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Ausgabe 111

Das Hotel Metropole

Von den Gründungsvätern zu den Opfern des NS-Terrors

Ursula PROKOP


Es gibt wohl wenige Bauten in Wien, die im Rahmen der NS- Judenverfolgung in Wien so traurige Berühmtheit erlangt haben wie das „Hotel Metropole" am Morzinplatz. Als Sitz der Gestapo- Leitstelle haben hier unzählige Menschen Schreckliches durchgemacht. Aufgrund dessen ist diese späte Periode des Hotels auch sehr gut aufgearbeitet, aber relativ wenig ist über die Anfänge und die Persönlichkeiten, die in den Gründungsjahren eine wichtige Rolle gespielt haben, bekannt. 

Die Planung des Hotels war von einer grossen Aufbruchsstimmung geprägt. In Hinblick auf die Weltausstellung von 1873 kam es in Wien, das bis dahin in touristischer Hinsicht über eine eher schlechte Infrastruktur verfügte, in den Jahren zuvor zu einem wahren Hotelboom. In Erwartung guter Gewinne investierten nicht wenige finanzkräftige Persönlichkeiten in diese Branche. Darunter Gustav Leon Ritter von Wernburg (1839-1898), der aus einer gut situierten jüdischen Unternehmerfamilie stammte. Gustav Leon war an zahlreichen Betrieben, wie dem Textilgrosshandelshaus „Jacques Leon und Söhne", der Eisengiesserei Philipp Waagner (Vorläufer der heutigen Fa. Waagner & Biro) und anderen mehr beteiligt, darüber hinaus war er sogar für einige Jahre als  Reichsratabgeordneter (1885-1888) tätig. In seinem von Heinrich Ferstel erbauten Palais am Schottenring 17 kann man noch heute seine im Terrazzoboden eingelassenen Initialen sehen.1 Ein weiterer Unternehmer, der sich in dieses Projekt einbrachte, war Viktor Ofenheim von Ponteuxin (1820-1886), gleichfalls einer der grossen Ringstrassenbarone jüdischer Herkunft, der  jedoch bereits katholisch erzogen worden war. Ofenheim hatte insbesondere auf dem Gebiet des österreichischen Bahnwesens Wesentliches geleistet und wurde daher oftmals als „Cäsar der Eisenbahngründer" bezeichnet.2 Auch an seinem Palais am Schwarzenbergplatz 15, das seinerzeit zu den elegantesten Ringstrassenbauten zählte, hat er bis heute seine Spuren hinterlassen. An den Keilsteinen der Fensterumrahmungen kann man Maskeronen, deren Mützen mit geflügelten Rädern (als Symbole der Bahn) versehen sind, bewundern. Beide Unternehmer waren als Hauptaktionäre der „Hotel Sacher-AG"  und der „Hotel Metropole-AG", die 1871 ins Leben gerufen wurden, an den bedeutendsten Hotelprojekten dieser Jahre beteiligt. 

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Initialen Leo von Wernburgs  im Terrazzoboden seines Palais. Foto: Prokop, mit freundlicher Genehmigung.

Die Hotel Metropole-Gesellschaft konnte sich mit dem Erwerb des Areals am Morzinplatz eine der besten Lagen in Wien sichern, da durch die gerade erfolgte Regulierung des Donaukanals neuer, hochwassersicherer Baugrund erschlossen wurde. Als Architekt fungierte Ludwig Tischler (1840-1906), der damals Chefarchitekt der Wiener Baugesellschaft war, die das Hotel errichtete. Darüber hinaus galt er als Spezialist auf dem Gebiet des Hotelbaus. Gleichzeitig war er noch mit dem Bau mehrerer Hotels in Wien und vor allem auch mit dem Umbau des Palais Württemberg zum Hotel Imperial befasst - allein dieser Umstand zeigt, wie hektisch damals in Wien gebaut wurde. Von der gerade im Ausbau befindlichen Ringstrasse gar nicht zu sprechen. Tischler sollte auch späterhin noch zahlreiche Hotels errichten, darunter das Hotel „Gasteinerhof" in Bad Gastein und das prachtvolle „Imperial" in Ragusa/Dubrovnik, die beide noch erhalten sind. 3 Mit Gustav Leon arbeitete Tischler des Öfteren zusammen, so errichtete er in dessen Auftrag unter anderem noch 1887 den „Herminen-Hof" am Franz-Josefs-Kai, gegenüber dem „Hotel Metropole"  - damals der grösste Miethausblock in Wien überhaupt.4 Obwohl selbst ein Katholik, war Tischler auch für den Bau einiger Synagogen, wie den Tempel in der Hubergasse, und die Renovierung der griechisch- orthodoxen Kirche verantwortlich.

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Viktor v. Ofenheim. Quelle: Wikipedia.

