Aktuelle Ausgabe

Archiv

Buchrezensionen

Leserbriefe
Termine

Abonnements
Spenden

Der Verein
Links

Kontakt

 

Suche

 

 


Artikel:


Buchrezensionen:

Ausgabe 111

Vom Überleben im Exil

Bernd Schuchter


Dominik Hofmann-Wellenhof: Autobiographische Darstellungen von Identitätskrisen im Exil. Frederic Mortons und Ruth Klügers Suche nach Brücken in einer neuen Heimat

Innsbruck-Wien-Bozen: Studien Verlag 2016

176 Seiten, broschiert, Euro 24.90

ISBN 978-3-7065-5464-0

Eigentlich wollte Dominik Hofmann-Wellenhof seine Dissertation über Gesellschaftskritik in Comics, vor allem in Bill Wattersons Calvin und Hobbes, schreiben; doch das Thema entzog sich ihm, durch Zufälle wurde er auf Frederic Morton und seine Autobiografie Runaway Waltz hingewiesen, bekam ein Stipendium in den USA und vertiefte sich in die Schicksale von Exilschriftstellern, die vor oder während des Zweiten Weltkriegs emigrieren mussten und ihre Erfahrungen in autobiografischen Büchern zu reflektieren versuchten.

Ein Glücksfall, denn entstanden ist ein sehr persönliches Buch über die Annäherung an die Biografien von zwei der bekanntesten und meistgelesenen, dennoch in Aspekten unbekannten österreichischen AutorInnen des 20. Jahrhunderts: Frederic Morton (1924-2015) und Ruth Klüger (geb. 1931).

Natürlich geht es um die Möglichkeiten autobiografischen Schreibens im Allgemeinen und darum, inwieweit die AutorInnen dabei authentisch sein können oder scheitern müssen; welche Stilmittel sie verwenden, welchen Hindernissen sie im Schreiben begegnen. Doch Ruth Klüger und Frederic Morton sind darüber hinaus Autoren, denen das Wort gehorcht, die sich ihre Geschichte „machen", allen Widerständen zum Trotz. Morton als ein Emigrant, der sich vollends auf Amerika und sein neues Leben einlässt und die Sprache wie im Schlaf erlernt, der Karriere macht, weil und nicht obwohl er sich durchaus bewusst ist, dass diese Karriere etwas ist, das ihn von seiner Herkunft trennen wird. Ruth Klüger hingegen bleibt - endlich im Exil, den Konzentrationslagern der Nazis gemeinsam mit ihrer Mutter entkommen - kritisch, hinterfragt die neue Heimat, den american way of life, fühlt sich fremd und in der Fremde doch ganz zu Hause, eine ewig Flüchtende.

Auch Morton kennt dieses Gefühl und es ist spannend, wie Hofmann-Wellenhof dieses Gefühl der Verlorenheit, der Heimatlosigkeit einfängt und Spuren davon sowohl in Mortons Runaway Waltz als auch in Klügers Weiter leben findet.

Es geht um den Begriff der Identität, der für die Exilierten sehr stark mit der Muttersprache zusammenhängt, die beide Autoren verloren haben, nein, die ihnen beiden geraubt wurde und in der sie beide dennoch über die Jahre weiterschrieben, der sie treu blieben wie dem Grätzel in Wien, das ihre Kindheit bedeutete. Es sind Kämpfe, die hier beschrieben werden, um Anerkennung, um die Möglichkeiten einer Herkunft, von der man nur mehr eine vage Vorstellung hat. Bei Ruth Klüger manifestiert sich das an Vater und Bruder - die beide den Holocaust nicht überlebt haben und denen genau das zum Vorwurf gemacht wird von der Autorin, nicht ohne zu erwähnen, dass dem ein Streit zwischen der knapp Sechsjährigen und dem Vater vorausgegangen ist. Sprachlos bleibt man da zurück und wundert sich. 

Die Wunden mögen von Schorf überwachsen und bedeckt sein, geheilt sind sie nicht. Das autobiografische Schreiben hilft den Autoren - und mit ihnen den Lesern - als Therapie nur insoweit, als die Schmerzen fassbar sind. Sobald kein Verstehen für die unmenschlichen Verbrechen mehr möglich ist, schweigt auch die Erinnerung.