der Migranten wieder in die andere Richtung ging, zurück nach Wien. In der Ringstrassen-Ära setzten sie der Reichshaupt- und Residenzstadt neue Glanzlichter auf: Aus Bisenz (heute: Bzenec) kamen die Gallia, aus Nikolsburg die Auspitz, aus Göding (heute: Hodonín) die Redlichs, und aus Lundenburg kam die berühmte Branntweiner- und Bierbrauerdynastie Kuffner.

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Blick über den jüdischen Friedhof in Breclav. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

Ob die Kuffners nun Gründungsmitglieder der jüdischen Gemeinde Lundenburgs am Anfang des 15. Jahrhunderts waren, ist nicht gesichert. Nach der Zerstörung der Gemeinde während des Dreissigjährigen Krieges kam es im Jahre 1651 zur Neugründung, und bald darauf finden wir Samuel von Butschowitz, den Ahnherrn der Kuffners, in Lundenburg. Sein Sohn Juda Löb (gest. 1730) durfte bereits Bauland inmitten der Ortschaft erwerben, einer Legende nach dank seiner meisterhaften Beherrschung des Schachspieles: Juda Löb wurde herbeigerufen, um seinem Grundherrn, Fürst Josef Wenzel zu Liechtenstein (1696 - 1772) in einem nahezu aussichtslosen Spiel gegen einen französischen Gesandten aus der Patsche zu helfen. 

Nicht nur für die Juden waren die Zeitläufte schwierig. Lundenburg wurde regelmässig von Pest und Cholera heimgesucht, die Türken fielen ein, die Kuruzzen, auch zogen die Auswirkungen der napoleonischen Schlachten nicht spurlos vorüber. Die jüdische Gemeinde konnte aufgrund der Familiantengesetze3 nicht wachsen. Maximal 66 jüdische Familien durften in Lundenburg leben.

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Das Grabmal der Familie Kuffner auf dem jüdischen Friedhof Lundenburg, errichtet vom Wiener Architekten Franz Neumann jr. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

Berühmte jüdische Lundenburger

Nach 1848 wurden auch hier die diskriminierenden Massnahmen aufgehoben. Die jüdische Gemeinde unter ihrem Bürgermeister und Kultusvorsteher David Kuffner (1796 - 1871) baute sich 1868 ein grösseres Gotteshaus im neoromanischen Stil, dekoriert mit maurischen Versatzstücken. 417 Sitzplätze fanden sich im Tempel, der schon zwei Jahrzehnte später vom bekannten Wiener Architekten Max Fleischer (1841 Prostejov - 1905 Wien) umgebaut wurde und sein heutiges Aussehen erhielt. Davids Neffe, Ignaz Edler von Kuffner (1822 Lundenburg - 1882 Ottakring), der 1850 mit seinem Cousin Jacob (1817 Lundenburg - 1891 Ober-Döbling) die kleine Brauerei Plank in der Ottakringer Vorstadt kaufte und diese zur führenden Wiens machte, liess in Verbundenheit mit seinem Geburtsort Lundenburg das Aufbahrungshaus (Tahara-Haus) samt Nebengebäuden aufwendig durch seinen Wiener Haus- und Hofarchitekten Franz Neumann jr. (1844 Wien - 1905 Wien) errichten. Die mit hochwertigsten Klinkerziegeln errichteten Bauten scheinen der Ewigkeit zu trotzen. Selbst nach fünfzig Jahren völliger Vernachlässigung zeigen sie heute noch die edle Fassade. Als Ignaz 1882 in Wien als Bürgermeister Ottakrings starb, liess er sich nach Lundenburg überführen und im von Franz Neumann entworfenen Grab beerdigen. 

Die Vorfahren von Leo Baeck (1873 Leszno, Polen - 1956 London) stammen aus Lundenburg, der österreichische Parlamentarier Wilhelm Ellenbogen (1863 Lundenburg -1951 New York) wurde hier als Sohn des David Ellenbogen (1834 Ivančice - 1902 Wien), Lehrer und Vorstand der jüdischen Schule, geboren. Der Sprachenforscher Franz Josef Beranek (1902 Lundenburg - 1967 Giessen) ist ebenfalls hier geboren. Neben seinen Werken „Vom Lundenburger Deutsch" und „Die Mundart von Südmähren" brachte er bereits 1935 sein Werk zu den jiddischen Dialekten der Tschechoslowakei heraus, und nach seiner Vertreibung als Deutschsprachiger das Standardwerk „Westjiddischer Sprachatlas" (1965). 

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Das Friedhofswärter-Haus, das Franz Neumann jr. 1892 im Auftrag der Familie Kuffner beim jüdischen Friedhof Lundenburg erbaute. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

Das Tahara-Haus, das Franz Neumann jr. 1892 im Auftrag der Familie Kuffner beim jüdischen Friedhof Lundenburg erbaute. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

1914 - Gegenwart

Während des Ersten Weltkrieges nahm Lundenburg vorübergehend tausende jüdische Flüchtlinge aus der Bukowina und Galizien auf. Nach 1918 schrumpfte die Gemeinde kontinuierlich, wiewohl die Gemeinde-infrastruktur erhalten blieb. Als Rabbiner diente Dr. Heinrich Schwenger (1879 Kejzlitz bei Humpolec, Böhmen - 1942 KZ Lódz), dem wir auch eine detaillierte Darstellung der Geschichte der Juden in Lundenburg verdanken (in: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Ein Sammelwerk, Brünn 1929).