Im April 1873, gerade einen Monat vor Beginn der Wiener Weltausstellung im Prater, wurde das „Metropole" fertiggestellt und festlich unter Teilnahme von Johann Strauss und seines Orchesters eröffnet. Das Hotel, das mit seiner eleganten Eingangsfassade ein Glanzstück der Wiener Ringstrassenarchitektur war, lag damals in einem kleinen Park  mit „schönster und gesündester Lage in Wien" und bot einen freien Blick auf den Kahlenberg. 5 Zudem hatte es den ungeheuren Vorteil, dass eine Dampfschiffstation am Donaukanal unmittelbar davor lag. Vierhundert Zimmer für rund 500 Gäste boten damals den höchsten Komfort, der durch zahlreiche Einrichtungen im Erdgeschoss ergänzt wurde: neben zwei eleganten Restaurants und einem Damen- und Herrensalon erstreckte sich eine Art von „Shopping mall" von rund 60  Geschäftslokalen entlang der Strassenfronten.6 Sogar eine eigene Telegrafenstation befand sich im Haus. Als Leiter holte man einen erfahrenen Experten, Herrn Ludwig Speiser, der bis dahin das berühmte „Hotel Baur au Lac" in Zürich geführt hatte. Länger als ein Vierteljahrhundert sollte dieser dann das „Metropole" äusserst erfolgreich leiten. In diesen Jahren stiegen Fürsten, Aristokraten und ausländische Potentaten hier ab - es war die Welt der Schönen und Reichen. 

Möglicherweise aufgrund des Umstandes, dass ein Teil der Aktionäre Juden, bzw. jüdischer Herkunft, waren,7 aber vielleicht auch infolge seiner Lage, die sich am Rande des jüdisch geprägten Textilviertels und gleich gegenüber der Leopoldstadt befand, wurde das „Metropole" oft als das „jüdische Sacher" bezeichnet. Tatsächlich war es auch ein beliebter Ort für die Abhaltung von  jüdischen Festen. Im Gegensatz zu vielen anderen Wiener Hotels überstand das „Metropole" mehrere Krisen: nicht nur den grossen Börsenkrach in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, auch in der schwierigen Zeit des Ersten Weltkrieges gelang es, den Hotelbetrieb weiter zu führen. Nur in den allerletzten Kriegsmonaten musste das Restaurant infolge von Lebensmittelmangel seine Pforten schliessen.  Ebenso konnte in den wirtschaftlich schlechten Jahren der Zwischenkriegszeit das Hotel weiter bestehen. Zeitbedingt diente es jetzt weniger als Absteige für Aristokraten, sondern für die grossen Stars der Sportwelt. 

Im Laufe der Jahre waren die Besitzverhältnisse einem häufigen Wechsel unterzogen. Mitte der zwanziger Jahre waren Markus Friediger und die Familie Klein die Hauptaktionäre, wobei Elisabeth Klein als Generaldirektorin fungierte und auch im Hotel wohnte. Als rund zehn Jahre später Robert Feix, ein Verwandter von Friediger, die Aktienmehrheit übernahm und eine Renovierungen des in die Jahre gekommenen Hotels in Angriff nehmen wollte, kam es allerdings nicht mehr dazu. Das „Metropole" war eine der allerersten Immobilien die nach der Machtergreifung der Nazis 1938 beschlagnahmt wurden. Neben den jüdischen Eigentümern dürfte auch die Nähe zur Polizeihauptwache der sog. „Liesl" an der Rossauerlände  (ehemals an der Elisabethpromenade gelegen - deswegen diese volkstümliche Bezeichnung) eine Rolle gespielt haben. Bereits zwei Wochen nach dem sog. „Anschluss" am 26. März wurde das Hotel von der Gestapo beschlagnahmt um hier die Leitstelle einzurichten. Einigen Bewohnern blieben nur 24 Stunden um auszuziehen. Darunter auch Elisabeth Klein, deren Tochter es nur mit Mühe gelang einige ihrer Besitztümer zu retten.8 Das noch reichlich vorhandene Hotelinventar wurde an diverse „Lebensborn- Heime" verteilt.

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Hotel Metropole. Quelle: Allg. Bauzeitung 1878.

Die Gestapoleitstelle auf dem Morzinplatz zählte mit bis zu 950 Mitarbeitern zu den grössten des Deutschen Reiches überhaupt. Die Zimmer wurden in Zellen, dem sog. „Hausgefängnis" umfunktioniert, im Keller wurde verhört und gefoltert. Einer der ersten Insassen war Louis de Rothschild, der bereits einen Tag nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht am 12. März bei dem Versuch der Ausreise am Flughafen verhaftet wurde. Zuerst auf der Hauptpolizeiwache, der sog „Liesl", interniert, wurde Louis de Rothschild - offenbar sobald die „Räumlichkeiten" zur Verfügung standen -  in die Gestapozentrale verlegt.9 Erst nachdem man ihm alles in Österreich befindliche Vermögen abgepresst hatte, wurde Louis de Rothschild nach mehr als einem Jahr Haft im Juli 1939 entlassen. Stefan Zweig thematisierte diese Ereignisse in seiner Schachnovelle sehr sensibel, wobei er mittels seines fiktiven Helden und dessen langwährender Inhaftierung, die ihn zur manischen Beschäftigung mit dem Schachspiel treibt, auf die Rothschild-Episode anspielt.10 Louis de Rothschild sollten noch zahlreiche prominente Österreicher folgen, wie Kurt Schuschnigg, Bruno Kreisky, Käthe Leichter und viele andere mehr. Generell hatte die Leitstelle einen täglichen „Parteienverkehr" von 450 bis 500 Personen, insgesamt waren rund 50.000 Menschen betroffen.11

