Aktuelle Ausgabe

Archiv

Buchrezensionen

Leserbriefe
Termine

Abonnements
Spenden

Der Verein
Links

Kontakt

 

Suche

 

 


Artikel:


Buchrezensionen:

Ausgabe 111

Alltagsgegenstände als Zeugen der NS-Zeit

Alexander VERDNIK


Bereits im Mai dieses Jahres eröffnete „das ANDERE heimatmuseum" in St. Marein bei Neumarkt (Steiermark) die Sonderausstellung „das eigene & das fremde". Diese nähert sich der heimatlichen Zeitgeschichte über Gegenstände, die in der NS-Zeit zum Alltag gehörten.

„das ANDERE heimatmuseum" wurde 1996 im Schloss Lind gegründet. Es beschäftigt sich in Form von „assoziativen Installationen" und Sonderausstellungen mit der jüngeren Zeitgeschichte und verdrängten Aspekten der österreichischen Identität. So ist im Ausstellungsbereich unter anderem auch eine Erinnerungsstätte für das KZ-Nebenlager von Mauthausen enthalten. h111_036

Ein Drillichanzug. Teil der Kleidung aller KZ-Häftlinge, Copyright: Alexander Verdnik

Vom 5. Mai bis zum 31. Oktober 2016 war im Museum die Sonderausstellung „das fremde & das eigene" zu sehen. Bei der Eröffnungsfeier las kein geringer als der Erfolgsautor Robert Schindel aus seinem Roman Der Kalte. Moderiert wurde die Eröffnung vom Autor und Theatermacher Andreas Staudinger, der das Museum seit 2011 zusammen mit Britta Sievers als Zentrum für regionalspezifische Kunst und Alltagskultur führt. h111_035

Robert Schindel bei der Eröffnungsfeier der Ausstellung, Copyright: Alexander Verdnik

Die Sonderausstellung, die heuer aufgrund des grossen Interesses ein zweites Mal zu sehen war, wurde von der Künstlerin und Kuratorin Uli Vonbank-Schedler und dem Historiker Werner Koroschitz konzipiert. Sie zeigt 26 alphabetisch gereihte Gegenstände, die in Bezug zur Geschichte von Schloss Lind, des Ortes Neumarkt bzw. der Region gestellt werden. Über diese Gegenstände werden soziale und politische Hintergründe der Ereignisse zur Zeit des Nationalsozialismus sichtbar gemacht. „Die solcherart hergestellten Sinnzusammenhänge verleihen selbst vertrauten Dingen des alltäglichen Gebrauchs einen anderen, fremd anmutenden Charakter", so Staudinger. Anhand von 26 Wandtafeln erfährt der/die BesucherIn, welche Bedeutung der jeweilige Gegenstand in der NS-Zeit hatte bzw. mit welchen Geschichten er auf immer verbunden ist. Der alphabetischen Reihung der Gegenstände folgend beginnt die Sonderausstellung mit dem Exponat „Aktenordner". Während der NS-Zeit „arisierte" die Firma „Leitz" das Konkurrenzunternehmen „Gerco". In Folge profitierte die expandierende Firma ein zweites Mal von der Administrations- und Verwaltungswut der Nationalsozialisten, die allein im Geschäftsjahr 1938/39 Aktenordner im Wert von sieben Millionen Reichsmark bei der Firma „Leitz" orderten. Das nächste Ausstellungsstück ist ein Laib Brot, der symbolisch für die völlig unzureichende Häftlingsverpflegung in den Konzentrationslagern steht. Es folgt ein Personalausweis des ehemaligen Häftlings in der KZ-Aussenstelle Schloss Lind, Stefan Czerkowski, der die NS-Zeit überlebt hat. Der Buchstabe „D" wird durch einen Drillichanzug, den KZ-Insassen tragen mussten, repräsentiert. Die alphabetisch gereihte Reise durch die Vergangenheit führt die Besucher vom Essgeschirr über einen Haarschneider weiter zu einer im Schloss Lind erhalten gebliebenen Inschrift eines russischen Kriegsgefangenen. Dort steht in kyrillischen Buchstaben zu lesen: „Verfluchtes Gefangenenleben das erste Mal am 8.5.45 erhielten wir Ausgang hinter den Mauern des Lagers". Beim Buchstaben „M" erfährt man, dass kurz vor Weihnachten 1938 Hitlers „Stiftung des Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter" proklamiert wurde. Das nächste Exponat zeigt ein Notenblatt, auf dem sich Text und Noten des für viele Häftlinge so tröstlichen Dachauliedes finden. Bei der Station „O" ist ein Stoffflecken mit der Bezeichnung „Ost" zu sehen. Ein solcher kennzeichnete im Wesentlichen ZwangsarbeiterInnen aus Russland, der Ukraine und Weissrussland. Polnische ZwangsarbeiterInnen mussten ein „P" an ihrer Kleidung befestigen. Vom Propagandaplakat führt die Ausstellung weiter zum Quartheft, hin zum Radio, dem „Volksempfänger", für den lediglich ein Sender vorgesehen war. Wer sich nicht an die Ein-Sender-Vorgabe hielt und „Feindsender" hörte, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Es folgt eine Schreibmaschine, ein weiteres Symbol für die Manie, welche die Nationalsozialisten in bürokratischen Belangen an den Tag legten. h111_037