Als durch das Münchner Abkommen Lundenburg dem Gau Niederdonau zugeschlagen wurde, lebten in Lundenburg etwa 400 Juden. Einem Teil von ihnen gelang die Flucht, die anderen wurden grossteils in die Halle der ehemaligen Lederfabrik von Max Sinaiberger in Eibenschitz (heute: Ivančice, Tschechische Republik) gesperrt und von dort weiterdeportiert. 

Der Bahnknotenpunkt Lundenburg erlebt im November 1944 ein schlimmes Bombardement, welches auch das ehemalige jüdische Viertel traf. In den 80er Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts begann die kommunistische Stadtverwaltung mit der Liquidierung des jüdischen Friedhofes, die aber durch die Wende des Jahres 1989 noch gestoppt werden konnte. Jahre danach nahm die Stadt als Eigentümerin die Renovierung der Synagoge, die nun als Ausstellungsgebäude dient, in Angriff. Im oberen Stockwerk kann man eine Dauerausstellung zur Geschichte der Lundenburger Juden sehen. Zum Andenken an die Familie Kuffner wurde das rechte Thaya-Ufer nach ihr Kuffnerovo Nábrezí benannt.

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Lundenburgs Umgebung

Lundenburg ist Ausgangspunkt für die Erkundung des einzigartigen, grössten Landschaftsparks Mitteleuropas, den die Liechtensteins im 18. Jahrhundert in den Auwäldern der Thaya anlegen liessen. Entlang einer sechs Kilometer langen, schnurgeraden Kastanienallee, welche die Schlösser Feldsberg (tschech. Valtice) und Eisgrub (tschech. Lednice) verbindet, haben  die liechtensteinischen Hofarchitekten Joseph Hardmuth (1758 Asparn/Zaya - 1816 Wien), Josef Kornhäusl (1782 Wien - 1860 Wien, auch Architekt des Wiener Stadttempels) und andere Tempelanlagen, Jagdschlösser und Gutshöfe platziert. Besonders sehenswert ist das achtundsechzig Meter hohe Minarett, von dem man einen wunderbaren Ausblick bis zu den Weissen Karpathen und den Hügeln des Wienerwaldes hat.

In Eisgrub gab es einst ebenfalls eine jüdische Gemeinde. Der berühmte Architekt Joseph Hardmuth entwarf die Synagoge, die in den 1960er Jahren abgerissen worden ist. Der Friedhof aus dem 17. Jahrhundert wurde im Jahr 1980 liquidiert, lediglich zwei Grabsteine blieben erhalten. Im nahegelegenen Mikulov kann man den berühmten jüdischen Friedhof besuchen und die letzte gänzlich erhaltene Synagoge (zwölf weitere Synagogen zerstörten die Kommunisten hier in den 1950er Jahren) der einst weltberühmten jüdischen Gemeinde. 

Literatur: 

Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart. Ein Sammelwerk. Brünn: Jüdischer Buch- und Kunstverlag1929.

Jirí Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia. Prague: Sefer 1991.

Jaroslav Klenovský, Zidovské památky Moravy a Slezska (Jewish Monuments of Moravia and Silesia). Brno: Era 2002.

Nähere Informationen zur Synagoge: 

http://www.muzeumbv.cz/synagoga/

tel.: +420 519 323 050

email: info@muzeumbv.cz

1 Aus drucktechnischen Gründen muss auf die Wiedergabe diakritischer Zeichen verzichtet werden.

2 Hochangesehene Rabbiner aus Nikolsburg leiteten in den folgenden Jahrhunderten jüdische Gemeinden in ganz Mitteleuropa, unter anderem im österreichisch-ungarischen Grenzgebiet - der berühmteste ist wohl Moses Schreiber (1762 - 1839), besser bekannt als Chatam Sofer, in Pressburg (heute: Bratislava, Slowakei; vgl. auch den Artikel in diesem Heft, Seite 54.)

3 Familiantengesetz: Teil einer diskriminierenden Minderheiten-Gesetzgebung der Habsburger in Mähren (Hofdekret vom 24.10.1726), die zum Ziel hatte, die Gesamtzahl der jüdischen Einwohner dauerhaft zu beschränken. Damit wurde auf die jüdische Bevölkerung Druck ausgeübt, das Land zu verlassen. Die jüdische Einwanderung nach Wien seit dem Toleranzpatent Josephs II. Ende des 18. Jahrhunderts aus Mähren bestand hauptsächlich aus jungen Paaren, denen in ihren Heimatgemeinden die Eheschliessung durch das Familiantengesetz verunmöglicht war, und die daher ihr Heil in der vergleichsweise fernen Reichshaupt- und Residenzstadt suchten. Über Wasser hielten sie sich dort mit dem Handel der vor allem agrarischen Produkte ihrer Herkunftsgemeinden.