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Ausgabe 111

Der Wiener Athletiksport-Club und seine jüdischen Mitglieder

Alexander JURASKE


Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung im März 1938 spielten jüdische Aktive und Funktionäre eine tragende Rolle im Wiener Sportleben. Wer denkt dabei nicht sofort an den SC Hakoah, der 1924/1925 die österreichische Fussballmeisterschaft gewinnen konnte. Aber die Partizipation von Juden und Jüdinnen im Sport war nicht nur auf jüdische Klubs beschränkt. Mit wenigen Ausnahmen finden sich sowohl jüdische Aktive als auch Funktionäre bei fast allen Wiener Vereinen.h111_052

Wiener Athletiksport Club 1898 – 1907, Titelseite, Eigentum WAC. Mit freundlicher Genehmigung: WAC.

So auch beim altehrwürdigen Wiener Athletiksport-Club (WAC), an dessen Gründung am 21. September 18961 der jüdische Konvertit August Wärndorfer als Proponent und vor allem der jüdische Weltklasseschwimmer Otto Herschmann entscheidend beteiligt waren. Der Impuls zur Vereinsgründung selbst ging von Herschmann aus. Er hatte bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, 1896 in Athen, die Silbermedaille über 100 Meter Freistil gewonnen. In Griechenland beindruckte der Trainingszustand der Konkurrenz den jungen Wiener tief. So begann er sich unmittelbar nach seiner Rückkehr mit Gleichgesinnten für die Gründung eines Allroundsportvereins einzusetzen. Die Vereinsfarben Rot-Schwarz sowie der Diskurswerfer als Vereinslogo für den kurz darauf aus der Taufe gehobenen WAC sind seine Erfindung.2 Herrschmann war in der Folge langjähriges Vorstandsmitglied des Klubs, und er war auch an der Gründung des Österreichischen Olympischen Comités beteiligt, als dessen Präsident er 1912 bis 1914 fungierte. 1912 gewann das vielseitige Sporttalent bei den Olympischen Spielen in Stockholm eine weitere Silbermedaille - diesmal aber in der Säbelmannschaftskonkurrenz. Er ist damit bis heute der einzige Präsident eines nationalen olympischen Komitees, der in seiner Amtszeit eine Medaille gewinnen konnte. Aufgrund seiner sportlichen Verdienste wurde Herschmann 1989 in die International Jewish Sports Hall of Fame aufgenommen. Aus der Schwimmsektion stammte auch Otto S(c) heff3, dessen Vater aus einer jüdischen Familie stammte4 und der bei den Olympischen Spielen 1908 in London die Bronzemedaille über 400 m Freistil gewann. Nach 1945 war der Rechtsanwalt Mitglied des Nationalrats und Vizepräsident des Österreichischen Olympischen Comités.h111_051

Clubhaus des WAC, datiert 1898, Eigentum WAC. Mit freundlicher Genehmigung: WAC.

Gemäss dem englischen Vorbild eines Clubs entsprachen die ersten Wiener Sportvereine einem Zusammenschluss bestimmter, eng geschlossener, sozialer Kreise.5 Im Falle des WAC kamen seine frühen Mitglieder aus den obersten gesellschaftlichen Kreisen, sowohl aus der Aristokratie als auch aus dem finanziell potenten Wiener Grossbürgertum. Unmittelbar nach der Gründung betrieben die WAC-Athleten Fechten, Leichtathletik und Schwerathletik (Gewichtheben, Ringen). 1897 kamen Schwimmen und Boxen dazu, ein Jahr später die Fussball- und die Tennissektion. 1900 wurde das Sportangebot um Hockey erweitert, später kam auch noch Handball hinzu. 

Für den Sportbetrieb nahm der Verein am 1. März 1898 eine Liegenschaft in der Rustenschacherallee beim Prater in Pacht und errichtete dort eine Multifunktionsanlage mit Fussballfeld, acht Tennisplätzen sowie Leichtathletikanlagen.6 Am 12. Oktober 1902 war diese umgangssprachlich als „Pratersportplatz" bezeichnete Sportstätte auch Schauplatz des ersten österreichischen Länderspiels gegen Ungarn unter Beteiligung von sechs WAC-Fussballern.