Aber die überwiegende Zahl der Einvernommenen waren keine Prominenten, sondern „kleine Leute". Stellvertretend für diese Vergessenen soll hier das schreckliche Schicksal von Leopold Schulz (1883-1945) erwähnt werden. Dieser war ein kleiner Baumeister, der fallweise auch als Architekt tätig war und sich in der Zwischenkriegszeit mehr schlecht als recht durchschlug, einzig zwei kleinere Wohnhausanlagen des Roten Wien sind namentlich dokumentiert. Nach der Machtergreifung der Nazis erhielt er als Jude Berufsverbot, verabsäumte es aber zu emigrieren, und als 1941 die Deportationen begannen, versteckte er sich bei seiner „arischen" Lebensgefährtin. Als die Wohnung 1944 ausgebombt wurde, kam seine Existenz als „U-Boot" ans Licht. An die Gestapo verraten, verbrachte er mehrere Monate in Untersuchungshaft am Morzinplatz. Im Februar 1945 wurde er in das KZ- Mauthausen überstellt, wo er kurz darauf - eine Woche vor der Befreiung - an den Folgen der Misshandlungen verstarb. 12

Die Leitstelle war bis April 1945 ungeachtet zweier Bombentreffer in Betrieb. Der Bau wurde durch die Kriegsereignisse nur teilweise zerstört, und erst nachdem die Gestapo das Gebäude geräumt hatte, wurde es von der SS in Brand gesetzt, und die Akten wurden vernichtet. Heute befindet sich an seiner Stelle die Wohnanlage des Figl-Hofes, offenbar in Erinnerung daran, dass auch der ehemalige Bundeskanzler Leopold Figl zu den politisch Verfolgten gezählt hatte. An die berüchtigte Gestapoleitstelle erinnert heute nur mehr eine Gedenktafel, die 1975 von Simon Wiesenthal enthüllt wurde.

1  Wiener Zeitung 17.2.1898 (Nachruf)

2  Österreichisches biographisches Lexikon, Bd. 7, 1978

3  Siehe dazu, Ludwig Tischler, in: www.architektenlexikon Wien 1770-1945

4  Auch durch ihren Bekanntenkreis waren die beiden verbunden. Tischler gab über Jahre gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Carl von Lützow das dreibändige Werk „Wiener Neubauten" (1874-1891) heraus. Gustav Leon wiederum war in zweiter Ehe mit der Tochter von  Lützow verheiratet und ist anlässlich dieser Eheschliessung konvertiert.

5  Auch der Herminenhof wurde zu Ende des 2. Weltkrieges zerstört. 

6  Allgemeine Bauzeitung 44.1879, S.91f und T.76f

7  Ein weiterer Hauptaktionär war  noch Alexander Lippmann (1833-1899), Direktor der Real-Creditbank, der ebenfalls jüdischer Herkunft war, aber später konvertierte. - siehe dazu auch S. Bergler, Für den Gast einen Palast, in Ringstrasse - ein jüdischer Boulevard (Kat.), Wien 2015, 202f

8  B. Bailer u. a., Die Gestapo als zentrales Instrument des NS-Terrors in Österreich, in: Opferschicksale, Widerstand und Verfolgung (Hg. DÖW), Wien 2013, S.160ff

9  Siehe dazu F. Helman-Jelinek, Die Arisierung des Rothschildschen Vermögen in Wien und ihre Restituierung nach 1945, in: Die Rothschilds (Kat.), Frankfurt 1955, S.355ff

10  Zweig schrieb diese Novelle  zwischen 1938-41, obwohl seit Jahren im Exil lebend, wusste er aber offenbar um die Wiener Geschehnisse sehr gut Bescheid. Die Novelle war tragischerweise sein letztes Werk und ist bis heute eine seiner Bekanntesten. In den sechziger Jahren wurde die Erzählung mit Curd Jürgens verfilmt.

11  Siehe auch E. Klamper, Die Gedenkstätte für die Opfer der Gestapo Wien, in DÖW Mitteilungen, Folge 202, Juli 2011

12  U. Prokop, Zum jüdischen Erbe in der Wiener Architektur, Wien 2016, S.223ff