Ein aufgenähter Stofflecken kennzeichnete die Zwangsarbeiter aus den „Ostgebieten“, Copyright: Alexander Verdnik

h111_038

Seit 1996 existiert das Mahnmal im Schloss Lind in Neumarkt, Copyright: Alexander Verdnik

Über eine Tracht, eine Urkunde (die millionenfach dem Nachweis der „arischen" Abstammung diente) und den Volkswagen führt die sich über mehrere Stockwerke ausbreitende Ausstellung zu dem Exponat „Winterhilfswerk". Einen direkten Bezug zur Geschichte von Schloss Lind weist auch das letzte Ausstellungsstück auf. Ein Zellenschlüssel repräsentiert das Leid, das die Häftlinge im Mauthausen-Aussenlager erfahren mussten. In der Zelle in Schloss Lind waren rund 30 politische Häftlinge untergebracht. Der ehemalige polnische Gefangene Tadeusz Korczak beschrieb das „Quartier" der KZ-Häftlinge als eine fünf mal fünf Meter grosse Zelle mit zwei vergitterten Fenstern, primitivem Abort und einer Holz- und Eisentüre. Die Innenausstattung bestand aus Pritschen und einem groben Tisch. „Ein grosses Problem für die Häftlinge waren die vielen Wanzen und anderes Ungeziefer. Vor allem aber war die Enge des Raumes kaum zu ertragen", so der Zeitzeuge. 

Die Gründung des Kommandos St. Lambrecht, dessen Häftlinge auch in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt wurden, erfolgte im Mai 1942 als Nebenlager des Konzentrationslagers Dachau. Einige Wochen später wurde in Dachau ein weiterer Transport zusammengestellt, von dem ein Teil für das Schloss Lind bestimmt war. Diese 20 Häftlinge bildeten ab dem 22. Juni 1942 das Aussenlager Schloss Lind, das aufgrund des organisatorischen Zusammenhangs teilweise auch als Unterkommando von St. Lambrecht geführt wurde. Am 20. November 1942 wurde Schloss Lind (gemeinsam mit St. Lambrecht und dem Aussenlager Passau I) - wahrscheinlich aus administrativen Gründen - von der KZ-Administration in Mauthausen übernommen. Die Häftlinge wurden für alle anfallenden land- und forstwirtschaftlichen Arbeiten sowie im Wegebau eingesetzt. Gearbeitet wurde im Winter zwischen 6 Uhr morgens und 6 Uhr abends, ansonsten je nach Jahreszeit bis zu 16 Stunden täglich. Häftlingsarzt gab es in Lind keinen, der St. Lambrechter Häftlingsarzt wurde insgesamt nur dreimal nach Lind gebracht, um sich die Häftlinge anzusehen.

Information

Informationen unter der Telefonnummer 03548/3091, der Internetseite www.schlosslind.at oder per Nachfrage an info@schlosslind.at. Das Museum ist täglich (ausser Montag) von 17 bis 20 Uhr oder gegen Voranmeldung geöffnet.