Von Anfang an gehörte die rot-schwarze Fussballabteilung, die 1921 vom jüdischen Kaufmann Hans Waldhauser geleitet wurde, zu den erfolgreichsten Sektionen des Klubs. Sie konnte sich 1915 auch die Kriegsmeisterschaft holen. Ende der 1910er Jahre war eine ihrer Stützen Richard Kohn. Aufgrund seiner geringen Körpergrösse schelmisch „Little" genannt, absolvierte der Stürmer zwischen 1908 und 1912 auch sechs Einsätze in der österreichischen Nationalmannschaft. Nach seiner aktiven Karriere schlug er überaus erfolgreich die Trainerlaufbahn ein und trainierte Vereine in Deutschland, Spanien, der Schweiz sowie in den Niederlanden. In der Saison 1931/1932 führte er den FC Bayern München erstmals zum Gewinn der deutschen Meisterschaft. h111_016

Hotel Metropole. Quelle: Allg. Bauzeitung 1878.

Neben den Aktiven waren gerade in den Führungspositionen des Vereins jüdische Mitglieder überproportional vertreten. Der Industrielle August Wärndorfer, der sich auch im Motorsport engagierte, hatte Mitte der 1920er Jahre das Präsidentenamt inne und unterstützte den Verein finanziell überaus grosszügig. Den Posten des Vizepräsidenten hatten im Verein Jacques Herzog, Walther Seifert, der Tennisspieler und Rechtsanwalt Dr. Waldemar Munk7 sowie Hans Zelinka inne. Die Vorstandslisten des Vereins lesen sich mit Jacques Herzog, Rudolf Klein, Ernst Königsgarten, Karl Kuffler, Julius Neudorfer wie das „Whos who" der jüdischen Industriellen Wiens. Auch in den Sektionen abseits des Fussballs waren jüdische Funktionäre bzw. Funktionärinnen sehr präsent. Anfang der 1920er Jahre führte die aus der Familie der „Putzfedernfabrikanten" Schulhof stammende Lisbeth „Lisl" Relly die Damenabteilung des Klubs, während ihr Mann Otto Relly der Hockeysektion vorstand.

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung im März 1938 vollzog sich der Ausschluss der jüdischen Aktiven und Funktionäre beim WAC - wie bei allen Sportvereinen - unmittelbar und widerspruchslos. Exemplarisch sei auf das Schicksal der beiden WAC-Athleten und Funktionäre Otto Herschmann und Ernst Königsgarten hingewiesen, die beide ermordet wurden. Herschmann8, der nach dem „Anschluss" Berufsverbot erhielt und seine Anwaltspraxis aufgeben musste, versuchte Wien zu verlassen. Doch dies gelang ihm nicht mehr. Er wurde am 14. Juni 1942 von Wien ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet.9 Ernst Königsgarten wurde am 05. Dezember 1941 aus seiner Geburtsstadt Brno ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und wurde dort Mitte Januar 1942 ermordet.10

Zum Autor

Dr. Alexander Juraske ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter im FWF-Projekt „Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit" an der Universität für angewandte Kunst Wien.

1 Allgemeine Sport-Zeitung 27.09.1896, S. 1091.

2 WAC (Hg.), 25 Jahre Wiener Athletiksport-Club 1896-1921, Festschrift, Wien 1921, S. 4.

3  Eintrag zu Otto Scheff siehe Barbara Sauer/Ilse Reiter-Zatloukal, Advokaten 1938. Das Schicksal der in den Jahren 1938 bis 1945 verfolgten österreichischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, Wien 2010, S. 298.

4  Georg Spitaler, „Tagesgespräch in Sportkreisen". Josef Steinbach, Rudolf Watzl, Otto Sheff und die Olympischen Spiele 1906 (unpubliziert) S. 1-9, hier S. 7.

5 Gilbert Norden, Breitensport und Spitzensport vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart; in: Ernst Bruckmüller/Hannes Strohmeyer (Hgg.), Turnen und Sport in der Geschichte Österreichs, Wien 1998, S. 56-85, hier zitiert S. 58.

6 WAC (Hg.), 50 Jahre Wiener Athletiksport Club, Festschrift, Wien 1946, S. 2.

7  Eintrag zu Waldemar Munk siehe Sauer/Reiter-Zatloukal 2010, S. 254.

8  Eintrag zu Otto Herschmann siehe Sauer/Reiter-Zatloukal 2010, S. 178.

9  Siehe dazu den Eintrag in der Datenbank „Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaustopfer" des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes unter www.doew.at sowie Evelyn Adunka/Gabriele Anderl, Jüdische Leben in der Wiener Vorstadt. Ottakring und Hernals, Wien 2013, Fussnote 272, S. 351.

10  Siehe dazu den Eintrag in der Datenbank „Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaustopfer" des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes unter www.doew.at.